30.01.2016

Femi-Nazis an der Macht

Deutschland in 15 Jahren: Das Land wird von Frauen und anderen Tierfreunden beherrscht. Verzweifelte Männer rüsten zum letzten Gefecht gegen ihre Unterdrücker. Karen Duve führt in ihrem Roman Macht ihre Poetologie der Hoffnungslosigkeit auf neue Gipfel. Von Volker Weidermann
EIN MANN HAT GENUG. Genug davon immer kritisiert zu werden, lächerlich gemacht zu werden, vollgequatscht, unterdrückt, regiert zu werden. Wir sind im Jahr 2031. In Deutschland herrscht Staatsfeminismus unter dem Bundeskanzler Olaf Scholz. Frauen sind angetreten, den Weltuntergang, den Männer an der Macht über Jahrhunderte vorbereitet haben, in letzter Sekunde noch abzuwenden. Auch der treue Scholz wird wohl schon bald von einer Frau abgelöst werden. Doch es formiert sich Widerstand. Unterdrückte Muskelmänner mit Spatzenhirnen haben sich in der Vereinigung MASKULO zusammengeschlossen und versuchen irgendwie die Macht der Femi-Nazis, wie sie sie nennen, zu brechen. Mit wenig Erfolg. Und dann ist da noch dieser eine weiche, kluge, in seinem bisherigen Leben durch angenehme Frauenfreundlichkeit aufgefallene Sebastian. Keiner von MASKULO, kein Muskelmann, ein Weltenretter, Vegetarier, Umweltfreund, Männerkritiker. Einer der Guten, so will es scheinen. Was für eine Täuschung!
Das ist das Setting von Karen Duves neuem Roman, der Macht heißt und von Macht handelt. Von Frauenmacht und Männermacht, im kleinen Privaten und im großen Politischen und dort, wo das alles eins ist: in der Ehe von Sebastian und Christine, die sich einst in einem Demokratie-Komitee als politische Aktivisten trafen, gemeinsam Aktionen planten, Christine wurde Bundesministerin für Umwelt, galt als mögliche Nachfolgerin von Bundeskanzler Scholz, Sebastian blieb Aktivist im Hintergrund – und verlor eines Tages die Lust an seiner Rolle als Frauenversteher, Gemüseesser, Zuhörer, Befehlsempfänger. Als Unterdrückter. Er richtet in ihrem gemeinsamen Haus einen Kerker für die kommende Bundeskanzlerin her und sperrt sie ein. Nur so kann er wieder frei sein, nur so kann er wieder Mann sein. "Manchmal muss man eine Frau zerstören, wenn man nicht von ihr zerstört werden will", sagt er.
Das Buch leuchtet von außen gelb wie eine Rapstapete, innen ist es ganz und gar schwarz. Karen Duve hat einen politischen Roman ohne Hoffnung geschrieben. Eine Untergangsvision von lässig zwingender Unausweichlichkeit. Frauen und Männer stehen sich in bürgerkriegsartigen Kämpfen gegenüber. Und die Umweltkatastrophe ist ihren unvermeidlichen Gang weitergegangen. Deutschland wird von Wirbelstürmen und Flutkatastrophen heimgesucht, die Felder sind von gelbem Genraps überwuchert, die reichen Länder der Welt versuchen sich mit gigantischen Mauern vor den Armuts- und Flutflüchtlingen aus aller Welt zu schützen. Es herrscht in der Bevölkerung ein verlässliches Untergangsbewusstsein. Das führt einerseits zu einer großen Gereiztheit der Menschen, andererseits zu befreiter Rücksichtslosigkeit. "Wir können alle tun, was wir wollen, ohne uns vor den Folgen fürchten zu müssen. Das ist das Gute daran, wenn es keine Zukunft gibt."
Um den Spaß noch zu erhöhen, hat die Pharmaindustrie Verjüngungspillen erfunden, die leider die unerfreuliche Nebenwirkung haben, das Krebsrisiko erheblich zu steigern. Je jünger man sich macht, desto riskanter. Aber, hey, Apokalypse, wie lächerlich wäre ich, wenn morgen die Welt untergeht und ich vor lauter Krebsangst alt geblieben bin. Das macht doch niemand. Und außerdem: Wenn alle jung sind, ist alt zu sein schlimmer, als Krebs zu haben.
