AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2016

Juncker und Schulz im SPIEGEL-Gespräch "Jean-Claude, ich glaube, das geht schief"


EU-Politiker Schulz, Juncker
Bert Bostelmann/ DER SPIEGEL

EU-Politiker Schulz, Juncker

Jean-Claude Juncker und Martin Schulz verbindet die Leidenschaft für Europa. Im SPIEGEL-Gespräch berichten die Chefs von EU-Kommission und -Parlament über das Brexit-Drama, Machtkämpfe in Brüssel und Telefonate am frühen Morgen.

SPIEGEL: Herr Juncker, mit wem hatten Sie zuerst Kontakt, nachdem Sie die Nachricht vom Brexit gehört hatten?

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Heft 28/2016
Terror verändert das Reisen. Was also tun?

Juncker: Mit Martin Schulz. Er hat die Angewohnheit, mit mir morgens zwischen sieben und acht zu telefonieren. Manchmal wünschte ich, er könnte diese Angewohnheit ablegen.

Schulz: In meiner Erinnerung war es zwischen sechs und sieben. Ich war geschockt. Tags zuvor hatte ich noch gewettet, dass die Briten in der EU bleiben würden.

Juncker: Ich hatte auf Brexit getippt. Der britische Finanzkommissar Jonathan Hill schuldet mir deshalb noch eine Pfundnote.

SPIEGEL: Was haben Sie am Telefon gesagt?

Schulz: Ich sagte: "Jean-Claude, ich glaube, das geht schief." Dann habe ich dafür plädiert, dass die EU rasch reagiert. Das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können, ist eine Hängepartie.

Juncker: Ich war seiner Meinung. Es kam darauf an, dass die Briten so schnell wie möglich den Austrittsantrag stellen, um Unsicherheiten zu vermeiden. So war auch der Tenor der Presseerklärung, die Kommission, Parlament und Rat anschließend veröffentlicht haben.

SPIEGEL: So wie an jenem Freitag treten Sie häufig auf: als politische Partner, zwischen die kein Blatt passt. Können Sie verstehen, dass manche in Europa das für Kumpanei halten?

Juncker: Unfug. Martin und ich leiten die zwei wichtigen Gemeinschaftsinstitutionen, zu deren Aufgaben es gehört, vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Ich kann nach 30 Jahren in Brüssel nur sagen: Das Verhältnis zwischen Kommission und Parlament war wahrscheinlich noch nie so gut wie jetzt.

SPIEGEL: Darin sehen viele genau das Problem. Schließlich soll das Parlament die Regierung kontrollieren - und nicht als ihre Hilfstruppe auftreten.

Schulz: Von Hilfstruppe kann keine Rede sein. Jean-Claude und mir ist völlig klar, dass wir unterschiedliche Rollen haben. Zwischen uns kracht es auch, zum Beispiel beim Abkommen für einen freieren Reiseverkehr mit der Türkei. Die Kommission hatte uns einen Vorschlag geschickt. Zwar waren von unseren 72 Bedingungen 66 erfüllt, aber einige der wichtigsten eben nicht, wie etwa die Reform des Antiterrorgesetzes. Wir haben das Abkommen angehalten. Im Parlament hat die Kommission sehr häufig sehr unangenehme Stunden.

Juncker: Das trage ich mit Fassung. Ich habe schon in meiner Antrittsrede gesagt: Ich bin nicht der Sekretär des Rates, und ich bin nicht der Lakai des Parlaments. Das führt manchmal zu Konflikten, die man dadurch entschärft, dass man darüber redet. Martin weiß stets, was die Kommission denkt, und ich bin gut informiert über die Befindlichkeiten des Parlaments.

SPIEGEL: Am Tag nach dem Brexit hat Martin Schulz weitreichende Pläne für eine EU-Reform vorgelegt. Danach soll die Kommission zu einer richtigen europäischen Regierung werden, kontrolliert vom EU-Parlament und von einer Art Bundesrat der Mitgliedstaaten. Käme es so, würden die nationalen Regierungschefs stark an Macht verlieren. Was halten Sie von dem Plan?

