AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2017

Schulz über Bücher und Literatur "Papa, da fang ich an zu weinen"

Was liest der berühmteste Ex-Buchhändler des Landes? Welche Themen fesseln ihn, welche Autoren? Martin Schulz über seine halb erzwungene Berufswahl, das ewige Faszinosum Hitler - und darüber, warum sein eigenes Tagebuch seine Tochter zu Tränen rührt.

Tagebuchschreiber Schulz
Hannes Jung / DER SPIEGEL

Tagebuchschreiber Schulz

Ein SPIEGEL-Gespräch von und


Schulz, 61, empfängt im Vorzimmer seines neuen Büros im Willy-Brandt-Haus. Auf dem Weg hinein beginnt er gleich, den ersten Text aus dem Kopf zu zitieren, eine Passage aus den "Geschichten vom Franz", einem Buch von Christine Nöstlinger, aus dem er immer seinen Kindern vorgelesen hat. Darin geht es um einen Jungen, der zu klein ist für sein Alter, und wegen seiner Locken halten ihn alle für ein Mädchen - das ist sein Problem. Schulz ist kaum zu stoppen.
Im Büro sind die Buchregale noch fast leer. Die rote Ausgabe der Werke Willy Brandts leuchtet recht ungelesen im Zentrum, rechts daneben die vierbändige "Geschichte des Westens" von Heinrich August Winkler, Ian Kershaws "Höllensturz", Ernst Jüngers "Strahlungen" (Band eins bis drei) in einer alten, zerlesenen dtv-Ausgabe, zwei Hans-Fallada-Bände, Joachim Fests "Die unbeantwortbaren Fragen", Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern", "Der General in seinem Labyrinth" von Gabriel García Márquez, "Bel Ami" von Maupassant und Isabel Allendes "Das Geisterhaus".
Rechts unterhalb der Brandt-Werke ein leeres Fach mit Fernsehanschluss. "Selbst den Fernseher hat der Gabriel mitgenommen?", fragen wir. "Nee, den habe ich da rausnehmen lassen", antwortet Martin Schulz. Auf seinem Schreibtisch liegt nur ein Buch: "150 Jahre SPD im Wolfenbütteler Land". Daneben kopierte Pressedokumentationen. Hinter dem Schreibtisch steht ein altes, gigantisches Segelschiffmodell, das mit ihm hier eingezogen ist.

Titelbild
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Heft 14/2017
Was der rasante digitale Fortschritt dem Menschen abverlangt

SPIEGEL: Herr Schulz, wir wollen über Bücher reden. Fangen wir ganz vorne an. Welche Rolle hat Literatur in Ihrem Elternhaus gespielt?

Schulz: Eine zentrale. Meine Mutter war eine große Leserin, mein Vater auch. Es waren einfache Leute, sie konnten sich nicht viele Bücher leisten. Deshalb war die Stadtbibliothek oder die Fahrbücherei ein Ort, an den ich schon als Kind oft mitgenommen wurde.

SPIEGEL: Was waren das für Bücher, die Ihre Eltern gelesen haben?

Schulz' Bücherregal in Berlin
Volker Weidermann / DER SPIEGEL

Schulz' Bücherregal in Berlin

Schulz: Meine Mutter liebte Irmgard Keun und Vicki Baum, "Menschen im Hotel" zum Beispiel oder "Hotel Shanghai", aber auch Pearl S. Buck, "Das Mädchen Orchidee". Meine Mutter war literarisch interessiert, mein Vater eher an Sachbüchern. Ihn interessierten extrem, ähnlich wie mich, historische Biografien. Er hat zum Beispiel Golo Manns "Wallenstein" richtig durchgearbeitet. Wie ich dann später auch.

SPIEGEL: Sie wollten schon sehr früh Joachim Fests Hitler-Biografie lesen. Warum?