Sie sehen schon: ein perfektes Februarbuch. Wer jetzt noch keine Depression hat, kann sich hier mit Material eindecken. Hoffnung gibt es keine. Vielleicht wirkt die Dunkelheit dieses Romans auf männliche Leser auch besonders intensiv, denn Männer sind in dieser Welt ausschließlich Unheilsbringer, Alpha-Irre, Fleischfreaks, Sexmonster und dumm. Okay, nicht ganz ausschließlich, es gibt ja noch die, die vorgeben, anders zu sein; Sebastian, das Würstchen, und seinesgleichen. Das sind die Triebunterdrücker, die ihre dunkle Seite, sprich: Männlichkeit, verleugnen, um so besser an Frauen ranzukommen. Doch das rächt sich, diese Selbstverleugnerei, da staut sich was an, wenn diese Weichlinge ein Leben lang ihren Frauen immer nur recht gegeben haben. Plötzlich explodiert es in ihnen, und ihre Frauen landen im Kerker. "Meine Schutzzone", wie Sebastian sein selbst gebautes Verlies liebevoll nennt. "Mein kleines, geheimes Reich des Trostes."
Karen Duve schreibt seit 20 Jahren an einer Poetologie der Hoffnungslosigkeit. Ihre erste Erzählung erschien 1995, 1999 ihr grandioser Untergangsroman Regenroman, ihr bislang letzter Roman Taxi war eine beklemmende Kartografie von Alltagsgewalt, Männergewalt, Einsamkeit, Rücksichtslosigkeit. Als Leser hofft man immer mal wieder auf ironische, satirische, komische Überspitzungen, aber je länger sie schreibt, desto mehr spart sie sich das. Einen minimal überspitzten Brutalrealismus hat sie zur Meisterschaft gebracht.
In ihrem vor zwei Jahren erschienenen Essayband Warum die Sache schiefgeht beschreibt sie ihre Weltbetrachtung sachlich, ungeschönt. Die Unausweichlichkeit unserer Lage und warum Männer daran schuld sind. "Es gibt ein genetisches Material, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Ursache kriminellen Verhaltens ist", schreibt sie da. "In Europa besitzen 93 % bis 96 % aller Strafgefangenen dieses Merkmal." Es ist: das Y-Chromosom. Spöttisch fügt sie hinzu: "Aber nein, Männer sind keine schlechteren Menschen – sie sind nur signifikant gewalttätiger." Und sie haben die Welt bis an den Punkt gesteuert, an dem sie jetzt ist: ganz kurz vor dem Kollaps, den die Ideologie des ewigen Wachstums in einer Welt der begrenzten Ressourcen zwangsläufig zur Folge hat. Hier stehen wir. Duves tröstliches Fazit: "Letztlich ist es außer für uns selber ja nicht besonders tragisch, wenn die größte Geißel der Tier- und Pflanzenwelt von der Bildfläche verschwindet." Kann ja auch vielleicht was tolles Neues kommen: "Diesmal eine Schöpfung ohne Intelligenz. Oder Intelligenz gepaart mit Sanftmut. Großäugige, intelligente Weidetiere. Es kann doch eigentlich nur besser werden."
Jetzt aber, hier, in Macht ist noch nichts besser geworden. Nur der Abgrund ist etwas näher gerückt. Die Menschen sind entfesselt. Es wäre auch mal ganz interessant gewesen, Duve bei dem Experiment einer positiven Utopie zu beobachten. Weil wir Trost suchen? Nein, nein. Dunkelheit ist gut und konsequent und notwendig.
IMMERHIN HAT SIE SICH EXTRA für ihr Buch eine utopische Besetzung der Machtpositionen ausgewählt. Aber leider bleibt das Handeln dieses Frauenkabinetts stark im Hintergrund. Wir erfahren eigentlich nur, dass sie die Fahrradhelmpflicht eingeführt haben und Tierrechte hintanstellen, wenn die Religionsfreiheit das erfordert. Diese neue Regierung ist nur die Bühne, der Wutaggregator für die Typen, die die Welt zerstört haben. Sie sind wohl auch viel zu spät an die Macht gekommen, außerdem haben sie ja den Olaf Scholz auf dem Kanzlerstuhl sitzen.
