Jeder achte Jugendliche betroffen Was gegen Mobbing hilft

Wie fühlt es sich an, gemobbt zu werden? Wie sollten Lehrer reagieren? Und was müssen Eltern tun? Drei Experten diskutieren: ein Forscher, ein Präventionshelfer - und eine Betroffene.
Schülerin Chiara

Schülerin Chiara

Foto: Thomas Lohnes/DER SPIEGEL

Das 2011 gegründete Bündnis gegen Cybermobbing hat mit Unterstützung der Telekom über 3000 Schüler, Eltern und Lehrer zu Onlinemobbing befragt. Uwe Leest, 55, Mitautor der Studie, ist Vorsitzender des Vereins. Peter Sommerhalter, 44, klärt als Dozent für Prävention und Medienberatung an Schulen über die Gefahren von Cybermobbing auf. Dabei lernte er Chiara, 17, kennen, die bis vor einem Jahr massiv im Internet beleidigt wurde.

SPIEGEL: Herr Leest, das Problem Mobbing ist schon länger bekannt. Was ist so anders an Cybermobbing, dass Sie sich gezielt dagegen einsetzen?

Leest: Cybermobbing ist noch schlimmer. Früher war es eine Clique, die sich über jemanden lustig machte, heute können das in einer WhatsApp-Gruppe 100 oder 1000 Mitschüler gleichzeitig sein. Die Anonymität im Netz macht es dem Angreifer leichter, sein Opfer zu treffen. Und: Das Internet vergisst nie.

Sommerhalter: Ich habe früher selbst Mobbing erlebt, als Täter und als Opfer. Doch zu Hause war ich sicher, da gab es meinen großen Bruder, meinen Hund. Heute nehmen Kinder ihr Handy mit ins Bett. So kommen die Beleidigungen durch die Haustür, am Schlafzimmer der Eltern vorbei bis unter die Bettdecke. Der Schutzraum ist weg. Selbst Eltern, die ihren Kindern das Internet ab 20 Uhr sperren, wissen nicht, dass ihre Kinder womöglich das WLAN-Passwort vom Nachbarn besitzen.

SPIEGEL: Chiara, wie fing das bei Ihnen an?

Chiara: Schon Ende der fünften Klasse, zuerst noch ohne Internet. Damals gingen Nacktfotos von meiner 15-jährigen Schwester, die sie ihrem Exfreund geschickt hatte, an der Schule rum. Sie wechselte deshalb die Schule. Auf einmal begannen andere Kinder zu behaupten, ich würde mich auch ausziehen, wenn man mich nur fragt. Ich war viel zu jung, um das richtig zu verstehen. Meine Mama sagte, ich solle mir nichts draus machen, das gehe vorbei.

Sommerhalter: Das glauben viele, ist aber falsch. Mobbing hört meistens erst auf, wenn man etwas unternimmt.

Chiara: Bei mir wurde es immer schlimmer. Am Anfang waren es nur einige Mitschüler, in der achten Klasse waren alle gegen mich. Sie schütteten mir Juckpulver in die Klamotten und filmten mich beim Umziehen nach dem Sportunterricht, um das Video bei YouTube hochzuladen. Es gab ein Hassblog, auf dem es ausschließlich darum ging, wie scheiße ich sei. Es gab Facebook- und WhatsApp-Gruppen, in denen Bilder von mir geteilt wurden: mein Kopf auf einen nackten Körper montiert oder ich mit einem Kackhaufen neben mir.

SPIEGEL: Haben die Lehrer davon nichts mitbekommen?

Chiara: Doch, ich habe mich immer wieder beschwert. Aber ich fühlte mich von niemandem richtig ernst genommen. Für die war ich die Dramaqueen, die übertreibt und sich alles zu sehr zu Herzen nimmt.

SPIEGEL: Immerhin wurden Sie, Herr Sommerhalter, von der Schule als Medienberater in Chiaras Klasse geschickt, weil Lehrer von dem Mobbing wussten. Was haben Sie erreicht?

Peter Sommerhalter

Peter Sommerhalter

Foto: Thomas Lohnes/DER SPIEGEL

Sommerhalter: Einige der Mitläufer konnte ich davon überzeugen aufzuhören. Aber in Chiaras Fall gab es zwei bis drei Intensivtäter, die auch andere beleidigt haben. Ich habe versucht zu vermitteln, aber die waren auch für mich nur schwer greifbar.

