Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

12. Dezember 2016, 12:42 Uhr

Streit um Modern-Talking-Kopie

Modern Stalking

Von

Zwei Männer aus Plauen treten als "Modern Talking reloaded" auf, seit 17 Jahren schon, gerade erst waren sie auf Finnland-Tournee. Nun will der echte Thomas Anders sie verklagen. Muss das sein?

Bevor Micha Beurich sich in Dieter Bohlen verwandelt und ein Flugzeug nach Finnland besteigt, regelt er noch kurz per Telefon den Stuhlgang eines seiner Kunden. Es geht um ein Medikament, das zu Verstopfung führt. Beurich kümmert sich im Auftrag deutscher Gerichte um Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen. Das ist sein erster Beruf. Sein zweiter Beruf ist es, sich in Dieter Bohlen zu verwandeln. Für ihn ist das leicht, denn er sieht nun mal so aus: gleicher massiver Schädel, gleiches Teufelslächeln, gleiches Blond.

Beurich, 44, fliegt zusammen mit André Brand, 53, einem in der DDR ausgebildeten Rinderzüchter, der aussieht wie Thomas Anders: gleiche Körpergröße, gleiche schwarze Mähne, gleiche hübsche Augen.

Beurich und Brand kommen aus Plauen in Sachsen. Zusammen sind sie "Modern Talking reloaded". Sie sind eine TributeBand, auf ihren Shows läuft im Hintergrund ein Playback, und sie singen drüber. Sie werden in den folgenden drei Tagen durch Finnland touren und Lieder von Modern Talking aufführen. Sie tun das, obwohl es ihr Untergang sein könnte.

Die Reise führt am ersten Abend nach Seinajöki, in eine Kleinstadt, von der der Fahrer des Tourbusses sagt, die Menschen dort seien bekannt dafür, dass sie gut mit Messern umgehen können.

Dieser Fahrer ist nicht nur Fahrer, sondern auch der finnische Manager der beiden Männer aus Plauen. Sein Name wird hier aus Gründen juristischer Vorsicht nicht erwähnt, denn er fährt den Bus, hat aber keinen Führerschein und isst zum Frühstück gern eine Codein-Tablette, ein Opioid. Er hat außerdem eine Freundin dabei, Tania, die halb so alt ist wie er, ein erstaunliches Tattoo auf dem Schlüsselbein trägt und aussieht wie eine Waldelfe.

"Wir performen live", sagte André Brand im Bus und reißt eine Dose Karjala-Bier auf, "wir machen eine richtig schöne Trash-Show."

Trash, Müll, darum geht es hier, vielleicht. Und es geht um viel mehr: Kunst, Geld, Applaus, den großen Traum vom Glück. Es geht außerdem auch um den Ärger eines verglühten Stars, des echten Thomas Anders nämlich. Wenn es nach Anders ginge, dürfte es die Finnland-Reise des André Brand nicht geben. Anders versucht ihm gerade mithilfe der deutschen Justiz zu verbieten, das zu tun, was er tut.

"Wenn die Klage durchgeht, sind wir am Arsch", sagt Brand.

Kurz vor dem ersten Auftritt dieser Finnland-Tour sitzen er und Beurich in einem dunkelbraun gestrichenen Raum im Backstagebereich eines Kellerklubs. Beurich singt Tonleitern und schläft kurz ein, Brand macht seine Kehle mit Rotwein warm.

Im Klub "Ilona" sind vor allem Jugendliche, von denen einige auf einem Level alkoholisiert sind, wie es gewöhnliche Menschen selten erreichen.

Überhaupt: saufen. Es gibt ja das Vorurteil, dass Finnen und Alkohol eine symbiotische Beziehung führen. Die Waldelfe sagt, das liege daran, dass die Finnen alle Indianerblut haben und dass ihnen ein bestimmtes Gen fehle, das sie vor dem Alkohol warne. Im Grunde seien sie alle von Geburt an Alkoholiker.

Um kurz vor ein Uhr nachts machen sich Brand und Beurich auf zur Bühne. Auf dem Weg begegnet ihnen in den Katakomben des Klubs eine Maus.

Sie betreten die Bühne, davor stehen ein paar Jugendliche. Die Musik wummert so laut, dass die Rohre an den Wänden des Klubs vibrieren. Schon sind sie wieder da: die Achtzigerjahre.