Im Roman selbst geht es vor allem um diesen Keller. Um diesen unterdrückten Sebastian, der seine Männlichkeit in der Ehe, seine Überlegenheit nur dadurch wiedererlangen kann, indem er seiner Frau ein Eisenhalsband anlegt. Er spielt im Kleinen die Unterdrückungsmacht der Großen, der Konzernlenker und Investmentbanker, nach: "Nie spürt man die eigene Macht so sehr wie in jenen Momenten, in denen man sie missbraucht." Er erniedrigt seine Frau in jeder Form. Sie hat ihm sexuell und intellektuell hörig zu sein. Sie muss ihn "Mein Gebieter" nennen, da ihn die Nennung seines Vornamens aus ihrem Mund an all die Demütigungen seiner Ehe erinnert. Sie glaubt zunächst, das sei ein Witz. Dieses Ehe-Würstchen – ihr Gebieter? Sie kennt ihn doch, und er weiß das. "Schon die Art, wie sie Sebastian sagt, und ich falle sofort in tiefe Resignation und drohe wieder zu dem Mann zu werden, den sie von früher kennt und den zu manipulieren eine ihrer leichtesten Übungen war." Ein Wort genügt ihr, um wieder Macht über ihn zu erlangen. Er, der Mann, braucht Hinterlist, Tücke und Gewalt, um ihr zu entkommen.
Oh, es sind nur winzige Momente der Lustigkeit, die Karen Duve sich und den Lesern gönnt in dieser dunklen Romanwelt. Sie weiß, warum: "Um eine hoffnungslose Situation richtig einzuschätzen, darf man nicht allzu glücklich sein. Dafür braucht es offenbar eine solide Depression." Also abwärts, Leser, in die Hoffnungslosigkeit. Aber einmal immerhin, da kauft Sebastian seiner Gefangenen eine "Brigitte", die gibt es noch, es ist die größte Freude, die er ihr in ihrem Keller machen kann. Gierig stürzt sie sich auf das Magazin. Christines Lektürebericht erfasst kurz, dass in dem beliebten Frauenmagazin alle Psycho-Themen über die Seelenlage der Männer ersatzlos verschwunden sind. Seit die Frauen selbst an der Macht sind, interessieren sie sich nicht mehr für das Innere der Herren. Das Sezieren der Männerseelen war nur ein Mittel zur Erlangung der Macht. Wer will jetzt noch ins Innere der Unterdrückten blicken? Die übelsten Männereigenschaften haben die Frauen an der Macht sich längst schon abgeschaut. Wie sonst wären sie so weit gekommen?
Duve lässt das Elend leuchten. Was strahlt diese Welt so herrlich gelb! Wie schön jung alle sind! Und diese heißen Sommer jetzt immer! Wie großartig könnte die Welt sein, wenn es nicht die Welt wäre. Wenn es nicht die Menschen wären, die wir kennen. Karen Duve entfaltet in ihrem Roman Macht einen famos-hermetischen Furor der Hoffnungslosigkeit. "Es ist nun einmal ein Naturgesetz, dass man keinen Spaß oder Genuss im Leben haben kann, ohne dass jemand dafür zahlen muss", ist das Grundgesetz dieses Romans. Erst wenn kein Spaß mehr ist, nirgends, muss auch endlich niemand mehr bezahlen. Elend ist umsonst. Du suchst Trost, Leser, Leserin? Lies woanders weiter. Hier ist Einsamkeit, Verachtung, Hass. Die einzige Hoffnung heißt Untergang.
Irgendwann hat Sebastian genug von seiner Frau im Keller. Er hat eine neue Geliebte, und, so schön der Sex und die ganze schöne wiederhergestellte Ordnung in seinem Keller ist, Christine stört einfach beim Neustart in sein Leben. Er teilt seiner Frau mit, dass er sie einmauern wird, erst betäuben, dann einmauern (nein, keine Sorge, ich verrate hier nicht das Ende. Das kommt ganz anders, ganz, ganz anders). Christine nimmt seinen Plan "erstaunlich gefasst auf", stellt ihr Peiniger fest. Er hoffe, dass sie in dem Hohlraum, in den er sie mauern will, zerfalle wie die toten Mäuse und die Schmetterlinge, die er dort zuvor gefunden hatte. Vielleicht hofft sie auch einfach nur, dabei sein zu können, wenn eines Tages, nach dem Ende der Menschheit, Duves großäugige, sanfte Weidetiere die Erde bevölkern. Und tiefer Friede herrscht.
DUVE, 54, lebt in der Märkischen Schweiz in Brandenburg. Die gebürtige Hamburgerin hat zahlreiche Romane und Kurzgeschichtenbände geschrieben. Zuletzt erschien von ihr das Pamphlet Warum die Sache schiefgeht: Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen.

"Aber nein, Männer sind keine schlechteren Menschen – sie sind nur signifikant gewalttätiger."

Karen Duve: Macht. Galiani Berlin. 414 Seiten; 21,99 Euro. Das Buch erscheint am 18. 2.
Von Volker Weidermann

LITERATUR SPIEGEL 2/2016
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