AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2017

Kultur trotz Krise Warum sich Athen ein Luxus-Opernhaus gönnt

Im Beinahe-Pleitestaats Griechenland wird ein luxuriöser Kulturpalast für 600 Millionen Euro eröffnet; das Geld kommt von einer privaten Stiftung. Ein Symbol des Neuanfangs?

Kulturzentrum mit Nationalbibliothek und Nationaloper in der Athener Vorstadt Kallithea
YIORGIS YEROLYMBOS

Kulturzentrum mit Nationalbibliothek und Nationaloper in der Athener Vorstadt Kallithea


Das Stadtzentrum von Athen ist immer noch ein Riesenschlafplatz unter freiem Himmel. Unter den Bögen der sandfarben getünchten Agia-Irini-Kirche im Stadtteil Monastiraki zum Beispiel legen sich jeden Abend Männer auf Pappkartons zum Schlafen hin, so wie es Hunderte andere Erschöpfte vor Athener Ladeneingängen, Einkaufspassagen und Kirchen auch im Jahr sieben der sogenannten europäischen Schuldenkrise halten. Manche der Straßenschläfer sind Griechen, manche Rumänen, manche Syrer. Abend für Abend bekommen sie kurz vor Mitternacht Besuch von einem kleinen Trupp Studentinnen und Studenten, die für eine Hilfsorganisation durchs Quartier streifen und Wasser, Kekstüten und Wärmedecken verteilen.

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Heft 42/2017
SPIEGEL-Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Unten am Meer, nur sechs Kilometer von Monastiraki entfernt, wird an diesem Sonntag die neue griechische Nationaloper eröffnet - in einem Bau im südlich von Athen gelegenen Kallithea, der rund 600 Millionen Euro gekostet hat. Es ist ein Riesengebäude des italienischen Großarchitekten Renzo Piano, hingestellt in einer für derlei Projekte erstaunlich kurzen Bauzeit. Der Zuschlag an Piano erfolgte im Januar 2009. Auf dem Gipfel eines künstlichen Hügels, inmitten eines eigens angelegten Parks aus Olivenbäumen, Rasenflächen und einem 400 Meter langen Kanal, ragt heute ein Palast aus Glas, Stahl und Beton auf, von dessen Aussichtsplattform aus man einen grandiosen Blick auf den Saronischen Golf hat. Die zur Athener Innenstadt hin gelegene Hälfte des Palasts beherbergt die griechische Nationalbibliothek, die näher am Meer liegende Hälfte die Nationaloper.

Der Operndirektor ist ein schmaler, sehr ruhiger Mann namens Giorgos Koumendakis. Er sagt über sein 1400 Menschen Platz bietendes Theater, zu dem ein großes Café, zwei hallengroße Ballettprobenräume mit Meerblick, Orchesterprobensäle, ein Tonstudio und viel mehr großzügiges Interieur gehören: "Die neue griechische Nationaloper ist das Symbol eines Neuanfangs. Sie steht für eine Freiheit, die leider nicht vielen Menschen in unserem Land vergönnt ist. Für künstlerische Arbeit unter bestmöglichen Bedingungen."

Koumendakis ist international bekannt geworden als Komponist. Er hat unter anderem die Musik für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Athen im Jahr 2004 komponiert. Zum künstlerischen Leiter der Nationaloper machte ihn im Februar die griechische Kulturministerin Lydía Koniórdou , eine Frau der Syriza-Partei von Ministerpräsident Alexis Tsipras, der aufgrund des griechischen Schuldendramas zu Europas umstrittensten Politikern zählt.

Mit dem Bau des Architekten Piano für Nationalbibliothek und Nationaloper haben weder Koumendakis noch griechische Politiker viel zu tun. Der Palast wurde ausgeschrieben, hochgezogen und komplett bezahlt von einer Stiftung, und er ist auch nach ihr benannt. Nicht "Nationaloper" oder "Nationalbibliothek" steht auf den Straßenschildern an den Ausfahrten der Stadtautobahnen von Athen, die hierherführen, sondern SNFCC, das Kürzel für Stavros Niarchos Foundation Cultural Center.

