AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2017

#MeToo "Einmal habe ich mit meinen High Heels zugetreten" 

Wie umgehen mit derben Sex-Sprüchen, Übergriffen, Gewalt? Zwölf Betroffene berichten.

Claudia Klemt
Anna Logue / DER SPIEGEL

Claudia Klemt


"Zufällig die Hand am Po"
Flugbegleiterin, 31, aus Frankfurt am Main

"Ich arbeite jetzt seit fast zehn Jahren als Flugbegleiterin, zuerst in der Schweiz, dann für eine kleine Regionallinie und nun bei Lufthansa. Man gewöhnt sich daran, angeglotzt zu werden. Einmal sagte ein Passagier zu mir, er finde es erotisch, dass man meinen BH durch die weiße Bluse sehen könne. Seitdem trage ich fast immer die Uniformjacke. Sitze ich am Notausgang Passagieren gegenüber oder neben ihnen, wollen Männer häufiger ein Gespräch anfangen, da wird man auch schon mal gefragt, ob man einen Freund hat oder was man denn heute Abend so vorhabe. Ein Mann hat mal angestrengt auf meinem Mitarbeiterausweis meinen Namen entziffert und mir dann eine Freundschaftsanfrage bei Facebook geschickt - wir standen noch am Boden.

Wenn man beim Service mit dem Wagen durch den Gang läuft, hat man immer mal wieder einen Arm oder auch eine Hand am Po, zufälligerweise passiert das immer nur Männern, aber vielleicht sind die auch breiter und sitzen mehr im Gang. Am schlimmsten sind arabische Gäste, die denken, wir gehörten ihnen, und sie hätten dafür mit ihrem Ticket bezahlt. Ich habe mal ein Praktikum in einer unserer Lounges gemacht. Es gibt dort Badewannen. Ein arabisch aussehender Passagier wollte, dass ich mit ihm ins Badezimmer komme, ich bin schnell weggegangen. Die meisten Passagiere verhalten sich sehr anständig, vor allem die Vielflieger. In der First Class sind die Gäste am zurückhaltendsten, am schlimmsten sind Reisende in der Businessclass. Ein schnöseliger Typ mit silberner Rolex-Uhr fragte mich mal, ob ich schon Sex in einem Flugzeug gehabt hätte. Ich finde solche Fragen unverschämt, er ist aber Kunde, und ich muss höflich bleiben.

Die Geschichten über wilde Orgien zwischen Piloten und Flugbegleitern sind hingegen völlig übertrieben, und es nervt, wenn man sich das immer wieder anhören muss. Unsere Umläufe sind sehr kurz geworden, oft ist man nur für eine Nacht im Hotel, alle sind müde und wollen nur noch schlafen. Zwar gibt es immer wieder auch Paare unter dem Personal, aber das ist kein wildes Jeder-mit-Jedem.

Ich habe es nie erlebt, dass mich Cockpitpersonal bedrängt hat, über ein bisschen Flirten ging das nie hinaus."


"Einmal habe ich mit meinen High Heels zugetreten"
Claudia Klemt, 40, PR-Redakteurin aus Rauenberg

"Sexuelle Belästigung bedeutet für mich, dass mich ein Mann anfasst und ich das nicht möchte. Genau das erlebe ich seit meiner Jugend allerdings in immer neuen Varianten. Ich erinnere mich an den Weltjugendtag in Köln vor zwölf Jahren, da presste plötzlich in der dicht gedrängten S-Bahn ein Mann den erigierten Penis in meinen Rücken. Leider war ich zu schockiert, um zu reagieren, dabei habe ich das im Lauf der Jahre eigentlich gelernt. Als mich bei einem Karnevalsfest einmal ein Mann, den ich aus meinem beruflichen Umfeld kannte, an den Po fasste, habe ich mit meinen High Heels zugetreten. Dieses An-den-Po-Fassen ist überhaupt ziemlich üblich; während meiner Ausbildung habe ich nebenbei gekellnert und viele Männer getroffen, für die solche Übergriffe offenbar zu einem gelungenen Kneipenabend gehörten. Mit steigendem Alkoholspiegel hielten sie ihr Verhalten für immer selbstverständlicher.

Jetzt bin ich 40 Jahre alt und merke, dass mich mit zunehmendem Alter auch anzügliche Bemerkungen und Witze immer wütender machen. Im Job hat mir das den Ruf der militanten Feministin eingetragen - und den der Spaßbremse. Als PR-Redakteurin war ich bei einer großen Bank lange für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Dort wurde in einer Vorstandssitzung dann darüber geredet, dass sie einen Kunden, der sich nur von einer bestimmten Kollegin beraten lassen wollte, verstehen könnten, weil sie schließlich zwei große Argumente vor sich hertragen würde. Ich war die einzige Frau in dieser Runde, und die Männer merkten gar nicht, wie tief die Schublade war, in die sie da griffen.

