New Yorks Ex-Bürgermeister Bloomberg "Wir müssen Trump helfen"

Michael Bloomberg war stets ein Gegner von Donald Trump. Trotzdem will er nicht, dass dessen Präsidentschaft scheitert. Wie bitte?
Milliardär Bloomberg

Milliardär Bloomberg

Foto: Gillian Laub / DER SPIEGEL

Alles, was man mit dem Namen Michael Bloomberg verbindet, ist überlebensgroß: Sein Hochhaus an der Lexington Avenue 731 zählt zu den höchsten Wolkenkratzern New Yorks. Seine Biografie: vom Ingenieur und Investmentbanker zum Herrscher über ein Medien- und Datenunternehmen. Sein Vermögen von rund 50 Milliarden Dollar. Seine politische Karriere: New Yorker Bürgermeister von 2002 bis 2013, Uno-Sonderbeauftragter, Milliardenspender für Gesundheit, Umwelt und Klima, mal Demokrat, mal Republikaner. Nur Bloomberg selbst ist nicht gerade groß. Er macht darüber Witze, mit trockenem Humor und sehr routiniert. Das Gespräch findet in seinem halb offenen, nüchternen Büro statt. Es ist kein repräsentatives Chefzimmer, sondern eindeutig ein Arbeitsplatz. Bloomberg ist ohnehin meistens unterwegs, entweder im Haus oder in der Welt. Er will über sein neues Buch "Climate of Hope" sprechen, das er zusammen mit dem Umweltschützer Carl Pope geschrieben hat. Aber natürlich wird es auch um Donald Trump gehen. Bloomberg lässt sich einen Pappbecher koffeinfreien Kaffee bringen, dann geht es los.

SPIEGEL: Herr Bloomberg, weltweit sind Menschen erschüttert darüber, dass Donald Trump aus dem Pariser Klimavertrag aussteigen will. Sie sagen aber, das sei gar nicht so schlimm. Warum sind Sie so optimistisch?

Bloomberg: Es wäre mir natürlich lieber gewesen, Trump hätte das Abkommen nicht aufgekündigt. Aber der Kampf gegen den Klimawandel findet vor allem auf lokaler Ebene statt, in Städten, in Bundesstaaten, in Unternehmen. Egal was Trump sagt, niemand wird das alles zurückdrehen. Wenn er Schaden anrichten kann, dann am ehesten den: Jene Staaten könnten sich abwenden, die vielleicht noch unentschieden sind, ob sie gegen den Klimawandel vorgehen. Seine Entscheidung gibt den Zweiflern, den Neinsagern ein wenig mehr Munition.

SPIEGEL: Aber können die USA trotzdem ihr Ziel erreichen, das im Pariser Abkommen genannt wird, eine Reduzierung der Emissionen um gut ein Viertel bis 2025?

Bloomberg: Ja, Amerika wird die in Paris gesetzten Ziele erreichen, da gibt es keine Frage. Wir sind auch in den sechs Monaten, seitdem Trump sein Amt angetreten hat, auf einem guten Weg. Die USA können Erfolge vermelden. Wir haben in den vergangenen Jahren die Hälfte aller Kohlekraftwerke im Land stillgelegt. Und es gibt jetzt mehr Elan, auch die andere Hälfte zu schließen, weil wir sehen, dass es funktioniert. Deswegen verstehe ich auch Trumps Entscheidung nicht, sie macht keinen Sinn. Aber sie ist keine Katastrophe.

SPIEGEL: Ihre Stiftung hat den Kampf gegen die Kohle mit 100 Millionen Dollar unterstützt, gerade haben Sie zudem die "American Cities Initiative" ins Leben gerufen, die Sie mit 200 Millionen Dollar unterstützen. Was wollen Sie erreichen?

