Medizinstudium Bulgarien am Rhein

Eine Kölner Agentur lockt Abiturienten in ein Medizinstudium, dass es bislang gar nicht gibt.
Unternehmer Loll

Unternehmer Loll

Foto: Arton Krasniqi / DER SPIEGEL

Wer Arzt werden will, muss ein Multitalent sein. Gut in Mathe, in Fremdsprachen, Geschichte und Naturwissenschaften. Denn wer das Abitur mit einer schlechteren Durchschnittsnote als 1,1 ablegt und trotzdem Medizin studieren will, muss sich in Deutschland auf eine jahrelange Wartezeit einstellen.

Da klang das Angebot ziemlich verlockend: Medizin studieren ohne Zeitverlust, auf einem schicken, neu eingerichteten Campus. Einzige Zugangsvoraussetzung: Abitur, Note egal. Die Vergabe erfolgt nach dem Windhundprinzip, wer zuerst kommt, ist drin. Und das Ganze nicht etwa an einer Wald-und-Wiesen-Universität irgendwo fernab - sondern in Köln. So versprach es die Werbung auf der Website. Bis zum Physikum könne man in Kooperation mit der Medizinischen Universität (MU) Sofia am Rhein studieren. Start: 15. Oktober 2016.

Die 100 Studienplatze, die zu diesem Wintersemester für saftige Studiengebühren von 13.600 Euro für das erste Studienjahr plus weiteren 13.600 Euro "Vermittlungsgebühr" angeboten wurden, waren schnell vergeben.

Doch mit dem versprochenen Studienstart in diesem Oktober wird es erst mal nichts. Denn der neue Campus Colonia hat noch gar keine Betriebsgenehmigung. Was heißt das für die Studenten?

Zu zahlen ist das Geld an die MU Sofia und eine Kölner Agentur namens Studimed, die sich auf die Vermittlung deutscher Abiturienten an Universitäten in Osteuropa spezialisiert hat, darunter Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Serbien und das Baltikum, wo die Zugangsvoraussetzungen niedriger sind.

Hendrik Loll, 25, ist der Geschäftsführer von Studimed, ein studierter Gesundheitsökonom, der schon mit 14 Jahren, wie er sagt, auf Ebay mit gebrauchten Computerteilen handelte. Er hat nun viel zu erklären. Loll empfängt in dem funktionalen Backsteinbau in der Kölner Südstadt, wo auf zwei Stockwerken über einem Fitnessstudio eigentlich jetzt die ersten Studenten pauken sollten. Die Reklametafel an der Fassade weist noch immer auf den ehemaligen Mieter hin, die Westdeutsche Akademie für Kommunikation. "Bald wird hier natürlich unser Name hängen", sagt Loll.

Innen riecht es nach Gummi, "der Kautschukboden für unsere Labore wird gerade verlegt", so Loll. Medizinische Labore, die den hohen Hygiene- und Belüftungsstandards entsprechen? "Ja, sicher", sagt Loll. Im Hörsaal montieren zwei Handwerker gerade die typischen Klappsitze, allerdings mit Polsterung. "Wer so hohe Studiengebühren zahlt, soll auch bequem sitzen", kommentiert der Geschäftsführer. "Sieht schick aus, wenn's fertig ist."

In den vergangenen Jahren haben etliche Hochschulen im östlichen EU-Ausland deutsch- und englischsprachige Medizinstudiengänge entwickelt, zugeschnitten auf die zahlungsbereite Kundschaft aus Deutschland. Einen Aufnahmetest oder einen guten Schulabschluss verlangen die allerwenigsten - dafür oft horrende Studiengebühren im mittleren fünfstelligen Bereich. Wer die ersten vier Semester bis zum Physikum übersteht, kann sogar an eine deutsche Uni wechseln - vorausgesetzt, dort wird ein Studienplatz in einem höheren Semester frei.

Der neue Medizin-Campus in Köln sollte noch einen Schritt weiter gehen. Die Idee ist so simpel wie genial: Statt die Studier- und Zahlungswilligen ins Ausland zu verfrachten, sollten sie zwar an der bulgarischen Hochschule eingeschrieben sein, Vorlesungen und Prüfungen sollen jedoch in der Außenstelle in Köln stattfinden.

Ausländische Hochschulen können Zweigstellen in Deutschland eröffnen. Laut dem nordrhein-westfälischen Hochschulgesetz muss die ausländische Hochschule dazu "anzeigen", dass sie eine Niederlassung eröffnen möchte - und eine Reihe von Papieren aus dem Heimatland vorlegen. Das Land stellt nach Prüfung aller Unterlagen dann einen formalen Bescheid aus, der die Hochschule zum Betrieb der deutschen Niederlassung ermächtigt.

