27.05.2013

Sechsunddreißig zu eins:

So hoch ist das Verhältnis von Bewohnern zu Touristen in Brasilien. Was passiert, wenn man die Statistik wörtlich nimmt? Eine Reise durch das Land, auf das bald die ganze Welt blicken wird.
DER ERSTE, DER ALLERERSTE von allen, macht ein glückliches Gesicht. Strahlend und schwitzend steht er an diesem Feiertag Ende April auf einer Straßenkreuzung, an der diese Reise beginnt. Pater Michel ist ein gläubiger Mann. Und weil an diesem Tag der heilige Georg gefeiert wird, der in der Hauptberufung mythischer Drachentöter ist und nebenher auch noch einer der Schutzpatrone von Rio de Janeiro, hat der Pater seine Kutte angezogen und einen borstigen Pinsel und ein Eimerchen voll Wasser mitgebracht. Wie Jackson Pollock seine Farbspritzer, so verteilt der Pater seinen Segen. Er tunkt den Pinsel in den Topf und segnet - pitsch, patsch - Motorräder, Handys und Plastikblumen. Die Menschen umringen den Pater. Sie suchen Segen, Beistand und Antworten. Und auch wir suchen eine Antwort: Pater, wo kann man die Kultur Brasiliens am besten erfahren? Da unterbricht Pater Michel seine Segnungen für einen kurzen Moment und sagt: "Inmitten der Menschen. Die können Ihnen sagen, was unsere Kultur ist."
Die Menschen. 194 Millionen von ihnen leben in Brasilien. Rund fünfeinhalb Millionen Touristen besuchen das Land jedes Jahr. Statistisch gesehen kommen damit 36 Brasilianer auf jeden Touristen (in Deutschland ist das Verhältnis 3:1). Was passiert, wenn man diese Statistik wörtlich nimmt? Dann werden aus den Ziffern plötzlich 36 Namen, Gesichter, Geschichten, die durch das ganze Land führen, von Rio de Janeiro über Salvador da Bahia, wo ein Sicherheitschef in einem Jugendherbergs-Stockbett schläft, nach Belém und von dort auf dem Amazonas nach Manaus zum großen Amazonas-Opernfest. Bis aus der guten Nase des Kochs für eine neue Küche, dem scharfen Blick Buzzys für die Vorurteile und dem Stirnrunzeln eines Stadtplaners über die Politik etwas Größeres wird: ein Porträt dieses Landes mit seinen vielen Gesichtern. 17800 Kilometer mit dem Bus, dem Boot, dem Flugzeug, zu Fuß und auf dem Rücksitz von Buzzys Motorrad. Die Reiseroute ist denkbar einfach: mitten durch dieses Land, an dem es im Moment eh kein Vorbeikommen gibt.
Wer ist Gastgeber der nächsten Fußballweltmeisterschaft? Und der Olympischen Spiele 2016? Aber, ach, was sind schon Olympia und WM? Brasilien wird gerade zum Austragungsort des Weltgeschehens. Wofür steht das "B" in den Brics-Staaten? Wer ist Chef der Welthandelsorganisation, wer Gastland der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr? Veranstaltungsort des Weltjugendtreffens? Erstes Reiseziel des Papstes?
Brasilien ist inzwischen eine der wichtigsten Volkswirtschaften des Planeten. Und größter Exporteur für Zucker, Geflügel- und Rindfleisch. Brasilien hat die größte zusammenhängende tropische Waldfläche der Welt. Und nachdem es lange so aussah, als wäre der Amazonas nach dem Nil nur der zweitlängste Fluss der Welt, maß eine Expedition 2007 noch einmal nach und korrigierte den Irrtum. Außerdem ist Brasilien das katholischste Land der Erde, weswegen sich vor Pater Michel am Tag des heiligen Georg ununterbrochen Köpfe senken wie der von Evane da Silva Monteiro, die einen Bruder hat mit Schmerzen und einen Neffen, dessen Karriere als Fußballspieler in letzter Zeit ins Stocken geraten ist.
Wie Schneewittchen in seinem Sarg schaut eine Plastikfigur Georgs hinab auf die Menschen und ihr Straßenfest ihm zu Ehren. Aus den Kirchen hört man Predigten in Endlosschleife, und am Turm hängt ein Friedensplakat, aber Marco Pinheiro sagt, er verehre den Krieger Georg. Denn jeder Tag sei ein Kampf: "Wir glauben, dass wir jeden Tag um unser Leben kämpfen: Du musst kämpfen für Arbeit, für den Lebenserhalt, für das Abendessen."
Zwischen all den feiernden Menschen steht ein junger Mann mit einem aufmerksamen Gesicht und einem gelben Notizbuch. José Arilson Xavier de Souza ist Doktorand der Religions- und Kulturgeografie und auf Geheiß seiner Professorin hier. Am nächsten Tag wird er mit seinem Notizheft und seinen Beobachtungen in seine Fakultät an der staatlichen Uni von Rio de Janeiro zurückkehren, einen Siebziger-Jahre-Betonklotz, der in seiner funktionalen Hässlichkeit überall auf der Welt stehen könnte, wenn man nicht aus den Fenstern der Bibliothek die Favela Mangueira auf dem Hügel gegenüber sehen könnte. Die Professorin hat ihr Büro hier in Raum 4007 D. Zeny Rosendahl ist eine Koryphäe im Fachbereich der Humangeografie, aber so ruhig und mit solch einfachen Worten, wie sie den Kulturraum Brasilien erklärt, könnte sie auch Grundschullehrerin für Sachkunde sein. Sie beginnt ihren Vortrag mit der Besiedlung und den verschiedenen Einflüssen, den Portugiesen, den Franzosen, erzählt von den Italienern, den Deutschen im Süden, deren Nachfahren noch immer Oktoberfest feiern, den Sklaven und natürlich den Indianern. Kaum ein Land ist so vielfältig wie Brasilien. Und bei aller Durchmischung kämpft das Land doch mit der Ungleichheit.