Juncker: Der Vorschlag ist in sich schlüssig, aber er passt nicht in unsere Zeit. Um ihn umzusetzen, müsste man die europäischen Verträge ändern. Martins Plan ist ein Langzeitprojekt, das man angesichts der Stimmung auf dem Kontinent derzeit nicht umsetzen kann. Dort aber, wo die Gemeinschaft auf Basis der geltenden Verträge mehr erreichen kann, sollten wir das tun.

Schulz: Da bin ich mit Jean-Claude völlig einig. Dass meine Vision eines europäischen Zwei-Kammern-Parlaments nicht morgen umgesetzt werden kann, ist mir wohl bewusst. Ich bin auch kein Integrationsfanatiker. Wir sind uns einig: Nicht alles muss in Brüssel geregelt werden. Mich treibt etwas anderes um: Es gibt Kräfte in Europa, die der nationalen Politik generell Vorrang vor einem gemeinsamen europäischen Vorgehen verschaffen wollen. Das müssen wir verhindern.

SPIEGEL: Für viele in Europa sind Sie trotzdem Symbolfiguren für jene technokratische Hinterzimmerpolitik, die mit Europäischer Union und Euro in Verbindung gebracht wird. Manche werfen Ihnen sogar den Brexit der Briten vor. Bekennen Sie sich schuldig?

Juncker: Nein, warum sollte ich? Schließlich haben die Briten nicht für den Austritt gestimmt, weil es den Euro gibt; sie sind ja gar nicht Mitglied der Währungsunion. Auch die Flüchtlingskrise hat das Land kaum betroffen. Ich habe eine andere Erklärung: Großbritannien hat sich in seiner 43-jährigen EU-Mitgliedschaft nie entscheiden können, ob es ganz oder nur teilweise zur EU gehören will.

Schulz: Für den Brexit sind vor allem die britischen Konservativen verantwortlich, die einen ganzen Kontinent in Geiselhaft genommen haben. Erst hat David Cameron das Referendum angesetzt, um seinen Posten zu sichern. Jetzt wollen seine Kollegen den Beginn der Austrittsverhandlungen so lange verzögern, bis sie ihren Parteitag abgehalten haben. Und was das Feindbild angeht: Ich bin stolz darauf, dass mich Frau Le Pen in Frankreich beschimpft und Herr Wilders in den Niederlanden mich seinen Gegner nennt. Ich sehe das so: Wenn diese Leute mich nicht attackieren würden, hätte ich etwas falsch gemacht.

SPIEGEL: Die Kritik kommt nicht nur von Rechtspopulisten. Herr Juncker, der polnische und der tschechische Außenminister haben Ihren Rücktritt verlangt. Sie fühlen sich von der Kommission bevormundet.

Juncker: Nachdem diese Meldungen über den Ticker liefen, habe ich beim Europäischen Rat stundenlang neben der polnischen Ministerpräsidentin an einem Tisch gesessen. Von Rücktritt hat sie mit keinem Wort gesprochen. Und der tschechische Premierminister hat mich erst kürzlich bei einem Besuch beschworen, ich solle unbedingt im Amt bleiben.

Im Video: Der Euro-Mann

Jahrelanger Regierungschef mit steiler Karriere auf EU-Ebene, nicht ohne umstrittene Skandale - Jean-Claude Junckers Karriere im Schnelldurchlauf

SPIEGEL: Wollen Sie bestreiten, dass sich eine Reihe osteuropäischer Länder von der Kommission bevormundet fühlt - zum Beispiel durch die Vorgabe von Quoten für die Aufnahme von Flüchtlingen?

Juncker: Unter "Vorgabe" verstehe ich etwas anderes. Sicher, die Kommission hat die Quote vorgeschlagen, aber es war der Rat der Innenminister, der sie mit qualifizierter Mehrheit beschlossen hat. Im Übrigen hat auch die Kommission das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei ausgehandelt und damit den entscheidenden Beitrag zur Lösung der Flüchtlingskrise geliefert.

