23.11.2017

Bullerbü für Erwachsene

Mariana Leky fragt in ihrem Erfolgsroman Was man von hier aus sehen kann nach den Glücksaussichten für die Bewohner eines Dorfs im Westerwald. Von Claudia Voigt
SEIT 17 WOCHEN steht dieser Roman auf der Bestsellerliste. Zwischen Elena Ferrantes weltweit bejubelter Freundinnen-Saga und groß beworbenen internationalen Thrillern, zwischen Büchern, für die Verlage enorme Summen gezahlt haben und deren gute Platzierungen auf der Liste nur der letzte in einer Reihe genau geplanter Erfolgsschritte ist. So weit, so überraschungslos. Dass sich dazwischen ein Titel hält, mit dem niemand gerechnet hatte, freut einen klammheimlich. Es ist dieselbe Freude wie beim Sport, wenn bei einem großen Wettkampf plötzlich ein Unbekannter im Favoritenfeld auftaucht und zeigt, dass Geld und Doping nicht alles sind. Auch nicht in der Buchbranche.
Dazu passt, dass Mariana Lekys Roman Was man von hier aus sehen kann mit einem Zitat Hugo Girards beginnt, der viele Jahre um den Titel des "Stärksten Mannes" stritt und ihn hin und wieder auch gewann: "It's not the weight of the stone. It's the reason why you lift it" – nicht das Gewicht des Steines ist entscheidend, sondern der Grund, warum du ihn anhebst. Der Kölner DuMont-Verlag bringt seit 2001 die Bücher Mariana Lekys heraus, und die vage Aussicht, dass 16 Jahre später ein echter Bestseller dazuzählen könnte, wird nicht der Grund dafür gewesen sein. Sie haben bei DuMont auch dieses fünfte Buch von Leky mit Sorgfalt verlegt. Zwei blutrote erste und letzte Seiten rahmen die Geschichte ein, das Lesebändchen hat dieselbe Farbe. Vor allem wurde darauf verzichtet, den Titel irgendwie zu verschnörkeln. Stattdessen steht dort in ebenfalls blutroten Großbuchstaben: Was man von hier aus sehen kann.
Damit deutet sich schon an, dass vom eigenen Standpunkt aus nie alles erkennbar und erst recht nicht zu durchschauen ist. Zumal die Betrachtungen in diesem Roman von der deutschen Provinz aus angestellt werden – die Geschichte spielt in einem Dorf im Westerwald. Am Ausgang dieses Dorfes wohnt die traurige Marlies, und der zehnjährige Martin findet das ganz passend, weil die miese Laune von Marlies jeden, der hinterrücks ins Dorf einfallen wollte, gleich wieder in die Flucht schlagen würde. Martin ist der beste Freund von Luise, er ist auch ihr einziger Freund, denn es gibt sonst keine Kinder in dem kleinen Dorf. Luises Vater rät allen immerzu, "mehr Welt hereinzulassen", doch den Rat beherzigt niemand. Konsequenterweise begibt er sich irgendwann auf eine nicht enden wollende Weltreise. Und auch Luises Mutter, die Blumenhändlerin, ist eher abwesend: Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage, ob sie ihren Mann verlassen sollte, deshalb fühlt sich Luise vor allem zu ihrer Großmutter Selma hingezogen, die in einem windschiefen Haus auf einer Anhöhe wohnt.
Dieses Haus ist der Mittelpunkt der Geschichte. Ständig ist hier der Optiker zu Gast, er liebt Selma, aber die Stimmen in seinem Kopf halten ihn davon ab, es ihr zu sagen. Und Martin, dessen Mutter seinen trinkenden und pöbelnden Vater Palm vor Jahren schon verlassen hat, verbringt ebenfalls so viel Zeit wie möglich in Selmas Haus. Die vier – Luise, Martin, Selma und der Optiker – bilden eine moderne Familie in einer idyllischen Welt.