Seit ein paar Jahren gibt es ein Gesetz, das mit Bildung die Ungleichheit zwischen den Armen und den Reichen verringern soll. Davor war es kaum möglich, von einer staatlichen Schule auf eine Universität zu kommen. Die Aufnahmeprüfung bestand nur, wer von einer teuren Privatschule kam. Längst hat auch die Professorin mit Jefferson Rodrigues de Oliveira noch einen zweiten Doktoranden, der es über die Quote an die Uni geschafft hat. Sie beendet ihren Vortrag mit der liebsten Utopie der Cariocas, wie sich die Bewohner von Rio nennen - der Gleichheit am Strand. "In Rio wird die Segregation weniger empfunden, was vor allem an der Geografie des Ortes liegt. Wir haben kilometerlange Strände. Und dort ist eine Diskriminierung nicht möglich, denn dort haben alle die gleiche Bademode an. Dort gibt es eine harmonische, ethnische und ökonomische Mischung."
Und tatsächlich sitzen an diesem Tag, keine drei Kilometer vom Büro der Professorin entfernt, zwei Frauen am Strand des Viertels Copacabana, die aus der Ferne in ihren Liegestühlen kaum zu unterscheiden sind. Nur dass Maria Graça im armen Norden wohnt und Simone Conde in Copacabana, einem der besten Viertel der Stadt. Doch das Wunschbild der Professorin von der harmonischen, durchmischten Gesellschaft wird gleich jenseits der Avenida Atlântica fortgespült vom Häusermeer. Denn in Copacabana und in Ipanema gibt es Restaurants wie das "Oro", von dem die Blogs der Stadt schwärmen, dass dort ein junger Koch eine ganz neue Carioca Cuisine erfunden habe.
Felipe Bronze heißt der Koch, er ist 35 Jahre alt und seit drei Jahren Eigentümer dieses Restaurants in der Nähe des Botanischen Gartens, das so vornehm ist, dass dort an einem normalen Montagabend schon einmal mehr Köche und Kellner als Gäste sein können. Felipe Bronze hat eine Neigung zum Speckigen, sein Lieblingsgericht hat er "I love pork" genannt. Studiert hat er am berühmten Culinary Institute of America in New York City, aber immer war für ihn klar, dass er nach Rio zurückkehren würde. Und genauso selbstverständlich kocht er seine modernen brasilianischen Gerichte zu einem Großteil mit traditionellen brasilianischen Zutaten.
Eine vierköpfige brasilianische Familie bezahlt an einem Abend in Bronzes Restaurant Oro so viel, wie João Paulo in einem ganzen Monat verdient. 800 Reais, umgerechnet 300 Euro. João Paulo macht ebenfalls Essen. Nur dass er statt eines Restaurants einen kleinen Wagen besitzt, in dem er aus Tapiokamehl Pfannkuchen backt. Der Wagen steht nur ein paar Straßen von Bronzes Restaurant entfernt, aber João Paulo hat noch nie vom Oro gehört. Als einer der letzten Straßenverkäufer schließt Paulo seinen Wagen spät in der Nacht ab und macht sich auf seinen Heimweg in das Viertel Bonsucesso, wo er mit seiner Schwester in einem kleinen Apartment wohnt.
Bonsucesso ist zu plötzlicher Bekanntheit gelangt, seit es dort ein Verkehrsmittel gibt, das seltsam fehl am Platz wirkt und gleichzeitig so, als habe es endlich seine wahre Bestimmung gefunden: eine Seilbahn, wie man sie aus den Skiferien kennt, nur dass in Rio die Hänge bedeckt sind mit all den Häusern der größten Favela der Stadt - dem Complexo do Alemão. Die Seilbahn, die hier Teleférico heißt, war die Idee eines Stadtplaners, der sein Büro in einem kleinen Haus hinter einem roten Zaun im Viertel Botafogo hat. Kein Klingelschild, keine Reklame weist außen auf das hin, was hinter der Eingangstür passiert. Aber innen im Haus weist alles darauf, was draußen passiert. Überall hängen Baupläne, Auszeichnungen und Plakate. Von Projekten, vergangenen und aktuellen, und von der Documenta XII in Kassel, bei der der Stadtplaner 2007 seine Ideen gezeigt hat. Denn Jorge Jáuregui ist Theoretiker, Künstler und Praktiker zugleich. Er sagt: "Die Kunst ruft Fragen hervor, hinterlässt Fragezeichen und ist somit eine gute Begleitung der Architekten."
Jáuregui trägt ein kariertes Hemd an diesem Tag und einen Schnauzer und kleine Zeichen der Erschöpfung im Gesicht. Noch nicht einmal der Stadtplaner Jáuregui kann so unermüdlich seiner Arbeit nachgehen, dass sie nicht Augenringe in sein Gesicht gezeichnet hätte. Dabei merkt man sehr schnell, wie getrieben er ist, von dem Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen mit den Mitteln der Architektur.