SPIEGEL: Die Osteuropäer sehen das anders. Nach ihrer Auffassung haben die Grenzschließungen auf der Balkanroute dazu geführt, dass die Zahlen gesunken sind.

Juncker: Ohne das Türkei-Abkommen würden jetzt Zehntausende Flüchtlinge in Griechenland festsitzen. Die Kommission hat auch frühzeitig Vorschläge zur Sicherung der europäischen Außengrenzen vorgelegt, die dann monatelang im Rat verschleppt wurden. Sie sehen: Die Kommission schläft nicht, sie muss oft andere aufwecken.

SPIEGEL: Müssen Sie auch aufgeweckt werden, Herr Schulz?

Schulz: Überhaupt nicht. Es ist doch längst Routine, dass die Mitgliedstaaten für alles, auf das sie sich nicht verständigen können, die Kommission verantwortlich machen. Der Sündenbock ist dann immer Jean-Claude Juncker. Soll ich Ihnen ein paar Beispiele nennen?

SPIEGEL: Bitte sehr.

Schulz: Der Plan für eine Finanztransaktionsteuer liegt seit Jahren vor, aber die Mitgliedstaaten können sich nicht einigen. Um den Terror zu bekämpfen, verabschiedet das EU-Parlament ein Eilgesetz zur Fluggastdaten-Erfassung - bloß: Anschließend brauchen die Innenminister Monate für ihre Zustimmung, gleichzeitig wird der automatische Datenaustausch abgelehnt. Das sind zwei Beispiele von vielen. Wenn die Zusammenarbeit der Regierungen das bessere Konzept für Fortschritte in Europa wäre, wäre ich sofort dafür. Das Problem ist: Die Zusammenarbeit funktioniert nicht.

SPIEGEL: Europas Bürgern ist es nicht so wichtig, wer die Schuld trägt. Was sie stört, sind das ewige Gerangel um Macht und Zuständigkeiten und die Tatsache, dass die europäischen Prozesse so langwierig und so wenig durchschaubar sind.

Schulz: Es stimmt, vielen erscheint die Politik in Brüssel und Straßburg wie von einem anderen Stern. Kommen Sie doch mal nach einer Ratssitzung nach Brüssel. Wissen Sie, was da passiert? Da macht jeder Regierungschef seine eigene Pressekonferenz, alle mit der gleichen Botschaft in 24 Amtssprachen: Ich habe mich durchgesetzt. Und wenn es anders ausging als gewünscht, heißt es: Brüssel ist schuld. Das geht jetzt seit über 20 Jahren so. Das hinterlässt Spuren. Das ist tödlich für Europa.

Juncker: Zudem gibt es eine verzerrte Wahrnehmung dessen, was in Brüssel passiert. Niemand berichtet, dass die Kommission hundert Initiativen ihrer Vorgänger vom Tisch genommen hat, um Kompetenzen zurück zu den Nationalstaaten zu verlagern. Dafür werden Storys erfunden, Juncker wolle überall den Euro einführen oder die EU sofort vertiefen - obwohl ich am selben Tag öffentlich das Gegenteil verkündet habe. Das geschieht ja nicht einfach so. Das geschieht, um die europäischen Institutionen zu schwächen.

SPIEGEL: Was tun Sie dagegen?

Schulz: Nicht opportunistisch werden. Es ist derzeit nicht attraktiv, sich zur europäischen Idee zu bekennen. Ich tue es trotzdem, weil ich glaube, dass unserem Kontinent nichts Besseres passieren kann. Den Nationalstaat zu ergänzen, weil er in der Globalisierung an seine Grenzen stößt - das ist es, was Europa liefern muss.