Wie Mariana Leky das Dorf und deren Charaktere entwirft, erinnert stark an Bullerbü für Erwachsene: In wenigen Häusern wohnen grundgute Menschen, die sich umeinander kümmern und ausschließlich mit ihrer kleinen Gemeinschaft beschäftigt sind. Jede der Figuren ist durch eine wesentliche Eigenschaft charakterisiert. So wie die abergläubische Elsbeth, Selmas Schwägerin, die damals den Hang zum Haus hochkam – "ungewohnt krumm, so, als ginge sie entgegen einer Strömung" –, um Selma mitzuteilen, dass deren Mann Heinrich im Krieg gefallen war. Aber das liegt lang zurück. Die Handlung setzt 1983 ein, im zweiten Teil springt der Roman ins Jahr 1995, der dritte Teil spielt 2005. Luise ist die Erzählerin der Geschichte, eine nahezu allwissende Erzählerin, aus einem nicht näher bestimmten Jetzt berichtet sie von damals.
Mariana Leky hat diesen Bullerbü-Kosmos sorgfältig konstruiert, es ereignen sich drei Todesfälle, einer in jedem Teil, die der heilen Welt realistische Risse zufügen. Vor allem aber nutzt Leky ihre erzählerischen Mittel, um einen lakonischen Abstand zu dem Idyll zu schaffen. "Wir leben in einer herrlichen Symphonie aus Grün, Blau und Gold. Das sagte der Optiker manchmal. Wir lebten in einer malerischen Gegend, in einer wunderschönen, einer paradiesischen, so stand es auch in geschwungener Schrift auf den Postkarten, die der Einzelhändler auf der Ladentheke liegen hatte. Kaum jemand im Dorf aber nahm das wahr, wir übergingen und übersprangen die Schönheit, wir ließen sie rechts und links liegen, wären aber die Ersten gewesen, die sich lautstark beschwert hätten, wenn die Schönheit um uns herum eines Tages nicht aufgetaucht wäre."
Die Autorin jongliert mit Metaphern und Motiven, die sie immer wieder auftauchen lässt, oft gebrochen durch feinen, treffenden Witz, ihr Stil bekommt so etwas Spielerisches. Was man von hier aus sehen kann ist ein leichtes und originelles Buch, dessen Gewicht trotzdem nicht zu unterschätzen ist.
Das Reizvolle an einem Dorf liegt ja in seiner Überschaubarkeit, deshalb lässt sich die große Beliebtheit von Dorfromanen beim Lesepublikum mit dem Wunsch nach gedanklichem Eskapismus in einer überkomplexen Zeit erklären. Manche Autoren, wie zum Beispiel Juli Zeh in Unterleuten, machen ihren Lesern überdeutlich klar, dass auch auf dem Dorf längst nicht alles gut ist. Mariana Leky aber hat sich gegen jegliche Didaktik entschieden. Die Themen der Zeit hat sie mit handwerklicher Finesse fast unmerklich in ihre Geschichte eingewoben: Da sind die selbstsüchtigen Eltern von Luise, die in ihren mittleren Jahren noch so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass kaum Aufmerksamkeit für ihre Tochter übrig bleibt; das Thema der Patchworkfamilie klingt an. Alle Figuren tragen unerfüllte Träume mit sich herum. Über der ganzen Geschichte steht die Frage, was es für die Identität eines Menschen bedeutet, wenn er von nur einem Ort geprägt ist. Es gibt zwei Gegenfiguren zu den Westerwaldbewohnern: den weltreisenden Vater von Luise, der immer eine schlechte Verbindung hat, wenn er von sonst woher anruft; und Frederick, einen buddhistischen Mönch. Er ist Luises große Liebe. Sie ist ihm in die Arme gelaufen, als sie im Wald des Dorfes nach ihrem Hund suchte. Frederick lebt eigentlich in Japan, er verbringt nur ein Schweigeseminar im Westerwald. Ist in Zeiten der fluiden Lebensentwürfe die Entscheidung für einen Ort und für einen Menschen überhaupt noch möglich? Der Erfolg von Mariana Lekys Roman zeigt, dass zumindest die Sehnsucht danach groß ist.
Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. DuMont; 316 Seiten; 20 Euro.
Von Claudia Voigt

LITERATUR SPIEGEL 12/2017
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