Sexuelle Belästigung ist eine Demonstration von Macht und Status. Deshalb fürchte ich auch, dass sie überall in der Gesellschaft andauern wird, solange wir keine vollständige Gleichberechtigung erreichen."


"Aber das war Krieg"
Brigitte Meese, 88, Kunstmanagerin in Berlin

"Ich bin als junges Mädchen, mit 15, in Danzig von einem russischen Soldaten vergewaltigt worden. Gott sei Dank nur einmal. Aber das war Krieg. Wir haben die Bomben überlebt, wir sind nicht erschossen worden. Das war das Wichtigste. Was die deutsche Wehrmacht und besonders die SS in Russland angestellt hat, war viel schrecklicher als das, was die Russen in Deutschland taten.

Mit Sexismus heute kann man das alles überhaupt nicht vergleichen. Nach Kriegsende ging ich nach Salem aufs Internat zurück. Wir wohnten mit vier Mädchen ausnahmsweise mal auf einem Zimmer in einem Jungsflur, weil es Platznot gab. Wir waren so naiv - weder den Jungs noch uns Mädchen wäre es im Traum jemals eingefallen, ein anderes Schlafzimmer zu betreten. Aggressives Anmachen gab es damals nicht. Allerdings liefen wir auch nicht halbnackt herum. Später habe ich in Heidelberg, Paris und London studiert. Per Anhalter bin ich allein durch ganz Europa gereist. Nie ist etwas passiert, nie habe ich einen blöden Spruch gehört. Es gab andere Konventionen. Man reizte einander nicht gegenseitig auf.

Meese
Frank Hornig / DER SPIEGEL

Meese

Den heutigen Sexismus finde ich natürlich scheußlich. Aber er geht auch mit einer sehr freiheitlichen Bewegung einher. Wenn ich diese entzückenden jungen Mädchen in Berlin sehe, mit abgeschnittenen, extrem kurzen Höschen und Oberteilen, die nichts verhüllen... wissen die eigentlich, was sie tun?

Andererseits haben sie natürlich jedes Recht, sich so anzuziehen. Für Männer darf das kein Freibrief sein, sich danebenzubenehmen."


"Einige senden Penisbilder"
Julia Anna Friess, 27, Musicaldarstellerin aus Regensburg

"Zu meiner Ausbildung gehörte Tanzunterricht, oft begann der früh am Morgen. Ich fand es um diese Uhrzeit meist noch ziemlich kalt und zog immer ein langärmeliges Oberteil an. Einem unserer Dozenten gefiel das nicht, er meinte, so könne er das Muskelspiel nicht kontrollieren. Er kam dann immer zu mir und wollte mir das Oberteil ausziehen. Jedes Mal habe ich seine Hände von meinem Körper genommen und laut gesagt, dass ich mir allein zu helfen wisse. Trotzdem: Er hat es wieder und wieder versucht. Und jedes Mal, wenn ich ihn in seine Schranken verwies, wurde er frech oder strafte mich mit Missachtung. Ich sollte in der letzten Reihe tanzen oder zusätzliche Übungen machen, solche Dinge. Anderen Mädchen gegenüber verhielt er sich ähnlich, ihm eilte dieser Ruf ohnehin voraus. Manchmal drängte er sich auf, wenn wir Studenten feierten, und tat so, als wäre er 20. In Wahrheit hatte er aber natürlich Macht darüber, wie erfolgreich wir unsere Ausbildung abschließen würden.

Mir waren diese Szenen um das Oberteil irgendwann so unangenehm, dass ich es schließlich nicht mehr zum Training angezogen habe. Aber ich habe den Schulleiter dann auch gebeten, mich in einen anderen Kurs einzuteilen. Ich wollte einen klaren Schnitt, notfalls wäre ich zur Polizei gegangen, man muss sich solche Übergriffe nicht bieten lassen. Heute erlebe ich von Zuschauern ziemlich merkwürdige Ansinnen, sie sehen mich auf der Bühne und fragen anschließend auf Facebook, ob ich ihnen getragene Strumpfhosen schicken könne, einige senden mir bizarre Penisbilder. Ich sage mir dann immer, dass sie allesamt armselige, lächerliche Gestalten sind. Diese Männer müssen doch Probleme haben, sonst würden sie sich anders verhalten."


