30.04.2016

Früher war alles schlechter

In einer Streitschrift fragt der Soziologe und Psychoanalytiker Martin Dornes, ob der Kapitalismus krank macht. Und gibt eine überraschende Antwort. Von Tobias Becker
WER IN DEN VERGANGENEN Jahren all die Psychodebatten in Zeitungen, Zeitschriften und Sachbüchern verfolgt hat, der konnte sich morgens auf dem Weg zur Arbeit schon mal wundern, dass das Bundesgesundheitsministerium den Kapitalismus nicht längst verboten hat. Oder wenigstens verfügt, an allen Eingängen zu Bürogebäuden und Fabriken Warnhinweise aufzuhängen: Arbeiten lässt Ihre Haut altern. Arbeiten macht sehr schnell abhängig, fangen Sie gar nicht erst an. Arbeiten macht depressiv.
Es gibt nicht viele Glaubenssätze, auf die sich in unserer wertepluralistischen Gesellschaft fast alle einigen können, aber dieser gehört dazu: Die moderne Arbeitswelt macht psychisch krank. Der zunehmende Konkurrenz- und Leistungsdruck, die Informationsflut und die ständige Erreichbarkeit, die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf verursachen Burn-out und Depression, bei Kindern und Jugendlichen ADHS. Das "erschöpfte Selbst" (Alain Ehrenberg) ächzt in der "Müdigkeitsgesellschaft" (Byung-Chul Han).
Aber stimmt das wirklich? Macht der Kapitalismus depressiv? Der Soziologe und Psychoanalytiker Martin Dornes, 65, schreibt in einer Streitschrift gegen den herrschenden Glaubenssatz an, indem er ihn mit der größten Rivalin aller Glaubenssätze konfrontiert, mit der Empirie. Das Ergebnis: "Wir waren früher schon genauso krank wie heute (oder sogar kränker)."
Das Buch ist die Studie eines brillanten Besserwissers, der reihenweise Ohrfeigen an Fachkollegen verteilt, für eine "sich als kritisch verstehende Soziologie", die "mit einer unkritischen Monotonie" die These zunehmender psychischer Krankheiten wiederholt, weil sie ihr in den politischen Kram passt. Besonders hart geht Dornes mit dem linken Berliner Lifestyle-Philosophen Byung-Chul Han ins Gericht, dessen Thesen er als "Schreibtischfantasie" abkanzelt. "Für einige kritische Soziologen und Philosophen wäre eine kritischere Einstellung wünschenswert – aber nicht zur Gesellschaft, sondern zu den eigenen Überzeugungen."
Moment mal, werden nun jene sagen, die die Sachbücher und Zeitschriftentitel der vergangenen Jahre aufmerksam gelesen haben. Es gibt doch viel mehr Krankschreibungen aufgrund psychischer Diagnosen als früher. Es werden sehr viel mehr Psychopharmaka verordnet. Ja, ja, schreibt Dornes, aber.
Es gebe mehr Diagnosen, aber nicht mehr Kranke. Das liege an einer höheren Sensibilität für psychische Symptome, an genaueren Untersuchungen, an einem besseren Versorgungsangebot. "Wir sehen mehr Krankheiten, obwohl es nicht mehr geworden sind." Hinzu komme, dass früher viele psychische Symptome als Ausdruck körperlicher Krankheiten fehldiagnostiziert wurden, etwa weil psychische Symptome tabuisiert waren.
Besonders interessant sind Dornes Ausführungen zu Psychopharmaka. Ihr Verbrauch sei enorm gestiegen, das hält er für unstrittig, aber am höchsten sei der Verbrauch ausgerechnet in Schweden und Dänemark, also in Ländern, die nicht im Verdacht stehen, auffallend neoliberal zu sein. Der steigende Verbrauch sei "eine Begleiterscheinung wachsenden Wohlstands und zunehmender Behandlungsmöglichkeiten", vergleichbar dem steigenden Einsatz anderer medizinischer Versorgungsleistungen, etwa Hüft- oder Knieprothesen. Zudem sinke parallel der Verbrauch selbst verordneter Stimmungsaufheller und Stimulanzien: Die Menschen saufen und rauchen immer weniger. Dornes spricht von einer "Mittelgebrauchsverschiebung".
Von 2002 bis 2014 war Dornes Mitglied im Leitungsgremium des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, dessen Geschäftskonzept in der Tradition Adornos und Horkheimers lange Zeit die Miesepetrigkeit war, der Kulturpessimismus. Sein Buch hingegen wirkt fast gegenwartsvernarrt. Die Botschaft: Früher war alles schlechter.
Dornes behauptet nicht, dass eine Sozialkritik des Kapitalismus überflüssig oder gar unmöglich ist, aber diese Sozialkritik, so schreibt er, könne sich nicht auf eine behauptete Zunahme psychischer Erkrankungen stützen. Tue sie das doch, beziehe sie ihre Überzeugungskraft einzig aus der Verklärung der Vergangenheit. "Die 30 wunderbaren Jahre des Nachkriegskapitalismus hat es nie gegeben." Im Gegenteil: "Im fordistisch-tayloristischen Kapitalismus litten manche unter Disziplinierung, monotoner Arbeit, Passivität und hoher körperlicher Beanspruchung."
Dass dies im Burn-out- und Depressions-Hype der vergangenen Jahre so sehr aus dem Blick geriet, könnte am "strukturellen Pessimismus alternder Gesellschaften" liegen, zudem am Prinzip medialer Berichterstattung (Bad news are good news). Dornes hingegen belegt überzeugend: "Je moderner die Gesellschaft, desto gesünder bzw. zufriedener sind die Menschen."
Es gibt zwar gute Gründe, sich in unserer modernen Gesellschaft gestresst zu fühlen: immer komplexere Arbeiten, immer flexiblere Berufsbiografien, immer stärkere Entgrenzung von Beruf und Freizeit, dazu gestiegene Scheidungsraten und die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber viele der genannten Gründe lassen sich auch ins Positive wenden. Sie deuten nicht nur auf neue Belastungen hin, sondern auch auf die Befreiung von einstigen Zwängen.
"Wer als Hausfrau keinen Beruf hatte", schreibt Dornes, "brauchte sich um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf keine Gedanken zu machen." Und weiter: "Wer wie früher am Fließband fremdbestimmt wurde, in Organisationshierarchien Anweisungen ausführte, ein vom Privatleben säuberlich getrenntes Berufsleben führte und in der Familie der eindeutigen patriarchalischen Rollenteilung folgte, musste sich über Verantwortung, Initiative, Entgrenzung von Arbeit und Privatleben, häusliche Arbeitsteilung und Mitspracherechte von Frauen und Kindern keine Gedanken machen. Aber wollen wir dahin wieder zurück?"
Das Muster ist ganz klar: Wer neue, zweifellos vorhandene Belastungen thematisiert, verliert allzu leicht die alten Belastungen aus dem Blickfeld.

Warum hat das Bundesministerium für Gesundheit den Kapitalismus nicht längst verboten?

Martin Dornes: Macht der Kapitalismus depressiv? Über seelische Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften. S. Fischer; 160 Seiten; 15,99 Euro.
Von Tobias Becker

LITERATUR SPIEGEL 5/2016
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