Mit den Fragen, diesen treuen Begleitern, beobachtet Jáuregui, wie sich die Stadt und das Land verändern vor der Fußballweltmeisterschaft. Schon jetzt hängen überall Plakate, auf denen sinngemäß steht: Die Weltmeisterschaft verändert nicht nur das Leben der elf Menschen auf dem Platz, sondern auch das der 194 Millionen vor dem Platz. Zwölf Stadien werden im Land gebaut, dazu ungezählte Straßen, Zäune und Bordsteine. In Maracanã wird das Stadion erneuert, in Manaus der ganze Flughafen, und in Ipanema schiebt Adeus de Homida Germana, ungelernter Arbeiter aus der Favela Rocinha, Steine in einer roten Holzschubkarre durch die Hitze. Er hofft: "Die Veränderungen bleiben ja auch nach der Weltmeisterschaft, das macht die Stadt besser."
Aber Jáuregui, der kritische Stadtplaner, sagt: "Ich glaube, dass die großen Maßnahmen, mit denen jetzt im Zuge der Olympischen Spiele und der Fußballweltmeisterschaft in das Stadtgefüge eingegriffen wird, zum Großteil leider nicht zum Wohle der Bürger, sondern zum Wohle großer Wirtschaftsgruppen sind, die große Geschäfte machen."
Das Wohl der Bürger. Dafür will Jáuregui bauen. Seine Seilbahn hat nicht nur den Bewohnern der Favela Mobilität und Anschluss an die Stadt gebracht, sie hat die uneinsehbaren Gassen und Winkel plötzlich sichtbar gemacht. Aus der Seilbahn betrachtet sieht der Complexo do Alemão aus wie ein riesiges, buntes Mosaik, nur dass jedes der vermeintlichen Steinchen in Wahrheit ein Haus ist, in dem eine Familie wohnt, und in einem der Häuser, die man von oben aus sehen kann, lebt die Familie von Claudia Regine, die mit der Seilbahn so oft es geht zum Einkaufen nach Bonsucesso hinunterfährt. Plastiktüten baumeln an ihren Händen, wenn sie zurückkehrt zur Station Morro do Alemão, in deren Nähe sie wohnt. Wie allen Favela-Bewohnern stehen Claudia Regine zwei Freifahrten pro Tag zu. Die Seilbahn sei eine riesige Erleichterung, sagt sie, früher habe sie lange mit dem Bus fahren müssen. Die Teleférico ist zugleich Transportmittel, städtebauliches Symbol und Touristenattraktion. Und so kommt es, dass ganz oben auf dem Hügel der Endstation Maria Carvalho mit ihrer Familie verwundert in dieser Idylle steht aus drachensteigenlassenden Kindern und Kiosken.
Für Maria Carvalho und ihre Familie waren Favelas vor dem Teleférico nichts als gefährliche Orte, die es zu meiden galt. Für den Stadtplaner Jáuregui aber sind Favelas ein Faszinosum. Er sagt: "Die Favela ist ein Konglomerat aus Physischem und Sozialem, ein Amalgam, eine Maschine, die sich ständig weiterentwickelt, transformiert. Eine Nachbarschaft ist wie ein Bienenschwarm, in dem jeder arbeitet, und während wir hier reden, rauchen und einen Kaffee trinken, konstruieren sie in der Favela."
Überall. Immer. Werden Mauern hochgezogen und Wände gestrichen und Steine verspachtelt und Eimer voll Zement angerührt und Türen eingehängt und Leitern herbeigeschleppt. In Rio de Janeiro, wo die informellen Siedlungen ein Drittel der Stadt ausmachen, in Belém, wo es sogar die Hälfte ist, wie Jáuregui sagt, oder in Salvador da Bahia, wo der Bauherr Gil de Vince Vicentes stolz in seinem zukünftigen Badezimmer steht, von dem noch nichts zu sehen ist, außer ein paar Markierungen auf dem Dach seines Bruders. Vor zwei Jahren hat er geheiratet, und bald wird seine Frau Claudia Ana ihr erstes Kind bekommen. Sie haben sich entschieden, auf das Haus seines Bruders ein Stockwerk zu setzen. Die ganze Familie hilft, bezahlt wird nach und nach. Man kann von der Baustelle aus das Meer sehen, und irgendwo, hinter den vielen Häuserhügeln, muss sie auch sein: die berühmte Altstadt und Touristenattraktion von Salvador da Bahia, die vor kurzem noch als Problemviertel galt und seit ihrer Restaurierung bunt ist wie die Sommermode.
SALVADOR DA BAHIA LIEGT 1700 KILOMETER NÖRDLICH von Rio oder anders ausgedrückt: 26 Busstunden. Alle paar Stunden wechselt der Fahrer, noch schneller wechselt nur die Landschaft vor dem Fenster. Auf dem Weg von der Costa Verde in Richtung Norden sieht man vor dem Fenster im Zeitraffer, was im vergangenen Jahrhundert an der ganzen Küste passiert ist: Der atlantische Regenwald verschwindet. Und als nach vielen Stunden auf Sitz 08 ein kleiner Junge von zwei Jahren erwacht, sind die grünen Hügel des Südens schon lange der kupferroten Erde des Nordens gewichen. Pablo strampelt die Decke weg, turnt auf dem Sitz und fragt sehr oft: "Wo ist Papa?"
Sein Papa ist in Rio, wo er arbeitet. Wie auch seine Mutter Ana Paula Rodriguez. 84 Prozent der Einwohner Brasiliens leben inzwischen in den Metropolen des Landes. Die Urbanisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Städte wachsen lassen und auch die Entfernung zwischen Familien. Dreimal im Jahr fährt Ana Paula von Rio zu ihrer Familie, heute ist Pablo zum ersten Mal dabei. In wenigen Stunden wird er erstmals seine Großeltern sehen, seine Halbgeschwister und die Heimat seiner Mutter. Salvador da Bahia.
