AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2017

Missbrauch "Ich konnte nicht mal weinen"

Eine junge Hamburger Boxerin wirft einem renommierten Trainer vor, sie sexuell missbraucht zu haben. Doch die Verbandsfunktionäre bagatellisieren den Fall, die anstehende WM scheint ihnen wichtiger zu sein.

Laura Weber (*): Nachts Albträume, tagsüber Psychopharmaka
Nele Martensen / DER SPIEGEL

Laura Weber (*): Nachts Albträume, tagsüber Psychopharmaka

Von und


Mit 17 Jahren zog Laura Weber (* Name geändert) zu Hause aus, um sich ihren Lebenstraum zu erfüllen. Sie wollte einmal bei den Olympischen Spielen boxen. Sie zog von Hamburg nach Schwerin, an den Bundesstützpunkt der Boxer. Vier Jahre später kehrte sie nach Hamburg zurück, ohne Medaillen, ohne Olympia. Heute quälen sie nachts Albträume, am Tag schluckt sie Psychopharmaka.

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Heft 27/2017
Globalisierung außer Kontrolle: Radikal denken, entschlossen handeln - nur so ist die Welt noch zu retten

Laura Weber sagt, dass sie in Schwerin vom damaligen Landestrainer Christian M. bedrängt und belästigt worden sei. Der Trainer habe sie bei Wettkämpfen und Lehrgängen im Ausland missbraucht, erzählt Weber. 2011 sei das gewesen, die Boxerin war da noch minderjährig.

Weber hat auf einem Sessel in Hamburg Platz genommen, sie ist inzwischen 23. Sie hat die Füße umeinandergeschlungen, eine zierliche Frau, die Fingernägel akkurat bepinselt, und wenn sie lächelt, strahlt ihr ganzes Gesicht. Doch sie lächelt nur selten.

Im Dezember erstattete Weber Anzeige gegen Christian M., die Staatsanwaltschaft in Schwerin hat Ermittlungen nach Paragraf 174 des Strafgesetzbuchs aufgenommen, wegen des "Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen", teilt sie mit. Der Fall trägt das Aktenzeichen 126 Js 3675/17. Es werden zurzeit mehrere Zeugen vernommen, andere Boxer, Trainer, der Vater und der Exfreund von Laura Weber haben schon ausgesagt. Sie selbst auch.
Vier Stunden lang erzählte Weber der Polizei, was der Trainer ihr angetan haben soll. Nach der Befragung musste sie in eine psychiatrische Klinik, ihr wurden ein Trauma und Depressionen attestiert.

Der Deutsche Olympische Sportbund gibt seinen Vereinen und Verbänden Empfehlungen, was zu tun ist, wenn solche Vorwürfe im Raum stehen: Die beschuldigte Person soll bis zur Klärung des Verdachtsfalls freigestellt werden. Im Boxsport, so scheint es, kümmern solche Regeln kaum jemanden.

Christian M. war damals Landestrainer in Mecklenburg-Vorpommern. Inzwischen ist er zum Sportdirektor des Hamburger Boxverbands (HABV) aufgestiegen. Nach wie vor trainiert er Kinder und Jugendliche, fährt mit ihnen zu Turnieren. Die Vorwürfe von Weber bestreitet er.

Der SPIEGEL hat in den vergangenen Monaten immer wieder über sexuelle Gewalt im Sport berichtet. Aus diesem Grund wandte sich vor sieben Wochen ein Vertreter des HABV an die Redaktion. Laura Weber werde von seinen Kollegen "systematisch fertiggemacht", erzählte der Mann. Funktionäre würden sie als "Schlampe" bezeichnen, die "es selbst gewollt" habe. Und: "Damit die Sache nicht hochkommt, gehen manche über Leichen."

Weber hat lange überlegt, ob sie sich mit dem SPIEGEL treffen soll, noch einmal alles erzählen will. "Manchmal will ich mich mit dem Thema einfach nicht beschäftigen", sagt sie, "dann ignoriere ich alles, was damit zu tun hat." Doch die Bilder von früher kämen immer wieder hoch.

Der Bundesstützpunkt in Schwerin liegt am Stadtrand, auf dem Gelände befindet sich ein Sportinternat und ein Sportgymnasium. Rund 40 Jugendliche leben und boxen hier, die jüngsten sind 13 Jahre alt, das erste Training beginnt um 7:30 Uhr, noch vor dem Schulunterricht.