SPIEGEL: Herr Leest, was haben Sie in Ihrer Studie herausgefunden?

Leest: Fast 13 Prozent aller Schülerinnen und Schüler gaben an, schon einmal eine Zeit lang online beschimpft oder beleidigt oder auf andere Weise gemobbt worden zu sein. Das ist jeder achte Jugendliche.

SPIEGEL: Welche Kinder trifft es Ihrer Forschung zufolge besonders?

Leest: Cybermobbing gibt es an jeder Schule und betrifft Mädchen und Jungen gleichermaßen. Inzwischen besitzt allerdings bereits ein Viertel aller Siebenjährigen ein Smartphone, Tablet, PC oder Laptop, bei den Achtjährigen ist es die Hälfte. Deshalb gehen wir davon aus, dass die Cybermobbing-Opfer immer jünger werden.

SPIEGEL: Auf welchen Plattformen wird gemobbt?

Leest: Bei unserer letzten Befragung vor vier Jahren fanden die meisten Diffamierungen auf sozialen Netzwerken wie Facebook statt, heute viel mehr bei WhatsApp oder Instagram.

SPIEGEL: Herr Sommerhalter, ist das alles so krass, wie Chiara es schildert?

Sommerhalter: Mich erreichen in der Woche vier bis sechs Nachrichten, per E-Mail oder über Facebook. Einige, die sich melden, sind selbst betroffen, andere haben Videos von Mitschülern entdeckt und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. In den Klassen lasse ich die Jugendlichen Fragebögen ausfüllen. Sie wären erstaunt zu lesen, wie viele dort erzählen, dass Nacktfotos von ihnen verschickt wurden, wie sie bedroht und beleidigt werden. Ich bin erschüttert, wenn ein Mädchen zum Beispiel schreibt: "Ich stand am Fenster und wollte springen, weil meine Mitschüler mich wegen meiner Figur beleidigen."

SPIEGEL: Was kann ein Medienberater wie Sie in so einem Fall machen?

Sommerhalter: Ich spreche zuerst mal mit dem Schüler, der Schülerin und biete Hilfe an. Wenn sie einverstanden sind, wende ich mich danach an Lehrer und Eltern. Ich habe aber auch schon selbst die Polizei verständigt. Eigentlich bin ich nur derjenige, der die Fälle entdeckt und die Steine ins Rollen bringt. Danach müssen andere, Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter, diese Steine am Rollen halten, und ich ziehe mich raus, schon aus Selbstschutz.

SPIEGEL: Herr Leest, konnten Sie herausfinden, was die Täter antreibt? Woher kommt der Hass auf einzelne Mitschüler?

Leest: Viele Jugendliche haben angegeben, selbst schon gemobbt zu haben, und zwar aus Rache. Sie wollten die anderen richtig fertigmachen.

Sommerhalter: Einige fühlen sich auch einfach besser, wenn sie sich über andere lustig machen. Ich nenne das Ego-Tankstelle.

SPIEGEL: Chiara, wissen Sie, warum man es auf Sie abgesehen hatte?

Chiara: Nein, bis heute nicht. Ich habe die Schuld lange bei mir gesucht. Irgendwann habe ich mich sogar mal vor meine Klasse gestellt und gefragt, was die eigentlich für ein Problem mit mir haben. Niemand reagierte, es wurde nicht mal gekichert. Also machte meine Lehrerin schließlich weiter mit dem Unterricht.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Herr Leest, Sie schreiben, dass junge Eltern den Internetkonsum eher reglementieren als ältere, ist das der richtige Weg?

Leest: Ja. Eltern unter 35 sind mit dem Internet groß geworden, haben vielleicht selbst schon schlechte Erfahrungen im Netz gesammelt. Sie nehmen ihre Kinder eher an die Hand, das ist sehr wichtig im Umgang mit den Neuen Medien.

SPIEGEL: Eltern wissen also immer besser über Cybermobbing Bescheid, das ist doch eine gute Entwicklung.