Anders als in Rio, diesem Günstling der Geografie, hat es die Schönheit nicht leicht in Salvador. Die Armut ist hier viel größer als im reichen Süden des Landes. Dazu die Luftfeuchtigkeit, die den Beton anlaufen und das Metall oxidieren lässt, und die Regenzeit, die den Himmel grau verblassen lässt. Aber vielleicht ist es mit Städten wie mit Menschen und die weniger schönen sind oft die interessanteren. Die Professorin hatte erzählt vom Einfluss afrobrasilianischer Kultur, der sich besonders in Salvador da Bahia zeigt. Von den Musikinstrumenten, den Kostümen der Frauen, von der Kampf-Tanz-Sportart Capoeira und dem religiösen Synkretismus, der hier Katholizismus mit afrikanischen Religionen zu einer Tradition namens Candomblé mischt. Und tatsächlich.
Manoel Nascimento Machado, genannt Mestre Nenel, Sohn eines berühmten Capoeira-Meisters, hat in Salvador da Bahia im Keller eines Souvenirladens seine Capoeira-Schule, in der er versucht, in die Fußstapfen seines legendären Vaters zu treten, der 1937 mit einer Vorführung beim damaligen Präsidenten erreichte, dass der Paragraf gestrichen wurde, der das damals verbotene Capoeira mit Haftstrafen von bis zu zwei Jahren bestrafte.
Und in einem zitronengelben Haus mit zwölf Heiligenfiguren und zwei Papageien wohnt Raimunda Santo do Leis, eine alte Frau von 72 Jahren, die sich selbst Mutter der Gottheit nennt und in ihrem Haus Gäste für Rituale des Candomblé empfängt.
Salvador da Bahia ist die eigentliche Heimat des Karnevals und einer der berühmtesten Karnevalsgruppen. In amerikanischen Sprichworten mag vielleicht jeder dem Rhythmus seines eigenen Trommlers folgen - ganz Brasilien tanzt zur Trommelmusik des Bloco Olodum.
Als die Gruppe ihren 34. Geburtstag mit einem Konzert in der Altstadt feiert, ist es dort voller als auf jeder anderen Fanmeile. Auf den Trommeln, den T-Shirts, den Bannern: überall das Zeichen von Olodum - ein Peace-Zeichen, dessen Flächen mit den Farben des Reggae gefüllt sind. Grün, Rot und Gelb. Mit Klemmbrett und strengem Blick wacht hinter der Bühne Eunice dos Santos Rodrigues über alles. Eunice trommelt nicht, sie steht nicht auf der Bühne. Und ist trotzdem ein wichtiger Teil von allem. Eunice ist die Sekretärin und seit Beginn dabei. Und ihr eben noch seriöses Gesicht scheint plötzlich aus nichts als Grübchen und Lachen zu bestehen, wenn sie sich daran erinnert, wie Michael Jackson damals in den Pelourinho kam, um hier und mit Olodum das Musikvideo zu "They Don't Really Care About Us" aufzunehmen. "Da hat die ganze Stadt innegehalten", schwärmt Eunice noch heute. Michael Jackson hat Olodum zu Stars gemacht, und seitdem sind sie endgültig alles: Musikgruppe, NGO, Jugendarbeiter, Polit-Gruppe, Kämpfer für die Menschenrechte. Und Vorbild für Eunices eigenen Sohn. "Mein Junge ist verrückt nach Olodum, aber nachdem ich hier ganztags arbeite, haben wir niemanden, der ihn zur Klasse bringen könnte."
Der Pelourinho ist voll an diesem Tag, und es gibt kaum jemanden, der nicht warnt: Drei Wochen hatte es viel geregnet, das waren drei Wochen, in denen es kaum Touristen gab, drei Wochen Hunger, drei Wochen Drogenentzug. Und heute diese Menschenmenge. Wer klauen wolle, sei unterwegs. Und tatsächlich dauert es in der Menge nur ein paar Schritte, bis man fremde Hände an den Oberschenkeln spürt, die nach Geld und Wertsachen tasten: Das ist der Händedruck, der einen in dem anderen Brasilien willkommen heißt, dem armen, in dem Männer und Frauen leben, die begierig jede Dose vom Boden sammeln, obwohl es hier kein Dosenpfand gibt, sondern nur ein paar Cent vom Werthof.
Über all den tanzenden, singenden, trommelnden Menschen thront oben auf dem Balkon eines blaugestrichenen Hauses eine Pappfigur von Michael Jackson. Und noch ein Stockwerk höher, im dritten Stock eines Hostels, hat sich in einem Vierbettzimmer eine Gruppe Sicherheitsbeamter einquartiert. Sie stehen unter der Leitung von Geremia de Jesus Junior, dessen Gesicht undurchdringlicher aussieht als seine schusssichere Weste. Geremia ist Kriminalpolizist und arbeitet im Sekretariat für öffentliche Sicherheit, das allen Einsatzkräften im Land vorsteht. Aber seit einigen Jahren leitet er auch noch eine priva-te Firma für das Training von Sicherheitskräften. C.E.T.T.A. heißt sie, und Geremia hat in seinem Trainingszentrum schon die legendäre Tropa de Elite und die Sondereinsatzkommandos des Landes geschult. Er bildet im ganzen Land Polizisten aus. Gerade ist er hier im Bundesstaat Bahia, die Woche davor war er in Mato Grosso do Sul, und nächste Woche wird er in Manaus sein. Aber er hat auch schon irakische Polizisten trainiert, und gerade, sagt er, arbeiteten sie mit einer Sicherheitsgruppe aus dem Libanon. Die Kriminalität in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro ist eine überzeugende Expertise im Rest der Welt.