Bloomberg: Wir wollen die Betreiber von Kohlekraftwerken überzeugen, dass sie aus ökonomischer Sicht besser dran sind, wenn sie auf Gas oder erneuerbare Energien umsteigen - und dass sie damit in der Öffentlichkeit besser dastehen. Aber wir unterstützen auch Kampagnen, mit denen wir Leute überzeugen wollen, ihre Dächer weiß zu streichen oder von Glühbirnen zu LEDs zu wechseln. Der Kapitalismus ist eine wunderbare Sache, er bringt die Menschen dazu zu tun, was in ihrem Interesse ist. Und das ist oft auch gut gegen den Klimawandel.

SPIEGEL: Wie viel Geld wollen Sie ausgeben, um den Klimawandel zu stoppen?

Bloomberg: Sagen Sie mir, was es kostet.

SPIEGEL: Sie würden zahlen, was nötig ist?

Bloomberg: Sagen wir es so: Ich habe fast eine Milliarde Dollar ausgegeben für den Kampf gegen das Rauchen und zwei Milliarden Dollar für die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Wenn man sein Geld intelligent nutzt, kann man damit etwas bewirken, und das werde ich weiter tun.

SPIEGEL: Sie sagen, dass nicht Staaten, sondern Städte die entscheidende Rolle spielen, um gegen den Klimawandel vorzugehen. Wie kommen Sie darauf?

Bloomberg: 50 Prozent der Weltbevölkerung leben in Städten, in nicht allzu ferner Zukunft werden es 70 Prozent sein. Weil sich die Probleme in den Städten so ballen, sind diese auch die Orte, an denen kreative Lösungen die größte Wirkung haben. Deswegen wurde 2005 "C40" ins Leben gerufen, ein Zusammenschluss aller Städte, die beim Klimawandel vorangehen wollen. Angefangen haben wir mit 18 Städten, inzwischen sind es 91. Städte sind der Schlüssel, um den Planeten zu retten.

SPIEGEL: Was Trump entscheidet, ist also irrelevant, wenn es ums Klima geht?

Bloomberg: Ja, und ich dachte noch nie, dass Klimapolitik eine Aufgabe für die Regierung sein sollte. Aber natürlich würde es helfen, einen Präsidenten zu haben, der um die Welt reist und für den gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel wirbt. Selbst die chinesische Regierung geht jetzt gegen Luftverschmutzung vor - und damit gegen Emissionen. China agiert da verantwortungsvoller als unsere Regierung.

SPIEGEL: Aber die Regierung dreht gerade sehr viele Vorschriften zum Schutz des Klimas zurück. Das gefährdet doch das Ziel, die Emissionen zu verringern.

Bloomberg: Egal was die Trump-Regierung tut, die Unternehmen werden nicht sagen: Hoho, lasst uns wieder die Luft verpesten.

SPIEGEL: Und was ist mit republikanisch regierten Bundesstaaten wie Texas, in denen durch die Öl- und Gasförderung viele Emissionen entstehen?

Bloomberg: Tja, den Gouverneur von Texas als "Klimawandelskeptiker" zu bezeichnen wäre wohl noch zu nett. Gleichwohl ist Texas führend bei erneuerbaren Energien. Mir kommt es darauf an, was sie wirklich machen, nicht auf das, was sie sagen.

SPIEGEL: Wie kommt es eigentlich, dass ausgerechnet Sie zum Aktivisten gegen den Klimawandel geworden sind?

Bloomberg: Es begann mit dem Thema öffentliche Gesundheit, ich habe angefangen, mich dafür zu interessieren, als ich im Verwaltungsrat der Johns-Hopkins-Universität saß. Ich begann darüber nachzudenken, dass es sinnvoller ist vorzubeugen, als zu heilen. Und Sie können alles, was mit Umweltverschmutzung und Klimawandel zu tun hat, auch anders sehen: als Risiko für die Gesundheit. Ein Achtel aller vorzeitigen Sterbefälle weltweit geht auf Luftverschmutzung zurück. Die schlimmsten Kohlekraftwerke in den USA töten durchschnittlich jeweils 278 Menschen im Jahr und verursachen 445 Herzinfarkte. Und indem wir die Luft verbessern, die wir atmen, schützen wir auch das Klima. Wir müssen anfangen, Klimapolitik aus dieser Perspektive zu sehen - und nicht als eine abstrakte Gefahr, die vielleicht in 100 Jahren unser Leben bedroht.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass immer noch so viele Menschen den Klimawandel nicht als ernsthaftes Problem sehen?

