AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2017

Beziehungen Warum ein Mann um seine Liebe rennt

Für seine Liebe würde er bis ans Ende der Welt gehen. Also lief der amerikanische Schachlehrer los, durch sechs Länder, jahrelang, mehr als 10.000 Kilometer. Und dann stellte er die Frage.

REUTERS

Am 31. Mai dieses Jahres lief der US-Amerikaner Slava Koza mit schmerzenden Knien und geschwollenen Füßen über eine Rhonebrücke, die Frankreich und die Schweiz verbindet. In der Tasche trug er einen Ring. Koza war 10.123 Kilometer gelaufen. Er sei so erschöpft gewesen, dass er kaum denken konnte, sagt er. Er wusste, egal was jetzt kommt, dieser Tag würde das Ende seiner Reise sein.

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Heft 29/2017
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Slava Koza, 33, ist studierter Betriebswirt und arbeitet als Schachlehrer für Kinder in New Jersey. Er erzählt diese Geschichte am Telefon. Es ist schwierig, ihn zu verstehen, weil er gerade joggt.

Es ist acht Jahre her, da sagte Kozas Mutter, bei der er lebte, sie habe im Bus eine Frau kennengelernt, die eine Tochter habe, die auch ledig sei, eine Ballerina vom New York City Ballet, und "dann gab sie mir die Telefonnummer, damit wir uns mal treffen können". Koza traf die Ballerina in einem Restaurant. Sie fand ihn seltsam, weil er beim Sprechen dauernd die Tischplatte ansah. Schachlehrer eben. Sie schauten im Kino den Film "Der Informant!" und umarmten sich zum Abschied. Koza sagt, er habe "wenig von dem Film mitbekommen".

Ihm gefiel diese Balletttänzerin, ihr Name war Alina Dronova. Er mochte ihre Offenheit, dass sie von ihren Gefühlen erzählte, dass sie aus einem Staat der ehemaligen Sowjetunion kam wie er, der in Moldawien geboren wurde. Er schrieb ihr, er wolle sie wiedersehen. Sie antwortete nicht. Nach einiger Zeit schrieb sie, vielleicht könnten sie Freunde sein. Freunde.
Koza erzählt, er habe sich "die Frage gestellt, warum mich das so schmerzt". Er traf andere Frauen, verglich sie mit Alina und kam zu dem Schluss, dass keine so gut war wie sie, es musste also Liebe sein.

Koza wohnte bei seinen Eltern, er war allein, er hatte das Schachspiel und sonst wenig. Koza joggte manchmal in seiner Nachbarschaft, ohne Ambitionen. Er joggte und dachte daran, wie oft Menschen sagen, dass sie, um irgendjemandem ihre Liebe oder ihre Entschlossenheit zu beweisen, "bis ans Ende der Welt gehen würden". Aber niemand tat es. Er dachte: "Was wäre, wenn ich es täte?"

Kozas langer Lauf begann am Dillon Beach an der Pazifikküste der USA, er wollte erst mal durch sein eigenes Land laufen. Er rannte jeden Tag zwischen 30 und 40 Kilometer, manchmal 60. Koza rannte durch die Rocky Mountains und betrachtete Schneeflocken. Er rannte durch die Wüste von Arizona, durch die Maisfelder des Mittleren Westens. Einmal aß er in Iowa bei einem Mexikaner ein paar scharf gewürzte Tacos zu Mittag, was er niemandem empfehlen würde, der danach weiterlaufen möchte. Er lief und lief und dachte an Alina Dronova.

Er hatte ihr nicht gesagt, dass er für sie lief. Er hatte Angst, dass sie ihn für verrückt halten würde.

Nach 118 Tagen kam er in New York im Central Park an, die letzten Kilometer begleitete ihn sein Großvater. Koza trug ein T-Shirt, auf dem stand: "Das Leben ist schön". Für ein Jahr behielt er sein Geheimnis, warum er gerannt war, für sich. Er tauschte zwar ab und zu Textnachrichten mit Alina aus, aber sie war viel unterwegs als Ballerina, im Ausland auf Tournee, und sie hatte einen Freund. Koza dachte, vielleicht bin ich zu wenig gelaufen. In der Nacht bevor er nach Europa flog, um durch Großbritannien zu rennen, schrieb er Alina die Wahrheit, und sie reagierte, wie er es erwartet hatte. Sie schrieb: "Du bist verrückt. Du kennst mich nicht."

Koza lief, kam zurück, nichts geschah. Alina begann eine Beziehung mit einem Franzosen und schrieb Koza in einer Nachricht, sie habe eine französische Seele. Koza lief durch Frankreich. Es half nicht.

Koza hielt den Kontakt. Er schickte ihr Artikel, die fremde Zeitungen über ihn geschrieben hatten. Er brachte ihr aus Europa ihre Lieblingsseife mit. Er besuchte sie im Krankenhaus, als sie eine Lebensmittelvergiftung hatte. Und einmal, als Alina nachts ihre Mutter nicht finden konnte, rief sie Koza an, und er stand auf, fuhr zu ihr und suchte die Mutter. Bevor Koza durch Irland lief, sagte sie: Vielleicht könntest du diesmal für etwas Vernünftiges rennen. Also rannte Koza, um eine Organisation zu unterstützen, die sich um suizidgefährdete Menschen kümmerte. Sie skypten, als er in Dublin war, und irgendwann sagte Alina: Ich liebe dich.

Koza dachte, es passiert. Er hatte seinen Plan umgesetzt, als wäre die Liebe ein Schachspiel, und er hatte gewonnen. Aber vielleicht war es gar nicht das Rennen, das Alina berührte. Vielleicht begann sie ihn zu mögen, weil er da war und weil er nicht aufgab.

Koza flog zurück, die beiden kamen zusammen. Aber er wollte noch nicht anhalten, er dachte, dass er diese Geschichte irgendwann seinen Enkeln erzählen möchte, und dann soll ihre Großmutter Alina heißen. Er rannte durch die Schweiz. Dann erreichte er die Brücke, die nach Frankreich führte, zu ihr. Auf einem Hügel in einem Restaurant wartete Alina. Er lief hoch, er hatte Schmerzen. Die beiden aßen Steak frites, Koza hatte nicht geduscht.

Er bat Alina vor das Restaurant. Er sank auf ein Knie, es tat weh. Er war zehntausend Kilometer gerannt. Er hatte sich das alles überlegt in seinen einsamen Momenten auf der Strecke, aber nun war er zu müde, es so auszusprechen, wie er es geplant hatte. Es war nicht perfekt, sagt er. Aber genau das war es.

Er schaute zu ihr hoch und fragte: "Willst du den Ring selber dranmachen?"

Und sie sagte: "Ja."



insgesamt 2 Beiträge
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griaseich 18.07.2017
1. Oneitis
in Fachkreisen nennt man das Oneitis, sich einreden, dass es nur die eine gibt. Haben wir über unsere soziale Konditionierung mitbekommen (Grimms Märchen, Hollywood), wir versauen uns damit im Regelfall das Leben (Frauen finden es in der Regel uncool, wenn wir ihnen exessiv nachsteigen...). Vermutlich hätte er nur bei der Mutter ausziehen müssen, um Erfolg bei den Frauen zu haben.....aber bitte jedem das seine......
lequick 18.07.2017
2.
Schöne Geschichte, aber schon ziemlich verrückt.
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