Am Abend, als die Bühne abgebaut wird und die Fans in die Gassen der Altstadt strömen, wo es Dosenbier und Zuckerrohr am Stiel zu kaufen gibt und Journalisten in Fifa-T-Shirt von den Polizisten durch die Gassen geführt werden, wo sie sich zeigen lassen, dass Brasilien seine Gewalt im Griff hat, sitzt Geremia schon wieder am Computer des Hostels und lädt Bilder vergangener Einsätze auf Facebook hoch.
Geremia kann viel erzählen von vergangenen Einsätzen. Er war dabei, als 2010 die erste Favela in Rio de Janeiro befriedet wurde, wie es in der offiziellen Sprachregelung heißt und was ein etwas irreführender Begriff dafür ist, dass um die 800 bewaffnete Polizisten den Complexo do Alemão gestürmt haben, in dem heute die Seilbahn des Stadtplaners steht, der nichts hält von Waffeneinsätzen gegen die Zivilbevölkerung. Geremia erzählt, die Befriedung sei lange Zeit vorbereitet und genauestens geplant gewesen. Er sagt: "Die Invasion des Complexo do Alemão war kein Überraschungscoup. Drei Tage vor der Invasion wussten die Gangs des Complexo do Alemão bereits Bescheid. Dazu wurde der Einsatz vorher innerhalb der Polizeieinheiten bekanntgegeben. Und genauso wie die Polizei ihre Informanten im Drogenmilieu hat, hat die Mafia ihre Informanten innerhalb der Polizei."
DIE BEFRIEDUNG IST TEIL EINES UMSCHWUNGS in der Politik. Dem "Ordnungsschock", wie es in Brasilien heißt, der sein Vorbild in der Null-Toleranz-Politik der USA hat. Seitdem darf am Strand auch kein gegrillter Käse mehr verkauft werden, und beinahe wären sogar die Kokosnüsse verboten worden. Die Krabben am Spieß sind dank dieser Politik vom Strand verschwunden. Aber die Drogen aus den Favelas? Geremia sagt: "Damit sind die Favelas augenscheinlich befriedet, doch das Einzige, was sich verändert hat, ist, dass die Mafia keine schweren Waffen mehr hat. Kleine Waffen, Pistolen, der Verkauf von Drogen - das geht alles weiter. Und das wird nicht aufhören, denn der Staat steht dahinter, es gibt zu viele Personen, die daraus einen Vorteil ziehen. Der Drogenhandel bringt zu viel Geld ein. Beispielsweise wird sich der Kommandant einer Polizeieinheit jede Woche bezahlen lassen, damit der Handel reibungslos läuft und kein Wertverlust entsteht. Glauben Sie wirklich", fragt der Ausbilder für Sicherheitskräfte, "dass er ein Interesse daran hat, den Drogenhandel zu beenden?" Er schüttelt den Kopf.
Die Gegenden in seiner Favela, in denen mit Drogen gehandelt wird, sind die Gegenden, die Buzzy meidet. Nicht wegen der Drogenhändler. Sondern wegen der Polizisten, wegen Leuten wie Geremia und der Schießereien, die es dort plötzlich gibt, sobald diese Leute dort auftauchen. Denn Buzzy ist keiner von denen, die drei Tage im Voraus wissen, was die Polizei plant. Er ist einer der normalen Favela-Bewohner.
Eigentlich heißt er Joseval Silva de Carvalho, aber so nennt ihn keiner mehr seit seinem zehnten Lebensjahr. Jetzt ist er 27 und wohnt mit seinen Eltern, seiner Schwester und dem Kater Uili in einem kleinen aquafarbenen Haus mitten in der Favela Fazenda Grande do Retiro in Salvador da Bahia.
Buzzy hat Dreadlocks, die er mit einem gelben Zopfgummi zurückbindet, und ein Lachen, das ein bisschen nach Goofy klingt. Vor einiger Zeit hat er sich auf Raten ein Motorrad gekauft. Und seitdem arbeitet er in zwei verschiedenen Jobs. Von 8 bis 17 Uhr fährt er als Motorradkurier für einen Autoteile-Zulieferer Schecks zur Bank und Lieferungen aus. Und ab 19 Uhr bis um ein Uhr in der Nacht druckt er bei einem Versorgungsunternehmen Wasser- und Stromrechnungen aus. Buzzy sagt: "Hier muss ich tun, was ich tue." Und wenn er über Geld spricht, dann rechnet er in der Maßeinheit des Mindesteinkommens: "Mit diesen beiden Arbeiten verdiene ich zweieinhalb Mindesteinkommen, welches momentan bei 675 Reais liegt", sagt er beispielsweise.
Buzzy braucht Geld. Denn viel lieber als Rechnungen auszudrucken, würde er im Kulturbereich arbeiten. Oder mit Sport. Er kann jonglieren und Skateboard fahren, und manchmal schreibt er Gedichte, von denen er ganz bescheiden sagt, das sei doch nichts als marginale Poesie, die von Alltäglichem handle. Aber für einen Job bei einer Gemeinde oder einer Nichtregierungsorganisation, wie Buzzy ihn gern hätte, braucht er eine Ausbildung, und die kostet. Oder er braucht sehr gute Noten im Einstufungstest, wofür er wiederum einen Vorbereitungskurs braucht. Und der kostet ebenfalls.