Ein Jahrzehnt, das man auch Modern-Talking-Zeit nennen könnte. Es waren Tage, in denen alles etwas bunter und unschuldiger war, so wie Modern Talking eben. Im Rückblick scheinen es sorglose Jahre, eine historische Atempause, bevor mit dem Fall der Mauer die Geschichte wieder einsetzte. Vielleicht gibt es nichts, das den Geist der späten BRD so perfekt verkörpert wie Anders und Bohlen, zwei Männer, die berühmt wurden, weil sie Lederhosen, Adidas-Jacken und wallende Haare trugen. Eine Band, die für die deutsche Musik das symbolisiert, was die in Plastik eingeschweißte Frischeiwaffel von Aldi für die deutsche Küche ist. Etwas, vor dem man sich gelegentlich ekelt, und dann ertappt man sich doch wieder dabei, es zu lieben. Es scheint auf verquere Weise nur logisch, dass zwei Ostdeutsche dieses westdeutsche Weltkulturerbe auf der Bühne am Leben erhalten.

Modern Talking hat sich im Jahr 2003 aufgelöst, ihre Lieder aber, das muss man zugeben, sind geblieben. Obwohl sie alle gleich klingen oder vielleicht gerade deswegen. Und trotz oder gerade wegen dieser Songtexte, die offenbar mit reduzierten Englischkenntnissen verfasst wurden, kann bis heute jeder mitsingen, wenn es heißt: "Brother Louie Louie Louie / Oh she's only lookin' to me / Oh, let it Louie / She's under cover."

In Finnland springen Beurich und Brand zu folgenden Liedern über die Bühne:

"Sexy Sexy Lover"

"Brother Louie"

"You're My Heart, You're My Soul"

"Cheri, Cheri Lady"

"You Are Not Alone"

"China in Her Eyes"

"You're My Heart, You're My Soul"

"Atlantis Is Calling (S.O.S. for Love)"

"Geronimo's Cadillac"

"We Take the Chance"

"You're My Heart, You're My Soul"

"Ready for the Victory"

"Mrs. Robota"

Und, weil es so schön war, als Zugabe zum vierten mal "You're My Heart, You're My Soul". Einmal fällt Brand der Mikroständer um.

Am Morgen nach ihrem Auftritt fahren Beurich und Brand in ihrem Bus durch Finnland, durch ein großes Nichts aus Birken und Torf. Sie trinken ein paar Dosen Bier, der Busfahrer hält an, um eingelegtes Rentierfleisch zu kaufen, und lacht, als ein Polizeiwagen an ihm vorbeifährt. Auf dieser Fahrt erzählt Brand seine Geschichte.

Er ist exakt so groß wie und einen Monat jünger als der echte Thomas Anders. Er hat in der DDR erst Werkzeugmacher gelernt und dann Rinderzüchter. Dann wurde Brand nebenbei Sänger einer Pop-Band mit dem Namen "Bella". Manchmal schlief er fast ein, wenn er nach einem Konzertwochenende auf einer FDJ-Freizeit zurück in den Stall kam und die Kühe molk.

Die Wende war dann das Ende von Bella. Brand ging an die Ostsee und verkaufte Schmuck aus Plaste. Er eröffnete die Kneipe "Grüner Baum" in einem Einkaufszentrum und machte 100.000 Mark Schulden. Die Bühne fehlte ihm. Die kommenden Jahre moderierte er Modenschauen in Autohäusern. Solche Dinge macht er auch heute noch, von Modern Talking reloaded allein könnte er nicht leben.

Im Jahr 1999 las er einen Zeitungsartikel von einer Doppelgängeragentur, die Menschen dafür bezahlt, sich für jemand anderes auszugeben. Feine Sache, dachte Brand und erinnerte sich daran, dass er aussieht wie Thomas Anders. Die Agentur antwortete, dass ein Thomas Anders ohne einen Dieter Bohlen wertlos sei. Brand sprach mit seiner Frau darüber. Sie sagte, sie habe früher mal einen Kerl in der Parallelklasse gehabt, der sei heute Türsteher und sehe aus wie Bohlen.

Noch im selben Jahr kam es zum ersten Auftritt, auf einer Automeile in Brandenburg. Danach signierte Brand ein paar Brüste und Bäuche und dachte, das könnte doch ein schöner Karriereweg sein. Die beiden Männer spielten 120 Shows im folgenden Jahr, manchmal drei in einer Nacht. Einmal traten sie in einem Golfklub in Italien auf und schliefen in einem Weinberg zwischen den Reben. Die Veranstalter ließen sie mit Helikoptern zur Bühne fliegen, mit Ferraris vorfahren und mit Stretchlimousinen.

Dann kam das Jahr 2003 und das Ende der echten Modern Talking. Von da an, Brand weiß auch nicht, wieso, nahmen die Auftritte im Inland ab und die im Ausland zu. Im Ausland bedeutete: vor allem in Ländern des ehemaligen Ostblocks.

