"Mito-Therapie" Neue Power für die Körperzellen - geht das?

Mitochondrien gelten als Kraftwerke im Körper. Doch während die seriöse Forschung erst am Anfang steht, versprechen Alternativmediziner die Heilung fast aller Gebrechen. Was steckt dahinter?
Frau beim Fitnesstraining: In den Mitochondrien wird Energie erzeugt.

Frau beim Fitnesstraining: In den Mitochondrien wird Energie erzeugt.

Foto: Martin Meissner/ AP

Fast jeder kennt sie noch aus dem Biologieunterricht, wenn die Zelle durchgenommen wird: jene kleinen, ovalen Gebilde, die Mitochondrien, oft auch Kraftwerke der Zelle genannt. In ihnen werden Fette und Kohlenhydrate verbrannt - so wird Energie für den Körper erzeugt.

Jedes Nervensignal, jeder Herz- oder Wimpernschlag, letztlich auch jeder Gedanke braucht die Power aus den Mitochondrien. Stellten die Zellorganellen plötzlich die Arbeit ein, würde der Körper liegen bleiben wie ein Auto, dem das Benzin ausgegangen ist.

Kein Wunder also, dass sich Forscher für Mitochondrien interessieren. Ihre große Hoffnung: eines Tages mit ihrer Hilfe Krankheiten heilen zu können. Mehr als 189.000 wissenschaftliche Artikel verzeichnet die medizinische Datenbank PubMed inzwischen zum englischen Suchbegriff "mitochondria"; der erste erschien im Jahr 1913 in der renommierten Fachzeitschrift "Science".

Doch nun haben Alternativmediziner und Heilpraktiker die Mitochondrien für sich entdeckt. Sie behaupten, das zu können, wovon die Wissenschaft noch träumt: kurieren. Zahlreiche Praxen werben im Internet mit dem neuen Trend, behaupten "Burn-out beginnt in den Mitochondrien", wollen "die volle Zellkraftwerkspower wiederherstellen".
Die Botschaft klingt ja einleuchtend: Sie fühlen sich stets müde, abgeschlagen? Na klar, die Kraftwerke der Zelle sind schuld! Sie können sich kaum konzentrieren, haben keine Kraft mehr, sind depressiv? Bestimmt tragen Sie eine Mito-Malaise mit sich herum. Auch für Probleme und Krankheiten wie Migräne, Reizdarm, unerfüllten Kinderwunsch, Diabetes, häufige Infekte und Übergewicht werden kaputte Mitochondrien verantwortlich gemacht. Doch was ist dran?

Die Angebote der "Mito-Medizin" haben vor allem eines gemeinsam: Sie sind teuer und müssen in aller Regel selbst bezahlt werden. Zunächst der Labortest, um die "mitochondriale Dysfunktion" zu diagnostizieren, und danach die Therapie, meist teure Nahrungsergänzungsmittel, die den schlappen Mitochondrien wieder Leben einhauchen sollen.

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Seriöse Wissenschaftler sind alarmiert. Durch die Quacksalberei, fürchtet der Experte Hans Zischka, könnte das ganze Forschungsgebiet in Verruf geraten. Der Forscher vom Institut für Molekulare Toxikologie und Pharmakologie am Helmholtz Zentrum in München untersucht seit Jahrzehnten, welche Stoffe Mitochondrien schädigen können. "Die ganze Disziplin steht am Scheideweg", sagt Zischka. Zwar sei nicht alles, was die Alternativmedizin behaupte, Unsinn. Nur verhalte sich die Sache eben viel, viel komplizierter - und etliche wichtige Fragen ließen sich noch nicht beantworten. "Wenn dann die harte Wissenschaftlichkeit fehlt", sagt Zischka, "sind Sie schnell im Bereich Voodoo."

Carsten Culmsee, Pharmazieprofessor an der Philipps-Universität Marburg, hält die Formel "Erschöpfung gleich Mitochondrienleiden" für eine grobe und unzulässige Vereinfachung. "Was die Rolle der Mitochondrien bei Erkrankungsprozessen angeht, befinden wir uns noch in der Grundlagenforschung."

Anerkannt von der Medizin sind bislang vor allem mitochondriale Erkrankungen, die durch Mutationen im Erbgut entstehen und bei den Betroffenen schwere Schäden an Muskeln, am Nervensystem oder an anderen Organen hervorrufen, wie etwa jene Krankheit, an der kürzlich in Großbritannien das Baby Charlie Gard verstarb. Dessen Fall ging durch die Presse, weil seine Eltern vor Gericht eine experimentelle Therapie in den USA erstreiten wollten.