EU-Politiker Schulz, Juncker
Bert Bostelmann/ DER SPIEGEL

EU-Politiker Schulz, Juncker

SPIEGEL: Herr Juncker, Sie haben sich stets als Anhänger des großen Europapolitikers Helmut Kohl gezeigt. Kohl hat sich zuletzt aber eher kritisch geäußert: Weniger Europa sei heute mehr Europa. Und er hat kritisiert, dass es manche in Brüssel gebe, die ein geeintes Europa mit einem einheitlichen Europa verwechseln würden. Fühlten Sie sich angesprochen?

Juncker: Überhaupt nicht. Schließlich stimme ich mit Helmut Kohl völlig überein. Ich bin kein Verfechter der "Vereinigten Staaten von Europa", und ich bin genauso wenig ein Integrationsfanatiker. Man kann die Europäische Union nicht gegen die europäischen Nationen vertiefen.

SPIEGEL: Kohl hat auch gesagt, dass Europa zur Rechts- und Stabilitätsgemeinschaft zurückkehren müsse. Der Altkanzler spielt damit auf die Ausnahmen an, die Sie Frankreich, Spanien oder Portugal bei den Euro-Schuldenkriterien gewährt haben.

Juncker: Das waren keine Ausnahmen. Die Kommission hat den Stabilitätspakt vielmehr so angewandt, wie er heute formuliert ist. Wir haben nicht mehr den Pakt von 1997, sondern er wurde 2005 von den Mitgliedstaaten grundlegend ergänzt, und die Kommission bringt diesen Stabilitätspakt mit Klugheit und Vernunft zur Geltung. Frankreich ist in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage, und die Regierung hat zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die öffentlichen Haushalte in Ordnung zu bringen. Frankreich orientiert sich dabei am Gesetz. Und die Kommission trifft Entscheidungen auf der Grundlage einschlägiger Gesetzestexte, deren Lektüre ich übrigens empfehle.

SPIEGEL: Sie haben die Lockerung nicht ökonomisch begründet, sondern mit dem Umstand, dass dort bald Präsidentschaftswahlen stattfinden.

Juncker: Ich kann mich nicht entsinnen, dass die Kommission in irgendeinem Beschluss Bezug auf Wahlen genommen hätte. Mag sein, dass einige Kommissare das so erklärt haben. Es wäre aber auch nicht klug, vor Wahlen mit dem Schlachtbeil auf ein Land einzuhauen. Aber das war nicht der Grund für unsere Entscheidung. Der Grund war, dass sich diese Entscheidung aus dem Stabilitätspakt heraus rechtfertigen lässt.

SPIEGEL: Der Pakt legt Grenzen für die staatlichen Schulden fest. Frankreich will sie überschreiten. Das ist doch ein klarer Verstoß, oder nicht?

Juncker: Der Pakt erlaubt, bei der Sanktionierung eines früheren Fehlverhaltens eine positive Prognose zu berücksichtigen. Wir werden daher demnächst mit der portugiesischen und der spanischen Regierung Gespräche führen, um herauszufinden, ob in beiden Ländern Bereitschaft und Fähigkeit bestehen, die Volkswirtschaften strukturell wieder auf Kurs zu bringen.

SPIEGEL: Umstritten ist auch das Freihandelsabkommen mit Kanada, Ceta. Erst sollte die Entscheidung darüber allein Sache der EU sein. Doch nachdem SPD-Chef Sigmar Gabriel Ihre Haltung als "unglaublich töricht" bezeichnet hat, dürfen die nationalen Parlamente jetzt mitentscheiden. Was war dafür der Grund?

Juncker: Ihre Darstellung ist so nicht richtig. Tatsache ist, dass es sich laut juristischem Gutachten der Kommission bei dem Abkommen um ein reines EU-Abkommen handelt. Aber ich bin nicht taub, und die Kommission agiert nicht in einer losgelösten Welt der Gesetzestexte. Deshalb haben wir entschieden, dieses Abkommen als gemischtes Abkommen zu behandeln. Alle Staats- und Regierungschefs haben mir zugestimmt, dass dieses Abkommen das beste ist, das wir je ausgehandelt haben. Nun haben sie Gelegenheit, Führungsstärke zu beweisen und das Abkommen zu ihrer eigenen Sache zu machen.