Buzzy kennt die Vorurteile, die es gegenüber den Favela-Bewohnern gibt. Und er kennt die Vorurteile und die Diskriminierung gegenüber Menschen mit dunkler Haut. Hätte er eine andere Herkunft, müsste er mit relativ großer Wahrscheinlichkeit nicht gerade die Raten für sein Moto abbezahlen, sondern wäre vielleicht längst Kunstpädagoge. Um zu verstehen, warum Buzzy seine Herkunft trotzdem liebt und nicht verdammt, muss man mit ihm eine Stadtführung auf dem Rücksitz seines Motos machen vom Strand am Leuchtturm aus, wo sie manchmal kiffen und wo sich die dicken Schiffe die Sonne auf den Rumpf strahlen lassen, im Höllentempo vorbei an der berühmten Wallfahrtskirche, vorbei am Skateboard-Contest am Meer bis zum Geburtstagsfest einer Nachbarin, deren Freundinnen zu Karaoke-Musik aus dem Fernseher tanzen, und wo die Fahrt endet mit einer Flasche Bier als Gastgeschenk.
Nirgends auf der Welt würde Buzzy lieber wohnen als hier, und wenn anderswo, dann höchstens in der Chapada Diamantina, dem großen Naturschutzgebiet nicht weit von Salvador da Bahia, um dort eigene Lebensmittel anzubauen und die frische Luft zu atmen. Auf dem Rücksitz seines Motorrads ist zu spüren: Man kann sehr wohl an die gleichen Werte glauben. Und an unterschiedliche Vorfahrtsregeln.
Der Stadtplaner Jáuregui würde sagen, die Wurzel der Favelas sei die schlechte Sozialpolitik. Eine ganz andere Antwort findet man bei Rosa Maria Sequeira Gomez. Denn Rosa ist Biologin, und eine Favela ist auch ein Strauch, der in der Gegend von Salvador wächst und mit wissenschaftlichem Namen Cnidoscolus quercifolius heißt. Ganz am Ende des 19. Jahrhunderts brach von hier eine Gruppe Soldaten nach Rio de Janeiro auf, wo ihnen als Belohnung für den Krieg ein Stück Land versprochen worden war. Das Land bekamen sie nie, sie bauten trotzdem und benannten den Hügel nach dem stacheligen Strauch. Morro da favela.
Rosa arbeitet in der botanischen Abteilung des Zoologischen Gartens von Salvador da Bahia, sie ist dafür zuständig, Pflanzen für den Park nachzuzüchten und zu erhalten. Als sie Anfang der Achtziger mit ihrer Arbeit anfing, wuchs in dem Park nichts außer einem sturen Kraut auf der Erde. Doch inzwischen blüht und sprießt es überall, und am Wegesrand wächst sogar der Brasil-Baum mit seinen zweifach gefiederten Blättern. Der Baum, nachdem Brasilien benannt ist. Der Baum, der überall an den Küsten wuchs, bis die Kolonialherren aus Portugal ihre Königsgewänder mit dem Saft aus dem Holz in den herrlichsten Rot-Tönen färbten. Und dafür so viele abholzten, bis der Baum vom Aussterben bedroht war. Inzwischen wird er überall im Land wieder aufgeforstet, und Rosa Gomez sagt: "Da alle Parks in Brasilien einen großen Aufwand betreiben, um ihn nachzuzüchten, erscheint es momentan so, dass die Gefahr gebannt werden kann." Rosa kann nicht verstehen, warum es in Brasilien so wenige Architekten gibt, die nachhaltig und mit heimischen Pflanzen arbeiten, und warum es in der Bevölkerung so wenig Bewusstsein für Naturschutz gibt und warum es so schick ist, Pflanzen von anderswo zu importieren, wo es doch so viele heimische Arten gibt. Was für eine absurde Idee! Importierte Pflanzen in Brasilien!
Ungefähr 40000 Pflanzenarten gibt es allein im Regenwald. Und dazu viele Früchte, die es sonst nur an wenigen anderen Orten gibt. Wer von ihnen kosten möchte, sollte nach Belém reisen. In diese Stadt ganz im Norden, deren Beiname "Tor zum Amazonas" lautet.
BELéM LIEGT SO NAH AM ÄQUATOR, dass die Tageszeiten hier so plötzlich wechseln, als gäbe es einen Lichtschalter am Himmel. Klick. Gerade war es noch Nacht. Klick, 5.52 Uhr, es ist mit einem Mal hell über den breiten Straßen, über den Kolonialhäusern, über den Luxusapartments in den Hochhäusern, über dem berühmten Markt unten am Ufer, an dem schon seit Stunden die Holzschiffe anlegen, um alles herbeizubringen, was im Amazonas wächst oder schwimmt. Felipe Bronze, der gefeierte Koch, hatte in Rio de Janeiro geschwärmt, Belém sei die Vorratskammer des Landes, und wie es aussieht, ist diese Vorratskammer randvoll gefüllt. Überall Stände mit Früchten an Stauden, Früchten auf Schubkarren, Früchten in Körben. Kulinarische Kostbarkeiten. Der eigene Wortschatz reicht nicht, um auch nur eine Frucht auf diesem Markt zu kaufen. Da gibt es Muruci, Cupuaçu, Bacurí, Uxi und Tapereba. In andere Städten mag man reisen, um sich den ganzen Tag Museen, Statuen und Häuser anzusehen. Belém ist eine Stadt des Schmeckens. Und ihre meist empfohlene Sehenswürdigkeit ist deshalb auch kein Bauwerk und kein Naturspektakel, sondern die Eisdiele Cairú, in deren Filialen man all die nie gehörten Amazonas-Früchte als Eissorten probieren kann.