Weber war gerade Deutsche Jugendmeisterin geworden, als sie im Sommer 2011 hierherkam. Sie boxte im Nationalkader, galt als Kandidatin für Olympia in London. Am Stützpunkt erzählt man Gutes über sie, ein ruhiges Mädchen sei sie gewesen, talentiert. Nur an Kraft habe es ihr noch gefehlt. Eine Frage der Zeit, dachten ihre Trainer. Aber Weber wurde nicht besser, im Gegenteil: Sie verlor plötzlich gegen schwächere Boxerinnen. Im Ring wirkte sie nervös, schüchtern.

Laura Weber erzählte ihren Eltern, dass sie nachts nicht schlafen könne. Sie habe Angst. Wovor, wisse sie nicht, habe sie gesagt. Die Eltern machten sich Sorgen, also reisten sie an einem Wochenende nach Schwerin. Im Internatszimmer ihrer Tochter hängten sie ein Kruzifix an die Wand über dem Bett. Aber das half nicht.

Weber boxte nicht in der Trainingsgruppe von Christian M., aber sie fuhren gemeinsam zu Wettkämpfen. Im September 2011 ging es nach Schweden, Weber und M. waren im selben Hotel untergebracht. Sie verbrachten den Nachmittag mit einer weiteren Boxerin, auch sie war minderjährig. Sie aßen bei McDonald's, dort habe M. anzügliche Bemerkungen gemacht über Frauen, die ins Restaurant gekommen seien. Er habe ihr Aussehen mit Zahlen von eins bis zehn bewertet und Sätze gesagt wie: "Kleine Frauen sind sexy." Das berichten beide Boxerinnen.

Training am Bundestützpunkt in Schwerin
Heinrich Holtgreve / Ostkreuz / DER SPIEGEL

Training am Bundestützpunkt in Schwerin

Weber hatte Rückenschmerzen, deswegen habe M. ihr angeboten, sie zu massieren. Auch das erzählen beide Boxerinnen. Abends sei Weber deswegen zu M. aufs Zimmer gegangen. Er wollte, dass sie für die Massage sitzen bleibt, sich nicht hinlegt, so erinnert sie sich. "Das kam mir komisch vor." Ihr BH habe vorn nur noch leicht auf ihren Brüsten aufgelegen, der Rücken sei frei gewesen. Während M. massierte, hätten sie sich unterhalten, vor allem über ihr Heimweh, ihre Gefühle. Er habe sie "ganz schön ausgefragt". Dann habe M. angefangen, von seiner Freundin zu reden, habe gesagt, dass "da nichts mehr läuft und so". Und dass er ihr nicht immer treu sei.

Weber erzählt, sie habe sich verabschieden wollen, doch M. habe sie an der rechten Schulter gepackt und nach hinten gekippt. Sie habe gesagt: "Nein, ich muss wieder zurück auf mein Zimmer." Aber er habe ihren BH weg- und seine Hose heruntergezogen und dann über ihr onaniert. "Ich war wie erstarrt, konnte nichts machen, habe einfach weggeschaut."

Weber wird unruhig, wenn sie darüber spricht, ihr Daumen knetet auf dem Zeigefinger herum. Dann beschreibt sie, an welchen Stellen M. sie angefasst haben soll, wie er sie mit seinen Knien an der Hüfte eingeklemmt und über ihr gethront haben soll.

"Er wusste genau, dass ich das nicht wollte. Ich lag da und habe mich so hilflos gefühlt. Mir ging die ganze Zeit durch den Kopf, dass ich ihm zu viel von meiner Familie erzählt habe und dass er mit meinem Vater befreundet ist", sagt Weber. "Ich konnte nicht mal weinen." Wortlos habe sie das Zimmer verlassen, am nächsten Tag sei sie ihm aus dem Weg gegangen, erzählt sie. Doch das sei erst der Anfang gewesen.

Ein paar Wochen nach jener Reise fuhr sie mit M. zu einem Lehrgang nach Polen. Er habe dafür gesorgt, dass sie mit ihm im selben Hotelzimmer übernachtet, sagt Weber. "Ich ahnte, worauf es hinausläuft, und hatte total Angst. Aber ich wusste nicht, was ich tun soll. Ich hatte niemanden, mit dem ich darüber reden konnte."

