AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2017

Warlord City in Somalia Wo Kriegsgewinnler Hummer essen

Ein Besuch am seltsamsten Ort von Mogadischu. Im Country Club treffen sich Geschäftemacher, Terroristen zünden Autobomben, und die Chefin sagt: "Man kann hier so reich werden wie nirgendwo sonst."

Soldaten im Hafenviertel von Mogadischu: Neben den Ruinen entstehen neue Villen für eine Million Dollar
CHRISTIAN WERNER / DER SPIEGEL

Soldaten im Hafenviertel von Mogadischu: Neben den Ruinen entstehen neue Villen für eine Million Dollar

Von Fritz Schaap und Christian Werner


Als der Krieg in den Country Club von Mogadischu kam, waren die ersten Gänge gerade serviert worden. 50 Gäste, Geschäftemacher und Regierungsleute, saßen an langen Tafeln, auf den Tischen standen Schüsseln voller Kameleintopf, Zicklein, Hummer, Schwertfisch. Dann detonierte ein Transporter vor dem Tor, gefüllt mit Sprengstoff, die Explosion pulverisierte Teile der Schutzmauer, fegte das oberste Stockwerk von der Villa und zerstörte ihre ganze Vorderseite.

Danach feuerten vier Angreifer mit Sturmgewehren auf die Sicherheitsleute des Country Club, stürmten ein gegenüberliegendes Restaurant, und als zwölf Stunden später der letzte Kämpfer endlich erschossen wurde, waren 3 Wachleute und 16 Gäste tot.

Sechs Wochen später ist von dem Anschlag nichts mehr zu sehen. Es ist ein Montagvormittag, und Manar Moalin wartet auf ihre Gäste. Sie steht auf einem Geschützturm am Eingang, eine 33-Jährige, die Lippen rot geschminkt, der Lidschatten golden, und betrachtet die Straßensperren an der Kreuzung, einen gepanzerten Wagen, der gerade die Betonbarrieren umkurvt, und die schwer bewaffneten Sicherheitsleute vor ihrem Country Club, die im Schatten lehnen und Kat kauen.

Ein zweieinhalb Meter breiter Wall aus Sand und Zement schützt nun den Klub, die Villa leuchtet in frischem Weiß. Kokospalmen und Gummibäume säumen zwei offene Hütten, die mit Palmwedeln gedeckt sind. Der Country Club von Mogadischu ist eine Mischung aus Palast, Festung und Bretterverschlag, vor allem aber: Refugium hoher Regierungsleute, Treffpunkt von Geschäftsleuten und den Reichen der Stadt.

Der vielleicht seltsamste Ort von Mogadischu, Hauptstadt des gescheitertsten aller Staaten. Seit 27 Jahren ohne eine Regierung, die alle Teile des Landes kontrolliert, seit drei Jahrzehnten im Krieg.

Warlords und dubiose Geschäftsmänner herrschen hier und natürlich al-Schabab, Verbündete von al-Qaida, auf deren Konto allein im vergangenen Jahr mehr als 4200 Tote gingen. Auch der Anschlag vom vergangenen Sonnabend, bei dem mehr als 300 Menschen starben, wird ihnen zugeschrieben. Und doch boomt Mogadischu. Die Stadt ist eine Metropole des Grauens, ihr Geschäftsmodell das Chaos.

Manar Moalin verlässt ihren Aussichtspunkt und setzt sich auf eine Art Holzthron im Garten. Ein paar Zwergantilopen zittern im Wind, eine Riesenschildkröte kriecht vorbei. Ihr blaues Kopftuch hat Moalin wie ein Pirat um den Kopf gebunden. Sie trägt ein kobaltblaues Hemd unter einer schwarzen Weste, enge Jeans, einen goldenen Nasenring. Das trockene Ploppen einer Maschinengewehrsalve weht herüber. "So laufen eben die Geschäfte hier", sagt sie und deutet auf die letzten Spuren der Zerstörung.

Moalins Stimme klingt jung, rau, nach Londoner West End. Dort, in London, hat sie studiert, Wirtschaft; aber geboren wurde sie in Somalia, aufgewachsen ist sie in Italien. In Dubai betrieb sie ein Luxusspa. Es war ein gutes Leben, doch dann zog es ihre Mutter 2009 nach Mogadischu, und auch Moalin hatte das Gefühl, es sei Zeit, in ihre Geburtsstadt zurückzukehren. Sie kam für einen ersten Besuch, dann wieder, schließlich für immer. Vor fast drei Jahren, im Dezember 2014, eröffnete sie ihren Klub.

