AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2010

Rekonstruktion vom Kunduz-Anschlag Ein deutsches Verbrechen

Das Bombardement nahe Kunduz war der blutigste deutsche Militäreinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg. Recherchen in Berlin und Kunduz belegen: Die Bundeswehr verstieß gegen Nato-Regeln, der Verteidigungsminister täuschte die Öffentlichkeit, und die Kanzlerin entzog sich ihrer politischen Verantwortung.

Afghanische Sicherheitsmitarbeiter neben einem ausgebrannten Tanklastzug, 4. Sept. 2009
AP

Afghanische Sicherheitsmitarbeiter neben einem ausgebrannten Tanklastzug, 4. Sept. 2009

Von Ulrike Demmer, , Ullrich Fichtner, , John Goetz, Hauke Goos, Jochen-Martin Gutsch, , Shoib Najafizada, Christoph Schwennicke und


Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL 5/2010.

Die Sandbank, um die es am Anfang der Affäre geht, ist flach, je nach Wasserstand des Kunduz-Flusses 300 bis 425 Meter lang, an ihrer weitesten Stelle 80 Meter breit. Es ist ein unwirtlicher Ort, die Ufer ringsum sind dicht bewaldet und fallen steil zum Wasser hin ab. Aber in der Vollmondnacht vom 3. auf den 4. September 2009 ist viel Leben auf dieser Furt, Leben, das um Punkt 1.50 Uhr Ortszeit, 23.20 Uhr deutscher Zeit, jäh endet.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 5/2010
Finanzkrise - Jagd auf die Kapital-Verbrecher

Auf Befehl des deutschen Obersts Georg Klein werfen F-15-Kampfjets zwei 500-Pfund-Bomben Typ GBU-38 ab, die Bomben zerstören zwei von Taliban-Kämpfern entführte Tanklaster, deren Räder sich festgefressen haben beim Versuch, den Fluss zu queren. Es sterben viele Menschen, auch solche, die nur gekommen waren, den Sprit zu stehlen. Und es stirbt in dieser Nacht die irrige Hoffnung, Deutschland könne in den Krieg ziehen, ohne sich dabei die Finger schmutzig zu machen.

Schon in den ersten Stunden nach dem Luftschlag wird offenbar, dass weder die deutschen Militärs noch die deutsche Politik großes Interesse daran entwickeln werden, den Vorfall seiner Bedeutung gemäß aufzuklären. Im Feldlager zu Kunduz missachten die Offiziere alle Regeln eines geordneten Berichtswesens, so wie sie zuvor bei der Entscheidung zum Bombenangriff die Regeln des Nato-Einsatzes in Afghanistan zu ihren Zwecken überdehnt, verbogen oder ganz missachtet haben. In der deutschen Hauptstadt Berlin beginnen die Apparate der Regierung ihre Hahnenkämpfe um die Deutungshoheit der Ereignisse, ohne den Ernst der Situation wirklich zu begreifen.

Dies ist der politische Kern der Kunduz-Affäre: dass die Bundesregierung, konfrontiert mit Meldungen über die blutigste Militäroperation, die deutsche Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg befohlen haben, nicht in der Lage ist, adäquat zu reagieren; dass sie keine Prozeduren kennt, den Vorgang sauber abzuwickeln; dass ihre zuständigen Beamten, die verantwortlichen Minister, dass die Bundeskanzlerin die Dramatik des Augenblicks nicht erfassen oder nicht erfassen wollen; dass es wirkt, insgesamt, als sei die deutsche Politik dem Krieg nicht gewachsen - zumal, wenn ihr der Wahlkampf gerade wichtiger ist.

So war es: Die deutsche Bundeskanzlerin klaubt sich, während die Nachricht vom Luftschlag Außen- und Verteidigungsministerien auf der ganzen Welt aufrüttelt, während in Kabul auf den Fluren des Isaf-Hauptquartiers großes Gerenne deshalb herrscht, auf ihrem Mobiltelefon via Google die Informationen zusammen, die zum Thema im Internet gerade so herumschwirren.