Schulz: Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem der Krieg und das "Dritte Reich" eine große Rolle spielten. Mein Vater redete, je älter er wurde, immer mehr über den Krieg. Und es wurde immer klarer, was das für ihn bedeutete: eine verlorene Jugend. Meine Eltern haben am 30. April 1940 geheiratet. Auf dem Hochzeitsbild trägt mein Vater Uniform, und ich habe meine Mutter immer gefragt: "Warum steht er eigentlich in Uniform auf dem Foto da?" Da hat sie gesagt: "Na, er musste eben am nächsten Tag einrücken. Deshalb haben wir ja überhaupt geheiratet." Und ich habe gefragt: "Ja wieso?" Da hat sie gesagt: "Na wenn er gefallen wäre, hätte ich 'ne Kriegerwitwenrente bekommen." Das heißt, es waren Paare, die haben am Traualtar nicht über Liebe und Kinder nachgedacht, sondern über Witwenrenten. Das erste Werk, das ich über die NS-Diktatur gelesen habe, war Alan Bullocks Hitler-Biografie. Da war ich 14 oder 15. Ich fand darin so viel wieder, was ich aus Erzählungen meines Vaters und meiner Mutter kannte. Bullock nannte sein Buch "Eine Studie über Tyrannei". Also nicht eine isolierte Lebensbeschreibung, sondern Hitler als Teil eines Mechanismus.

SPIEGEL: Aber dabei blieb die Forschung ja nicht stehen ...

Schulz: Genau, dann erscheint der Fest, der Hitler weniger als Teil des Systems beschreibt, sondern die Frage stellt: Kann man den Verbrecher Hitler groß nennen? Wenn man historische Größe daran misst, dass eine Persönlichkeit mit ihrem Handeln eine epochale Wirkung erzielt und die Welt nachhaltig verändert, dann, antwortet Fest: ja klar. Europa war danach ein völlig anderes. Als ich von diesem Buch hörte, dachte ich, immer noch Bullock im Hinterkopf: "Das musst du lesen! Das musst du unbedingt lesen!"

SPIEGEL: Hat das jeder in Ihrer Familie lesen wollen?

Schulz: Es gab eine heftige Kontroverse in meinem Elternhaus. Meine Mutter - eine Mitbegründerin der CDU bei uns - fand den Fest ganz toll. "Konservativ, 'Frankfurter Allgemeine', das ist ein schlauer Mann, wie der immer im Fernsehen redet ..." Meine älteren Geschwister standen auf den Barrikaden. Die hatten über das Buch gelesen und fanden es unmöglich. Ich hab es mir gewünscht, hatte aber das Geld nicht. Dann hat mir mein Bruder Walter zu Weihnachten 1973 die Schwarte geschenkt. Und noch am Heiligen Abend hab ich angefangen zu lesen. Beide zusammen - die Hitler-Biografien von Bullock und Fest - haben mich extrem politisiert.

SPIEGEL: Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, Buchhändler zu werden? Hatte das auch noch mit Fest zu tun?

Schulz: Nein, nein. Die Entscheidung habe ich nur zur Hälfte selbst getroffen. Es war so: Ich musste von der Schule runter, weil ich auch im Wiederholungsjahr die Nachprüfung nicht geschafft habe. Da haben die gesagt: "So, pass auf Schulz, jetzt ist hier Schicht." Der Superior des Klosters, der Schuldirektor war, hieß auch noch schön rheinisch Pater Schmitz, der hat gesagt: "Martin, ich weiß mir keinen Rat mit dir, aber Buchhändler wär vielleicht das Richtige für dich. Du bist ein belesener Junge." Dann hat er bei der Firma, die das Kloster mit Büchern belieferte, nachgefragt, und dann habe ich tatsächlich eine Lehrstelle bekommen. Direkt in der Innenstadt von Aachen. Der Abteilungsleiter dort, Theo Görtz hieß der, wurde eine prägende Figur in meinem Leben. Und der Theo hat mir seinen Zugang zur Literatur vermittelt: "Pass auf! Wir leben davon, den Leuten die Dinger zu verkaufen. Und wenn es uns nicht gäbe, dann würden die, die sie schreiben, hungers sterben. Das wollen wir nicht, also müssen wir wissen, was drinsteht, um sie zu verkaufen. Und dafür müssen wir sie lesen." Das Ganze im Aachener Dialekt. "Eigentlich", sagte der immer, "eigentlich sind wir wandelnde Klappentexte."

SPIEGEL: Also Erzählen um des Verkaufens willen?

Schulz: Für mich ist Literatur: Lesen, um erzählen zu können. Es sind die Geschichten, die mich faszinieren. Diesen Zugang zur Literatur habe ich bis heute. Und die Buchhändlerausbildung damals von 1975 bis Ende 1977, das war eine Art Studium generale. Du hast die deutsche, europäische, internationale Literatur kennen müssen, einmal quer durch die Epochen. Dazu die Wissenschaftssystematik und Buchführung. Ich war vielleicht kein besonderes Ass in Buchführung, aber im Lesen war ich super.