Weber sagt, sie habe sich abends sofort ins Bett gelegt, M. habe noch mit seiner Freundin telefoniert, ",ich liebe dich' und ,gute Nacht' gesagt". Dann habe er sich neben Weber gelegt, sie habe ihm den Rücken zugedreht. Er habe sie irgendwann rumgedreht, ihr die Hose ausgezogen "und mit mir geschlafen oder wie man das nennt". Weber atmet jetzt schwer, sie stockt. "Vergewaltigt", sagt sie dann. Aktuell ermitteln die Behörden allerdings noch nicht nach Paragraf 177 des Strafgesetzbuchs, der Vergewaltigungen umfasst.

Zurück in Schwerin habe sie versucht, alles zu verdrängen. Sie habe M. auf Abstand halten wollen, was ihn aber nur noch aggressiver gemacht haben soll.

Eines Abends, als Weber zu Fuß ins Internat gehen wollte, habe M. sie mit dem Auto abgefangen. Er habe verlangt, dass sie in seinen Wagen steige, erzählt Weber. Der Trainer habe ihr gesagt, dass er sie liebe. Als Weber abweisend regiert habe, sei M. wütend geworden: "Er sagte, dass er sonst was meinem Vater erzählen würde, dass er den Schulleiter kennt, dass er mit allen Trainern gut befreundet sei und meine Karriere zerstören könnte."

Die Boxerin habe gewusst, dass M. früher als Polizist gearbeitet hatte. Deswegen habe sie sich damals nicht an die Polizei gewandt, sagt sie. Auch bei der Leitung des Stützpunkts hat sie sich nicht über M. beschwert, keine Hilfe gesucht bei anderen Trainern oder ihren Eltern. "Ich habe mich so geschämt", sagt sie heute.

Und doch entstanden Gerüchte, dass da etwas vorgefallen ist zwischen M. und ihr. Gerüchte, die Schwerin irgendwann verließen und vor sieben Monaten Nele Rades-Walther erreichten, die Rechtswartin des Hamburger Boxverbands. Rades-Walther arbeitet als Richterin am Amtsgericht in Niebüll in Schleswig-Holstein.

Anfang Dezember traf sie Laura Weber beim Training, sie setzten sich zusammen in die Umkleidekabine. Rades-Walther sprach Weber auf M. an. Weber sagte: "Das ist der schlechteste Mensch, den ich kenne." Dann brach alles aus ihr heraus. Als Juristin wusste Rades-Walther, dass die Vorfälle laut Strafrecht noch nicht verjährt waren. Weber und sie fassten die Anschuldigungen gegen M. auf drei Seiten zusammen. Weber entschloss sich, den Trainer anzuzeigen.

Am 12. Dezember informierte Rades-Walther den Vorstand des HABV über den Fall, Christian M. wurde sofort freigestellt. Aber das war nur der Beginn eines Skandals im Skandal. Denn Christian M. hat in den vergangenen Jahren eine steile Karriere hingelegt. Er trainiert einige der besten Nachwuchsboxer Deutschlands. Als Manager gründete er die Hamburg Giants, ein Team, das in der Bundesliga boxt. Mit seinem Cousin leitet M. die Promotionfirma M-Fights. Die wiederum ist an der Organisation der Boxweltmeisterschaft beteiligt, die ab Ende August in Hamburg ausgetragen wird.

Man kann also sagen, dass Christian M. ein wichtiger Mann ist, für Funktionäre, Politiker, für Hamburg sowieso. So ein Missbrauchsskandal kommt für viele Leute ziemlich ungelegen.

Für Jürgen Kyas zum Beispiel, den Präsidenten des Deutschen Boxsport-Verbands (DBV). Bei der Box-WM ist Kyas Chef des Organisationskomitees, also das, was Franz Beckenbauer bei der Fußball-WM 2006 war: der Boss. Rechtswartin Rades-Walther sagt, dass sie Kyas im Dezember angerufen habe. Sie habe um Hilfe vom DBV gebeten. Die Antwort von Kyas sei kurz gewesen: "Wir halten uns da raus." Und: "Legen Sie sich ein dickeres Fell zu."

Im Januar zitierte Kyas den damaligen HABV-Präsidenten Peter Hamel in ein Hamburger Hotel, so erzählt es Hamel selbst. Es sei bei dem Gespräch um die Vorwürfe von Laura Weber gegangen. Hamel berichtet, Kyas habe auf ihn eingeredet, dass die Sache "nicht hochkommen" dürfe, "wegen der Weltmeisterschaft".

Ein Megaevent wie die WM lässt man sich nicht von der möglichen Vergewaltigung einer Nachwuchsboxerin beschädigen. Denkt Kyas so?