Bloomberg: Die Leute handeln ständig gegen ihre eigenen Interessen. Aber es ist nicht lange her, dass nur 50 Prozent der Amerikaner glaubten, Klimawandel sei real. Jetzt sind es um die 70 Prozent. Und selbst die Republikaner im Kongress reden inzwischen anders. Erst hieß es: "Den Klimawandel gibt es nicht." Dann: "Es gibt ihn, aber er ist nicht menschengemacht." Jetzt sagen sie: "Wir werden dieses Thema angehen." Warum? Wenn sie in ihre Wahlkreise kommen, konfrontieren ihre Wähler sie damit. Weil der Regen ausbleibt. Oder es Überschwemmungen gab. Sie können sich dem Problem nicht mehr entziehen.

Ausgetrockneter Stausee im US-Bundesstaat Nevada

Ausgetrockneter Stausee im US-Bundesstaat Nevada

Foto: Jim Lo Scalzo/ dpa

SPIEGEL: Und trotzdem gibt es innerhalb der Republikanischen Partei noch Leugner des Klimawandels. Sind Sie auch deshalb ausgetreten?

Bloomberg: Nein, das lag daran, dass ich als unabhängiger Präsidentschaftskandidat antreten wollte. Ich bin Republikaner geworden, weil die Demokraten mich nicht als Kandidat aufstellen wollten für die Wahl zum New Yorker Bürgermeister. Und dann bin ich eben wieder ausgetreten. Ich mag Parteipolitik nicht.

SPIEGEL: Sie haben überlegt, bei der Wahl 2016 anzutreten - und haben es dann doch nicht getan. Bereuen Sie das jetzt?

Bloomberg: Nein, ich war damals überzeugt, dass ich als Unabhängiger nicht würde gewinnen können. Das ist in unserem Zwei-Parteien-System einfach nicht vorgesehen.

SPIEGEL: Sehen Sie Trump als Gefahr für die Demokratie in Amerika?

Bloomberg: Ich hoffe nicht, dass er das ist. Ich habe schon in meiner Rede beim Parteitag der Demokraten 2016 vor Trump gewarnt. Jedoch, Amerikas Demokratie mag zwar nicht perfekt sein, aber sie ist besser als viele andere. Sie hat fast 250 Jahre überlebt, und ich glaube, sie wird es weiterhin tun.

SPIEGEL: Woher kommt diese Wut auf das Establishment, auf die Elite, die Trump zum Präsidenten gemacht hat?

Bloomberg: Die Trump-Wähler wollten einen Wandel, sie hatten das Gefühl: Die bisherige Politik nutzt mir nichts, lasst uns etwas Neues ausprobieren. Trump wurde gewählt, weil er eine Botschaft hatte: Stimmt für Amerika. Macht Amerika wieder groß. "Amerika" ist ein gutes Wort. "Groß" ist ein gutes Wort. Hillary Clinton hatte nie eine Botschaft. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich kein großer Unterstützer von Hillary Clinton war, auch wenn sie natürlich für das Präsidentenamt besser geeignet gewesen wäre. Aber Trump hat sehr viel versprochen, und jetzt ist er sechs Monate da und hat kein einziges Gesetz verabschiedet. Und trotzdem, obwohl ich ihn nicht gewählt habe, obwohl ich ihn für den falschen Präsidenten halte, glaube ich, dass wir als Bürger nun die Verantwortung haben, ihm zu helfen.