"Politik ist Macht"
Daniela Jansen, 40, aus Aachen ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen in Nordrhein-Westfalen.

"Politik ist Macht. Und weil es immer noch viel mehr Politiker als Politikerinnen gibt, kommt es häufig vor, dass die Männer versuchen, Frauen einzuschüchtern, zu verunsichern. Entweder durch anzügliche Sprüche und Gesten oder durch respektloses Verhalten. Ich war fünf Jahre lang Landtagsabgeordnete in NRW und habe erlebt, dass der Lärmpegel bei Plenarsitzungen steigt, sobald eine Politikerin am Rednerpult steht. Die Männer quatschen dann laut miteinander, machen Zwischenrufe oder stehen auf und gehen raus. Sie tun das bewusst. Das ist eine Taktik, um Frauen aus dem Konzept zu bringen. Nach dem Motto: 'Mal sehen, wie lange die das aushält!' Es trifft besonders oft Politikerinnen, die mit hoher Stimme sprechen. Auch in Ausschusssitzungen habe ich erlebt, dass es Männern darum geht, ihr Revier abzustecken. Sie reden mit ausholenden Gesten, laut und lange. Wenn eine Politikerin ein Argument vorbringt, ignorieren das manche Männer und tun so, als hätte niemand etwas gesagt. Manche Abgeordnete begrüßen Kolleginnen, indem sie ihnen gönnerhaft den Kopf tätscheln. Ein Kollege sagte mal zu mir: 'Du bist die erste Vorsitzende der SPD-Frauen, die ich nicht von der Bettkante schubsen würde.' Ich antwortete: 'Es wird nie passieren, dass ich auch nur in die Nähe deiner Bettkante komme.'

Man muss als Politikerin austeilen können, man muss sich an den Machtspielchen beteiligen, man muss dafür kämpfen, auf Rednerlisten zu kommen. Das ist anstrengend, aber von allein geht es nicht. Ich glaube, dass noch immer viele Politiker denken: 'Auf eine Frau kann ich mich nicht verlassen, die ist zu emotional, und wenn sie ihre Tage hat, ändert sie ihre Meinung.' Ich wünsche mir mehr Respekt von den Männern. Manche von ihnen sagen, dass sie wegen der Debatte über sexuelle Belästigung verunsichert seien und dass sie Frauen keine Komplimente mehr machen wollen, aus Angst, eine Grenze zu überschreiten. Das ist Unfug. Die meisten Männer kennen den Unterschied zwischen einem respektvollen Kompliment und einer Zote. 'Das Kleid steht dir gut' ist etwas anderes als 'Du hast aber mächtig Holz vor der Hütte'. Und die Männer sollten wissen, dass es ein Unterschied ist, ob man eine Frau unter vier Augen auf ihr Aussehen anspricht oder im Kreis einer Gruppe."


"Erst verfolgt, dann gejagt"
Franziska Holzheimer, 29, Poetry-Slammerin aus Wien

"Me too! Und das so oft, dass ich gar nicht weiß, welchen Fall ich nennen soll. Das erste Mal Catcalling, als ich zwölf war? Oder der Griff in den Schritt, als ich 17 war? Oder die ganzen Kommentare dazwischen und danach? Der Abend, als ein Slam-Kollege mir das Bett seines Mitbewohners anbot, und dann, als wir in der Wohnung ankamen, angeblich plötzlich doch nur seines frei war, und ich später in der Nacht davon wach wurde, dass er viel zu nah bei mir lag und mich beim Schlafen beobachtete? Oder der Tag, als ich beim Joggen erst verfolgt und dann gejagt wurde? Es war mitten am Tag in einer ruhigen Gegend. Er kam mir auf dem Fahrrad entgegen, fixierte mich schon von Weitem mit seinem Blick. Als er mich passiert hatte, drehte er plötzlich um und fuhr mir hinterher. Als ich schneller lief, fuhr der Mann auch schneller. Ich drehte mich um, der Mann lachte feixend. Er genoss es, mich zu jagen. Ich bekam Panik und sprintete in Richtung einer belebteren Hauptstraße. Erst als ich die erreicht hatte, drehte er ab."


