Malta Files Erdogans geheimer Schiffsdeal

Ein schwerreicher Unternehmer hat dem Erdogan-Clan heimlich offenbar mehrere Millionen Dollar zukommen lassen. Das geht aus internen Papieren hervor. Ein Beweis für die Käuflichkeit des türkischen Präsidenten?
Von Craig Shaw und Peter Zink
Erdogan mit Frau und Kindern in Ankara (Archiv)

Erdogan mit Frau und Kindern in Ankara (Archiv)

Foto: Sipa Press/Action Press

Das Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa hat sich kaum verändert, seit Recep Tayyip Erdogan hier vor über 63 Jahren geboren wurde: Holzbaracken reihen sich dicht gedrängt aneinander. Von den Balkonen hängt die Wäsche zum Trocknen. Obdachlose schlafen auf Pappkartons. Erdogan hat sich aus Kasimpasa bis an die Spitze des türkischen Staates gekämpft. Er ist dabei unglaublich mächtig geworden - und unglaublich reich.

Sein Vermögen wird auf mehr als hundert Millionen Euro geschätzt. Wie er zu dem Wohlstand kommen konnte, ist unklar. Kritiker werfen dem Präsidenten Korruption und Vetternwirtschaft vor.

Interne Papiere aus dem Konvolut der "Malta Files", die dem SPIEGEL und seinen Partnern aus dem Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC) vorliegen, geben nun einen Einblick in die Geheimgeschäfte der türkischen Herrscherfamilie. Ans Licht gerät ein Deal, der dem Erdogan-Clan laut den Unterlagen bis heute 23 Millionen Dollar eingebracht haben soll.

Die Verwandlung der Türkei in eine Kleptokratie beginnt, lange bevor Erdogan massenhaft Oppositionelle verhaften und Medienhäuser schließen lässt. Sie vollzieht sich zu einer Zeit, da der damalige türkische Premier im Westen noch als demokratischer Reformer und Hoffnungsträger gilt.

Im Juli 2008 wehrt Erdogan einen weitreichenden Angriff auf seine Herrschaft ab. Vor dem türkischen Verfassungsgericht gewinnt er die Verbotsverfahren gegen ihn und seine Partei, die AKP. Als hätte es diese juristischen Akte gebraucht, macht sich seine Familie scheinbar kurz danach daran, ihre Sonderstellung auszunutzen und Geld zu verdienen - und zwar achtstellig.

Die Erdogans übernehmen im Oktober 2008 den Öltanker "Agdash" von Mübariz Mansimov, einem türkischen Milliardär aserbaidschanischer Herkunft. Das Schiff ist zu diesem Zeitpunkt so gut wie neu; erst ein Jahr ist es her, dass es bei einer russischen Werft vom Stapel lief.

Mansimov und Erdogan haben ihre Geschäftsbeziehung über Jahre hinweg angebahnt. Mansimov ist in Baku geboren, hat in der Roten Armee gedient. In den Jahren des Zusammenbruchs der Sowjetunion und nach der Unabhängigkeit Aserbaidschans arbeitete er für die staatliche Schifffahrtsgesellschaft des an Öl reichen Landes. Später gründete er seine eigene Firma Palmali.

Heute gehören Mansimov rund hundert Frachter. Er kontrolliert, nach eigenen Angaben, zwei Drittel des Ölhandels in der Schwarzmeerregion. Der Milliardär gilt als gut vernetzt. Bei der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump im Januar in Washington war er persönlich vor Ort.

Vor knapp 20 Jahren hatte Mansimov seine Unternehmungen auf die Türkei ausgeweitet - und 2006 die türkische Staatsbürgerschaft angenommen, angeblich auf Wunsch Erdogans. "Der geschätzte Herr Premierminister fragte mich: Warum wirst du kein türkischer Staatsbürger?", erzählte Mansimov in einem Interview mit türkischen Medien.

Zu dem Geschäft zwischen dem Milliardär und der türkischen Herrscherfamilie gehört ein kompliziertes Konstrukt, das sich nun mithilfe der "Malta Files" erstmals nachvollziehen lässt: Mansimov gab den Bau der "Agdash" im Frühjahr 2007 bei der russischen Werft United Shipping in Auftrag. Er nahm dafür einen Kredit über 18,4 Millionen Dollar bei der Bank Parex in Litauen auf, die lange Zeit im Verdacht stand, Gelder von Despoten und Oligarchen zu waschen, und die nach der Finanzkrise zerschlagen wurde.