So war es: Statt sich auf direktem Weg in den Berliner Bendlerblock zu begeben, um sich mit möglichst allen Details des dramatischen Vorfalls zu beschäftigen, befindet sich Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung auf einer Radtour zu Wahlkampfzwecken durch den Rheingau, Umtrunk und unqualifizierte Fernsehinterviews inklusive.

So war es: Anstatt sich wenigstens einmal über die Ereignisse auszutauschen, zu konferieren, Informationen abzugleichen, touren die Bundeskanzlerin, der Verteidigungsminister und der Außenminister je für sich zu Wahlkampfzwecken durch die Republik. Auf Marktplätzen und in Dreifachturnhallen reden sie über die Rente mit 67 und die Steuerreform. Über Afghanistan reden sie nicht. Und wenn, dann nur in den Floskeln, mit denen das skeptische Volk seit Jahren abgespeist wird: dass der Einsatz notwendig sei; dass Deutschland zu seiner Verantwortung stehe; dass es nicht anders gehe.

Der Luftschlag von Kunduz, befohlen von Deutschen, macht solch leichtfertiges Reden künftig unmöglich. Er markiert einen neuerlichen Wendepunkt in der deutschen Geschichte, weil er die lange gepflegte Illusion, man könne an Kriegen teilnehmen und dabei Pazifist bleiben, beendet. Schlimmer noch: Während die Deutschen weiter glauben wollten, man könne Panzer in die Welt schicken, aber nur um Brücken zu bauen, machten sich ihre Soldaten draußen in der Welt eines Verbrechens schuldig.

Nichts anderes war der Luftschlag von Kunduz, und zwar ungeachtet dessen, ob juristische Prüfungen am Ende zu anderen Schlüssen kommen, ungeachtet dessen auch, dass den befehlshabenden Offizieren, allen voran Oberst Klein, der Vorsatz, gezielt Zivilisten zu töten, nicht zu unterstellen ist. Wo aber im Zuge einer tödlichen militärischen Operation derart fundamentale Einsatzregeln gebrochen werden, wo letztlich ohne Not, ohne eine unmittelbare Gefahr Bomben auf eine Menschenmenge abgeworfen werden, ist ein Verbrechen anzuzeigen.

Dabei steht der Luftangriff von Kunduz am vorläufigen Ende einer logischen Kette, die seit langem Glied um Glied erweitert wird: von Sanitätern zu Uno-Blauhelmen, von Uno-Blauhelmen zu Nato-Friedensmissionen, von Nato-Friedensmissionen zu Isaf-Kampfeinsätzen. Sie alle wurden vom Bundestag letztlich gegen die Mehrheitsmeinung der Gesellschaft beschlossen, aber es bestand eine Art unausgesprochener Deal zwischen Regierenden und Regierten: Die da oben machten, was sie außenpolitisch für nötig hielten, ohne viel darüber zu reden; und die da unten schauten dabei zu und fragten nicht weiter nach. So marschierte Deutschland nicht lärmend auf die Schlachtfelder des 21. Jahrhunderts; man mogelte sich eher still in die ungeliebten Kriegseinsätze hinein.

Der Grund für diese Unehrlichkeit ist leicht anzugeben: Das deutsche Volk ist kriegsmüde wie kaum ein anderes, so als wäre die Erinnerung an den großen Untergang von 1945 noch immer hellwach. Und die Politik, statt mit guten Argumenten die behauptete Notwendigkeit von Militäreinsätzen zu begründen, hat sich entschlossen, die Wähler wie Kinder zu behandeln, denen starke Wahrheiten nicht zuzumuten seien.

