AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2016

NBA-Profi Stephen Curry Der Tänzer

NBA-Profi Stephen Curry ist der spektakulärste Basketballer der Welt. Er hat dem Sport der muskelbepackten Athleten die Leichtigkeit zurückgegeben. Von Holger Stark


Stephen Curry
AFP

Stephen Curry

Es waren noch fünf Sekunden in der ersten Halbzeit des Spiels der Golden State Warriors gegen Oklahoma zu spielen, als es Zeit für einen dieser Ohhh-Momente war. Stephen Curry, der Spielmacher der Warriors, hielt den Ball kurz hinter der Dreipunktelinie in den Händen, sein Verteidiger kam herangeflogen, ausgestreckte Arme, Curry täuschte den Wurf an, aber er warf nicht.

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Heft 23/2016
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Er tänzelte einen halben Schritt nach links, und während der Verteidiger durch die Luft schoss, war der Ball schon auf dem Weg Richtung Korb. Und während die Uhr ablief und der Ball durch die Reuse rauschte, riefen die Zuschauer in Oakland, der Heimat der Warriors, erst "Ohhh" und dann im Chor "M-V-P", most valuable player, wertvollster Spieler der Liga. Es war einer dieser Augenblicke, in denen der Basketball keine verfeindeten Klubs kennt, sondern nur Fans, die verzückt bewundern, was Curry mit dem Ball alles anzustellen vermag.

Einmal im Jahr wählen Amerikas Sportjournalisten den wertvollsten Spieler der Saison, und natürlich gewann Curry, 28, die Abstimmung in diesem Jahr, wie schon im vergangenen. Aber erstmals in der Geschichte der NBA gab es diesmal nicht eine einzige Gegenstimme. Zu herausragend ist die Saison, die er bislang spielt.

Unperfekter Perfektionist

Curry ist nicht nur mit im Schnitt 30,1 Punkten pro Spiel der beste Schütze der nordamerikanischen Basketballliga NBA. Er hat seine Mannschaft auch zu einer historischen Saison geführt und mit 73 Siegen bei nur 9 Niederlagen eine Rekordmarke aufgestellt. Die schon verloren geglaubte Halbfinalserie gegen Oklahoma, in der die Warriors mit eins zu drei Siegen zurücklagen, drehte er zusammen mit seinem Mannschaftskollegen Klay Thompson, im entscheidenden siebten Match gelangen ihm 36 Punkte. Vor allem aber hat Curry das Spiel an sich verändert.

In den vergangenen 25 Jahren hat sich der Profibasketball zu einer Zirkusshow entwickelt, die von muskelbepackten Athleten beherrscht wird. Michael Jordan, der dominante Basketballer der Neunzigerjahre, der die Chicago Bulls zu sechs Meisterschaften führte, war ein Raubtier mit einem feinen Instinkt für die Schwäche des Gegners und einer Sprungkraft, die wirkte, als hätte er ein Katapult unter den Füßen. LeBron James von den Cleveland Cavaliers, den Curry als den prägenden Spieler der Gegenwart abgelöst hat, ist ein Kraftpaket, das ebenso gut den olympischen Zehnkampf gewinnen könnte.

Curry dagegen ist ein Tänzer. Er bewegt sich auf dem Spielfeld so elegant, als führte er im Moskauer Bolschoi-Theater "Schwanensee" auf. Er dribbelt zwischen den Beinen hindurch, ohne den Ball dabei anzuschauen, spielt Pässe ohne Blickkontakt. Wenn er durch die gegnerischen Abwehrreihen zieht, scheinen seine Hände mit dem Basketball zu verschmelzen, wie Lionel Messis Füße mit dem Fußball. Curry ist nur 1,91 Meter groß, was für Basketballer nicht viel ist, und er sehe aus, "als wäre er zwölf Jahre alt", spottet sein Trainer Steve Kerr. Der dürre, schlaksige Körper entzieht sich dem statistikoptimierten Ideal moderner Trainingslehre.

Curry ist der unperfekte Perfektionist.

Der Versuch, die physikalischen Grenzen des Distanzwurfs zu verschieben, hat viel mit Currys Familie zu tun. Sein Vater Dell spielte einst selbst als Profi in der NBA und rangiert auf Platz 44 in der ewigen Bestenliste bei Distanzwürfen. Seine Mutter Sonya war eine bekannte Volleyballerin. Und Stephens Bruder Seth verdient sein Geld ebenfalls als Basketballer, bei den Sacramento Kings in der NBA.

Als Jugendlicher war Curry zwar ein guter, aber kein herausragender Schütze. Den Distanzwurf drückte er aus der Brust heraus, er traf, aber er traf nicht gut genug. Jedenfalls nicht für die Ansprüche des Vaters. Im zweiten Highschool-Jahr in North Carolina zwang Dell Curry seinen Sohn, die Wurftechnik zu ändern. Er verbot, den Ball aus der Brust heraus zu werfen, ein Wurf, bei dem die Flugkurve niedrig war und die Verteidiger die Schüsse leichter blocken konnten. Stattdessen forderte er von seinem Sohn, möglichst weit oben anzusetzen - so hätten die Verteidiger keine Chance, Stephens Würfe zu blocken; mathematisch steigt mit einer höheren Flugkurve zudem die Wahrscheinlichkeit, dass der Ball nicht am Ring hängen bleibt, sondern sauber durch das Netz fällt.