Auf Anfrage bestreitet der DBV-Präsident, sich so geäußert zu haben, wie von Rades-Walther und Hamel geschildert. Er habe lediglich darum gebeten, "die Öffentlichkeit nur auf Basis juristisch wasserfester Fakten zu informieren". Kyas legt ein Schreiben von Ende Mai vor, in dem er dem HABV "nachdrücklich und eindringlich" empfiehlt, Christian M. zu suspendieren.

Trainingshalle in Schwerin: "Damit die Sache nicht hochkommt, gehen manche über Leichen"
Heinrich Holtgreve / Ostkreuz / DER SPIEGEL

Trainingshalle in Schwerin: "Damit die Sache nicht hochkommt, gehen manche über Leichen"

Unter den Hamburger Boxfunktionären ist in den vergangenen Monaten ein Kampf um die Wahrheit ausgebrochen. Hamel glaubte Weber, dann wurde er im März als Präsident abgewählt. Sein Nachfolger hat Christian M. wieder auf seinen Posten als Sportdirektor berufen. Es gebe "keinen nachweisbaren Grund", den Trainer von seinem Job zu entbinden. So steht es im Protokoll einer Vorstandssitzung.

Ein paar wenige Funktionäre im HABV nehmen Webers Anschuldigungen ernst. Sie suchen Hilfe bei der Politik. Am 21. Mai schickten sie eine E-Mail an den Hamburger Innen- und Sportsenator Andy Grote, SPD. Man bat ihn, "zu intervenieren", damit Christian M. "von der Trainertätigkeit suspendiert" werde. Grote antwortete nicht. Erst auf eine zweite Beschwerde vier Wochen später reagierte ein Staatsrat von Grote: Dieser "Streit" im Boxverband sei "eine sport-interne Angelegenheit", die man aber "sehr aufmerksam" verfolge. Mit freundlichen Grüßen.

Sportsenator Grote gilt als großer Boxfan, er lässt sich gerne bei den Kämpfen der Hamburg Giants blicken. Christian M. und er kennen sich. Auf SPIEGEL-Anfrage will sich Grote nicht zu dem Fall äußern. Aus seiner Behörde heißt es, es gebe keine Handhabe für den Senator, weil der Sport in dieser Sache autonom sei.

Am Telefon sagt Christian M., die Anschuldigungen gegen ihn seien "Humbug": Sein Anwalt und er könnten "belegen, dass an den Vorwürfen nichts dran ist", sagt der Trainer, "wir haben Informationen und Beweise." Welche? Will er noch nicht sagen. Einen umfassenden Fragenkatalog lässt Christian M. später unbeantwortet. Sein Anwalt schreibt, die Anschuldigungen seien "Teil einer äußerst schmutzigen Kampagne" gegen M. und "absolut haltlos". Aufgrund des laufenden Verfahrens wolle man sich aber nicht im Detail äußern.

Es steht Aussage gegen Aussage, wie so oft bei Missbrauchsfällen. Die Staatsanwaltschaft wird auf Zeugen zurückgreifen müssen, um der Wahrheit näherzukommen. In Schwerin kann man sich mit einigen von ihnen unterhalten, sie gehörten damals zur Clique von Laura Weber.

Ein Freund von ihr erinnert sich an ein Gespräch mit Laura, das im Frühjahr 2015 stattgefunden habe: "Sie erzählte mir von der Massage von Christian, dass sie sich auf seinem Hotelzimmer freimachen sollte, dass er versucht habe, sie anzufassen. Sie heulte, als sie darüber redete."

Der Exfreund von Laura Weber, der bis 2014 mit ihr zusammen war, sagt, er wusste, dass zwischen M. und Weber "etwas vorgefallen war". Laura habe ihm Nachrichten des Trainers gezeigt, in denen er um Gespräche mit ihr gebettelt haben soll.

Auch Lauras Zimmernachbarin aus dem Sportinternat sagt, dass zwischen M. und Weber "etwas gelaufen" sei. "Ich hielt das erst für eine Affäre, die beide geheim halten wollten." Über Missbrauch habe Laura nie etwas gesagt, wenn sie über M. sprachen. Verliebt habe Laura aber auch nicht gewirkt. Später sei M. dann "ganz eklig zu ihr" gewesen. Laura habe Angst vor ihm gehabt, sei nachts aus Albträumen aufgeschreckt.

Was genau zwischen Laura Weber und Christian M. passiert ist, wissen letztlich nur die beiden.