"Er bot mir Geld"
Schoresch Davoodi, 36, Politikberater aus Bochum

"Ich bin in der Nähe von Bochum groß geworden. Mit 17 wollte ich eines Nachts per Anhalter ans andere Ende der Stadt, um dort in eine Disco zu gehen. Ein älterer Mann hielt an und bot an, mich mitzunehmen. Doch ich merkte schnell, dass er gar nicht dahin fuhr, wo ich hinmusste. Ich bat ihn, aussteigen zu dürfen. Er schwieg. Ich fühlte mich hilflos und wartete ab. Schließlich stoppte er das Auto auf einem Parkplatz in einem Naherholungsgebiet, legte seine Hand zwischen meine Beine und versuchte, mich zu küssen. Ich schrie: 'Lass das!' Er ließ von mir ab und fing an, mit mir zu verhandeln. Ob ich nicht für Geld mit ihm schlafen würde. Als ich ablehnte, versuchte er weiter, mich zu überreden. Bedroht hat er mich zum Glück nicht. Irgendwann sah er ein, dass es nichts bringt, und fuhr mich schweigend zur Disco. Ich war total verwirrt, feierte die Nacht durch, um mich abzulenken.

Davoodi
Dominik Asbach / DER SPIEGEL

Davoodi

Das, was ich erlebt hatte, das passierte doch nur Mädchen, dachte ich. Die wurden vor fremden Männern gewarnt. Als junger Mann konnte man sich so was nicht vorstellen. Ich habe niemandem von diesem Vorfall erzählt - bis letzte Woche. Ein Bekannter nahm #MeToo zum Anlass, auf Facebook zu beschreiben, wie er in seiner Jugend mehrmals sexuell belästigt worden war. Das gab mir Mut, meine Geschichte ebenfalls auf Facebook zu veröffentlichen. Kurze Zeit später rief meine Schwester an. Sie war richtig entsetzt, weil ich ihr nie davon erzählt hatte. Aber wie auch? In unserer Gesellschaft dürfen Männer keine Opfer sein. Das muss sich endlich ändern."


"Er zückte ein Messer"
Christine Finke, 51, Autorin aus Konstanz

"Früher war es als junge Frau normal, von Männern angesprochen zu werden, auch in unangemessener Weise. Mir wurde hinterhergepfiffen, ich wurde bedrängt. Als ich 16 Jahre alt war, fragte mich ein Mann, ob wir nicht aus dem Zug steigen und in ein Hotel gehen sollten. Meine unbeholfene Reaktion: 'Ich habe einen Freund.' Richtig gefährlich wurde es eines Abends in Freiburg. Ich war Studentin, stand an einer Haltestelle. Ein junger Typ kam auf mich zu, baggerte mich massiv an und kam mir sehr nahe. Ich machte ihm deutlich, er solle aufhören. Irgendwann schrie ich: 'Verpiss dich!' Daraufhin zückte er ein Messer. Passanten schritten ein, der Typ verschwand fluchend.

Das Älterwerden hat bei mir den angenehmen Nebeneffekt, dass so etwas irgendwann aufhört. Inzwischen bin ich Mutter, das hält auch viele Männer davon ab, mich anzumachen. Aber ich habe eine 17-jährige Tochter und frage mich, ob ihr so etwas heute auch noch passiert."


"Ich fühlte mich schuldig"
Francesca Lötscher, 44, Burlesque-Künstlerin aus Hamburg

"Welche von den vielen Geschichten soll ich erzählen? Wie ich als junges Mädchen kaum die Straße vom Bahnhof zur Marktgasse überqueren konnte, ohne dass sich ein Mann ungefragt über meinen Körper oder meine Geschlechtsteile äußerte? Von den anzüglichen Gesten, wenn ich mich bückte, um mein Fahrradschloss anzubringen? Von den Händen des Reitlehrers im Ferienlager, des amerikanischen Zollbeamten, des Autobahnpolizisten, des Unbekannten am Elbufer, im Zug, im Bus, in der Sauna?

Lötscher
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Lötscher

Das alles passierte in der Zeit, als ich meine eigene Sexualität gerade erst entdeckte. Einmal, ich war etwa 13, griff mir ein junger Mann auf der Straße an meinen Hintern. Ich las damals gerade Simone de Beauvoir. Ich drehte mich um und knallte ihm eine. Doch bevor in mir der Stolz aufsteigen konnte, knallte er mir eine zurück. Und da fühlte ich mich tatsächlich schuldig! Schuldig für meinen Körper, meinen neugierigen Blick, meine wilden Haare, meinen lauten Kleiderstil, meinen bunt bemalten Mopedhelm."


"Manch einer wird eklig"
Franziska Thoms, 28, Verkäuferin in einem Telekommunikationsladen in Hamburg

"Es gibt immer wieder Situationen mit Kunden, die anstrengend sind. Viele männliche Kunden nehmen mich nicht für voll und wollen einen männlichen Verkäufer wegen kleinster Technikfragen sprechen. Die meinen, ich sei nicht kompetent genug. Aber ich habe doch meine Ausbildung nicht umsonst gemacht! Manchmal kommt es auch vor, dass jemand eklig wird. Einer fragte mich neulich, ob ich nicht mit ihm mitkommen wolle, um ... na ja. Das geht gar nicht. Den habe ich direkt aus dem Laden geschmissen. Ich habe aber bei meinem Arbeitgeber glücklicherweise einen Ansprechpartner, falls irgendwas im Laden oder im Team vorfallen sollte. Das hatten die Schauspielerinnen in Hollywood ja anscheinend nicht."