Das erste Jahr drohte sie zu zerbrechen. In Mogadischu braucht jeder Verbündete. Moalin hatte keine. Die Konkurrenz ließ den Klub vom Geheimdienst stürmen, ein paar Clanführer aus dem Viertel ließen eine Privatarmee davor aufmarschieren, man drohte ihr, man denunzierte sie, raubte sie aus. Mehr als einmal hatte sie eine Gewehrmündung an der Stirn. Es dauerte zwölf Monate, bis sie die Regeln verstanden hatte. "Ich habe hier meine Freiheit, meine Ruhe, meine Gesundheit verloren", sagt sie. "Ich kann nicht anziehen, was ich will, nicht gehen, wohin ich will. Ich wohne in einer Festung, die ich nie verlasse." Aber fortgehen will sie trotzdem nicht.

Zweimal kam ihr Bruder, um sie wieder nach Dubai zu holen. Die Kinder wollen sie zurück, der Ehemann auch. Doch Moalin bleibt. Aus Trotz. Und weil sie in ihrer Heimat etwas voranbringen will.

 Country-Club-Betreiberin Moalin : "Die Somalis haben im Krieg viel verloren, vor allem ihre Seele"
CHRISTIAN WERNER / DER SPIEGEL

Country-Club-Betreiberin Moalin : "Die Somalis haben im Krieg viel verloren, vor allem ihre Seele"

"Es geht mir mittlerweile weniger ums Geld als ums Prinzip", sagt sie. Sie will sich, wie so viele Rückkehrer, nicht noch einmal vertreiben lassen. Aber natürlich geht es auch ums Geld. "Man kann hier so reich werden wie nirgendwo sonst."

Auch beim Angriff auf ihren Klub spielte Geld eine Rolle. Moalin sagt, sie zahle kein Schutzgeld. Das war der eine Grund. Der andere war, dass Geschäftsleute aus dem Viertel ihren Klub übernehmen wollten, sie sollen Schabab-Kämpfer für den Anschlag angeheuert haben.

Nachdem Rebellen 1991 den Diktator Siad Barre gestürzt hatten, übernahmen Clans und Warlords die Macht, später auch al-Schabab. Schätzungsweise zweieinhalb Millionen Somalier wurden vertrieben, gut eine Million floh ins Ausland, bis zu anderthalb Millionen kamen infolge des Konflikts um, die meisten davon Zivilisten. Das Land machte Schlagzeilen mit Piraten, Entführungen, Terroranschlägen, Hungersnöten. Es gibt eigentlich kein Somalia mehr, nichts, was einen Staat ausmacht, keine Justiz, keine Polizei, keine Steuern.

Aber seit dem Frühjahr gibt es eine neue Regierung. Seither sprechen europäische Diplomaten von einem "window of opportunity". Auch wenn die Wahl nicht mehr war als ein großes Herumschieben von Bestechungsgeldern, angeblich wurden bis zu 1,3 Millionen Dollar für einen Sitz im Parlament gezahlt. Auch wenn es nicht die Bürger waren, die wählten, sondern 14.025 Clanabgesandte. Und auch wenn Mogadischu der einzige Ort ist, den diese Regierung einigermaßen kontrolliert. Denn einen großen Teil des Landes beherrscht weiterhin al-Schabab.

Vor sechs Jahren wurden die Extremisten aus Mogadischu vertrieben. Doch das heißt nicht, dass Frieden herrscht. Es wird nur ein bisschen weniger gestorben. Die größte Gefahr sind nun die Autobomben. Es gibt noch immer ganze Viertel, die in Schutt liegen, von Kugeln durchsiebte Fassaden, Menschen, die in Ruinen leben. Doch neben den Skeletten der Villen sind Neubauten entstanden. Der Immobilienmarkt wächst, bis zu eine Million Dollar kosten neue Villen. Hotels eröffnen, Restaurants, Taxiunternehmen, Banken. Mehr als 100.000 Somalier sind in den vergangenen Jahren aus dem Ausland zurückgekehrt.

