28.04.2018

Hundert Flüche, hundert Segenswünsche

Von Ronya Othmann Meine jesidische Familie floh aus der Türkei, aus dem Irak, aus Syrien. Mein Vater lebt in Deutschland und will in Kurdistan begraben sein – in einem Land, das es nie gab. In seiner Geburtsurkunde steht: Adschnabi, Ausländer.
EINE BLUME, GRÜN, rot und gelb. Spätnachmittage lang bin ich meiner Großmutter durch den Garten gefolgt. Ihrem geblümten Rock, ihrer bunten Schürze, ihrem Kopftuch. Mit dem Wasserschlauch vom Brunnen im Hof in die hintersten Ecken des Gartens, wo man über die Felder in das weite Land sehen konnte. In der Ferne die Berge, die türkische Grenze.
Meine Großmutter und ich haben die Erde getränkt, den rissigen Boden. Wir sind von Beet zu Beet gegangen, von Baum zu Baum. Wir haben eine Plastikplane ausgelegt. Wir haben die Oliven vom Baum geschlagen, die auf die Plane fielen wie ein schwerer Regen.
In den Sommern habe ich neben meinem Großvater im Schatten gesessen. Er hat mir das Zigarettendrehen beigebracht, den Tabak auf das dünne Blättchen, das Papier um den Tabak schlagen, den Rand mit der Zungenspitze anfeuchten. Von meiner Großmutter habe ich Nan backen gelernt. Ich habe neben ihr am Lehmofen gestanden, die Teigkugeln zwischen den Händen geschlagen, bis der Teig ein Fladen war.
Jede Nacht habe ich draußen geschlafen. Bei Sonnenaufgang bin ich wach geworden, wenn meine Großmutter ihre Morgengebete murmelte. Ich erinnere mich noch genau, wie sie im Wohnzimmer sitzt, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, ihr langes, weißes Haar kämmt, es zu Zöpfen flicht. Dieses weiße Haar, das wir selten zu sehen bekamen, weil sie es meist unter ihrem Kopftuch versteckte.
Im Garten meiner Eltern wachsen Zwiebeln, Tomaten, Zucchini, Petersilie und Weintrauben. Im Gewächshaus zieht mein Vater Tirozî, eine Gurkensorte. Die Samen hat er aus dem Garten meiner Großeltern. Wie auch im Großelterngarten gibt es im Garten meiner Eltern Bienen. An den Wochenenden backt mein Vater Nan, so dünn wie Lappen.
Wenn er einen Lehmofen hätte, sagte mein Vater, wäre das Nan wie zu Hause.
Am Garten meiner Großeltern wurden alle weiteren Gärten in der Familie gemessen. Keiner reichte an ihn heran. Alles, was wir in den Sommern aßen, kam aus diesem Garten. Die Tomaten, Gurken, Zwiebeln, der Knoblauch, die Feigen, selbst der Tabak, den mein Großvater rauchte. Ein paar Tage bevor wir zurück nach Deutschland fuhren, packte die Großmutter unsere Koffer voll mit getrockneten Okraschoten, eingelegten Peperoni, gesalzenen Sonnenblumenkernen.
Wegen eines Gartens zogen wir von München auf das Dorf. Wenn ich mit meinem Vater im Garten war und ihm beim Unkrautzupfen half, sprach er von den Granatapfelbäumen, die er pflanzen würde, wenn er noch zu Hause wäre. Wie gut sie wachsen würden; die Erde war besser, und Sonne gab es genug.
Es war, als ob unser Garten nur eine billige Kopie des Paradieses war und die Tomaten, die wir aßen, nur ein Ersatz für die eigentlichen Tomaten. Als ob die Tomaten mit ihrem wässrigen Geschmack uns nur daran erinnerten, wie die Tomaten schmecken würden, wäre unsere Familie nicht ins Exil gegangen.
Mit der Sprache war es ähnlich. Irgendwann in meiner Kindheit sind wir dazu übergegangen, im Alltag Deutsch zu sprechen. Heute ist mein Kurdisch nur noch der Nachgeschmack eines Kurdisch, das ich hätte sprechen können.