Für Curry war es eine Qual. Er habe wochenlang keinen Wurf mehr getroffen, erinnert er sich. "Den ganzen Sommer über haben mich die Leute in den Basketballcamps angeschaut und gefragt: Wer bist du, warum spielst du Basketball?" Doch die Umerziehung wirkte. Inzwischen hat Curry einen Wurfstil kreiert, der ihn zum wohl besten Distanzschützen aller Zeiten macht. Seine Technik umfasst auch seine schlaksigen Beine, der Wurfimpuls kommt aus den Knien, es ist, als würde der gesamte Körper seine Energie auf den Ball übertragen.

Im Video: Das Erfolgsgeheimnis des Stephen Curry

imago/UPI Photo

Anders als Jordan oder LeBron James, die schon früh als kommende Superstars galten, schien Curry lange Zeit ein talentierter, aber für die NBA nur bedingt geeigneter Spielmacher zu sein. Er galt als verletzungsanfällig, als schwacher Verteidiger, als ein Aufbauspieler, der zu oft den Ball verliert. Von den großen Universitäten war keine interessiert, schließlich bot ihm das kleine Davidson College in North Carolina ein Stipendium an. Curry spielte stark, aber schaffte es auf den Scouting-Listen der Profiklubs nicht ganz nach oben.

2009, nach dem Uni-Abschluss, wurde er an Nummer sieben des amerikanischen Draftsystems gezogen, bei dem die Profivereine nach einer festgelegten Reihenfolge entscheiden, welche Nachwuchsspieler einen Vertrag erhalten. Golden State wählte ihn, doch die ersten Jahre durchlief Curry eine harte Zeit: Die Warriors waren damals ein lausiges Team, und der etatmäßige Spielmacher Monta Ellis ließ keinen Zweifel daran, dass er Curry nicht mochte und ihm lieber nicht den Ball überließ. Curry bezeichnete diese frühe Phase seiner Karriere später als frustrierende "Zirkuszeit". Nachdem Ellis die Warriors verlassen hatte, gelang Curry der Durchbruch, mit einem Punkteschnitt von mehr als 20 pro Spiel, einer Quote verwandelter Dreier von rund 45 Prozent und einer Covergeschichte bei "Sports Illustrated". Mit dem Sportartikelausrüster Under Armour schloss er einen etliche Millionen Dollar schweren Werbevertrag, der eine Beteiligung an dem Unternehmen umfasst.

Curry ist bescheiden geblieben

Currys Erfolg ist eng mit Steve Kerr verbunden, der die Warriors 2014 als Trainer übernommen hatte. Wie Curry war Kerr ein schlaksiger, körperlich unterlegener Spieler, der auf Distanzwürfe spezialisiert blieb und bis heute den NBA-Rekord bei den Trefferquoten für Dreipunktwürfe hält. Kerr stammt aus einer Akademikerfamilie und gilt als Feingeist, er erkannte, dass Curry Freiraum und Vertrauen braucht. Er befreite den Spieler von Druck und Zwängen und ließ ihn machen. Unter dem neuen Trainer gleicht die Offensive der Warriors einem Räderwerk, das sich so lange lautlos dreht, bis einer der Spieler selbstbewusst genug ist, auszuscheren und zu werfen - oftmals Curry.

An seinen Schwächen hat Curry mittlerweile gearbeitet, er hat die Ballverluste reduziert und spielt eine passable Verteidigung. Aber die große Unsicherheit bleibt sein Körper. Seine gesamte Karriere über plagen ihn Probleme mit den Bändern und Gelenken. Ende April, in den Play-offs gegen die Houston Rockets, verletzte er sich am Knie, Bänderdehnung, wieder einmal. Er musste einige Spiele pausieren und spielt seitdem mit Schmerzen. Gegen die furios auftretenden Oklahoma City Thunder verloren die Warriors im Halbfinale drei der ersten vier Partien, Currys Trefferquoten waren ungewöhnlich schlecht. In den Begegnungen zeigte sich, dass die Warriors mit einem schwächelnden Curry eine gute, aber keine herausragende Mannschaft sind.

Die Finalserie gegen die Cleveland Cavaliers um LeBron James, die nun begonnen hat, wird nicht nur ein Aufeinandertreffen der beiden derzeit besten Basketballer, sondern auch ein Wettstreit unterschiedlicher Spielertypen. Eleganz gegen Athletik, Leichtigkeit gegen Kraft. Vor einem Jahr, als sich beide Mannschaften schon einmal im Finale gegenüberstanden, siegten die Warriors. Dieses Jahr sind die Cavaliers noch stärker, James drängt auf Revanche.

Curry wirkt so, als würde er all dies gelassen betrachten. Er ist trotz des Wirbels um seine Person bescheiden geblieben. Er engagiert sich im Kampf gegen Malaria in Afrika, manchmal bringt er seine dreijährige Tochter Riley mit zu Pressekonferenzen. "Steph versteht, dass mit dem ganzen Ruhm eine Verantwortung für andere verbunden ist", sagt sein Trainer Steve Kerr.

Nach dem dramatischen Ergebnis in der Halbfinalserie gegen Oklahoma wurde Curry gefragt, wie er den Krimi empfunden habe. Ihm sei bewusst geworden, dass "nichts garantiert" sei, sagte er. Es sei einfach "ein sehr cooler Moment" gewesen.

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