28.05.2016

Wie, du kennst das nicht ?

Von Joachim Meyerhoff
ALS ICH DREIUNDZWANZIG war, lebte ich zu meinem eigenen Erstaunen in Bielefeld, spielte am dortigen Theater eher kleine Rollen und hatte eine Freundin, die Literaturwissenschaften studierte und sehr belesen war. Fast jeden Tag gipfelten unsere intensiven Unterhaltungen über Literatur in einem ganz bestimmten fassungslosen Ausruf ihrerseits. Immer und immer wieder riss sie entsetzt ihre großen Augen auf und rief: "Wie, du kennst ... nicht?" Ich schüttelte dann stets peinlich berührt den Kopf und besorgte mir das Buch. Unzählige Male wurde ich mit diesem: "Wie, du kennst ... nicht?" von ihr in meine klaftertiefen Leselücken geschubst. "Wie, du kennst Madame Bovary nicht?" Kopfschütteln. "Wie, du kennst den Törless nicht?" Kopfschütteln. "Wie, du kennst den Zauberberg nicht?" Kopfschütteln. Wenn ich ein anderes Werk des Autors kannte, konnte ich immerhin kontern und erwidern: "Bin gespannt, ob der Zauberberg so gut wie Felix Krull ist." Regelrecht traurig wurde sie, wenn ich von der gesamten Existenz eines Schriftstellers nichts wusste, der ihr viel bedeutete. Mitleidig sah sie mich an: "Das kann nicht dein Ernst sein! Du kennst Anna Achmatowa nicht?" "Nee, noch nie gehört." Und ihr geräuschvolles Ausatmen ließ mich befürchten, es wäre vielleicht unmöglich für sie, mit jemandem zusammen zu sein, der Anna Achmatowa nicht kannte.
Dann fragte sie mich eines Tages: "Wie, du kennst Sylvia Plath nicht?" "Nein", gestand ich, "wer ist das?" Sie stand vom Bett auf, sah mich an, tief getroffen: "Also, wenn du die Glasglocke nicht kennst, dann ... dann ..." Meine Unbildung hatte ihr die Sprache verschlagen, und sie verließ das Zimmer. Das von ihr gelesene Exemplar legte ich schnell wieder beiseite, da die Erzählung von unzähligen fremdwortlastigen Kommentaren wie zum Beispiel "Topoi", "Kontingenz" oder "Bronfen Seite 212" flankiert war. Ich kaufte mir also ein eigenes Exemplar der Glasglocke, The Bell Jar, wie sie im Englischen heißt.
Meine Freundin behielt natürlich recht. Es war ein Buch, von welchem es mir, nachdem ich es gelesen hatte, unvorstellbar war, es nicht gekannt zu haben. Vielleicht hatte mich sogar noch nie zuvor ein Buch so sehr in seinen bitteren Bann geschlagen. Kann man sich in die Protagonistin eines Romans verlieben? Allerdings! Esther Greenwoods Geschichte bohrte sich mir ins Herz, und oft musste ich das Buch zuklappen, die Augen schließen und in Gedanken mit ihr reden. Ich sehnte mich nach dieser hochbegabten jungen Frau, die trotz all ihrer Brillanz, ihrer Stipendien, ihres blendend aussehenden und heiratswilligen Freundes tiefer und tiefer ins Dunkle gerät, die Elektroschocks bekommt, versucht, sich umzubringen und schlussendlich für mehrere Monate in einer psychiatrischen Einrichtung landet. Ich hatte – was für eine abstruse Anmaßung! – das sichere Gefühl, ich könnte sie retten. Als ich Die Glasglocke fertig gelesen hatte, fühlte ich mich wie im Stich gelassen von der Geschichte. Da begann ich mich mit Sylvia Plath zu befassen, und meine Liebe sprang von der Romanfigur auf die Schriftstellerin über.
Immer tiefer bohrte ich mich hinein in ihr Leben. Las die Gedichte, die Erzählungen, die Briefe und dann, um ihr noch näherzukommen: die Tagebücher. Meine Freundin sah es anfänglich mit Wohlwollen, wie sehr ich mich in den Sylvia-Plath-Kosmos vertiefte, wurde aber ungehalten, als ich zu überhaupt nichts anderem mehr zu gebrauchen war. "Komm, wir gehen ins Kino. Genug gelesen für heute!" – "Ich kann nicht. Ich kann jetzt einfach nicht aufhören." – "Mensch, leg die blöde Plath weg und komm!" – "Du hast mir gesagt, ich soll das lesen, also mache ich das jetzt auch." – "Du willst also den Abend lieber mit Frau Plath als mit mir verbringen?" Ich nickte, meine Freundin knallte die Tür zu, und ich war heilfroh, allein mit Sylvia zu sein. Erregt hatte ich über ihre Begegnung mit Ted Hughes gelesen und unendlich bekümmert von ihrem Selbstmord 1963 mit nur 30 Jahren in London. Das Schreckliche zog mich an, und doch war auch so viel Heiterkeit in ihren Texten, so ein eloquenter Zynismus, der mich oft lachen ließ.
Eine Entdeckung verwirrte mich. Ich legte die Briefe und die Tagebücher nebeneinander und fand heraus, dass sie an ein und demselben Tag völlig unterschiedliche Dinge über sich erzählte. Ihrer Mutter schreibt sie einen beschwichtigenden Brief, wie großartig es ihr im Studium gehe und mit welcher Zuversicht sie in die Zukunft schaue, ihrem Freund einen kindlichen Brief, in dem sie sich kleinmacht, ihrer neuen Liebe Ted einen wilden Brief voller Anspielungen und Unvorsichtigkeiten, und schließlich notiert sie in ihrem Tagebuch, wie sie gegen ihren übermächtigen Dämon kämpft – Johnny Panic nennt sie ihn. Alles innerhalb von 24 Stunden, und keiner der Briefe ist gelogen.
Alle diese Wahrheiten schienen, ohne sich gegenseitig auszuschließen, dicht gedrängt nebeneinander Platz in ihr zu finden. Mich hat das damals in Bielefeld schwer irritiert. Es war mir unheimlich, wie sehr ihr Leben nach meinem griff. Das gelingt wirklich nur ganz wenigen Schriftstellern, dass man fest daran glaubt, genau derjenige zu sein, für den ein Buch geschrieben worden ist.
MEYERHOFF, Jahrgang 1967, lebt in Wien. Er ist Schriftsteller und Schauspieler und gehört zum Ensemble des Burgtheaters. Zuletzt veröffentlichte er den autobiografischen Familienroman Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, dritter Teil seiner erfolgreichen Reihe Alle Toten fliegen hoch.
Sylvia Plath: Die Glasglocke 1963

LITERATUR SPIEGEL 6/2016
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