Eingang des VIP-Bereichs im Country Club: Treffpunkt von Politikern und windigen Geschäftemachern
CHRISTIAN WERNER / DER SPIEGEL

Eingang des VIP-Bereichs im Country Club: Treffpunkt von Politikern und windigen Geschäftemachern

Es ist früher Nachmittag, im Country Club fahren immer mehr Land Cruiser vor, gepanzert und mit getönten Scheiben. Moalin steht am Eingang und begrüßt ihre Gäste, Parlamentarier, Geschäftsleute, die Chefs des Staatsfernsehens. Schüsse sind zu hören, aber niemand beachtet sie. Die Eskorten von zwei Gästen beschießen sich, eine Verwechslung.

Moalin führt die Männer in einen von grünen Lichterketten beleuchteten Raum. Der Gang der Klubchefin erinnert an den eines Boxers, breit und stolz. Es wird Goldmakrele an Linguine mit einem Tomaten-Koriander-Sugo serviert. Ein Geschäftsmann ordert einen Hummer. "Allahu akbar", ruft der Muezzin über die Köpfe, doch niemanden kümmert es. Der Country Club, das ist auch ein Ort der Freiheit und Zuflucht in einer von Religion und Krieg zerrütteten Stadt.

"Die Somalis", sagt Moalin, "haben im Krieg viel verloren, vor allem ihre Seele." Als das Mörserfeuer die Stadt in Flammen aufgehen ließ, sei auch die Moral ausgebrannt. Zurück blieb nur der nackte Wille zum Überleben. Mitgefühl und Menschlichkeit seien verschwunden, sagte Moalin. Mogadischu wurde zu einer skrupellosen Finanzmetropole der anderen Art.

An einem Tisch weit hinten im Garten, wo die Wasserpfeifen in langen Reihen stehen, sitzt ein kleiner, gedrungener Mann mit weichem Gesicht und amerikanischem Ostküstenakzent, mit viel Pomade im Haar und einem schmal geschnittenen Anzug. Mohamed Said ist Abgeordneter und Berater des Präsidenten. Er ist fast täglich im Klub und kennt beinahe jeden in der Regierung. Er weiß, wie diese Stadt funktioniert.

"Mogadischu", sagt er, "wird noch immer von Warlords beherrscht."

Die neuen Warlords trügen keine Patronengurte, befehligten keine Kindersoldaten mit glasigen Augen mehr. Nein, sie seien Geschäftsleute. Doch ihre Interessen setzten sie mit den gleichen Mitteln durch, mit Waffen, Autobomben, Entführungen und Enthauptungen.

Said lässt seine Brille mit dem dünnen Goldrand auf die Nasenspitze rutschen und schaut in den Rauch der Wasserpfeife, dann spricht er leise, wie fast jeder in Mogadischu, der etwas zu sagen hat. Aufmerksamkeit zu erregen kann tödlich sein.

Es würden hier in Somalia nicht Geschäfte gemacht, um einen Krieg zu finanzieren. Es werde nicht um Land gekämpft oder um Ideologien. Es werde Krieg geführt, weil er die Geschäfte am Laufen halte.

Wieder Schüsse, diesmal auf der Hauptstraße. Angehörige eines mächtigen Clans demonstrieren; einer der Ihren wurde zum Tode verurteilt, weil er den Minister für Wiederaufbau erschossen hatte. Aus Versehen, sagen seine Stammesbrüder.

Natürlich gebe es aber auch Hoffnung, sagt der Abgeordnete. "Die neue Regierung besteht zum Großteil aus Technokraten, die aus der Diaspora zurückgekehrt sind und keine starken Clanverbindungen haben." Das allerdings sei zugleich auch ein Problem. Denn die Männer, die im Land geblieben seien, respektierten jene nicht, die in den USA, in Norwegen, in England studiert hätten.

Und das sei nicht alles, denn die wahre Macht liege ohnehin nicht bei der Regierung. "Die Leute, die die großen Konzerne für Telekommunikation, Strom und Wasser kontrollieren, sind die wahren Herrscher der Stadt", sagt Said. Und sie alle hätten enge Verbindungen zu al-Schabab.

Gerade, erzählt er, sei die Regierung mit einem gewagten Plan vorgeprescht: Jeder, der an al-Schabab Steuern zahle, solle bestraft werden. Doch die Geschäftsleute hätten protestiert, der Plan sei zurückgewiesen worden. Der Abgeordnete lacht, es ist ein hohes, hüpfendes Lachen. Wie kann, fragt er, die Regierung mit so etwas drohen? Jeder, der hier ein Gewerbe betreibe, zahle Steuern an al-Schabab. Wer nicht zahle, dem ergehe es wie Moalin.