SPIEGEL: Haben Sie damals auch mit dem Trinken aufgehört?

Schulz: Nee, aber bald danach.

SPIEGEL: Sind das Lesen und das Schreiben für Sie, wie Michel Foucault es genannt hat, "eine Sorge um sich"? Eine Art mentale Übung?

Schulz: Eindeutig, ja. Ich habe von einem Tag auf den anderen aufgehört. Keine Entziehungskur, wie manchmal geschrieben wird. Als die Entscheidung getroffen war, war es aus. Seit dem Tag, 37 Jahre ist das jetzt her, habe ich auch nie mehr das Bedürfnis gehabt zu trinken. Aber ich musste begreifen, was die Ursache war. Warum bist du so abgedriftet? Da bin ich in eine Therapie gegangen, in der ich unter anderem Tagesberichte schreiben sollte. Ich habe diese Tagesberichte bis zum letzten Tag geschrieben und habe es zu Hause fortgesetzt. Und das mache ich bis heute so. Ich schreibe jeden Abend eine Seite.

SPIEGEL: Wozu ist das gut?

Schulz: Das hat etwas mit Selbstvergewisserung zu tun. Du musst dich fragen, was hast du heute eigentlich richtig, was hast du falsch gemacht. Den Anspruch, den du an dich selbst stellst, ehrlich zu dir zu sein und zu sagen: Das mache ich, und das kann ich. Das kann ich nicht, das lasse ich lieber sein. Das ist ein Grundprinzip, um ins innere Gleichgewicht zu kommen. Um Anspruch und Wirklichkeit in ein adäquates Verhältnis zu bringen, braucht man eine realistische Selbsteinschätzung. Das hat mich zum Tagebuchschreiben gebracht. Und das mache ich bis heute so.

SPIEGEL: Lesen Sie das manchmal noch mal nach? Oder geht es nur um den Prozess des Schreibens?

Schulz: Nein, natürlich lese ich das regelmäßig nach.

SPIEGEL: So wie Sie das beschreiben, klingt es, als wäre das Tagebuchschreiben für Sie ein Gegenprogramm zum Lesen. Beim Schreiben geht es darum, Selbstbild und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, beim Lesen von Literatur geht es ja um genau das andere: das Lesen von Dingen, die eben nicht genau der Wirklichkeit entsprechen.

Schulz: Ich glaube nicht, dass das stimmt. Mein Tagebuch ist ja in gewisser Weise auch die Chronik meines Lebens und meiner Familie. Deshalb schaue ich mir die Tagebücher so oft an. Zum Beispiel an Jahrestagen. Wenn meine Tochter Geburtstag hat, da schaue ich, wie war das eigentlich vor 10 Jahren, wie war es vor 20 Jahren. Und dann blätterst du so weiter, und du siehst, wie sich alles entwickelt. Meine Tochter zum Beispiel kann das nicht lesen. "Papa, ich muss das wegtun, da fang ich an zu weinen", sagt sie.

SPIEGEL: Weil es so schön ist? Oder so schrecklich wie bei Thomas Manns Kindern, die die Tagebücher als Schock der Lieblosigkeit empfanden?

Schulz: Nein, natürlich weil es schön ist. Die findet das ganz toll.

SPIEGEL: Sie nennen als eines der wichtigen Bücher in ihrem Leben Heinrich Manns "Die Jugend des Königs Henri Quatre" - wie kamen Sie zu diesem Buch?

Schulz: Mit Heinrich Mann ist das so: Ich war im Schüleraustausch in Frankreich. Da lernst du natürlich, wer Henri Quatre war. Und dann machten wir einen Ausflug nach Pau, besichtigten das Schloss, in dem Henri geboren wurde. Da musste ich das Buch von Heinrich Mann einfach lesen. Der erste Satz war toll: "Der Knabe war klein, die Berge ungeheuer." Aber es ging mir mit der Jugend und der Vollendung des "Henri Quatre" wie mit "Don Quijote" von Cervantes. Der war mir als junger Mann zunächst zu kompliziert. Ich habe ihn mir über einen Umweg erschlossen - eine Jugendausgabe, gekürzt und in leichterer Sprache. Erst danach habe ich dann das Original gelesen und war begeistert.

SPIEGEL: Aber zurück zu Heinrich Mann ...