Sicher ist, dass jegliche sexuelle Handlung zwischen Erziehern, Ausbildern oder Betreuern und den ihnen anvertrauten 16- bis 18-Jährigen verboten ist, wenn die Erwachsenen ihre Machtposition ausnutzen. So steht es im Strafgesetzbuch.

Wer dafür vor Gericht landet, dem drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis. Schon der Versuch ist strafbar. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Schwerin werden frühestens Ende Juli abgeschlossen sein.

Laura Weber hat mit dem Boxen aufgehört. Zu viele schlechte Erinnerungen, sagt sie. Sie macht in Hamburg eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau. In den vergangenen Wochen war sie allerdings die meiste Zeit krankgeschrieben.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
susuki 03.07.2017
1.
Ich wünsche der jungen Frau ein, wenigstens ab jetzt, gelungenes Leben. In der Gerichts-Realität wird wohl lediglich die fehlende Eignung des Trainers, Kinder auszubilden, festgestellt werden. Dem Trainer wünsche ich die Kraft sein Verhalten zu reflektieren.
großwolke 03.07.2017
2. Berichten vs. Verantwortung
Wie immer in mutmaßlichen Vergewaltigungsfällen hat man hier ein schwieriges Thema: einerseits ist es natürlich absolut berichtenswert und wohl auch im Sinne der journalistischen Verantwortung, die Öffentlichkeit zu informieren, wenn sich hier ein Sportverband nicht an die eigenen Regeln hält und weiterhin riskiert, trotz eines laufenden Verfahrens Minderjährige einem möglichen Straftäter auszuliefern. Andererseits hat erst unlängst der Fall Gina-Lisa gezeigt, und davor z.B. auch die ganze Geschichte um Jörg Kachelmann, dass selbst vor Gericht unhaltbare Anschuldigungen das Potential haben, das Leben der möglicherweise zu Unrecht in Verruf gekommenen nachhaltig zu beschädigen. Selbst neutral gehaltene Formulierungen führen trotzdem dazu, dass die Namen der Leute im öffentlichen Bewusstsein mit der Anschuldigung in Verbindung gebracht werden, und spätere Klarstellungen sind oftmals weit weniger kraftvoll in der beabsichtigten Wirkung, diese Verbindung wieder zu lösen, bzw. dreht sich die Welt während der langwierigen juristischen Abläufe oft einfach weiter, und eine Rückkehr zum vorher Erreichten ist schlicht nicht mehr möglich. Vor diesem Hintergrund frage ich mich, ob es klug ist, solche Ereignisse im laufenden Prozess an die große Glocke zu hängen, oder ob man damit nicht unnötigen Schaden verursacht. Zumal ja, in diesem wie in den von mir erwähnten Fällen, die richtigen Instanzen bereits bei der Arbeit sind und somit die Aussicht besteht, in absehbarer Zeit über den abgeschlossenen Vorgang berichten zu können, samt rechtskräftiger Beurteilung desselben.
spon-facebook-10000012354 03.07.2017
3. Ein komplexer Fall
Obwohl der Bericht die Persönlichkeitsrechte der beteiligten Personen waren muss, ist es für Insider relativ einfach die Sachlage in Erfahrung zu bringen, wie sie in den Medien dargestellt wird. Insbesondere drängt sich der Eindruck auf, dass diese Anzeige einer Straftat möglicherweise in Zusammenhang mit einer anderen Krise des Hamburger Boxverbandes steht, die erst kürzlich gelöst worden ist. Es wäre die Frage, ob diese Umstände nicht in den Bericht von SPON gehören würden.
Wassup 03.07.2017
4. Die Verlorene Ehre des Trainers
Medien sollten Verantwortung tragen. Ich empfehle den Redakteuren die Lektüre des Romans "Die Verlorene Ehre der Katharina Blum" von Böll. Medien sollten nicht zu früh berichten, um nicht Leben zu zerstören. Warten Sie doch ab, bis die Gerichte die Fakten besser geklärt haben. Als zweite Lektüre empfehle ich "Unrecht im Nahmen des Volkes", in dem Buch geht es auch um einen Vergewaltigungsfall, Beschuldigte sassen Jahrelang unschuldig ein.
mickt 04.09.2017
5. Ich wünsche Laura Weber
alles Gute und eine saubere, faire juristische Aufarbeitung und damit Gerechtigkeit sowie sehr liebe unterstützende Freunde und Halt in der Familie. Gut, dass sie den Mut und die Stärke hat mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Schweigen unterstützt Missbrauch.
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