Straßenszene in Mogadischu: Es gibt kein Somalia mehr, nichts, was einen Staat ausmacht
CHRISTIAN WERNER / DER SPIEGEL

Straßenszene in Mogadischu: Es gibt kein Somalia mehr, nichts, was einen Staat ausmacht

"Man kann nicht verlangen, die Schutzgeldzahlungen zu beenden, wenn man als Regierung nicht für Sicherheit sorgen kann", sagt er. Dann wendet er die Kohle auf der Wasserpfeife, rührt in seinem Espresso und schaut auf sein riesiges Smartphone. Absätze klackern auf dem Fliesenboden, die Stewardessen von Jubba Airways laufen über den Hof. "Alles in Mogadischu ist ein Geschäft", fährt er fort.

Ob auch sein Sitz im Parlament ein Geschäft war und, wenn ja, wie dieses Geschäft genau aussieht - dazu will er nichts sagen, natürlich.

Er redet dafür über ein anderes Geschäft, vielleicht überhaupt das wichtigste im Land: die internationale Hilfe. 1,2 Milliarden Dollar fließen laut Uno jährlich nach Somalia. Aber fast keine internationale Organisation arbeitet im Süden des Landes, dort, wo al-Schabab herrscht. Es sind daher lokale NGOs, die die Hilfsgüter an die Bevölkerung verteilen. "Und genau da", so der Abgeordnete, "verschwindet das Geld."

Eine dumpfe Detonation unterbricht seine Worte. Der Abgeordnete schaut kurz auf. Eine Bombe sei an den Wagen eines Hochzeitskonvois geheftet worden, heißt es später. Angeblich habe die Frau eine Affäre gehabt. Der Bräutigam habe al-Schabab einen Mordauftrag erteilt.

"Manch ehemaliger Warlord", fährt der Abgeordnete fort, "ist einfach irgendwann zu einem religiösen Führer geworden. Hauptsächlich, weil das die Jugend besser mobilisiert." Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung seien unter dreißig, viele nie zur Schule gegangen. "Die wollen Teil von etwas sein, und das kann ihnen al-Schabab bieten, im Gegensatz zur Regierung."

Er zahlt und geht zu seinem Land Cruiser, Funkgeräte rauschen, ein Toyota-Pick-up fährt vorneweg, auf der Ladefläche fünf bewaffnete Aufpasser. Als sie die Einfahrt passieren, geben sie Gas und schießen die Straße hinunter. Langsam fahren kann in Mogadischu tödlich sein.

Die Verkehrsregeln sind einfach in dieser Stadt: Wer die größere Eskorte besitzt, hat immer Vorfahrt. Stau ist gefährlich, im Stau ist man ein einfaches Ziel. Und die Stadt ist nervös in diesen Tagen, die Frequenz der Anschläge nimmt zu. Al-Schabab, so scheint es, startet eine neue Offensive der Angst. An den Checkpoints schießen die Soldaten auf jeden, der nicht ihren Anweisungen folgt. Sie zerren Tuk-Tuk-Fahrer von ihrem Dreirad, prügeln mit ihren Gewehrkolben auf sie ein.

Keine sechs Kilometer entfernt vom Country Club, im Garten des City Palace Hotel, wartet ein Mann, der erklären kann, wie das Unternehmen al-Schabab funktioniert. Ein Mann, der in den vergangenen sieben Jahren 35 Männer und Frauen mit der Machete geköpft und vermutlich noch mehr erschossen hat. Er sitzt an einem blauen Plastiktisch und trinkt Cappuccino, das Abendlicht ist weich, die Kellner tragen weiße Hemden und schwarze Hosen.

Bis vor einem Jahr war der 55-Jährige Kommandeur von al-Schabab für den Südwesten Somalias, ein Emir. Er bittet darum, seinen Namen nicht zu nennen. Im vergangenen Oktober, nachdem er zwei Anschläge eines konkurrierenden Flügels innerhalb von al-Schabab überlebt hatte, machte er einen Deal mit der Regierung: Freiheit gegen Informationen. Seither ist er in Mogadischu.

Sein Gesicht ist zerschunden, die Augen hinter der Sonnenbrille sind rot unterlaufen, die Fingernägel abgekaut. Auf seinem Kopf sitzt eine weiße Häkelmütze. Wenn der Kellner vorbeigeht, verstummt er.