Vor ein paar Wochen hat mein Vater begonnen, eine Liste anzufertigen. Hundert Flüche und hundert Segenswünsche. Alle paar Tage, sagt er, falle ihm ein neuer ein.
Ich habe nachgezählt, ich komme auf maximal 5. 195 fehlen mir, um das zu sagen, was ich eigentlich sagen könnte.
Unsere Familie stammt ursprünglich aus dem Gebiet der heutigen Türkei. Meine Großeltern sind dort aufgewachsen. Sie lebten in einer Region, die man Bisêri nannte, in der Nähe der antiken Stadt Hasankeyf. Sie besaßen dort Land am Ufer des Tigris. Es war fruchtbares, grünes Land; es zu besitzen bedeutete Reichtum, erzählte mein Vater, der diese Heimat meiner Großeltern wiederum nur aus deren Erzählungen kannte.
Unsere Familie lebte dort, bis eines Tages fanatische Muslime kamen, die das jesidische Dorf umzingelten und über Nacht einen Überfall planten. Meine Leute ließen ihr Hab und Gut zurück und flüchteten in alle Himmelsrichtungen. Ein Teil fand im heutigen Irak Zuflucht, im Sindschar, wo sie 2014 vom IS wieder vertrieben wurden. Ein anderer Teil, meine Großeltern, im heutigen Syrien im Gebiet des Stammesführers Haco.
Ich habe versucht, das Dorf, in dem meine Großeltern aufgewachsen sind, auf Google Maps zu finden, doch ich kannte nur seinen kurdischen, nicht aber den türkischen Namen, den das Dorf heute trägt. In der syrischen Geburtsurkunde meines Vaters ist vermerkt: Nationalität: Adschnabi, Ausländer.
Nach der Hasaka-Volkszählung von 1962 hatte man meiner Familie wie vielen anderen Kurden die Staatsbürgerschaft entzogen, andere hatten sie nie. Ohne Staatsbürgerschaft durften sie weder das Land verlassen, noch hatten sie Zugang zu medizinischer Versorgung. Sie konnten weder wählen noch sich zur Wahl stellen oder heiraten. So blieben meine Großeltern bis zu ihrem Tod vor dem Gesetz unverheiratet.
Wenn man meinen Vater fragt, woher er kommt, sagt er, aus Kurdistan. Aus einem Land, das es nie gegeben hat, aufgewachsen in einem Staat, dessen Bürger er nie war. Ich habe mich manchmal gefragt, wo das Exil in meiner Familie seinen Anfang nahm. War es, als sie das erste Mal ihr Dorf verlassen mussten oder als man ihnen 1962 die Staatsbürgerschaft entzog; war es, als mein Vater Syrien verließ oder als alle anderen 2014 nach Deutschland kamen? Und nahm es irgendwann ein Ende? Ist das Exil ein Raum oder eher eine Zeit, was ist der Stoff, aus dem es gemacht ist?
Frag Tauben, Frag Freunde, Kameraden/ Frag die Mauern des Gefängnisses/ sie werden dir die Wahrheit sagen.
Das erste Mal auf einem Konzert von Şivan Perwer, da war ich so jung, dass ich mich nicht einmal mehr daran erinnern kann. Seine Lieder liefen bei uns im Auto, mein Vater spielte sie auf der Saz und sang mit meinen Geschwistern und mir. In den Straßen einer europäischen Stadt/ bin ich einem kurdischen Mädchen begegnet, das umherirrte. Niemand besang unser Exil treffender als Şivan Perwer, der selbst 1976 gezwungen war, nach Europa zu gehen. Ich habe Sehnsucht nach dir. Min bêriya te kiriye, Kurdistan.
2004 sah ich ihn das zweite Mal spielen, auf einer Demonstration in Köln. Ich war elf Jahre alt und hatte das Exil unserer Familie satt. Ich wollte nicht hier sein an diesem Samstagnachmittag, mit den kurdischen Frauen, die in ihr Kopftuch weinten, und Leuten, die Bilder von den Getöteten in die Luft hielten.