Für Deutsche ist es schwer vorstellbar, wie groß Modern Talking in Osteuropa immer noch ist. Nach der Ankündigung von Glasnost war Modern Talking in den Achtzigerjahren eine der ersten westlichen Bands, die ihre Alben offiziell in der Sowjetunion verkaufen durfte. Die Sowjets wollten die Tür zum Westen langsam öffnen, aber auch nicht gleich zum Klassenfeind Amerika. Sie brauchten eine Band, die Englisch sang und maximal harmlos war. Sie brauchten "Brother Louie".

Die Sowjets schmissen ihre Vinylpressen an und verkauften Modern-Talking-Platten, bis der letzte sibirische Tatar versorgt war. Natürlich waren das Raubkopien, aber Anders und Bohlen konnten ja schlecht in der Sowjetunion klagen.

Im Jahr 1987 gab Thomas Anders in Moskau und Sankt Petersburg zehn Konzerte. Bohlen wurde 1989 als "Held der russischen Jugend" ausgezeichnet. Anders sagt, es gebe keinen Musiker, der so oft im Kremlpalast aufgetreten sei wie Anders. Im Jahr 2006 wurde er von der ukrainischen National-Universität für Kunst und Kultur in Kiew zum Ehrenprofessor ernannt, mit der Begründung, Modern Talking habe den Musikgeschmack einer ganzen Generation geprägt. Als vor zweieinhalb Jahren in der Ukraine der Krieg begann, lief dort im Fernsehen Werbung für eine Konzertreise von Thomas Anders, er war sowohl bei Ukrainern wie Separatisten beliebt.

In der Ukraine hat Professor Anders schon öfter gesungen, das erste Mal noch vor der Implosion der Sowjetunion. Er mochte nicht alles, was er dort sah. In seiner Autobiografie "100 Prozent Anders" schreibt er: "Es gibt von Kiew aus keinen Flug nach Deutschland." "Egal, dann buchen wir eben einen Privatjet. Ich habe keine Lust mehr auf Kakerlaken, rostiges Wasser, in Schmalz gebratenes Fleisch, fettige Wurst und Mehlpampe als Beilage."

Modern Talking reloaded, die beiden Männer aus Plauen, sind nicht so wählerisch, sie haben schon in Hoyerswerdas Zoo gespielt, in Autohäusern und bei der Schwarzbiernacht in Gera. Sie treten ab 1500 Euro auf, sagt Brand, die Sache ist für sie ein gut bezahltes Hobby. Sie wissen ziemlich genau, bei wem die Musik von Modern Talking ankommt, dass die Klassiker immer gehen und dass die Leute lieber viermal "You're My Heart" hören als einmal "Mrs. Robota". Ihnen ist in den mittlerweile 17 Jahren ihrer Karriere als Wiedergänger von Anders und Bohlen außerdem aufgefallen, dass geistig behinderte Menschen überdurchschnittlich oft Modern-Talking-Fans sind, wofür keiner der beiden Männer eine hinreichende Erklärung gefunden hat. Sie können aber sehen, dass sie diesen Menschen Freude machen.

Die Reisen von Brand und Beurich führen häufig nach Polen und gen Osten. Einmal flogen die beiden nach New York und traten vor Tausenden Zuschauern bei einem polnischen Kulturfestival auf.

Warum die Finnen Modern Talking mögen, begreift Brand nicht. Sosehr er die Finnen schätzt, so rätselhaft sind sie ihm geblieben. Der Tourbusfahrer sagt, Finnen mögen neben Modern Talking auch gern deutsche Marschmusik, was es nicht einfacher macht.

Egal. Modern Talking reloaded hat 196.443 Fans auf Facebook. Sie sind zurzeit gut gebucht, Beurichs Frau erwartet bald ein Kind, André liebt die Show noch immer. Es könnte also eigentlich alles wunderbar sein, wenn nicht vor Kurzem ein Brief in Brands Briefkasten gelegen hätte. Es war ein Schreiben der Anwaltskanzlei Michow & Ulbricht, von den Anwälten des Thomas Anders. In dem Brief forderten die Anwälte Brand dazu auf, seinen Traum aufzugeben.

Es wäre an dieser Stelle schön, mit Thomas Anders darüber zu sprechen, was genau ihn dazu bewogen hat, einen ehemaligen Rinderzüchter zu verklagen. Man möchte meinen, dass die Welt groß genug ist für diesen Mann und Thomas Anders. Aber das sieht Anders anders.