Seine Geschichte erzählt er so: Früher sei er Bauer gewesen und Vorsteher eines Dorfs in der Region Lower Shebelle, er besaß Pflanzungen am Fluss und verkaufte seine Früchte bis nach Mogadischu. Dann, 2006, kam die Dürre, und die Melonen gingen ein, die Bananen, die Mangos, die Bohnen. Eines Tages standen die Männer von al-Schabab vor seiner Tür. Komm zu uns, sagten sie, wir bezahlen dich gut. Er zögerte. Komm zu uns, wir bezahlen dich gut. Oder wir erschießen dich.

Sie machten ihn zum Finanzchef der Region, und er merkte bald, dass es weniger um Gott ging als ums Geld. "Al-Schabab ist ein riesiges Unternehmen", sagt der Emir. Sie trieben Steuern ein, erpressten Unternehmer und Politiker in Mogadischu. Die meisten Politiker und alle Unternehmen zahlten Schutzgeld. Schon der Telekommunikationsriese Hormuud zahle pro Filiale 1000 Dollar am Tag, behauptet er, allein in Mogadischu gebe es 17 Filialen.

"Sie verbreiten Angst, weil Angst die Basis ihres Geschäftsmodells ist."

Um den Umsatz von Hotels und Restaurants zu kalkulieren, schicke al-Schabab Spione dorthin. Sie kassierten mal ein paar Hundert Dollar im Monat, mal bis zu 50.000 Dollar für große Hotels. Wer nicht zahle, werde entführt, dann könne er sich entscheiden: zahlen oder enthauptet werden. Spätestens da hätten fast alle gezahlt.

"Al-Schabab verdient im ganzen Land", sagt der Emir. "Sie nehmen Wegzölle auf Straßen, die sie kontrollieren. Manche Routen bringen mehr als 50.000 Dollar am Tag ein." Zudem haben sie laut Uno den millionenschweren Schmuggel von Holzkohle und Zucker im Süden des Landes in der Hand, zusammen mit der kenianischen Armee; sie schmuggeln Elfenbein und Nashornhörner.

Aber nicht nur im Land würden Umsätze generiert. Auch das Ausland unterstütze al-Schabab finanziell, allen voran Katar und Saudi-Arabien. Er spricht von 20 Millionen Dollar, die katarische Scheichs vergangenes Jahr in sein Herrschaftsgebiet eingeflogen haben sollen. Beweise dafür hat er jedoch nicht. Das Geld wandere in die Taschen der Bosse, die davon Waffen kauften, ihre Kämpfer bezahlten und ihre Safes füllten. Ihre Familien würden in Europa und den USA wohnen, ihre Kinder nur die besten Universitäten besuchen.

Auch er selbst wohnte in einer Villa mit acht Zimmern am Meer, südwestlich von Mogadischu, fuhr zwei neue Geländewagen, hatte drei Sklaven und zwölf Sicherheitsleute.

Über dem Flughafen steigen zwei Uno-Helikopter auf. Der Emir schaut ihnen nach.

Die humanitäre Hilfe sei ein Segen, sagt er dann. Für al-Schabab. Gerade dieses Jahr, da mehr als 800.000 Menschen wegen der Hungersnot ihre Dörfer verlassen mussten. Fünf Prozent von den Budgets der Hilfsorganisationen verlange die Terrorgruppe.

Das ist allerdings noch eine niedrige Schätzung. Sogar zehn Prozent lege die Uno auf die Seite, offiziell für "capacity building" oder Ähnliches, inoffiziell wird damit al-Schabab bezahlt, damit die lokalen Uno-Partner Hilfsgüter verteilen können. Das sagt ein hochrangiger Mitarbeiter der Uno in Nairobi, der für Somalia zuständig ist.

Da die Uno die Arbeit der lokalen NGOs jedoch nicht kontrollieren könne, wisse eigentlich niemand, ob die Hilfe bei den Betroffenen ankomme. Ein Mitarbeiter, der ebenfalls anonym bleiben will, schätzt, dass es eine gute Quote sei, wenn zehn Prozent der Hilfe die Bedürftigen erreiche. Auch Hungersnöte seien in Somalia ein Geschäft.