Ich stellte mich ein wenig abseits, tat so, als hätte das alles nichts mit mir zu tun. Die lauten Bijî-Kurdistan-Rufe, die Flaggen, die schlecht gemalten Transparente. Meine Familie, mein Vater, der schon in den Jahren vor meiner Geburt von Demonstration zu Demonstration gegangen war, gegen die Operation "Anfal" im Irak, der Unterschriften gesammelt hatte, um diese oder jene kurdische Aktivistin aus dem Gefängnis zu holen. Was hatte es genützt? Ich wollte beim Abendessen keine Geschichten mehr von Minenfeldern hören, auch nicht von türkischen Gefängnissen.
Als Şivan Perwer die Bühne betrat, mit seiner Saz, und seine kräftige Stimme sang, Kîne em / Wer sind wir, fing ich an zu weinen.
Meine Geschwister und ich sind in das Exil unseres Vaters hineingeboren. Loswerden konnten wir es nicht. Mein Bruder hat sich auf seinen linken Unterarm das Wort azadî, Freiheit, tätowieren lassen, zwei Jahre zuvor den Namen unseres ermordeten Urgroßvaters. Als der IS 2014 den Sindschar überfiel, war meine Schwester auf einer Demonstration in Hannover, ich in München, und wir telefonierten täglich. Unsere Familie versammelte sich ein paar Tage später vor dem Fernseher meiner Eltern.
Wer konnte sonst verstehen, was gerade geschah? Den deutschen Freunden musste ich meist erst erklären, was die Massaker an den Jesiden mit mir zu tun hatten, mich dafür rechtfertigen, dass ich Tag und Nacht vor dem Fernseher saß und über nichts anderes und nicht einmal darüber wirklich sprechen konnte.
Spätestens während des Genozids an den Jesiden, aber auch schon vorher, als die Proteste gegen das Regime 2011 in Syrien begannen, wurden in unserer Familie persönliche Streitereien beigelegt. Hatte ich zwei Jahren lang kaum mit meinem Vater gesprochen, fuhr ich 2011 wieder regelmäßig nach Hause. Unsere Verwandten in Syrien und im Irak befanden sich im Krieg. Leute, die wir kannten, wurden getötet.
Wenn ich in Kurdistan bin, treffe ich immer wieder Väter, die mir sagen, dass ihre Söhne wegen meiner Musik gehängt wurden, sagte Şivan Perwer in einem Interview.
Mein Vater floh 1980, er war 20 Jahre alt. In der Türkei geriet er in eine Straßenkontrolle. Die Gendarmen fanden Kassetten von Şivan. Sie nahmen alle, die im Auto waren, fest. Die Hände auf dem Rücken, eine Plane über dem Kopf, damit sie nicht wussten, wohin man sie brachte. Die ganze Nacht in dieser Haltung. Wie man ihm und den anderen Gefangenen den Schädel rasierte, sie zum Kohleschaufeln in den Keller schickte, mein Vater erzählt davon. Wie sie ihn ein paar Tage später in ein anderes Gefängnis brachten, wieder die Hände hinter dem Rücken, die Plane über dem Kopf. Wie er in einem kleinen Raum landete, mit 33 anderen Gefangenen. Der jüngste war zwölf Jahre alt und weinte jede Nacht. Tagsüber Verhör, die Schläge mit den Stromkabeln auf die Fußsohlen, mit dem Gewehr auf Rücken und Schultern.
Mein Vater erzählte das Gefängnis an unserem Küchentisch, nach dem Abendessen. Er spuckte die Schalen der Sonnenblumenkerne in ein Taschentuch.
Das Gefängnis meines Vaters ist Teil unseres Exils geworden. Ich habe dieses Exil angetreten wie ein Erbe. Weil man ihn dort gefoltert hat, für ein paar Musikkassetten von Şivan und Gulistan, bin ich, obwohl hier geboren, mit deutschem Pass und deutscher Mutter, Kurdin.