Schulz: Jean-Claude hat recht. Die kanadische Regierung hat in der umstrittenen Frage der Schiedsgerichte große Zugeständnisse gemacht, und sie hat die Normen der Internationalen Arbeitsorganisation anerkannt. Beides Forderungen Europas, die nun durchgesetzt sind. Ceta setzt damit auch Standards für die anstehenden Handelsgespräche mit den USA.

Schulz, Juncker beim SPIEGEL-Gespräch
Bert Bostelmann/ DER SPIEGEL

Schulz, Juncker beim SPIEGEL-Gespräch

SPIEGEL: Sie stimmen nicht nur in Fragen der Handels- und der Europapolitik überein. Sie betonen auch, dass Sie eine enge persönliche Beziehung verbindet. Was ist das Besondere an Ihrer Freundschaft?

Schulz: Ich halte es mit der Volksweisheit: "Freunde sind Menschen, die bleiben, wenn alle anderen gehen." Ich war noch nie in einer Situation, in der mich Weggefährten verlassen haben. Aber ich bin sicher: Wenn es so weit käme, wäre Jean-Claude da.

Juncker: Es gibt in der Politik verschiedene Kategorien von Freundschaften. Meine Freundschaft zum griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras zum Beispiel...

SPIEGEL: ... die Sie auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise besonders herausgestellt haben...

Juncker: ... würde ich als funktionale Freundschaft bezeichnen. Sein Land stand damals vor dem Austritt aus der Eurozone, viele Griechen fühlten sich von den Europäern im Stich gelassen. In dieser Situation schien es mir geboten, mich als Freund Griechenlands zu zeigen. Es ging um die Würde des Landes. Die Freundschaft zu Martin ist dagegen eine ganz andere, weil intensivere, die über das Politische weit hinausgeht.

SPIEGEL: Wie hat sie begonnen?

Schulz: Wir haben uns bei einer Preisverleihung in Aachen kennengelernt. Jean-Claude war damals schon ein bedeutender Mann in Brüssel. Ich war junger Abgeordneter im Europaparlament. Wir haben uns lange unterhalten, und von da an sind unsere Kontakte immer intensiver geworden. Was uns aber mindestens genauso verbindet, ist unsere Herkunft aus dem Arbeitermilieu.

Juncker: Mein Vater war Stahlarbeiter, der Großvater von Martin war Bergarbeiter im Saarland. In diesen Berufen gibt es ein besonderes Bewusstsein für Solidarität. Das schafft Anknüpfungspunkte, die es in anderen Beziehungen so nicht gibt.

Schulz: Es gibt noch eine weitere biografische Nähe. Dein Vater, Jean-Claude, wurde von den Deutschen zwangsweise in die Wehrmacht eingezogen, er wurde schwer verwundet und geriet in russische Kriegsgefangenschaft. Der Bruder meiner Mutter fiel 1945 beim Minenräumen. Das sind Dinge, die die Kindheit prägen und die ein Stück weit erklären, warum wir uns so für die europäische Einigung einsetzen.

Juncker: Für mich war es stets ein kleines Wunder, dass die Menschen in den europäischen Grenzregionen nach Kriegsende in der Lage waren, alles zu vergessen und unter dem Motto "Nie wieder Krieg" ein Programm zu entwickeln, das bis heute wirkt. Es heißt immer, Europa sei ein Elitenprojekt. Das ist falsch. Tatsächlich war es eine Angelegenheit der Frontsoldaten, der KZ-Häftlinge, der Trümmerfrauen. Sie waren es, die gesagt haben, wir machen jetzt alles anders. De Gaulle und Adenauer haben diese Sehnsucht nur transportiert.

SPIEGEL: Oskar Lafontaine hat einmal gesagt, in der Politik gebe es keine wirklichen Freundschaften, sondern nur Zweckbündnisse auf Zeit.