Hinter dem berühmten Ver-o-Peso-Markt und sogar noch hinter dem Fischmarkt, wo Fischreiher und Rabengeier durch den Schleim am Boden waten, liegt ein Markt nur für die besonderste Frucht von allen. Man fühlt sich dort, als würde man über ein Kugellager laufen. Denn der ganze Boden ist übersät mit kleinen schwarzen Beeren, hart wie Murmeln. Das ist die Açai-Beere.
Seit Stunden schon steht hier João Alexandro Arão da Bahia, der um ein Uhr in der Nacht von seiner Insel zum Markt aufbricht, um dort seine Açai-Beeren anzubieten.
Von hier aus gelangt die Beere nach Rio de Janeiro, wo Adrian sie gefroren am Strand in Copacabana und Ipanema verkauft und dafür seinen eigentlichen Job in einer Firma für Schilder gekündigt hat.
Und in das Restaurant von Felipe Bronze, dem Koch aus Rio de Janeiro. Lange hatte er über die brasilianische Küche geredet, über den Bohneneintopf Feijoada, über die Fischgerichte im Norden, und schließlich hat er gesagt, das alles seien höchstens brasilianische Zubereitungsarten von Dingen, die es überall gebe auf der Welt. Wenn man etwas wirklich Brasilianisches essen wolle, müsse man die Açai-Beere probieren.
Und auf die Passagierschiffe, die den Amazonas hinauffahren. Gebracht von fliegenden Händlern wie Leandre Santos, zwölf Jahre alt, der von seinem Vater in einem kleinen Motorboot an das Passagierschiff herangefahren wird und bei voller Fahrt hinüberklettert und den Passagieren in ihren Hängematten Açai und Shrimps verkauft.
DENN WER VON BELéM AUS mit dem Passagierschiff auf dem Amazonas nach Manaus reisen will, benötigt dafür einen gesunden Schlaf, viel Zeit und eine Hängematte. Zumindest bei Letzterem kann Lucilene helfen. Lucilene ist Verkäuferin in einem kleinen Laden, dessen Eingang unter einem Baldachin aus Hängematten liegt. Trotzdem empfiehlt Lucilene, nicht zu lange in der Hängematte zu liegen, das mache doch nur dusselig. Sie selbst schläft deshalb auch lieber im Bett. Aber Lucilene hat gut reden. Eine Fünftagereise von hier in die Amazonas-Hauptstadt Manaus ist völlig normal. Bei Niedrigwasser dauert es auch gern mal länger.
Zweimal die Woche verlassen die Schiffe Belém Richtung Manaus. Mit der Routine eines Linienbusses. Kein Hauch von "Titanic", noch nicht einmal "Aida". Kein Tuten, kein Winken, keine weißen Taschentücher. Selbst der Japaner macht nur ein einzelnes Foto. Und dann verschwindet Belém. Und da ist nur noch Nacht. Und Wasser.
Der Amazonas ist der größte Fluss der Welt. Mehr Wasser fließt diesen Fluss hinunter als durch die sieben nächstgrößten Flüsse zusammen. Jedes Schwappen ein Schaukeln der Hängematten. Mehr als 50 von ihnen hängen auf dem mittleren Deck, fast jede mit einer eigenen Knotentechnik befestigt, jede Technik die einzig wahre. Dicht an dicht liegen Mütter mit Kindern, verliebte Paare, alte Männer, der japanische Tourist. Und als am Horizont die Lichter von Barcarena auftauchen, wo Aluminium hergestellt wird, rollt sich eine Frau im Batikkleid aus ihrer Hängematte und klettert die Eisentreppe hoch zur Bar auf dem Oberdeck. Halb zehn. Zeit für "Salve Jorge", die beliebteste Telenovela des Landes. Maria do Socorro Figueira sieht sich jeden Tag die neueste Folge an. An der Bar steht ein alter, riesiger Fernseher. Aber der Fernseher zeigt nur Blau. Der Ladungsoffizier kommt und dreht an dem kleinen Lenkrad an der Decke, mit dem man die Satellitenschüssel auf dem Dach ausrichten kann. Maria sitzt auf einem weißen Plastikstuhl und wartet. Der Fernseher bleibt blau.
Sie werden eine Lösung finden, rechtzeitig zur nächsten Folge und vor allem rechtzeitig zum Fußballspiel am Sonntagabend, bei dem die Männer mit stummem Entsetzen mitanschauen werden, wie Rios Nordzonenclub Fluminense mit seinen Fans aus den Favelas im Derby mit 0:1 gegen den Reichen-Club Botafogo verliert. Ein Crew-Mitglied wird fortan einfach auf acht übereinander gestapelten Plastikstühlen sitzen und die Satellitenschüssel drehen. Aber an diesem Abend, der Ladungsoffizier zuckt mit den Schultern, verpasst Maria mitten auf dem Amazonas ihre Lieblingstelenovela. "Erste-Welt-Technologie", seufzt Maria im Scherz und lacht ihr lautes Maria-Lachen, "wahrscheinlich steuern sie hier auch, indem sie den Fuß ins Wasser halten."
