AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2017

Finanzen Unlukrative Lebensversicherungen - so lohnt sich der Ausstieg

Viele Lebensversicherungsverträge sind fehlerhaft, deshalb können Kunden sie noch Jahre später widerrufen. Manchmal lohnt sich das.

Euro-Scheine
DPA

Euro-Scheine


Inhaber von Lebensversicherungen haben derzeit selten Grund zur Freude. Das galt auch für Peter Schmitz (Name geändert). Der Feuerwehrmann neigt eigentlich nicht zum Krawallmachen, doch von seiner Lebensversicherung fühlte er sich derart "über den Tisch gezogen", dass er beschloss, sich zu wehren.

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Heft 30/2017
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Im Oktober 2016 hatte er genug von den stetig schrumpfenden Rentenprognosen, die sein Lebensversicherer Jahr für Jahr versandte. Also erkundigte er sich, was er bei einer Kündigung ausbezahlt bekäme.

Rund 17.476 Euro lautete die Antwort der Versicherung.

Wenige Monate später, als Schmitz tatsächlich den Vertrag beendete, bekam er allerdings nur 17.127 Euro. Die Begründung: Der sogenannte Schlussüberschuss, den Versicherte normalerweise bekommen sollen, sei aufgrund der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens gestrichen worden. "Da war ich wirklich angefressen", sagt Schmitz.

Er schrieb an die Verbraucherzentrale Hamburg - und das hat sich gelohnt. Vor wenigen Wochen bekam Schmitz fast sämtliche Beiträge, die er jemals eingezahlt hatte, von der Versicherung zurück - plus einer ordentlichen Verzinsung. Insgesamt 19.846,79 Euro. Der schlichte Grund: Sein Vertrag enthielt eine fehlerhafte Formulierung, deshalb konnte er ihn rückabwickeln, nach mehr als zwölf Jahren Laufzeit.

Was nach einem Glücksfall klingt, ist eher die Regel als die Ausnahme, zumindest bei Verträgen, die zwischen 1994 und 2007 abgeschlossen wurden.

Davon ist jedenfalls die Verbraucherzentrale Hamburg überzeugt. Sie hat im vergangenen Jahr rund tausend Kontrakte untersucht. "In etwa 60 Prozent der Fälle wurde nicht ordnungsgemäß über das Widerspruchsrecht aufgeklärt", sagt Kerstin Becker-Eiselen, Leiterin der Abteilung Geldanlage.

Normalerweise können Kunden einem Vertrag bis zu 30 Tage nach der Unterschrift noch widersprechen. Wenn allerdings im Vertrag nicht ordnungsgemäß beschrieben wurde, wie das geht, dann gilt: Die Widerspruchsfrist ist niemals an- und damit auch niemals abgelaufen. So hat es der Bundesgerichtshof in mehreren Urteilen bestätigt.

Vor allem bei Verträgen, die zwischen 1994 und 2007 abgeschlossen wurden, ist die Rechtslage mittlerweile ziemlich eindeutig - und die Chance, eine fehlerhafte Formulierung zu finden, groß. Denn erst seit 2010 können die Versicherer sich an einer klaren Musterformulierung des Gesetzgebers orientieren.

Häufig sind es scheinbar kleine Schlampereien, die am Ende über Tausende Euro entscheiden. In Schmitz' Fall heißt es im Vertrag, ein Widerspruch müsse "schriftlich" erfolgen. Tatsächlich sind seit August 2001 auch E-Mail und Fax erlaubt, es hätte also "in Textform" heißen müssen. In anderen Verträgen sind die Belehrungen einfach optisch unzureichend hervorgehoben.

Wenn Kunden einen Vertrag ohnehin kündigen wollen, lohnt es sich, nach solchen fehlerhaften Formulierungen zu suchen. Denn wenn ein Kunde seinen Lebensversicherungsvertrag vorzeitig beendet, bekommt er oft nicht einmal die eingezahlten Beiträge zurück. Kosten und Provisionen werden nämlich nicht erstattet.

Bei einer Rückabwicklung hingegen muss der Versicherer sämtliche Beiträge zurückerstatten und noch einen "Nutzungszins" drauflegen. Er soll die Rendite widerspiegeln, die der Anbieter mit den Kundengeldern an den Anleihe- oder Immobilienmärkten während der Laufzeit erwirtschaften konnte - und ist meistens auch höher als die laufende Verzinsung, die die Versicherer den Kunden regulär gewähren.

Das Problem allerdings ist: Laut Rechtsprechung ist es Sache des Versicherten, genau aufzuzeigen, wie viel der Anbieter mit den eigenen Geldern eigentlich erwirtschaftet hat. Diese Information versteckt sich in den Tiefen der Geschäftsberichte, und die sind für Laien kaum zu durchschauen.

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat deshalb gemeinsam mit einem Finanzmathematiker eine Berechnungssoftware entwickelt, die für 85 Euro ein entsprechendes Gutachten liefert.