"Ich habe nicht angezeigt"
Paula Deme, 33, Erzieherin und Bloggerin aus Zürich

Deme
Gian Paul Lozza

Deme

"Mit 26 vergewaltigte mich mein damaliger Freund. Er war betrunken, ich auch. Wir kamen aus dem Klub, und er meinte, ich stünde ihm jetzt zu. Sonst würde ich mich ja auch nicht so zieren. Ich selbst konnte meine Vergewaltigung gar nicht einordnen. Die Grenze ist häufig nicht ganz klar, besonders in einer Beziehung. Er hat bis zum Ende nicht geglaubt, dass es eine Vergewaltigung war. Aber ich habe mich doch gewehrt. Das hat mich von innen aufgefressen, aber ich habe ihn damals nicht angezeigt. Ich hatte irgendwie Mitleid. Heute weiß ich, dass ich es hätte tun sollen. Voriges Jahr erst habe ich jemanden getroffen, der mir einen Schreibjob angeboten hat - und im nächsten Satz eine Affäre. Das ist Machtmissbrauch. Aber es heißt dann, man solle sich nicht anstellen."

"Ein schleichender Prozess"
Anonym, 35, aus Nordrhein-Westfalen

"Mein Chef im Büro benutzt eine fürchterlich anzügliche Sprache. Bei uns ist im Moment eine Stelle zu besetzen, und er hat die Bewerbungen mit den gut aussehenden Frauen ganz oben auf den Stapel gelegt. Dazu macht er Kommentare wie: 'Oh, auf die muss ich mich mit Viagra vorbereiten!' Bei uns arbeiten fast nur Frauen, und in solchen Momenten schweigen alle. Manchmal entgegne ich ihm lapidar, er könne sich solche Sätze doch sparen, aber ich bin darauf bedacht, nicht zu weit zu gehen. Ich will ja meinen Job behalten. Es ist grundsätzlich ein Problem, dass viele Frauen sich nicht wehren, weil sie die Konsequenzen scheuen. Als Teenager habe ich das in einer extremen Variante mit meinem Stiefvater erlebt. Als ich in der Pubertät weiblicher wurde, stand er plötzlich beim Abspülen ganz nah hinter mir, an einem anderen Tag strich er mir die Haare aus dem Gesicht, später gab er mir zwischendurch einen Kuss auf den Hals, dann griff er unter das T-Shirt, irgendwann streichelte er den Busen. Es war ein schleichender Prozess, schließlich ging er bis zum Äußersten. Ich solle es als unser Geheimnis ansehen, sagte er immer, und ich habe zwei Jahre lang geschwiegen. Bis heute wissen nur wenige, was geschehen ist. Deshalb möchte ich anonym bleiben.

Damals habe ich nichts gesagt, weil ich mich für das Glück meiner Mutter mitverantwortlich fühlte, die Beziehung zu meinem leiblichen Vater war ja schon zerbrochen. Mein Stiefvater hat von mir abgelassen, als ich kein Wort mehr mit ihm redete. Meine Mutter erfuhr die Wahrheit erst auf einer Familienfeier. Ich hatte mir damals die Haare schwarz gefärbt, es sollte ein rebellischer Akt sein, und mein Stiefvater ereiferte sich darüber. Da habe ich ihm entgegengeschleudert, dass es mir vollkommen egal sei, was er von meinen Haaren halte und dass er an mich nicht mehr herankomme. Meine Mutter hat ihn trotzdem ein Jahr später geheiratet. Ich war bei der Hochzeit anwesend - ich wollte ja nicht die Familie zerstören. Die Ehe wurde ein Jahr später geschieden. Rückblickend belastet mich wirklich, dass ich mich nicht gewehrt habe. Wer weiß, ob er nicht Ruhe gegeben hätte, wenn ich ihm einfach mal zwischen die Beine getreten hätte. Ich kann nur allen raten: Wehrt euch. Immer!"

Aufgezeichnet von Laura Backes, Annette Bruhns, Anna Clauß, Lukas Eberle, Frank Hornig, Maximilian Krone, Martin U. Müller, Lars-Thorben Niggehoff, Antonia Schaefer, Katja Thimm



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