So, wie ich unser Exil nicht ohne die Lieder Şivans denken kann, kann ich es nicht ohne den Fernseher im Wohnzimmer denken. Wir sahen dabei zu, wie sie Saddam von seinem Sockel stürzten, wie er aus einem Erdloch gezerrt wurde, wie sie ihn und Chemie-Ali, der das Giftgas über Halabdscha abwerfen ließ, verurteilten. Wir hörten an allen "Anfal"-Gedenktagen die Reden der Politiker. Wir sahen dabei zu, wie die Proteste in Syrien begannen, in Aleppo, Homs, Damaskus, Kamischlu, wie die Massen sangen, wie das Regime in die Menge schießen ließ, wie die Fassbomben flogen. Wir sahen diesem Krieg vom Sofa aus zu.
Den August 2014 verbringe ich auch tagsüber vor dem Fernseher. Ich sitze im halbdunklen Wohnzimmer bei meinen Eltern oder zu Hause im Bett. Auf allen Kanälen dieselben Bilder. Ich dusche und esse, wenn mir auffällt, wie lange ich es schon nicht mehr getan habe, wenn mich der Schwindel überkommt.
Ich sehe Frauen in den Kleidern meiner Großmutter, meiner Tante, meiner Cousinen, Männer wie meinen Großvater, meinen Vater, meinen Onkel, meine Cousins. Ich sehe sie, wie sie mit nichts außer dem, was sie bei sich tragen, über die Berge, Singal birîndar ê / Sindschar ist verwundet, um ihr Leben rennen. Es ist Hochsommer. Sindschar sei umzingelt, heißt es. Zwei Reporter bei Rûdaw fangen, anstatt zu berichten, an zu weinen. Die jesidische Abgeordnete Vian Dakhil bricht bei ihrer Rede vor dem irakischen Parlament zusammen.
Ich muss an meine Großmutter denken, deren Vater man ermordete, weil er Jeside war. Meine Familie, die nachts aus ihrem Dorf fliehen musste, weil man es umstellt hatte. In den Bergen von Sindschar verdursten Kleinkinder, Alte, Kranke. Die Männer und die älteren Frauen, die es nicht schaffen zu fliehen, töten sie, und die jüngeren Frauen und Kinder nehmen sie mit als Kriegsbeute, verkaufen sie weiter auf den Sklavenmärkten, für die Kämpfer des IS. Frauen, die meinen Namen, den meiner Schwester, meiner Cousine tragen.
Ich lese, dass sie den Frauen, die sie gefangen nehmen, als Erstes die Bänder abschneiden, die sie um die Handgelenke tragen. Es sind dieselben Bänder, die wir jedes Jahr zu Çarşema Sor im April bekommen. Sie sollen uns schützen. Man darf sie nicht abschneiden. Wenn sie sich von allein lösen, soll man sie an den Ast eines Baumes binden und sich etwas wünschen.
Ich saß mit meiner Familie vor dem Fernseher. Ich wollte kämpfen gehen. Wie die Familie Şeşo verließen Bäcker, Politikwissenschaftler, Studenten Deutschland, um sich den jesidischen Einheiten anzuschließen. Leyla Qasim war so alt wie ich, als man sie in Bagdad hinrichtete.
Nach diesem 3. August veränderte sich unser Exil. All die Jahre hatte mein Vater davon gesprochen zurückzukehren – nach dem Fall des Baath-Regimes im Irak; 2005, als die Autonomie der Region Kurdistan in der irakischen Verfassung anerkannt wurde; nach den Protesten gegen die Assad-Diktatur 2011 in Syrien. Ein Jahr noch, dann ist Baschar weg und Syrien eine Demokratie.
Nach dem 3. August 2014 gab es keinen Ort, an den wir zurückkehren konnten.
Unsere Familie in Syrien verließ ihr Dorf, ihren Hof, ihren Garten. Es wird nur für ein paar Tage sein, hatte mein Onkel meiner Großmutter gesagt, die Familie in Deutschland besuchen. Nur für ein paar Tage.
Meine Großmutter stand auf einer Liste. Sie konnte als Kontingentflüchtling nach Deutschland kommen, zu ihrem zweitältesten Sohn, meinem Vater.
Meine Großmutter packte ihren Koffer. Einen Kamm, ein Stück Seife, drei Kleider. Und ein Leichentuch, das sie in den Tagen vor ihrer Abreise genäht hatte, die Ränder sorgfältig umgeschlagen, mit weißem Garn bestickt.
