23.11.2017

Die iPhone-Protokolle

Herrlich indiskret:Der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis und Die ganze Geschichte der Eurorettung. Von Peter Müller
IM JANUAR 2015 ist Griechenland so gut wie pleite, nach zwei milliardenschweren Hilfspaketen droht die Wiege der europäischen Demokratie abgeschrieben zu werden als Totalverlust am Rande des Kontinents. Die Frage, wie hoch die nächste Rentenkürzung in Athen ausfallen müsste, um die Auflagen der Eurogläubiger zu befriedigen, bestimmt die Nachrichten. In Brüssel drängt die sogenannte Troika auf Reformen, in Athen wehren sich die Bürger gegen das Spardiktat aus der EU-Hauptstadt.
Das ist die Bühne, die Yanis Varoufakis nach dem Wahlsieg der linksgerichteten Syriza-Partei betritt. Binnen Kurzem steigt der marxistisch angehauchte Wirtschaftsprofessor zum Star der europäischen Linken auf – und gleichzeitig zum Albtraum der Brüsseler Euroretter. In seinem Buch Die ganze Geschichte – Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment beschreibt der Mann, der Ministerkollegen schon mal im Ledermantel aufgesucht hat, seine 162 Tage als Finanzminister. Den Leser erwarten an die 700 Seiten Wut.
Die Stärke des Buches liegt nicht in ökonomischen Erörterungen oder in den politischen Einschätzungen, die Varoufakis liefert, im Gegenteil: Mit seinen oft weltfremden Erwägungen zerstörte der Wirtschaftsprofessor schon zu Beginn seiner kurzen Amtszeit bei den Gläubigern jedes Vertrauen in die neue Regierung. Seinem Buch hätte weniger Schaum vor dem Mund ebenfalls gutgetan. Mal wettert Varoufakis gegen das "Schuldengefängnis", in dem sein Land stecke, mal brandmarkt er die Sparauflagen als "fiskalisches Waterboarding". An vielen Stellen blitzt auch sein übergroßes Ego durch, das einer Lösung des Dramas ebenso im Weg stand wie die Hartleibigkeit der Troika aus Europäischer Zentralbank, Europäischer Kommission und Internationalem Währungsfonds.
Interessant ist das Buch dort, wo Varoufakis detailgenau interne Debatten aus der Euro-Gruppe oder von seinen Unterredungen mit dem damaligen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wiedergibt. Diese Passagen, die er offenbar oft ohne Wissen der Gesprächspartner mit dem iPhone aufgezeichnet hat, geben dem Buch seine Würze. An diesen Stellen gleicht es tatsächlich dem Politthriller, der auf dem Umschlag versprochen wird: gut geschrieben, voller Tempo und vor allem – herrlich indiskret.
So würde man beispielsweise schon gern wissen, ob es stimmt, dass Varoufakis und Schäuble klandestin verabredeten, wie sie Kanzlerin Angela Merkel dazu bringen könnten, über einen zeitweiligen Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone nachzudenken. Ausgerechnet der deutsche Finanzminister, der Varoufakis beim ersten Treffen den Handschlag verweigerte, soll im Mai 2015 mit dem Griechen einen gemeinsamen Plan ausbaldowert haben. "Die Eurozone wird viel stärker sein, wenn sie durch den Grexit diszipliniert wird", lautete Schäubles Kalkül. Der Mann hatte nur ein Problem: Die Kanzlerin war nicht seiner Ansicht.
Daher schlägt Schäuble Varoufakis einen Pakt vor: Der Grieche solle helfen, Merkel zu überzeugen. Im Gegenzug wolle Schäuble Hilfen organisieren, um die Folgen des Euroaustritts für Griechenland abzufedern, darauf hofft Varoufakis. Die beiden verständigen sich, dass Premier Alexis Tsipras Schäubles Idee bei Merkel vortragen soll.
Heute weiß man, dass der Plan nicht aufging, Merkel scheute den Grexit, wohl zu Recht. Als Tsipras die Kanzlerin verabredungsgemäß mit Schäubles Idee konfrontierte, war sie "verärgert", erfahren wir. Sie wolle darüber nicht nachdenken. "Dann fügte sie noch den Unheil verheißenden Satz hinzu: ,Wenn er (Schäuble) damit noch einmal kommt, lassen Sie es mich wissen.'"
Muss man Varoufakis das alles glauben? Natürlich nicht. Varoufakis' Buch ist die Schilderung eines Insiders über die womöglich dramatischsten Monate der Griechenlandrettung, extrem subjektiv, hart mit Freund und Feind, aber warum auch nicht? Andere können ihm ja gern widersprechen. Ein bisschen erstaunt es, mit welcher Zurückhaltung der Band bislang in Deutschland aufgenommen wird. Sicher, die Geschichte der Griechenlandkrise muss nach der Lektüre von Varoufakis' Buch nicht neu geschrieben werden, aber die ein oder andere neue Frage stellt sich schon: Von Schäuble etwa würde man gern wissen, ob die Begebenheit stimmt, die sich bei seinem ersten Aufeinandertreffen mit Varoufakis in der Euro-Gruppe zugetragen haben soll.
Der Wahlsieg Syrizas ändere nichts an den Verpflichtungen der griechischen Regierung gegenüber ihren Gläubigern, habe Schäuble damals gesagt. "Man kann nicht zulassen, dass Wahlen die Wirtschaftspolitik beeinflussen."
Yanis Varoufakis: Die ganze Geschichte – Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment. Kunstmann; 664 Seiten; 30 Euro.
Von Peter Müller

LITERATUR SPIEGEL 12/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


LITERATUR SPIEGEL 12/2017
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.