Juncker: Lafontaine hat jedenfalls bewiesen, dass er sich an seine Maxime gehalten hat.

Schulz: Ich kann Oskar verstehen. Es ist im politischen Leben extrem schwierig, auch dann noch zu seiner Freundschaft zu stehen, wenn die Macht- oder Interessenkonstellation dagegensteht. Ich kenne Freunde in der Politik, die stellen die Freundschaft durch ihr Verhalten auf harte Proben.

SPIEGEL: Welche Freunde meinen Sie?

Schulz: Es gehört zum Wesen von Freundschaft, nicht alles öffentlich auszubreiten.

"Ich sehe nicht ein, warum man mit einem bewährten Team nicht weitermachen sollte."

SPIEGEL: Auch Ihr Freund Juncker hat Sie schon enttäuscht. Nach der jüngsten Wahl zum EU-Parlament hatten Sie vereinbart, dass er Sie als seinen Vize nominiert. Er hat es nicht getan. Haben Sie ihm das übel genommen?

Schulz: Erst einmal ja. Aber dann haben wir darüber geredet. Ich habe gesagt, du hast mir eine Zusage gegeben. Er hat gesagt, stimmt, aber ich kann sie nicht einhalten, weil ich sie intern nicht durchsetzen kann. Das habe ich verstanden. Das Entscheidende ist Aufrichtigkeit. Wenn dagegen gelogen und getrickst wird, ist die Freundschaft in der Regel zu Ende.

SPIEGEL: Es gehört zum Wesen von Politik, dass man manchmal mit seinem besten Freund um einen Posten konkurrieren muss. Ist die Macht am Ende nicht wichtiger als die Freundschaft?

Schulz: Ob ich eine Freundschaft opfern würde, um einen politischen Karriereschritt zu gehen? Mir ist in meinem bisherigen politischen Leben diese Entscheidung Gott sei Dank erspart geblieben. Und ich kann es mir auch nicht vorstellen.

SPIEGEL: Haben Sie es schon einmal getan, Herr Juncker?

Juncker: Nein, die Freunde, die ich habe, haben mich vor solchen Entscheidungen bisher bewahrt. Es darf nicht sein, dass blinder Freundschaftsgehorsam dazu führt, dass man nicht mehr im allgemeinen Interesse handelt. Wenn Martin etwas vorschlagen würde, was total absurd wäre, könnte mich unsere Freundschaft nicht davon abbringen, das Gegenteil zu tun.

SPIEGEL: Mussten Sie schon einmal Vorschläge von Schulz zurückweisen?

Juncker: Dass wir nicht einer Meinung sind, kommt permanent vor. Dann reden wir darüber. Europa ist eine Demokratie, und da gehören Meinungsunterschiede dazu. Das Problem ist doch: Wenn in Europa zwei Regierungen oder Institutionen unterschiedlicher Meinung sind, ist das sofort eine Krise. Wenn in Deutschland Regierung, Bundesrat oder Länderparlamente nicht auf einer Linie liegen, stellt auch niemand die Frage nach dem Überleben der Republik. Mich wundert sehr, dass man in Europa immer noch Schüttelfrost kriegt, wenn zwei Institutionen oder zwei Menschen unterschiedliche Ansichten haben.

SPIEGEL: Sprechen Sie in Ihrer Freundschaft auch über private Dinge? Schulz: Ja.

SPIEGEL: Es gab zuletzt Berichte über Junckers Gesundheitszustand und Alkoholkonsum. Haben Sie darüber gesprochen?

Schulz: Klar. Wir haben unseren Ärger über diese Flachheiten ausgetauscht, die da verbreitet werden. Jean-Claude macht einen der anstrengendsten und härtesten Jobs. Dass man da manchmal müde wirkt, ist unvermeidlich. Viele Berichte sind Teil einer politischen Kampagne, eindeutig.

SPIEGEL: Was sagen Sie dazu, Herr Juncker?