Mit einem Schlag muss nun viel Wissen nachgeholt werden, das lange für nicht weiter wertvoll gehalten wurde. Es geht mit einem Mal um Einsatzregeln, Gefährdungslagen, Befehlsketten, um die Stärke von Kompanien und die Struktur der deutschen Armee. Es geht um die Gedanken und Nöte eines unglücklichen Obersts und die kalte Routine von Bomberpiloten. Was eigentlich macht dieses Einsatzführungskommando in Geltow bei Potsdam? Und wer bildet den Einsatzführungsstab im Bendlerblock? Wer legt die Leitlinien deutscher Kampfeinsätze fest? Wer ist verantwortlich, wenn Operationen fehlschlagen? Was treiben die deutschen Sondereinheiten im Ausland? Und wann muss ein Minister seinen Hut nehmen?

Das politische Berlin ist, mit Verzögerung, in seltenem Aufruhr. Ein Minister, ein Staatssekretär, ein Generalinspekteur haben bereits ihre Ämter verloren, ein weiterer Minister steht unter Druck, die Kanzlerin hat Grund zur Nervosität. Die Bomben von Kunduz werfen ihre Splitter auf die Startbahn der im September gewählten schwarz-gelben Koalition. Und der Untersuchungsausschuss zum Thema könnte einer werden, der nicht nur billiges Theater verspricht. Es geht, nach Jahren des kollektiven Verdrängens, endlich ernsthaft um Deutschlands Kriegseinsätze, um Militärpolitik und die Apparate dahinter.

Ein Team von einem Dutzend SPIEGEL-Reportern, -Redakteuren und -Rechercheuren hat sich in Berlin, Kabul und Kunduz auf Spurensuche begeben, hat in den afghanischen Dörfern rund um den Tatort Taliban-Führer befragt, hat einen der Fahrer der bombardierten Lastwagen aufgespürt und in Amerika die Bomberpiloten der Nacht getroffen. Orte der Recherche waren Nato-Gefechtsstände, das Isaf-Hauptquartier in Kabul und Berlin, wo eine lange Reihe direkt oder indirekt beteiligter Politiker, Ministerialbeamter und Militärs befragt wurde.

Gestützt zudem auf eine Fülle geheimer Dokumente und exklusiver Hintergrundgespräche, entsteht das Zeitbild einer Bundesrepublik im Krieg, das Bild einer Gesellschaft, die sich Rechenschaft ablegen muss über sicher geglaubte Grundsätze. Erzählt wird die Tragödie der Nacht vom 3. auf den 4. September. Dabei zeigen die dem SPIEGEL vorliegenden geheimen Protokolle des Funkverkehrs jener Nacht, wie der deutsche Kommandeur und sein Fliegerleitoffizier die skeptischen US-Piloten zur Notwendigkeit eines Bombardements nachgerade überreden mussten. Wer diese dramatischen Dialoge nachvollzieht, muss kein General sein, um zu verstehen, dass hier keineswegs "militärisch angemessen" oder "aus bestem Wissen und Gewissen" gehandelt wurde.

Die Aufarbeitung des Skandals ist der nächste Skandal: Während in Afghanistan ein Nato-Ermittlungsteam alle Handelnden der Nacht als Zeugen befragt und nach und nach die Schichten der Affäre freilegt, bemühen sich in Berlin die Verantwortlichen in Regierung und Behörden, das Ausmaß des Luftschlags und die ihm vorausgegangenen Fehler zu vertuschen.

Letztere Anstrengung misslingt. Die Bundesregierung mit der alten und nach der Bundestagswahl neuen Kanzlerin Angela Merkel vorneweg mag kurzzeitig der Meinung gewesen sein, der Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Jung werde die Wogen glätten. Und sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg mag davon ausgegangen sein, dass der Hinauswurf seiner engsten Mitarbeiter die Affäre beenden würde.

Aber sie täuschten sich, wie sich jeder täuscht, der meint, es könne nun einfach zur Tagesordnung übergegangen werden. Denn die Bomben von Kunduz haben auch die Koordinaten der deutschen Politik verschoben. Das Bedürfnis nach Aufklärung und wahrhaftiger Debatte über Deutschlands Kriegseinsätze ist groß wie nie.



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