Trotzdem stellen sich viele Versicherer quer, egal wie eindeutig die Rechtslage sein mag. Kein Wunder, denn der Branche geht es schlecht. Wegen der niedrigen Zinsen vor allem an den Anleihemärkten lohnt sich die Investition der Kundengelder für die Versicherer kaum noch. "Es besteht die Gefahr, dass die erwirtschafteten Erträge nicht mehr ausreichen, um den langfristigen Verpflichtungen nachzukommen", erklärte der Ausschuss für Finanzstabilität, in dem Vertreter von Finanzaufsicht und Finanzministerium sitzen, kürzlich in einem Bericht für den Bundestag.

Offiziell demonstrieren die Versicherer Gelassenheit, wenn es um fehlerhafte Widerspruchsbelehrungen geht. Es handle sich um Einzelfälle, heißt es etwa bei der Allianz. Die Masse an Anwälten und "Rechtsdienstleistern", die im Internet mit dem Thema auf Kundenfang gehen, lässt anderes vermuten. Die Plattform Hasso24.de gibt an, jeden Monat 250 bis 300 Fälle zu bearbeiten. Auch im Kreditsachverständigenbüro Advoconto, das seit etwa drei Monaten selbst entsprechende Gutachten erstellt, heißt es: "Wir haben für die nächsten drei Monate schon tausend Anfragen."

Die Rechtsanwältin Petra Brockmann rät dennoch zur Vorsicht: "Nicht jeder Fall ist eindeutig." Auch das Prozesskostenrisiko müsse berücksichtigt werden.

Außerdem lohnt es sich zuweilen, einen alten Vertrag weiterzuführen. Wegen der hohen Garantiezinsen oder weil das Produkt mit einer guten Berufsunfähigkeitsversicherung gekoppelt ist, die bei einer Rückabwicklung ebenfalls ihre Gültigkeit verlieren würde.

*Name geändert



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
pauschaltourist 24.07.2017
1.
Leider müsstebich erst meine LV kündigen, um die Paywall des Artikels zahlen zu können....
gammoncrack 24.07.2017
2. Ist das von Frau Seith wirklich sauber recherchiert worden?
Mir fällt auf, dass sie von Lebensversicherungen spricht, die zwischen 1994 und 2007 abgeschlossen wurden. Bezogen auf den angesprochenen Fall kommt ja das Jahr 2001 zur Anwendung (Schriftform). Was ist denn von 1994 bis 2001 anwendbar? Doch sicher nicht der Hinweis auf die fehlende Schriftform. Also was denn dann? Nun betrug der Garantiezins 1994 4%, 2007 immerhin noch 2,25%, inzwischen 0,9%. Ein Kurzartikel dieser Art ist gefährlich, denn durch einen heutigen Widerruf kann jemand mehr verlieren, als wenn er seinen Vertrag bis zum Ende weiterführt.
B. Hoffrich 24.07.2017
3. Ich habe mal bei Scania die erste fondsgebundene LV gekauft.
Der reinste Betrug. Ich habe noch nicht einmal die Summe der Einzahlungen wiederbekommen. Die Fonds, die die empfohlen haben, waren bis auf einen alles Non-Performer, aber zahlten offenbar an Scania die höchsten Provisionen. Heute würde ich eine billige Risikolebensversicherung abschliessen und den geplanten Betrag in einen renditeorientierten internationalen Fonds in Monatsbeträgen anlegen, der gute Performance in der Vergangenheit hatte. Jährlich kontrollieren und wenn der die Durchschnittsleistung der entsprechenden Fonds nicht bringt, sofort aussteigen.
eifrigerleser 24.07.2017
4. Vorsicht! Denn was komplett fehlt...
ist, daß alte LV-Verträge bei Auszahlung steuerlich komplett anders behandelt werden, als Neuverträge! Diese Altverträge (bis 2004) sind nämlich NETTO und die Auszahlungen sind steuerfrei! So ein alter Vertrag ist Goldstaub und es bedarf einer EINGEHENDEN und KOMPETENTEN Beratung zu dem Thema! Auch, was die angesprochene Verzinsung angeht! Jeder Euro der in so einen Vertrag heute eingezahlt wird ist ein guter Euro! Siehe: http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lebensversicherung-warum-sie-alte-vertraege-nie-kuendigen-sollten-a-1053712.html Fall jemand auf die Idee kommt, nach einer Beratung solch einen Altvertrag zu kündigen, so ist das höchstwahrscheinlich eine Fehlberatung, für die sich auf jeden Fall die BaFin interessieren würde!
phekie 24.07.2017
5. Ich habe noch
so eine schöne LV mit 3,9% Garantiezins plus Berufsunfähigkeitsversicherung. Glaube 1998 abgeschlossen. Die lass ich doch mal schön weiter laufen und zahle gern dafür.
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