Mit dem Auto in Richtung türkische Grenze, an den Checkpoints vorbei, das letzte Stück trug mein Onkel sie. Warnschüsse der türkischen Grenzpolizisten. Mein Onkel blieb in Syrien, übergab meine Großmutter an der Grenze meinem Vater. Mein Onkel und seine Familie standen nicht auf der Liste der Kontingentflüchtlinge.
Meine Großmutter lebte nur drei Jahre im deutschen Exil. Es war die zweite Flucht in ihrem Leben. Die Gründe hatten sich nicht verändert. Beide Male musste sie gehen, weil sie Jesidin war. Hatte meine Großmutter ihr Leben lang kaum darüber gesprochen, wie man ihren Vater ermordete und sie das Dorf verlassen mussten, als sie noch ein Kind war, fing sie nun an zu erzählen, mehr zu singen. Sie saß im Garten meiner Eltern, in der Küche, im Wohnzimmer, fror und sang Klagelieder. Sie beschwerte sich, warum kommen keine Nachbarn zum Tee. Nachts wachte sie auf, fing an zu weinen. Sie wollte nicht essen, ihre Kinder, Enkelkinder erkannte sie nicht wieder. Wir mussten die Tür absperren. Einmal fand ich sie vorn an der Straße, sie sagte, ich gehe nach Hause. Nur ein paar Felder weiter, da ist mein Dorf. Ich kann schon die Häuser sehen.
Als sie dann starb, suchten wir nach dem Leichentuch, dass sie sich die Tage vor ihrer Abreise im Dorf genäht hatte. Wir konnten es nicht finden, bis mein Vater sagte, er hätte es in der Türkei weggeschmissen. Mit einem Leichentuch, sagte er, tritt man keine Reise an.
Mein Cousin brachte den Sarg in die Türkei, bis zur syrischen Grenze, wo ihn Leute aus dem Dorf entgegennahmen. Sie schickten uns ein Video, wie sie meine Großmutter neben meinem Großvater beerdigten. Nachdem wir uns das Video angesehen hatten, sagte mein Vater, wenn er sterbe, wolle er in Kurdistan begraben sein.
Das Erzählen war fester Bestandteil des Lebens im Dorf, unsere schriftlose Religion war darauf angewiesen. Und im Gegensatz zu dem gedruckten Wort konnte es nicht zufällig bei einer Razzia gefunden werden. Die Erzählungen trug man auf der Zunge, die Mundhöhle ist ein gutes Versteck.
Das Erzählte wurde gesungen. Es gibt eine jesidische Legende, da heißt es, Gott erschuf erst den Körper, dann die Seele, die sich weigerte, den Körper zu betreten, und so schuf Gott die Musik, die die Seele dazu bewegte. Auch hochpolitische Lieder sind getarnt als Liebeslieder, Kurdistan, die schöne Frau, Lieder über Natur.
Das Erzählen am Küchentisch ist fester Bestandteil unseres Exils. Wir sind darauf angewiesen. Jetzt im siebten Jahr des Krieges, wo wir unsere Dörfer verlassen haben, ist es das Einzige, was uns geblieben ist.
Mein Vater ist ein guter Erzähler. Einer, der sein Handwerk gelernt hat, von den Dengbêj, die die Geschichten von Schlachten, Liebe und Tod sangen, von den Qewals, die von Dorf zu Dorf zogen, die unser heiliges Buch auf der Zunge trugen.
Wo bist Du, mein Kurdistan, wo sind meine Gärten?
Die Erzählungen trug mein Vater mit sich wie einen Koffer. Die Erzählungen konnten die Grenzen passieren, während es der Garten meiner Großeltern nicht konnte. Die Erzählungen wurden zu unserem Garten. Sie nähren unser Exil. Und halten uns vor, was wir verloren haben.

Ich saß mit meiner Familie vor dem Fernseher. Ich wollte kämpfen gehen.

Die Erzählungen trug man auf der Zunge, die Mundhöhle ist ein gutes Versteck.

Von Ronya Othmann

LITERATUR SPIEGEL 5/2018
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