Leest: Ja, allerdings fühlen sich viele gleichzeitig hilflos und überfordert.

Sommerhalter: Sie wissen zwar theoretisch, was Onlinemobbing bedeutet, bekommen davon aber erst etwas mit, wenn sich das eigene Kind massiv verändert: sich weigert, in die Schule zu gehen, sich morgens erbricht oder sogar einen Abschiedsbrief schreibt.

SPIEGEL: Wie beugt man vor?

Sommerhalter: Wenn man sich regelmäßig mit seinen Kindern zusammensetzt und miteinander über die Schule spricht, kann man ganz schön viel mitkriegen. Soziale Kompetenzen, das brauchen die Kinder, mehr noch als Medienkompetenz. Es ist wichtig, seinen Kindern ein gesundes Selbstwertgefühl mitzugeben. Ich weiß, das klingt abgedroschen. Aber es gibt eben auch diejenigen, die Beleidigungen an sich abprallen lassen. Dann lassen die Mobber auch von ihnen ab - und suchen sich ein anderes Opfer.

SPIEGEL: Chiara, wann hat Ihre Mutter gemerkt, was Sie im Schulalltag mitmachen?

Chiara: Als ich mich aus allen sozialen Netzwerken gelöscht und meine Nummer mehr als zehnmal gewechselt habe, fand sie das schon merkwürdig. Wahrscheinlich hat sie mich deshalb gegoogelt und ein Foto von mir mit der Überschrift "Tod" gefunden. Ich hab ihr gesagt, das sei nur Spaß unter Freunden, daraufhin hat sie mich in Ruhe gelassen. Als ich anfing, mich zu ritzen, erzählte ich, das seien Kratzer von meinem Hasen. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und schrieb einen Abschiedsbrief auf meinem Laptop, gut sichtbar für meine Mutter. Erst da hat sie verstanden, wie sehr ich litt.

Sommerhalter: Ich hatte damals auch nicht auf dem Schirm, wie weit das ging. Das tut mir leid.

SPIEGEL: Chiara, Sie haben nach der neunten Klasse die Schule gewechselt. Was hat sich verändert?

Chiara: An der neuen Schule war ich ein unbeschriebenes Blatt. Einige fragten zwar nach dem Grund für meinen Wechsel, gaben sich aber mit der Erklärung "persönliche Gründe" zufrieden. Vor einem Monat habe ich all meinen Mut zusammengenommen und ihnen meine Geschichte erzählt. Ich wollte kein Mitleid, sondern Verständnis. Das habe ich bekommen. Meine Klasse versteht jetzt, warum ich manchmal so dünnhäutig bin und überreagiere. Einige waren ganz überrascht, weil sie mich für eine starke Person gehalten hatten. So hatten sie sich ein Mobbingopfer nicht vorgestellt.

Sommerhalter: Die meisten Betroffenen sind nicht so offen wie Chiara. Ihr tut es ja gut, darüber zu sprechen, sie war damit sogar im Fernsehen.

Chiara: Leider behaupten die, die mich gemobbt haben, bis heute, dass alles erfunden oder übertrieben ist.

Uwe Leest

Uwe Leest

Foto: Thomas Lohnes/DER SPIEGEL

SPIEGEL: Was sollten Eltern unternehmen, wenn ihre Kinder online beleidigt werden?

Leest: Sie sollten die Schule und gegebenenfalls die Polizei verständigen, auch wenn das häufig frustrierend ist. Die Polizei ist total überlastet, da bleibt wenig Kapazität, um vermeintlich kleine Auseinandersetzungen unter Schülern zu verfolgen. Damit sich daran etwas ändert, fordern wir ein Cybermobbinggesetz.

SPIEGEL: Was wollen Sie damit erreichen?

Leest: Viele Juristen sagen, es gebe bereits die Tatbestände, die beim Onlinemobbing erfüllt sind: Beleidigung, Bedrohung und Verbreitung diffamierender Bilder. Das stimmt, aber es gibt so wenig Verurteilungen, dass viele Jugendliche gar kein Unrechtsbewusstsein haben. So ein Gesetz hätte eine abschreckende Wirkung: Die Täter wüssten, dass sie sich strafbar machen. Und die Opfer, dass sie dagegen klagen können.