Der Krieg könnte schon lange vorbei sein, wenn nicht alle Parteien so gut daran verdienten, sagen in Hintergrundgesprächen viele Uno-Mitarbeiter. Einer erzählt, dass selbst Sicherheitsfirmen, die für sie arbeiteten, al-Schabab für Angriffe engagierten, um danach höhere Preise verlangen zu können. Von der Atmosphäre der Unsicherheit profitierten letztlich alle, sagen sie, durchaus auch selbstkritisch.

Es werde sich nur etwas ändern, wenn man die Hilfe einstelle. Das viele Geld, es halte nur die Korruption und die Instabilität aufrecht.

Gäste im Country Club: Wer Frieden will, ist eine Gefahr
CHRISTIAN WERNER / DER SPIEGEL

Gäste im Country Club: Wer Frieden will, ist eine Gefahr

Im Country Club ist es Abend geworden. Der Rauch der Wasserpfeifen hängt über dem Garten, der Himmel ist klar, ein halber Mond steht tief. In kleinen Gruppen haben sich die Gäste über den Garten verteilt. Moalin streicht eine Tischdecke glatt und sagt, dass viele in der Regierung wirklich Frieden wollten, ein Ende der Korruption. Aber sie hielten sich bedeckt. Denn wenn ihre Kollegen erführen, was sie dächten, sie würden sie rauswerfen. Denn wer den Status quo infrage stelle, der sei eine Gefahr fürs Geschäft. "Die treffen sich hier und reden darüber, aber sie trauen sich nicht, öffentlich aufzubegehren."

In einem Pavillon neben einem Gummibaum sitzen zwei türkische Geschäftsmänner. Keiner möchte reden. Natürlich nicht. Denn die Türken spielen hier eine eigenartige Rolle. 2011 war Recep Tayyip Erdogan nach fast zwei Jahrzehnten der erste nicht afrikanische Regierungschef, der die Hauptstadt besuchte. Türkische Unternehmen teerten Straßen, errichteten ein Krankenhaus, sie bauten auch den Flughafen, der von der türkischen Firma Favori LLC betrieben wird, von der man bei der Uno vermutet, dass Erdogans Sohn an ihr beteiligt ist. Ein türkischer Konzern betreibt den Hafen.

Studien zufolge könnte Somalia über riesige Erdölreserven verfügen. Die Türken könnten an diesem Geschäft mitverdienen wollen. Am Rande von Mogadischu baut die Türkei zudem eine Militärbasis. In Diplomatenkreisen heißt es, dort sollten jährlich tausend somalische Soldaten ausgebildet werden, die jedoch unter türkischer Kontrolle bleiben sollen. Laut vertraulichen Uno-Berichten fliegt Turkish Airlines regelmäßig Geldkoffer ein, sie gehen an das Präsidentenbüro und an hohe Politiker und sollen der Türkei wohl Sicherheit und freie Hand garantieren.

Die Türken, sagt Manar Moalin, übernähmen das Land.

Sie läuft zwischen den Gästen umher, die immer zahlreicher werden. Die Nacht hat sich über Mogadischu gelegt. Moalin ist müde, die ständigen Explosionen zehren an ihren Nerven. Ricky Martin tönt aus den Boxen. Und wieder hallt eine Detonation durch die Nacht, eine Mörsergranate wahrscheinlich.

An einem der Tische sitzt einsam ein Mann im strahlend blauen Anzug, am Handgelenk eine Rolex, an den Füßen rahmengenähte Schuhe. Mac, so stellt er sich vor, ist einer von den Somaliern, die im Krieg nicht flohen, einer dieser zwielichtigen Dealmaker der Stadt, eine Mischung aus Mittelsmann, Schmuggler und Unternehmer. Zu Geld ist er mit Diamanten aus dem Kongo gekommen. Jetzt vermehrt er es hier. Uranabbau zum Beispiel, das sei das nächste große Ding.

Gerade habe er ein Treffen mit den Chinesen gehabt. Die wollten das Meer, 3000 Kilometer Küste hat Somalia, unendliche Mengen an Fisch. Sie hätten bereits Fischereiabkommen mit verschiedenen Warlords im Norden geschlossen, auch mit der Regierung sprächen sie derzeit.

Somalia, sagt Mac, sei ein Land, in dem fast alles kaputt sei, wo fast alles gebraucht werde, ein "jungfräulicher Staat", ohne Sicherheit, ohne Strukturen. Das seien doch beste Voraussetzungen fürs Geschäft.

"Es ist", sagt Mac, "fantastisch."



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