SPIEGEL: Helfen? Ich hätte gedacht, Sie seien in vielem ganz anderer Meinung?

Bloomberg: Ja, absolut, ich bin in zahlreichen Punkten deutlich anderer Meinung, zum Beispiel was die Abschaffung von Obamas Krankenversicherung angeht und die Pläne, Steuern zu senken. Wir brauchen mehr Steuern, nicht weniger. Und ganz sicher brauchen wir die jetzigen Steuereinnahmen, für Verteidigung, Bildung, das Gesundheitswesen. Wir sollten daran nicht sparen.

SPIEGEL: Aber müssten Sie dann nicht froh sein, wenn Trumps Agenda scheitert?

Bloomberg: Am Ende wird Trump es ohnehin so hinstellen, dass er versucht hat, das umzusetzen, was er versprochen hat - aber dass die Liberalen ihn daran gehindert hätten. Egal, dass es ja die Republikanische Partei selbst ist, die keine Abstimmung hinbekommt. Natürlich würde ich gern Trumps Sicht ändern, natürlich finde ich schlimm, was er tut. Aber ich lebe hier, meine Kinder und meine Enkel leben hier. Ich will nicht, dass Trump scheitert. Das wäre ja krank. Darunter würden wir alle leiden. Ich will, dass Trump erfolgreich ist, auch wenn ich leider nicht glaube, dass er das sein wird. Und wenn er Dinge tut, die ich für schädlich halte, dann werde ich versuchen, ihn mit allen in meiner Macht stehenden Mitteln zu stoppen. Ich glaube, wir es nicht so machen wie einst der republikanische Senator Mitch McConnell, der nach Obamas Wahl sagte: "Wir werden dafür sorgen, dass er nur eine Amtszeit hat."

SPIEGEL: Glauben Sie denn, Trump könnte wiedergewählt werden?

Bloomberg: Zunächst einmal glaube ich, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass er seine erste Amtszeit beendet. Impeachment ist ein politischer, kein juristischer Prozess, und auch bei Nixon waren es nicht die Republikaner, sondern die Demokraten, die die Mehrheit hatten und ihn impeacht haben. Solange er also keinen Herzinfarkt hat oder etwas tut, was die Öffentlichkeit wirklich auf die Barrikaden bringt, wird er seine vier Jahre vollenden. Und dann, würde ich schätzen, hat er eine 55-prozentige Chance, wiedergewählt zu werden. Warum? Weil der Amtsinhaber immer einen Vorteil hat. Zudem wird es der Wirtschaft 2020 nicht allzu schlecht gehen, und bereits jetzt haben 14 Demokraten angekündigt zu kandidieren. Seine Gegner sind also alles andere als vereint.

SPIEGEL: Wer könnte Trump schlagen? Jemand wie Bernie Sanders?

Bloomberg: Sanders ist sehr linksliberal. Ich weiß nicht, ob er wieder antreten will, aber es heißt, er könnte es versuchen. Oder vielleicht Elizabeth Warren. Sie ist sehr schlau, und ebenfalls sehr links.

SPIEGEL: Sie selbst wollen nicht?

Bloomberg: O nein, ich glaube nicht, dass ich noch mal für irgendwas kandidieren werde, ich bin jetzt 75 Jahre alt. Aber manchmal denke ich, dass ich mit dem, was ich derzeit tue, ohnehin mehr bewegen kann.

SPIEGEL: Finden Sie es nicht geradezu ironisch, dass nun ausgerechnet zwei New Yorker Milliardäre über Amerikas Klimapolitik entscheiden?

Bloomberg: Ich weiß nicht, ob ich das so formulieren würde. Lassen Sie es mich so sagen: Ich weiß nicht, wie reich andere Menschen sind.

SPIEGEL: Sie wollen damit sagen, dass Trump kein Milliardär ist?

Bloomberg: Das haben jetzt Sie gesagt, nicht ich.

SPIEGEL: Herr Bloomberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.