Schulz: So ging es mir mit Manns "Henri Quatre" auch - verstanden habe ich das Buch erst, nachdem ich einen Umweg genommen hatte, in diesem Fall eine Rowohlt-Monografie über Heinrich Mann. So lernte ich, dass Heinrich Mann von Frankreich fasziniert war, weil er dort ein Gegenkonzept zum wilhelminischen Deutschland sah. Das trieb ihn ja auch in einen Konflikt mit seinem Bruder Thomas.

SPIEGEL: Aber Mann schrieb nicht über diese Zeit, sondern setzte viel früher an, um deutlich zu machen, dass eine ganz besondere Tradition der Herrschaftsausübung Frankreich schon in der Vormoderne geprägt hat.

Schulz: Ja und da stieß Heinrich Mann auf Henri Quatre, diesen aufgeklärten, absolutistischen Pragmatiker, der Frankreich geprägt hat. Davon handelt das Buch, dann kommt noch die Bartholomäusnacht, die Hugenottengeschichte bis hin zum Edikt von Nantes - als ich diese ganze Hintergrundgeschichte kannte, habe ich das Buch verschlungen.

SPIEGEL: Hat das Buch Ihr Bild von Frankreich beeinflusst?

Schulz: In der Tristesse, in der ich mich als junger Mann befand, war Frankreich mein Traum- oder Zufluchtsort. Ich suchte jede Möglichkeit, um Französisch zu sprechen, fuhr über die nahe Grenze nach Lüttich und Spa in Belgien. Erst später habe ich begriffen, dass der Deutsche Heinrich Mann mir diese Liebe zu unseren Nachbarn eingeimpft hat.

SPIEGEL: Wie lesen Sie heute als Politiker?

Schulz: Ich bin schon so als Paddelbootfahrer im Meer der Bücher und der Literatur unterwegs. Ich lese die Literaturbeilagen der Zeitungen und Magazine und bin dann oft frustriert, weil mich alles interessiert, aber alles schaffe ich ja nicht. Dann vertraue ich mich meiner Buchhandlung an. Die Mitarbeiterin, die einst bei mir ihre Ausbildung gemacht hat, führt den Laden heute noch. Ich gehe also hin mit dem Vorsatz, einen Titel zu bestellen, und dann hat sie das meist schon im Regal stehen, weil sie genau weiß, was ich lese. Verlagsvertreter, die zu ihr kommen, winken oft schon ab: Sag nichts, das ist sicher für den Schulz.

SPIEGEL: Sie sind politisiert worden durch Willy Brandt. Für dessen Kanzlerschaft waren ja auch Schriftsteller wichtig, vor allem Günter Grass, der Brandt geradezu gekapert hatte. Gehörten damals für Sie Literatur und Politik zusammen?

Schulz: Grass und Brandt habe ich mitbekommen, im Wahlkampf 1969. Daran kann ich mich, wegen der Debatten bei uns zu Hause, gut erinnern. Grass war ja für das konservative Bürgertum der leibhaftige Gottseibeiuns.

SPIEGEL: Auch für Ihre Mutter?

Schulz: Für meine Mutter war er ein Pornograf. Mein zweitältester Bruder las auf dem Sofa "Die Blechtrommel", und meine Mutter ist immer so dran vorbei (macht mit der rechten Hand neben dem Auge eine Scheuklappe). Was waren das für Debatten!

SPIEGEL: Da wusste man ja noch nicht, dass Günter Grass ein Mitglied der Waffen-SS gewesen war.

Schulz: Nein, das wusste man noch nicht. Ich habe Grass kürzlich übrigens in der SPD-Bundestagsfraktion sinngemäß zitiert. Im "Tagebuch einer Schnecke" sagt Grass einmal, auf die Fragen seiner Kinder antwortend: Kinder, ich weiß jetzt, was Sozialdemokraten sind - Menschen, denen die Leuchtkraft ihrer Resolutionen wichtiger sind als die Ergebnisse ihrer praktischen Politik. Großes Hallo in der Fraktion!

SPIEGEL: Gibt es denn da noch etwas Neues zu entdecken, in den Büchern über diese Ära?