Betreiber der Stiftung sind die Erben des zu Lebzeiten legendären Reeders. Stavros Niarchos, gestorben 1996, war ein Freund, Konkurrent und Jetset-Spielgefährte von Aristoteles Onassis (1906 bis 1975) und hat wie dieser sehr viel Geld mit Schiffen verdient, die meist unter Billigflaggen über die Weltmeere tuckerten. Er hat für die Milliarden, die er über Jahrzehnte anhäufte, weder in Griechenland noch sonst wo nennenswert Steuern bezahlt; von der bis zum Ende des Kalten Kriegs währenden Dominanz von Niarchos, Onassis und einigen ihrer Landsleute im weltweiten Reedergeschäft durften die Griechen zu Hause also kaum profitieren.

Insofern kann man einen Akt ausgleichender Finanzgerechtigkeit darin sehen, dass Stiftungen der Reedernachfahren heute in Athen als Wohltäter auftreten. Die Stiftung der Onassis-Erben bewirtschaftet die beste Herzklinik der Stadt und ein schickes Kulturzentrum namens Stegi, die Niarchos Foundation klotzt nun mit dem Renzo-Piano-Bau für Nationalbibliothek und Nationaloper. In Zeitungen wird der Palast im Park bereits als "neue Akropolis" bejubelt. Operndirektor Koumendakis nennt sie "ein großartiges Geschenk".

Szene aus "Elektra"-Proben in der Nationaloper: "Erst essen, aber dann Kultur"
ANDREAS SIMOPOULOS

Szene aus "Elektra"-Proben in der Nationaloper: "Erst essen, aber dann Kultur"

Tatsächlich hat die Niarchos Foundation das Gebäude im Frühjahr dem Staat übergeben, schlüsselfertig, wie man bei derlei Gelegenheiten sagt. In den ersten fünf Jahren bezahlt die Stiftung die Betriebskosten des Hauses, dann muss der griechische Staat, dessen Amtsträger bis heute oft erbittert über Sparpläne und Rentenkürzungen streiten, ganz übernehmen. Fürs Erste unterstützt der Staat die Nationaloper - das einzige öffentlich subventionierte Musiktheater des Landes - mit jährlich 12,5 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Bayerische Staatsoper in München erhält jährlich 68 Millionen Euro an öffentlichen Geldern. "Unser Ziel ist es, eine wichtige Adresse unter den Musiktheatern Europas zu werden", sagt Koumendakis.

In der Vergangenheit pflegte das 1940 gegründete nationale Opernhaus, zuletzt in einem eher tristen Bau in der Athener Innenstadt untergebracht, vor allem das italienische Repertoire des 19. Jahrhunderts. Der neue Chef will es nun "für zeitgenössische Musik öffnen, die für griechische Besucher vielleicht ungewohnt ist".

Zur Galapremiere im neuen Haus hätte Koumendakis irgendein bekömmliches Musiktheater-Medley ansetzen können - so wie es in Berlin Jürgen Flimm vor Kurzem tat, als er zur Eröffnung der für 400 Millionen Euro renovierten Staatsoper Unter den Linden bunt bebilderte "Faust"-Szenen von Robert Schumann ansetzte.

In Athen startet man am Sonntag mit der "Elektra" von Richard Strauss. Das soll den Anspruch der neuen Nationaloper demonstrieren. Griechischer Tragödienstoff, den der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal für den deutschen Komponisten Strauss neu gedichtet hat. "Ich halte es für ein herausragendes, den Hörer bis heute herausforderndes Werk der Musikgeschichte", sagt Intendant Koumendakis begeistert. Ihm sei "Elektra" eine der liebsten Opern überhaupt. Mindestens so wichtig für die Stückwahl dürfte gewesen sein, dass er es geschafft hat, eine weltbekannte, aus Griechenland stammende Opernsängerin für die Mezzosopran-Rolle der Klytämnestra zu gewinnen: die große Agnes Baltsa.

