27.02.2016

Dicke Eier

Die Figuren in Thomas Glavinics Roman Der Jonas-Komplex sind rastlose Figuren. Ein größenwahnsinniges Buch über die Angst vor der eigenen Größe.
IN DEN BÜCHERN von Thomas Glavinic wurde immer viel getrunken, aber noch nie so viel wie in Der Jonas-Komplex. Ein Roman im Rausch, inhaltlich wie formal, der in kurzen Kapiteln zwischen drei Protagonisten hin und her springt. Es gibt die Geschichte des Milliardärs Jonas, eines bindungsscheuen Abenteurers, der sich von seinem Anwalt immer wieder betäuben und irgendwo in der Welt aussetzen lässt, etwa als Freiheitsstatue verkleidet im Jemen, weil er sich unabhängig und frei und unangreifbar fühlen will. Doch dann plant seine Liebe Marie, mit ihm zu Fuß zum Südpol zu gehen. Es gibt die Geschichte eines 13 Jahre alten Nerds, der in der Steiermark vor sich hin vegetiert, mit einer alkoholkranken Mutter zu Hause und kaum Freunden in der Schule, und der sich in Bücher und ins Schachspiel flüchtet – und in die Masturbation. Schließlich gibt es die Geschichte eines Wiener Schriftstellers, die der Wiener Schriftsteller Glavinic in der Ichperspektive notiert. Es sind tagebuchartige Einträge, gespickt mit Namen aus dem realen Kulturbetrieb.
Der Schriftsteller trinkt im Café Anzengruber und wird schon mal in der Hecke gegenüber wach, er kokst auf einer Flugzeugtoilette und kippt den Angstlöser Xanor hinterher. Er schläft binnen sieben Tagen mit vier oder fünf Frauen, so genau weiß er das nicht, und schreibt seiner Agentin Karin Graf eine SMS, die an eine andere Karin gehen sollte: "Willst du mir den Schwanz rasieren, oder soll ich vorher selbst?" Er zieht mit dem Topanwalt Werner Tomanek um die Häuser, besucht die Männermörderin Estibaliz Carranza im Knast und liefert Besoffski-Sprüche, die im Zitate-Duden direkt neben Bukowski stehen könnten: "Ich vertrage mehr weiße Spritzer als Menschen".
Ob das autobiografisch ist? Spätestens nachdem man gegoogelt hat, dass Glavinic tatsächlich ein Ambassador der Schuhmarke Dachstein ist, so wie der Schriftsteller im Roman, hält man alles für möglich. Ein Schriftsteller als Schuhbotschafter: Das ist verrückter als jeder Dreier mit einem Pornopärchen (den es auch gibt im Buch).
Glavinic ist ein Vielschreiber, ein gutes Dutzend Bücher und immer wieder Kolumnen und Kritiken, auch für den LITERATUR SPIEGEL. "Letztlich ist Schreiben auch Selbstentblößung", notierte er im vergangenen Jahr. "Exhibitionismus ist nämlich keine Schwäche, sondern eine Stärke. Vielleicht nicht im Park, aber in Büchern."
Formal stehen die Geschichten des Romans nebeneinander, thematisch sind sie verknüpft. Es geht um Sucht und Sehnsucht, um Drogen und Sex und um das, was Drogen und Sex verdrängen sollen: die Angst vor dem Tod und vor dem Leben, vor der Einsamkeit und vor der Nähe zu anderen. Es sind die ewigen Glavinic-Themen.
Der titelgebende Jonas-Komplex bezeichnet in der Psychologie die Angst vor der eigenen Größe und die Flucht vor einer Berufung, eine Erklärung dafür, dass viele Menschen ihr Potenzial nicht ausschöpfen.
Glavinic nimmt sich so viel Raum wie noch nie, 752 Seiten. Ist das nicht im Gegenteil etwas größenwahnsinnig? Vielleicht, aber schon auf den ersten zwei Seiten landet er mehr Lacher als andere in zwei Romanen. Der Jonas-Komplex hat einen lässigen Sound, ein Dicke-Eier-Roman, der nie unsympathisch wird, weil Glavinic jederzeit die Bereitschaft zur Selbstdemontage hat. So schnell hüpft er zwischen den Geschichten hin und her, dass sich der Leser von Seite zu Seite neu orientieren muss. Die Häppchen-Dramaturgie macht das Buch genauso rast- und ruhelos wie die Protagonisten. Ein Spiel mit der Wahrnehmung. So ungekünstelt es daherkommt, so kunstvoll ist es.
Thomas Glavinic : Der Jonas-Komplex. S. Fischer; 752 Seiten; 24,99 Euro. Erscheint am 10. März.
Von Tobias Becker

LITERATUR SPIEGEL 3/2016
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