Eine solche Anzeige hatte Hendrik Loll als Bevollmächtigter der MU Sofia zwar tatsächlich beim Wissenschaftsministerium eingereicht. Ein positiver Bescheid war allerdings noch nicht ergangen. Weil eine bestimmte Genehmigung aus Bulgarien gefehlt habe, behauptet Loll. Die MU Sofia hat schon Studienzentren in Europa, auf Zypern und in Italien. Köln sollte folgen.

Eigentlich habe die Erlaubnis aus Bulgarien längst vorgelegen, sagt Loll. Zum Beweis zeigt er die Übersetzung eines Sitzungsprotokolls des Akademischen Rates vom März dieses Jahres: "Es wird genehmigt, vom Studienjahr 2016/2017 ein Zentrum für vorklinische Ausbildung in Köln, Deutschland, zu eröffnen" steht da. "Darauf haben wir uns verlassen", so der Geschäftsführer.

Nun, kurz vor Studienbeginn, habe sich die bulgarische Regierung eingeschaltet - und den Betrieb des Kölner Ablegers verhindert, erklärt sein Anwalt Christian Birnbaum, den Loll zum Gespräch mitgebracht hat. Plötzlich sei nicht mehr vom "Zentrum" die Rede gewesen, sondern von der "Niederlassung". Die bedürfe jedoch der Akkreditierung des Ministerrats - die nicht vorlag. "Eine Akkreditierung zu bekommen ist im Prinzip keine komplizierte Sache", meint Loll. "Aber es kann mehrere Monate dauern." So lange liegt das Medizinstudium in Köln auf Eis.

Geprellt sind nun die Studienbewerber, die vorerst nicht in Köln, sondern allenfalls in Bulgarien studieren dürfen. Sie müssen sich eingestehen, dass sie möglicherweise einem Blender, zumindest jedoch einem grob fahrlässigen Jungunternehmer vertraut haben.

Vor wenigen Tagen lud Studimed zum Infoabend in die Südstadt ein - und eröffnete die bittere Wahrheit: Im Wintersemester 2016/2017 wird es kein Medizinstudium in Köln geben. Stattdessen, so das "großzügige Angebot" der MU Sofia, könnten die Kölner ja nach Bulgarien kommen oder eben ein halbes Jahr warten. Denn bis dahin habe man die Akkreditierung für Köln allemal. Finanziell würde man ihnen natürlich entgegenkommen.

Die enttäuschten Abiturienten machen ihrer Wut und Verzweiflung in einem Onlineforum Luft: "Uns kam das erst sehr suspekt vor, aber wir haben uns dazu überreden lassen und eine Menge Geld verprasst", schreibt einer mit Benutzernamen tommy387. "Sofia soll ein riesiger Moloch sein." Eine andere Geschädigte: "Bin supertraurig und entsetzt. Was soll ich jetzt machen? Ich habe an keiner anderen Uni einen Studienplatz, weil ich mich auf Studimed verlassen habe. Nach Sofia wollte ich nie."

Hat Loll die jungen Leute getäuscht? Ihnen zu viel versprochen? Loll sieht sich selbst als Opfer. "Hätte ich all das Geld investiert, wenn ich selbst nicht an die Sache glauben würde?" Für die Umbauarbeiten sei seine Firma umfangreich in Vorleistung gegangen. Der Mietvertrag für die Räume läuft auf zehn Jahre. "Wenn wir nicht bald starten, haben die Intriganten gewonnen", sagt Loll. Und finanziell eng werden könnte es für Studimed dann auch.

Ein Mitbewerber aus Hamburg, der ebenfalls eine Studienplatzvermittlungsagentur betreibt, habe die Bulgaren aufgescheucht, so Lolls Erklärung. "Da kommt mal einer mit einer neuen Idee - und dann schmeißen ihm alle nur Knüppel zwischen die Beine." Aber das sei nun mal das Schicksal vieler Start-up-Betreiber.

Auch wenn der Studienstart in Köln vorerst gestoppt ist: Hendrik Loll will sich nicht geschlagen geben. Die Niederlassungsanzeige beim Wissenschaftsministerium in Düsseldorf hat er zwar vorerst zurückgezogen. In den kommenden Monaten möchte er dennoch einen neuen Anlauf starten, dann mit der Akkreditierung aus Bulgarien. "Im März wird es dann wirklich losgehen", behauptet der Jungunternehmer. Dann möchte er noch weitere 100 Studierende zulassen.

Vielleicht hat er bis dahin auch das Problem mit der Anatomie gelöst. Ginge es nach Loll, sollen die Studenten in Köln auch Leichen sezieren. Dafür müsste die Vermieterin allerdings bei der Stadt Köln eine Genehmigung einholen, dass in ihrem Gebäude an Leichen gearbeitet werden dürfe. "Aber die sperrt sich." Klappt das nicht, hat Loll sich schon was überlegt: "Ich kenne einen Bestatter in Bergisch Gladbach, der ist ziemlich innovativ, bei dem könnten wir das machen."

Die Leichen bekomme man entweder von der MU Sofia aus Bulgarien oder aus den USA. "Die kosten da nur wenige Tausend Euro."

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