Zur gleichen Zeit registrierte Erdogans Schwager Ziya Ilgen eine Firma auf der Isle of Man, einer Steueroase in der Irischen See. Ilgen, ein ehemaliger Lehrer, tritt in der Öffentlichkeit nur selten in Erscheinung. Er gilt als einer der Vermögensverwalter des Clans. Neben Ilgen waren Erdogans ältester Sohn Burak und sein Bruder Mustafa an der Firma auf der kleinen Insel beteiligt. BU für Burak, M für Mustafa, ER für Erdogan und Z für Ziya, die Kürzel der Beteiligten stecken offenbar auch im Namen der Firma, die Bumerz Limited.

Für Recep Tayyip Erdogan sind Politik wie Geschäft Familiensache. Sein jüngerer Sohn Bilal leitet unter anderem eine Stiftung, die unter Korruptionsverdacht steht. 2014 tauchten Mitschnitte eines mutmaßlichen Telefongesprächs auf, in dem Regierungschef Erdogan seinen Sohn Bilal auffordert, mehrere Millionen Dollar Schwarzgeld aus dem Haus zu schaffen.

Auch Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak ist in der Verquickung von Politik und Business geübt. Bevor er 2015 Energieminister wurde, hatte er als CEO eines Mischkonzerns geplant, wie man das Steuerrecht zugunsten des Unternehmens umgehen könne. Als er dann Minister war, änderte die Regierung die Steuergesetze wie von ihm zuvor ersonnen - auch das geht aus den "Malta Files" hervor.

Die Werft lieferte die "Agdash" im Herbst 2007 an Mansimov. Der Frachter schipperte ein Jahr lang in Nord- und Ostsee, bis er im Oktober 2008 an die Bumerz Limited überging.

Mansimov verpflichtete sich, den Parex-Kredit im Namen der Erdogans vollständig zurückzuzahlen. So wie es aussieht, überließ damit der Unternehmer die "Agdash" der Erdogan-Familie mehr oder weniger als Geschenk.

Mansimov benutzte das Schiff auch nach 2008 weiter, indem er es bei der Bumerz Limited mietete. Insgesamt kostete ihn der Deal bis Oktober 2015 etwa 21 Millionen Dollar.

Wieso geht ein erfolgreicher Geschäftsmann einen derart ruinösen Handel ein? Weil er sich das Wohlwollen der türkischen Regierung erkaufen will? Zwar gibt es keine Hinweise auf eine direkte Gegenleistung Erdogans. Jedoch zogen Mansimovs Türkei-Geschäfte nach 2008 wohl deutlich an.

So bekam der Unternehmer vom Staat den Auftrag, den Jachthafen in der Mittelmeerstadt Bodrum auszubauen, der als "Milliardärsklub" gilt, da er Prominente wie Prinz Charles oder Bill Gates anzieht. Mansimov hält Aktien an Tekfen, einer türkischen Baufirma, die er gemeinsam mit der staatlichen Ölfirma Aserbaidschans, Socar, 2008 kaufte. Tekfen ist in strategische Projekte wie die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline eingebunden.

Die Erdogans bemühen sich nach Kräften, ihre Geschäfte mit Mansimov zu verschleiern. 2011 überschrieben sie die Aktien von Bumerz auf Sitki Ayan, einen türkischen Unternehmer und Jugendfreund des Präsidenten. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Ayan die "Agdash" tatsächlich kaufte. Ein Dokument legt nahe, dass Erdogans Schwager Ziya Ilgen Eigentümer des Frachters blieb. Weder Mansimov noch Ayan, noch die Mitglieder der Erdogan-Familie waren zu einer Stellungnahme bereit.

Erdogan wird im Westen oft als Ideologe wahrgenommen, als Islamist. Die "Malta Files" zeichnen ein komplexeres Bild - das einer Familie, für die Geld mindestens ebenso wichtig ist wie politische Überzeugungen.

2015 verlängerte Mansimov den Vertrag mit Bumerz um weitere fünf Jahre. Er mietet die "Agdash" demnach für 3400 Dollar am Tag. Die Erdogans und ihre Gehilfen dürften somit jedes Jahr mehr als eine Million Dollar an dem Frachter verdienen.