Schulz: Aber ja. Nehmen Sie Helmut Schmidt! Hartmut Soell hat eine Biografie über Helmut Schmidt geschrieben, zwei Bände mit je über 800 Seiten. Da hab ich mich durchgequält, durch beide Bände. Nebenbei - das habe ich dem Helmut Schmidt mal erzählt, aber er hat nur abgewinkt: mir alles zu viel. Aber darum fasziniert mich Literatur so, du lernst nie aus. In der Schmidt-Biografie habe ich beispielsweise etwas über Brandts berühmte Regierungserklärung gelernt, deren Satz "Wir wollen mehr Demokratie wagen" heute jeder kennt. Mir ist auch ein anderer Satz sehr wichtig, den ich für einen Jahrhundertsatz halte: "Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein, nach innen und nach außen." Das ist das Programm einer nach innen friedlichen Gesellschaft, die nach außen den Respekt zwischen den Völkern praktiziert - in einem einzigen Satz solch ein Programm!

SPIEGEL: Und Helmut Schmidt nun?

Schulz: Der steuerte als Verteidigungsminister einen Satz zu dieser Regierungserklärung bei. Jedes Kabinettsmitglied hatte zuliefern müssen. Schmidt, Oberleutnant der Luftwaffe, erzogen nach dem Leitspruch "Die Armee ist die Schule der Nation", lieferte also für Brandt den Satz: "Die Schule der Nation ist die Schule." Dass man das danach immer Brandt zuschrieb, hat Schmidt geärgert. Ich lese alles, was ich bekommen kann über die großen drei von damals, über Brandt, Wehner und Schmidt.

SPIEGEL: Da haben Sie sich etwas vorgenommen, denn es erscheint ja nach wie vor eine Menge über Willy Brandt und Helmut Schmidt.

Schulz: Ja. Ich bin als SPD-Vorsitzender gewählt, um in die Zukunft zu denken und zu führen. Aber wissen Sie, dass ich mal Vorsitzender der SPD bin, in der Nachfolge solcher großen historischen Personen, die unser Land geprägt haben wie Otto Wels, Kurt Schumacher oder eben Brandt - daran hätte ich nie im Traum gedacht. Ich habe Brandt und Schmidt noch als Erwachsener eine kindliche Bewunderung entgegengebracht, so oft über diese Männer nachgedacht und gelesen - und nun folge ich ihnen im Amt nach -, da wird mir manchmal schon ein bisschen mulmig.

SPIEGEL: Muss die SPD wieder solche Bündnisse mit Künstlern, Intellektuellen und Schriftstellern eingehen, wenn sie gewinnen will? Und mit wem?

Schulz: Es gibt schon ein großes Bedürfnis bei Schriftstellern, auch bei Publizisten, diese seit den Siebzigerjahren und noch in den Neunzigern gepflegte republikanische Tradition der engagierten Teilnahme von Künstlern und Schriftstellern am gesellschaftlichen Diskurs wiederzubeleben. Da ist gerade jetzt wieder viel Bereitschaft da, Haltung zu zeigen, weil die Rechtspopulisten in Europa und der Welt lauter werden. Und die SPD ist die Partei, die sicher den breitesten Resonanzboden für den Dialog zwischen Kultur und Politik bieten kann, und darum bemühe ich mich sehr.

SPIEGEL: Einer der Autoren, der heute in Europa wichtig ist, in allen Ländern gelesen wird, ist Michel Houellebecq. Wie stehen Sie zu ihm?

Schulz: Ich verfolge den Houellebecq seit vielen Jahren. Er hat ganz sicher ein Sensorium für unterschwellige Entwicklungen, vielleicht auch für die Abgründe von Menschen. Aber ich muss zugeben, dass er mir sehr fremd ist. Nicht nur in seinem öffentlichen Auftritt, er ist mir auch zu zynisch, miesepetrig, ja ein bisschen dekadent. Ich muss aber zugeben: Ich will das auch nicht näher an mich ranlassen. Meine Konzeption von Politik geht in die komplett andere Richtung. Genau das, was er - ich kritisiere ihn dafür nicht, das ist ja gerade seine Aufgabe - als potenziell drohende Gesellschaft beschreibt, das will ich verhindern. Ich befasse mich lieber mit einem konstruktiven Gegenprogramm.

SPIEGEL: Gibt es einen Roman aus unserer Zeit, der Sie direkt politisch zum Handeln inspiriert hat - etwa "Der Circle" von Dave Eggers?