Baltsa wurde vor 72 Jahren auf der Insel Levkas geboren und hat erst in Athen und dann in Deutschland studiert, sie ist nicht nur für ihre Stimme berühmt, sondern auch für ihr zupackendes, munteres Temperament. Ihre Karriere hat sie an den großen Opernhäusern in Wien, Mailand und New York, weit weg von Athen gemacht. Ihr Auftritt in der "Elektra", für den sie kein Honorar verlangt, ist ihr Debüt in der griechischen Nationaloper. Was bedeutet ihr die Gala in Athen? Sie antwortet mit heiterem Understatement: "Ich bin dankbar für alles, was mir in meinem Berufsleben passiert ist. Das gilt auch für diese Arbeit an einem wunderschönen neuen Ort." Im Übrigen schätze sie den Intellekt und die ehrgeizigen Pläne des Opernchefs Koumendakis, der sie mit dem Rollenangebot überrascht habe, sagt die Sängerin. Und, zarter Verweis auf ihr Alter: "Ich musste schon nachdenken, ob ich die Rolle der Klytämnestra wirklich annehmen soll. Aber jetzt bin ich glücklich, dass ich es getan habe."

Auch der Regisseur und der Dirigent der "Elektra" sind international geachtete Musiktheaterkünstler mit griechischen Wurzeln. Yannis Kokkos ist 73 und hat die meiste Zeit seines Lebens in Frankreich verbracht, Vassilis Christopoulos ist 42, in München geboren und hat unter anderem in Konstanz und Wiesbaden dirigiert.

Kokkos trägt prachtvolles graues Wallehaar und sprintet während der Proben lustig durch den in kräftigem Rot getäfelten Zuschauersaal der neuen Nationaloper. Von einer über den Orchestergraben führenden Stahlbrücke aus gibt er den beiden deutschen Sängerinnen Sabine Hogrefe als Elektra und Gun-Brit Barkmin als deren Schwester Chrysothemis ein paar Anweisungen. Über den Sängerinnen sieht man einen monströsen Pappmascheekrieger vom Bühnenhimmel baumeln, der den gemordeten Agamemnon symbolisiert, neben ihnen ragt ein monströser blutroter Quader auf. Das Bühnenbild hat Regisseur Kokkos selbst entworfen. "Die Wucht der antiken Tragödie", erklärt er, "die Poesie von Hofmannsthal und der sehr deutsche Feinsinn von Richard Strauss - wir wollen mit dieser ,Elektra' zeigen, wofür die neue Nationaloper steht: für Traditionsbewusstsein, für Fantasie und für Modernität."

Der Dirigent Vassilis Christopoulos ist ein nervöser freundlicher Mann, der einen kühlen Humor kultiviert. Er hat häufig in der alten Nationaloper gearbeitet. Die Eröffnungsaufführung sei ein echtes Wagnis. "Mir kommt es so vor, als versuchten die Griechen, mal schnell 110 Jahre Musikgeschichte nachzuholen mit dieser Premiere."

Christopoulos schwärmt von der Akustik und dem Raumkonzept des neuen Gebäudes, sie machten die Nationaloper für ihn zu einem "Wunder an Opernhaus". Als Deutscher, der oft in Griechenland arbeite, kenne er die Verhältnisse im Land gut und habe sich doch einen Blick von außen bewahrt. "Das, was in Griechenland funktioniert, ist fast immer ohne Beteiligung des Staates entstanden."

Tatsächlich ist der luxuriöse Opernbau zu Kallithea eine nicht bloß spektakuläre, sondern auch überzeugende Demonstration der Strahlkraft, die Kultur im besten Fall besitzen kann. Die diesjährige Kasseler Documenta, die teilweise in Griechenland stattfand, trug das oft verlachte Motto "Von Athen lernen". Im Fall der neuen griechischen Nationaloper darf man dieses Motto mal ernst nehmen. Der Dirigent Christopoulos formuliert es so: "Selbstverständlich muss man den Menschen erst zu essen geben. Aber dann kommt die Kultur."



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