Aber natürlich steuert Kapitän Edmílson Vieira seine "Cisne Branco" mit Radar, Sonar und GPS. Nie fährt er eine andere Strecke, nie wollte er Hochseekapitän werden. Dazu liebt er den Amazonas zu sehr und auch seine Familie. Die Tage an Bord folgen einem einfachen Rhythmus. Wenn die Glocke klingelt, gibt es Essen. Der Rest ist Dösen, Dosenbier und kitschige Forró-Musik. Wer auch immer das Wort rumhängen erfunden hat - es muss ein Passagier dieses Amazonas-Schiffes gewesen sein. Die "Cisne Branco" ist das Traveller-Traumschiff. Und auch lange nach seiner Rente hat Eduardo Gonzalo Rodrigues nicht aufgehört, mit dem Boot den Amazonas abzufahren und Angelzubehör zu verkaufen. Von Prainha fährt er nach Santarém und dazwischen nach Monte Alegre, löst Sudoku und Kreuzworträtsel in den Stunden auf dem Wasser, und in der restlichen Zeit hängt der Handelsreisende in seiner Matte philosophischen Fragen nach. Und denkt, dass es besser wäre, wenn es hier mehr Öko-Tourismus gäbe, so dass die Leute ein Interesse daran hätten, den Regenwald zu erhalten.
Als erste Klasse gelten die kleinen Kabinen auf dem Oberdeck, aber die wirkliche erste Klasse ist ganz woanders zu finden. Auf den Flughäfen, wo Silvia Valentes entschieden sagt: "Ich würde eher sterben, als auf so einem Boot zu reisen", und mit Köfferchen in der Linken und Ehemann an der Rechten über die Landebahn auf das Flugzeug zustolziert, das die gleiche Strecke, für die die "Cisne Branco" drei Tage gebraucht hat, in weniger als zwei Stunden schafft.
Dafür gibt es von der "Cisne Branco" aus Sonnenuntergänge zu sehen, wie aus einem Paintbrush-Bild, und den dampfenden Rand des Regenwalds, in dem irgendwo Jaguare, Brüllaffen und Riesenfaultiere leben. Im Wasser schwimmen rosa Delphine. Botos. Früher gab es Mythen, nach denen die Delphine sich in Vollmondnächten in Männer mit weißen Hüten verwandelten und an Land kamen, um junge Frauen zu schwängern. Wenn man nicht wusste, wer der Vater war, so war es ein Boto. Aber auf dem Einwohnermeldeamt schüttelt Erlon Pessoa entsetzt den Kopf. In all seinen Dienstjahren ist das noch nie vorgekommen! Nicht einmal mitten im Amazonas ist der Boto Mythenfigur, sondern nur noch vom Aussterben bedroht. Und Arbeitstier. In Manaus lebt Igor Simões Andrade, der gute Mensch von Manaus, der die ganze Woche als Rolfing-Therapeut arbeitet und von dem Geld behinderte Kinder zum Schwimmen mit den Botos mitnimmt.
In Manaus, der Amazonas-Hauptstadt, fühlt man sich, als funktioniere die Welt hier nach dem Matjroschka-Prinzip. Denn inmitten des riesigen grünen Regenwaldes steckt eine komplett andere, kleinere Welt: die Industriestadt Manaus. Und inmitten dieser schwitzenden, schmutzigen, arbeitenden Stadt steckt noch einmal eine komplett andere, kleinere Welt: das Opernhaus. Einmal im Jahr findet hier das Amazonas-Opernfestival statt. Dann sind plötzlich sechs verschiedene Opern in einem Monat zu sehen. So viele wie im Rest des Jahres zusammen. Und von überall aus der Welt kommen die Stars der Opernwelt nach Manaus und zu Jaiana Souza da Silva, der Zahnmedizinstudentin, die die Oper so liebt und der das Opernfestival am letzten Abend der Reise ihren großen Auftritt beschert.
"Wir leben hier etwas isoliert", sagt Jaiana, "Manaus ist weit entfernt vom Rest des Landes, daher schätzen wir immer den Besuch von außerhalb." Ihr halbes Leben schon singt Jaiana im Amazonas-Chor, und an diesem Abend wird sie allein auf der Bühne stehen und ein Solo singen. Und das auch noch auf Deutsch.
Die schwierigen Arien sind ihr die liebsten, Bellini zum Beispiel, oder heute Abend diese Arie von Mozart, die aus Jaiana, der Chorsängerin und Studentin der Zahnmedizin, für etwas mehr als drei Minuten Pamina, das traurige Mädchen aus der "Zauberflöte", machen wird. Als sie in ihrem seerosengrünen Kleid die Bühne betritt, beginnt sie zu singen, unglücklich und zart. Der Text sei so traurig, hatte Jaiana gesagt, dass sich jedes Schmettern verbiete.
Die Letzte, die Allerletzte von allen, macht ein trauriges Gesicht. Wenn es eine Frau gibt, die ein noch schwereres Herz hat als Pamina aus der "Zauberflöte", dann ist es diese Frau, die am Flughafen sitzt und Brasilien verlassen hat. Eni ist auf dem Weg nach Deutschland, wo ihre Tochter nun schon seit 14 Jahren wohnt. Schon einmal hat Eni ihre Tochter dort besucht, und sie mag die sauberen Straßen in Deutschland und die vielen Blumen. Aber: "Meinen Rückflug habe ich in drei Monaten gebucht", sagt Eni, "ich weiß allerdings nicht, ob ich es wirklich so lange aushalte. Beim letzten Mal bin ich nach 38 Tagen wieder zurückgereist."
Text und Fotos: Maren Keller und Christina Schade, Illustrationen: Zansky, www.zansky.com.br

Man kann sehr wohl an die gleichen Werte glauben. Und an unterschiedliche Vorfahrtsregeln.

KulturSPIEGEL 6/2013
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