Schulz: Eggers habe ich natürlich gelesen, übrigens auf Empfehlung von Frank Schirrmacher. Der war im Silicon Valley gewesen und hat gesagt: Das musst du lesen. Ich habe das verschlungen und war schockiert, ein Grund, weshalb ich mich sehr mit dem Thema Grundrechte im digitalen Zeitalter auseinandergesetzt habe. Ich beschäftige mich auch mit historischen Sachbüchern. Ich habe mit Christopher Clark intensiv über "Die Schlafwandler" diskutiert. Auch der "Höllensturz" von Ian Kershaw ist sehr wichtig für mich.

SPIEGEL: Weil Sie Parallelen zu heute erkennen?

Schulz: Nein, so weit ist es zum Glück noch nicht. Aber die Gefahren sind erkennbar. "Wehret den Anfängen" ist der heimliche Untertitel all dieser Bücher. Ich habe nach Karl Dietrich Brachers Tod auch noch mal dessen "Weimarer Republik" gelesen. Vieles hat mich an Dinge erinnert, die ich in Brüssel beobachtet habe, im Europaparlament. Wir dürfen nicht zuschauen, wie die Instrumente der Demokratie in die Hände der Demokratiefeinde gelangen. Marine Le Pen will die Instrumente des Parlaments nutzen, um es abzuschaffen. Und wer Ähnliches bei Bracher über das Ende der Weimarer Republik liest, muss wie ich in höchstem Maße alarmiert sein. Deshalb haben diese Werke für mich einen höchst praktischen Einfluss.

SPIEGEL: Aber bieten die auch Lösungen?

Schulz: Nein. Die historische Literatur ist ein Hilfsmittel. Lösungen müssen wir selbst erarbeiten. Man kann aber die Probleme von damals lesend erkennen, verstehen. Eine zeitgemäße Antwort müssen wir selbst geben.

SPIEGEL: Es gibt auch Probleme, die allein unserer Zeit eigen sind.

Schulz: Ja. Ein praktisches Beispiel: Die Staaten der Europäischen Union müssen auch rechtsstaatliche Standards einhalten. Um die zu garantieren und notfalls durchzusetzen, wurden gemeinschaftlich Instrumente geschaffen. Wenn sich nun Staaten daran nicht halten, versucht die Europäische Union, das Vereinbarte durchzusetzen, und leitet entsprechende Verfahren ein. Und was erleben wir? Was zur Wahrung unserer gemeinsamen Werte gedacht war, wird als Eingriff in die nationalstaatliche Souveränität denunziert. Da sagen manche Parteien vor Wahlen: Früher sind wir aus Moskau regiert worden, heute werden wir aus Brüssel regiert. Die Gegner der transnationalen Demokratie missbrauchen das zur Verteidigung ihrer autoritären Entwicklung. Das kannst du in keinem Buch lesen, das ist ein zeitgenössisches Problem, das ein deutscher Bundeskanzler anpacken muss.

SPIEGEL: Man kann es aber auch deswegen nicht nachlesen, weil in vielen Ländern die Autoren potenzieller Gegenwartsbeschreibungen inhaftiert sind, und zwar durchaus in unserer Nähe. Wie reagieren Sie politisch darauf?

Schulz: Mit Klarheit. Wenn wir uns selbst treu bleiben wollen, dann muss man denen, die die Rechtsstaatlichkeit bedrohen, mit Entschiedenheit entgegentreten. Diese Entschiedenheit darf man in der internationalen Diplomatie zeigen, auch wenn wir feststellen müssen, dass wir im globalen Dorf Staaten nicht zu irgendwas zwingen können. Deshalb braucht es ja die Diplomatie. Realpolitisch brauchen wir etwa die Türkei, Russland genauso - aber wir müssen unseren Prinzipien treu bleiben.

SPIEGEL: Ist es in so einer Lage denn gut, die Europäische Union mit Untergangsromanen wie den "Buddenbrooks" zu vergleichen?

Schulz: Ich habe nicht die EU mit den Buddenbrooks verglichen, sondern meine Generation. Ich möchte nicht, dass es uns so geht wie der berühmten Lübecker Kaufmannsfamilie: Die erste Generation baut ein großartiges Werk, die nächste verwaltet es noch gut, und die dritte tritt es in die Tonne. Ich möchte nicht zu einer Generation gehören, in der das Wohlstands- und Friedensprojekt, das die Europäische Union ist, zerbricht. Ich will deshalb als Bundeskanzler mit allem, was ich kann, für Europa kämpfen.

SPIEGEL: Herr Schulz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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