Der Kinderarzt Markus Schülke von der Berliner Charité ist auf solche Mitochondriopathien spezialisiert und behandelt erkrankte Kinder in einer Spezialsprechstunde. Ein- bis zweimal pro Monat kommen auch Erwachsene zu ihm, die bei einem Mitochondrienheiler waren und von Schülke eine Zweitmeinung wollen. "Ich sage ihnen, dass sie ihr Geld verschwenden", sagt der Kinderarzt. Die alternative Mitochondrienmedizin sei ein "Paralleluniversum", bestimmt von dem Wunschdenken, die "Ursache für alle Zivilisationskrankheiten gefunden zu haben".

Zugleich ist in den Labors der Wissenschaftler inzwischen klar geworden, dass sich Funktionsstörungen der Mitochondrien durchaus bei vielen Leiden feststellen lassen, beispielsweise bei Parkinson, Amyotropher Lateralsklerose, Depressionen, Diabetes oder Krebs. "Mitochondrien sind das Drehkreuz für fast alle biochemischen Stoffwechselwege", sagt Volkmar Weissig, Professor für Pharmakologie an der Midwestern University im US-Bundesstaat Arizona und Präsident der World Mitochondria Society. "Kurz gesagt: Es gibt wahrscheinlich kaum eine Erkrankung, an der die Mitochondrien nicht irgendwie beteiligt sind."

Doch anders als alternative, selbst ernannte "Mito-Mediziner", die in kaputten Zellkraftwerken die Wurzel allen Leidens sehen, zweifeln seriöse Wissenschaftler, ob Mitochondriendefekte die Krankheit auslösen - ebenso gut könnte es sich um Kollateralschäden handeln. "Es ist nicht klar, was die erste Ursache ist", sagt Alessandro Prigione, Mitochondrienforscher am Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. "Das ist einer der Schlüsselpunkte, an denen weiter geforscht werden sollte."

Tatsächlich sind viele Fragen noch offen, und Therapien gegen Alzheimer, Diabetes oder Krebs, die an den Mitochondrien ansetzen, sind zwar denkbar, liegen aber in weiter Ferne - wenn sie überhaupt jemals Wirklichkeit werden.

Ähnlich unsicher sieht es bei der Diagnostik aus. Zahlreiche alternativmedizinische Praxen behaupten auf ihren Websites, die Mitochondrienfunktion mit einem Bluttest messen zu können. Wissenschaftler halten genau das derzeit noch für ein großes Problem. "Was wirklich fehlt", sagt Hans Zischka, "ist eine verlässliche Labordiagnostik."

Noch schlimmer ist die Situation bei der Therapie. Alternativmediziner empfehlen neben allgemeinen Maßnahmen wie einer Ernährungsumstellung, weniger Stress, mehr Bewegung und mehr Schlaf (immerhin Maßnahmen, die nicht schaden können) vor allem eine Therapie mit Spurenelementen, Vitaminen und teuren Nahrungsergänzungsmitteln wie etwa Coenzym Q10.

Es ist der Patient, der diese Mittel bezahlen muss. Etwa 20 Euro kosten 120 Kapseln Vitamin B12 bei einem Internetversand, rund 30 Euro muss man für 60 Kapseln L-Cystein hinlegen und fast 50 Euro für 60 Kapseln Ubiquinol, einer Coenzym-Q10-Form mit, so behauptet der Hersteller, besonders guter "Bioverfügbarkeit". Qualitativ hochwertige Studien, die belegen, dass diese Substanzen wirken, gibt es nicht.

Schlimmer noch: Die Behandlung könnte sogar massiv schaden. "Wenn jemand Krebs hat, vielleicht ohne es zu wissen, booste ich dann vielleicht mit der Therapie vor allem die Mitochondrien in den Krebszellen?", fragt Zischka. "Das weiß niemand." Die Bedeutung der Mitochondrien sei zentral. "Da einzugreifen muss mit äußerster Vorsicht erfolgen."

Dringend solle die Mitochondrienmedizin deshalb ihre Empfehlungen durch hochwertige Studien untermauern. Dabei müssten gute Forscher helfen, meint Volkmar Weissig. "Ich verstehe, dass seriöse Ärzte sich von Quacksalbern, die fragwürdige Mito-Medizin betreiben, distanzieren wollen", sagt er.

Aber wer wisse das schon, manchmal sei ja auch ein Körnchen Wahrheit in dem, was Scharlatane tun. "Deshalb darf ihnen die Wissenschaft bei so einem wichtigen Thema nicht das Feld überlassen."

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