Der echte Anders tritt noch auf, gern in ehemaligen Ostblockländern: in Weißrussland, in der Ukraine, in Vietnam. In Deutschland singt er eher selten.

Er sieht noch genauso gut aus wie vor 20 Jahren, aber er trägt jetzt einen grauen Dreitagebart, und er hat, was ziemlich vorteilhaft ist, die goldene Nora-Kette abgelegt, die er früher immer trug, weil er mit einer Frau namens Nora verheiratet war. Er hat außerdem übers Internet eine Zeit lang cremefarbene Angorapullover verkauft.

In einem Gespräch mit den "Ruhr Nachrichten" sagte er einmal: "Ich stelle in Deutschland einen sehr kritischen Umgang mit Modern Talking fest. In anderen Ländern ist das nicht so. Es gibt nicht so viele deutsche Künstler wie mich, die in Los Angeles 8000 Tickets für zwei Shows verkaufen. Die Menschen sehen das als Musik an, die Lebensfreude verbreitet."

Wenn man sich ein paar Interviews mit Anders durchliest, kommt man zum Ergebnis, dass er wahrscheinlich ein guter Typ ist, aber eher selten kritische Fragen gestellt bekommt. Man möchte ihn fragen, wie ihm seine eigenen Lieder nach 30 Jahren so gefallen? Man möchte ihn fragen, wie er auf die Jungs aus Plauen aufmerksam geworden ist? Und warum er ihre 15 Minuten (oder 17 Jahre) Ruhm zerstören will?

Thomas Anders wollte nicht mit sich reden lassen. Sein Manager hielt kluge Monologe am Telefon, aus denen nicht zitiert werden darf. Seine Pressesprecherin, das kommt auch nicht so oft vor, darf man auch nicht zitieren. Der Einzige, der sprach, war sein Anwalt.

Johannes Ulbricht hat seine Kanzlei im schönen Hamburger Stadtteil Eppendorf. Er ist nicht nur einer der besten Musikeranwälte Deutschlands, sondern auch Autor von Fantasy-Romanen. Er hat sich dafür eine Welt ausgedacht, in der es Tiermenschen gibt und einen babylonischen Stadtkegel mit dem Namen Waylhaghiri. Band eins seiner Sumerland-Saga ist ein großer Lesegenuss, er sei hiermit herzlich empfohlen.

Ulbricht sagt, Anders habe die Idee gehabt, Brand zu verklagen, weil immer mehr Fans sich beschwerten, dass sie Karten für ein Modern-Talking-Konzert gekauft hätten, dass aber statt des Originals zwei Vögel aus Plauen auf die Bühne getreten seien, von denen einer das Kabel seiner Gitarre nicht in den Verstärker, sondern in die Gesäßtasche seiner Jeans gesteckt habe, weil er ohnehin keinen einzigen Akkord spielen könne.

Der Anwalt sagt, Anders möchte zwei Dinge:

1. Modern Talking reloaded soll sich umbenennen, damit jedem klar wird, dass sie keineswegs eine Neuauflage des Originals sind.

2. Beurich und Brand sollen aufhören, die Playbacks von Modern Talking zu verwenden, und stattdessen selbst die Lieder einsingen.

"Wenn das so ist, können wir das gütlich regeln", sagt Ulbricht. Wenn das nicht so ist, komme es zum Prozess, und dann geht es um Geld und um die Frage, wie viel Schaden die Plauener im Geschäftsleben des Thomas Anders anrichten. "Der Streitwert bemisst sich am Wert der Marke", sagt Ulbricht, "und der Wert der Marke ist recht groß."

Brand sagt, er könne sich nicht vorstellen, dass Herr Anders einen Schaden dadurch nehme, dass Beurich und er in einer finnischen Dorfdisco auftreten. Er hofft, dass er sich mit dem Anwalt Ulbricht einigen kann und dass es nicht zum Prozess kommt. Die Lieder selbst einsingen wird schwierig. "Ich bin ja mehr so die Countrystimme", sagt Brand.

Am schönsten wäre es, sagt er, wenn er die Gelegenheit bekäme, mit Herrn Anders zu sprechen. So wie normale Menschen das tun, wenn sie ein Problem haben. Dann würde Brand ihm sagen, wie sehr er ihn bewundere und wie dankbar er dafür sei, welches Leben für ihn durch den Erfolg von Modern Talking möglich geworden ist. Und Beurich, wenn er dabei sein dürfte, könnte sagen, dass seine Mutter ihn einmal losgeschickt hat, um in der DDR Trink Fix Kakao zu kaufen, dass er aber stattdessen in einen Plauener Plattenladen gegangen sei, um sich "You're My Heart" auf Vinyl zu besorgen.