Juncker: Ich habe im Parlament gesagt, ich bin weder krank noch müde. Punkt.

SPIEGEL: Bei Herrn Schulz ist demnächst Halbzeit als Parlamentspräsident, und absprachegemäß müsste der Posten dann einem Konservativen zufallen. Sind Sie auch für einen Wechsel, Herr Juncker?

Juncker: Ich bin dafür, dass die europäischen Institutionen in den nächsten zweieinhalb Jahren so weitergeführt werden wie bisher. Wir brauchen Stabilität.

SPIEGEL: Die konservative Fraktion, also Ihre, könnte etwas dagegen haben.

Juncker: Europa stehen schwierige Zeiten bevor, da ist es gut, wenn die Brüsseler Institutionen gut zusammenarbeiten. Mit den beiden Fraktionsvorsitzenden, meinem Freund Manfred Weber und meinem Kameraden Gianni Pittella, funktioniert das bestens, ebenso mit dem Ratspräsidenten Donald Tusk. Ich sehe nicht ein, warum man mit einem bewährten Team nicht weitermachen sollte.

SPIEGEL: Sagen Sie das als Politiker oder als Freund?

Juncker: Das sage ich als Politiker und als Freund.

SPIEGEL: Herr Juncker, Herr Schulz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten Klaus Brinkbäumer, Horand Knaup und Michael Sauga

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pterodactylus 09.07.2016
1. Dieser Artikel
gehört nicht hinter eine Paywall. Das sind endlich mal die wirklich verständlichen Aussagen der Politiker, über die sonst überall immer nur über Schlagzeilen und interpretierenden Artikel berichtet wird, bei denen die Kernaussagen verfremdet und verfälscht und durch eigene Meinung getrübt sind. Diesen Text sollten alle lesen können.
ferdi111 09.07.2016
2. scheichwerbung..
überall..nicht zu fassen!
citi2010 09.07.2016
3.
Das Interview erklärt warum die handelnden Personen verblendet sind, aber macht nicht gerade Mut dass irgendwas besser wird. 20 Jahre absoluter EU Fan bin ich 2010 mit Eurorettung und Griechenland/Deutsche Bankenrettung immer skeptischer geworden. Besonders seit klar wird wie die EU praktisch von Goldman Sachs an der langen Leine geführt wird.
Umbodsmadur 09.07.2016
4. nette Worte unter Freunden
haette mir mehr erwartet von diesem Premium-Artikel; Kollege Lobo wuerde hier sein tl;dr druntersetzen. Die EU bekommt wie ein Todkranker eine Medizin (Draghi's Nullzinspolitik) mit lebensbedrohlichen Nebenwirkungen (heraufziehende Bankenkrise, wachsende soziale Ungleichheit), um das Leben noch ein paar Monate zu verlaengern. Dies ist nicht die Zeit, beschwingt ueber Maennerfreundschaften zu theoretisieren. Das ist multiples Versagen der EU-Organe, denen die Herren vorstehen.
rofis 10.07.2016
5. Paywall
Dieser Artikel kann gerne hinter der Paywall bleiben, denn es lohnt sich nicht, ihn zu lesen. Die wichtigste Frage, die sich schon im öffentlichen Teil aufdrängt und die garantiert nicht gestellt worden ist, ist doch die, weswegen die gesamte politische Klasse in Europa vom Brexit überrascht war. Es ist doch wohl das mindeste in der Politik, dass man für widrige Ereignisse Kontingenzplanungen vorhält. Muss man davon ausgehen, dass diese Leute von ihrem Geschäft so wenig verstehen? Dann ist bestimmt auch die Frage nicht gestellt worden, wie viel Wein und Hochprozentiges die beiden eigentlich so konsumieren und ob sie meinen, für ihre Posten geeignet zu sein. Man könnte sie auch noch fragen, ob sie ihre demokratische Legitimation für wasserfest halten. Aber das sind alles Fragen, die garantiert nicht gestellt worden sind.
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