Es wäre naheliegend zu denken, dass Thomas Anders ein mies gelaunter Starschnösel ist, der einem kleinen Mann sein Leben verbieten will. Aber wenn man ein wenig länger nachdenkt: Wer würde schon wollen, dass es irgendwo auf der Welt einen Rinderzüchter gibt, der sich genauso anzieht und frisiert wie man selbst und damit auch noch Geld verdient?

Dieter Bohlen, dem Mann, der die Musik schrieb, um die es geht, scheint das alles übrigens komplett gleichgültig zu sein. Er hat nie auch nur ein Wort dazu gesagt.

Dieser Rechtsstreit, Anders gegen Brand, wirkt ein wenig wie Goliath gegen David, Reich gegen Arm, West gegen Ost, ein Star gegen Sachsen. Aber, was immer man über Thomas Anders auch denken mag, in diesem Fall scheint es so, als sei Goliath im Recht.

Der nächste Abend auf der Finnland-Tournee von Brand und Beurich. Sie singen in einer ausgestorbenen Kleinstadt in einem Klub mit dem Namen "Status", der im Backstagebereich eine Sauna hat. In der Künstlergarderobe hängt ein blauer Spitzenschlüpfer an der Wand.

Beim Soundcheck läuft ein betrunkener Mann auf Beurich zu, umarmt ihn und sagt, er habe sich extra angezogen wie in den Neunzigern. Also: normal. Der Mann sieht sehr glücklich aus.

Das Programm ist das gleiche wie am Vorabend. Brand und Beurich, und das versteht der echte Thomas Anders nicht, sind Botschafter aus der Vergangenheit. Sie sind Zauberkünstler, die ihrem Publikum für ein paar Stunden die Jugend, die besten Jahre, die erste Liebe zurückbringen. Brand schwitzt und strahlt und sagt zu seinen Finnen: "So, meine lieben Freunde, greetings from Germany!"

Bei der vierten Zugabe von "You're My Heart" tanzt der ganze Saal: alte und junge Menschen, ein Schwarzer mit Rastazöpfen, eine Asiatin, ein altes Paar, sie mit Kurzhaarfrisur, er im Holzfällerhemd, einander zugewandt und voller Liebe. Die Elfe hat ein paar Gläser Rotwein mit Orangensaft getrunken und tanzt entsprechend.

Wenn es zu einem Gerichtsprozess kommt, wird Brand wohl verlieren. Aber das Markenrecht ist der falsche Gradmesser für das Problem, das hier verhandelt wird. Vielleicht könnte man die Frage, ob es richtig oder falsch ist, was Beurich und Brand da machen, mit einer Abstimmung im Konzertsaal beantworten: Wie viele Menschen sind traurig, weil sie beim Ticketkauf dachten, die echten Modern Talking zu bekommen und keine Kopie? Hand hoch. Wie viele sind glücklich?

Am Ende dieses finnischen Abends ruft Brand ins Mikrofon: "I wish you a good life."

Nach der Show sitzt er noch ein wenig im Backstagebereich und trinkt Mineralwasser zum Runterkommen. Brand erzählt, wie er mal Werkzeugmacher in der DDR war und an der Fräsmaschine stand und dachte: Das kann doch nicht mein Leben sein.

Und dann erzählt er eine Geschichte, die schon ein paar Jahre her ist. Beurich und Brand traten in einem Restaurant in Dresden auf, es gab keine professionelle Musikanlage, nur einen CD-Spieler. Beim dritten Lied tanzte eine 120 Kilogramm schwere Frau durch den Saal, machte einen Ausfallschritt, landete mit dem Hacken auf dem CD-Spieler und zerstörte ihn. Stille im Saal. Die Zuschauer hielten inne und schauten nach vorn zu André Brand.

Brand beschloss, das Konzert quasi a cappella zu Ende zu bringen, nur seine Stimme. Nach kurzer Zeit setzte sich irgendeiner an das Klavier in der Ecke und spielte mit, was er kannte. Als das Repertoire von Modern Talking ausgesungen war, spielte der Pianist andere Songs, alles Mögliche, auch Lieder der Beatles, und Brand sang weiter. Er weiß nicht, wie viele Lieder es waren, er weiß nicht mehr, wie tief die Gage ausfiel und wie viele Urheber-, Marken- und Persönlichkeitsrechte großer Musiker er an diesem Abend verletzte. Er stand einfach vorn auf der Bühne und sang, nicht als Thomas Anders, sondern als André Brand aus Plauen.

URL:


© DER SPIEGEL 50/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung