AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2017

Das Leid der NSU-Opferfamilien "Warum mein Vater?"

Enttäuschung, Misstrauen, zu viel Ungeklärtes - nach vier Jahren NSU-Prozess ziehen die Angehörigen der Toten eine bittere Bilanz. Wie leben sie mit ihrem Verlust?

Opfertochter Kubasik, Mahnmal in Dortmund
Dominik Asbach / DER SPIEGEL

Opfertochter Kubasik, Mahnmal in Dortmund

Von


In Dortmund steht, gleich hinter dem Bahnhof, ein Mahnmal, ein Strahl aus dunklem Basalt: "Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet" ist darauf zu lesen. "Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin." Daneben zehn Namen, zehn Todesdaten.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 41/2017
Wie ARD und ZDF Politik betreiben

Der achte Name: "Mehmet Kubasik, 04.04.2006, Dortmund".

Mehmet Kubasik, der vor Freude weinte, als Gamze geboren wurde, sein erstes Kind. Gamze, Vaters Tochter. Sie kommt gern an diesen Ort, hier herrscht Klarheit über die Verbrechen, die ihr Leben zerstörten, genau wie das der Simseks, Yozgats, Özüdogrus, Kiesewetters.

Das Gericht, hatte Gamze Kubasik geglaubt, werde auch so ein Ort der Klarheit sein, an dem Schuld und Verantwortung benannt werden. Aber nun, da es an den Familien der Toten ist, Bilanz zu ziehen, will sie selbst etwas klarstellen: "Ich dachte, dass wir Gerechtigkeit und Aufklärung bekommen. Antworten auf unsere Fragen: warum mein Vater? Wie sind sie auf ihn gekommen? Wie wurde das geplant? Wer hat unseren Kiosk ausgespäht? Wer hat ihnen noch geholfen? Jeden Abend denke ich daran, wenn ich wach im Bett liege."

Sie will dem Richter sagen, dass sie erwartet habe, diese Last werde am Ende des Prozesses von ihr abfallen. Und dass sie jetzt fürchte, ihr Leben lang daran tragen zu müssen.

Das ist ihre Bilanz, auch wenn andere mahnen, kein Prozess der Welt könne all die Hoffnungen und Erwartungen erfüllen, die sie in dieses Verfahren gesetzt hatte.

Aus Sicht der Bundesanwaltschaft besteht nach mehr als vier Jahren Aufklärungsarbeit vor dem Münchner Oberlandesgericht durchaus Klarheit: Der NSU, sagen die Ankläger, habe aus drei Personen bestanden, die im Untergrund gelebt haben: Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Die mutmaßlichen Mordschützen sind tot. Vier Helfer müssen sich neben der Hauptangeklagten Beate Zschäpe verantworten. Sie sollen das Trio mit Waffen, Fahrzeugen, Unterkünften und falschen Identitäten ausgestattet haben. Die Bundesanwälte forderten hohe Strafen. Beate Zschäpe soll lebenslang ins Gefängnis, mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Hauptangeklagte Zschäpe
REUTERS

Hauptangeklagte Zschäpe

Aber den Familien geht es um mehr als ein Urteil über diese fünf Angeklagten. Sie wollen wissen, wer außerdem noch Verantwortung trägt für zehn Tote.

Sie fragen: Kann es sein, dass drei thüringische Neonazi-Szenegrößen, umzingelt von V-Leuten, vom Radar des Verfassungsschutzes verschwanden? Dass sie fast 14 Jahre lang unerkannt durch Jena, Chemnitz, Zwickau liefen und von dort aus 10 Morde, 3 Sprengstoffanschläge und 15 Banküberfälle begingen?

"Es muss ihnen jemand geholfen haben", sagt Gamze Kubasik. "Leute, die schuld sind, dass mein Vater nicht mehr lebt, und die jetzt frei herumlaufen, weil man nicht wirklich nach ihnen gesucht hat. Mit dieser Situation kann ich nicht leben."

Sie hat gehört, dass der Bundesanwalt das als "Spekulation" und "Fliegengesumme" bezeichnet hat. Es hätten sich in diesem Verfahren keine konkreten Hinweise auf Hintermänner ergeben, ebenso wenig wie Anzeichen für die strafrechtliche Verstrickung staatlicher Stellen. Ein Verfassungsschützer am Mordort? Zufall, sagen die Bundesanwälte. Akten verschwinden massenweise im Schredder? Kein Grund anzunehmen, der Verfassungsschutz könnte irgendetwas bewusst zurückgehalten haben. Und selbst wenn: Was änderte das am Strafmaß? Nichts.

Die Ankläger wissen, dass dies die Hinterbliebenen nicht befrieden kann, aber sie berufen sich auf die Strafprozessordnung. Danach gehört es nicht zu den Aufgaben eines Gerichts, nach historischen Wahrheiten oder politischer Verantwortung zu fragen. Sondern nur nach der Tat und der möglichen Schuld der Angeklagten. Und auf der Anklagebank sitzt nun mal nicht die Bundesrepublik Deutschland, sondern Beate Zschäpe.

EIN PAAR SCHRITTE NUR sind es von Gamze Kubasiks Wohnung zum Haus in der Mallinckrodt-Straße, wo sie damals den Kiosk hatten. Ihr Einkaufsweg würde dort vorbeiführen, aber sie meidet den Ort. Sie sieht sich dann selbst wieder auf die Absperrbänder zugehen, drum herum die Polizei- und Krankenwagen, Leute, die sie anstarren, auf sie zeigen: "Da kommt die Tochter." Wie ihre Mutter sie schüttelt, um von ihr zu erfahren, was passiert ist. Wie ein Polizist der Mutter ins Gesicht sagt: Ihrem Mann ist in den Kopf geschossen worden.

Es gibt einen Menschen, der sie versteht, der ihren Schmerz teilt und ihre Zweifel: Semiya Simsek, Tochter von Enver Simsek, Blumenhändler aus Nürnberg, erstes Opfer der Mordserie. Semiya, Vaters Prinzessin. Semiya, die ihren Vater auf der Intensivstation sterben sah, auf blutigen Kissen, mit zerschmettertem Auge. Auch in Nürnberg steht ein Mahnmal, der erste Name darauf: Enver Simsek, 11. September 2000.

Semiya und Gamze - sie begegneten sich, als die Familien der Toten auf die Straße gingen, im Mai 2006 in Kassel, nach dem Mord an Halit Yozgat. Einen Monat war es her, dass Gamze ihren Vater verloren hatte. "Ich habe sie sofort erkannt", sagt Semiya, "an ihrem Blick." Semiya und Gamze - Schwestern im Leid.

Sie trugen Bilder der Ermordeten und ein Transparent: "Kein 10. Opfer!" Sie forderten den Staat auf, sie endlich zu schützen, anstatt sie wie Verbrecher zu behandeln, und die Täter zu finden, die seit sechs Jahren mit einer Ceska-Pistole durch Deutschland zogen und Türken abknallten.

"Mein Vater war der Erste", sagt Semiya Simsek, "Gamzes Vater war der Achte. Er hätte leben können."

Sie haben ihre Mütter erlebt, zermürbt von Polizeiverhören, versunken in Trauer und Depression. Die Blicke der Nachbarn, die falschen Verdächtigungen, genährt von den Fragen der Ermittler. Das Gift des Zweifels, das noch bis in die Familien in der Türkei wirkte. "Die deutschen Behörden haben meinen Vater zum zweiten Mal umgebracht", sagt sie.

SEMIYA SIMSEK reist nur noch selten zum Prozess. Dabei war sie es gewesen, die zusammen mit Gamze zur öffentlichen Stimme der Opferfamilien geworden war. Es war bei der Gedenkfeier 2012 im Berliner Konzerthaus. Ein Orchester spielte Werke von Bach zu Ehren der Toten. Sie beide hatten das Wort an die Spitzen des Staates gerichtet, hatten Politiker weinen sehen. Auch Angela Merkel hatte gesprochen: "Als Bundeskanzlerin verspreche ich Ihnen: Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Daran arbeiten alle zuständigen Behörden in Bund und Ländern mit Hochdruck." Am Ende hatten sie gemeinsam eine Kerze aus dem Saal getragen, als Symbol der Hoffnung.

Opfertochter Simsek
Mustafa Kirazli / Getty Images / DER SPIEGEL

Opfertochter Simsek

Und nun? "Ich hatte wirklich Vertrauen damals", sagt Semiya. "Heute ist mein Bild vom deutschen Rechtsstaat zerstört."

Sie hat ihren Weg gefunden, das Geschehene zu verarbeiten. Sie schrieb ein Buch, das verfilmt wurde. Sie heiratete, gebar einen Sohn und eine Tochter. Sie arbeitet in der Sozialbehörde einer kleinen Stadt. "Ich lebe mein Leben", sagt Semiya. "Ich kann nicht andauernd nach München reisen. Wofür auch?"

Viele Anträge haben die Anwälte der Familien bei Gericht gestellt. In einem ging es um die zweite Waffe, mit der Enver Simsek ermordet wurde. Gegen den Mann, der sie besorgt haben soll, läuft ein Verfahren. Sie wollten Akteneinsicht - abgelehnt.

Ein Neonazi, der in engem Kontakt zum Trio stand, prahlte als Zeuge, mit 200.000 D-Mark vom Verfassungsschutz habe er die rechte Szene in Thüringen aufgebaut. Was wusste er über die drei, und was davon hatte er an die Behörde weitergegeben? Sie wollten seine V-Mann-Akten sehen - abgelehnt.

Der Verfassungsschützer, der in Kassel bei Mord Nummer neun am Tatort war - was besprach er rund um den Tattag am Telefon mit seinem Vorgesetzten? Durfte er als Zeuge nicht sagen, das berühre das Geheimhaltungsinteresse des Staates. Die Akten des Mannes beizuziehen, lehnte das Gericht ab. Seine Persönlichkeitsrechte seien zu wahren, sagte die Bundesanwaltschaft.

"Was", fragt Seda Basay-Yildiz, die Anwältin der Simseks, "wiegt schwerer: das Geheimhaltungsinteresse des Staates oder das Recht der Familien auf Aufklärung? Was ist schlimmer als zehnfacher Mord?"

Als Nächstes stellten sie Strafanzeige, wegen der geschredderten Akten beim Verfassungsschutz. Aber das Verfahren wurde eingestellt.

"Als ich zuletzt im Gericht war, hat Frau Zschäpe Gummibärchen gegessen, gelacht, Kaugummi gekaut", sagt Semiya. "Ich erwarte nichts mehr von dieser Frau und nichts mehr vom Prozess."

Im türkischen Fernsehen erfuhr sie davon, was Zschäpe einem Psychiater erzählt hatte: Es sei für sie "unbeschreiblich anstrengend", mit dem Leid der Angehörigen konfrontiert zu sein. Jedes Mal, wenn ihre Uwes wieder von einem Mord zurückgekehrt seien, sei sie "entsetzt" gewesen. Wenn sie die beiden wegen der Taten zur Rede gestellt habe, habe dies zu Streit geführt. Unter anderem habe sie danach zu Weihnachten keine Geschenke bekommen, ihr Geburtstag sei nicht gefeiert worden.

"Ich habe keinen Vater gehabt", sagt Semiya. "Und sie beklagt sich, dass sie zu Weihnachten keine Geschenke bekommen hat!"

Oft besucht sie das Grab ihres Vaters. "Andere Kinder haben zwei Opas, ich nur einen", habe ihr Sohn sie dort immer gefragt. "Warum?" - "Weil er gestorben ist." - "Warum?" So lange fragte er, bis sein Onkel es ihm sagte. Jetzt erzählt er es im Kindergarten: "Mein Opa wurde von Rassisten ermordet."

"Ich möchte nicht, dass er Deutschland hasst", sagt Semiya.

In der Türkei werde der Prozess sehr genau beobachtet. Auch Präsident Erdogan spreche darüber: Da, seht, Frau Merkels Rechtsstaat! Sie würde ihm gern etwas entgegenhalten. Nur was? Auch Merkel würde sie gern etwas sagen, wenn sie sie träfe: Sie haben Ihr Versprechen nicht gehalten.

GAMZE KUBASIK reiste oft zum Gericht. Die erste Begegnung mit Zschäpe: Auge in Auge saßen sie da, bis Zschäpe zuerst den Blick abwandte. Sie sah Zschäpe schweigen, regungslos, selbst als Ismail Yozgat sich vor ihr zu Boden warf, um ihr zu zeigen, wie er Halit, seinen sterbenden Sohn, fand und sie unter Tränen anflehte, ihr Wissen preiszugeben.

Tagelang überlegte sie, was sie selbst als Zeugin sagen sollte, unter den Blicken dieser Nazis, die sich noch freuen würden, wenn sie hörten, welche schlimmen Zeiten sie hatten. Aber sie wollte, dass der Richter hörte, wie es ihnen gegangen war. Sie hatte ja nicht nur ihren Vater verloren. Der Kiosk war ihre Existenzgrundlage, nun gerieten sie in Schwierigkeiten. Gamze war 20 Jahre alt, ein ganzes Jahr lang ging sie nicht mehr aus dem Haus, aus Angst vor denen, die ihren Vater umgebracht hatten. Sie brach ihre Ausbildung ab. Ihr Leben geriet aus den Fugen.

Sie erzählte, wie nach dem Mord kein Kind mehr mit ihren kleinen Brüdern spielen wollte. Wie der Ältere sich auf dem Schulhof um die Ehre der Familie prügelte. Der Jüngste war noch im Kindergarten. Er fragte immer seine Erzieherinnen, wo sein Vater sei. Für die Familie war es das Ende von allem, der Zusammenbruch.

Und der Richter? "Er hat mir genau zugehört", sagt Gamze Kubasik. "Ich habe gespürt, dass ihm das wichtig war. Und dass es ihn mitgenommen hat."

All ihr Vertrauen setzte sie in den Vorsitzenden. Bis die Nazizeugen kamen, die dem Gericht auf der Nase herumtanzten. "Ich habe die ganze Zeit auf den Richter geschaut. Ich habe darauf gewartet, dass er ihm wenigstens sagt: Hören Sie auf zu lügen! Aber es kam nichts. Ich weiß, er kann ihn nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen. Aber das war so enttäuschend."

Die schlimmsten Verhandlungstage seien die gewesen, an denen die Polizisten aus Dortmund aussagten.

Einen Tag nach dem Mord hatten sie Mutter und Tochter verhört, getrennt voneinander, stundenlang. Vor den Augen der Nachbarn kamen sie mit Hunden, durchsuchten den Keller, das Auto nach Drogen, durchwühlten Betten, Schränke, nahmen Fingerabdrücke und DNA-Proben der Familie. Sie fragten Freunde, Bekannte, Verwandte: ob der Vater andere Frauen hatte? Kontakte zur Mafia? Zur Kurdischen Arbeiterpartei PKK? Probleme mit der Familienehre, vielleicht wegen Gamze?

Als zwei Tage nach den Schüssen in Dortmund Halit Yozgat in Kassel stirbt, sind es neun Tote, alle ermordet mit derselben Waffe, nichts verbindet sie, nur die Herkunft. "Das müssen ausländerfeindliche Leute getan haben", sagt die Mutter dem Ermittlungsleiter. Aber der will davon nichts hören. Er verlangt von ihr einen Stammbaum ihrer Familie, bis in die dritte Generation.

Wie heißt es auf dem Mahnmal hinter dem Bahnhof? "Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!"

In Stein gemeißelt.

Gamze sitzt im Gericht, als der Beamte von damals seinen Zeugenauftritt hat. Fehler in seinem Vorgehen? Kann er keine erkennen. Er zeigt auch kein Bedauern.

Das wirft sie fast um.

Dann ließ Beate Zschäpe ankündigen, sie werde sich einlassen. Im Dezember 2015, ihre Freundin Semiya war gar nicht erst angereist, fuhr Gamze nach München, aufgeregt und hoffnungsvoll, bis sie hörte, was die Anwälte in Zschäpes Namen vortrugen: Sie bedauere, was die beiden Uwes angerichtet hätten. Aber sie habe von den Morden immer erst im Nachhinein erfahren. Und sie werde keine einzige Frage der Nebenkläger beantworten. Zschäpe selbst sagte: nichts.

ES WAR EIN DENKWÜRDIGER TAG, als die Anwälte der Familien ihre Fragen trotzdem stellten. Gamzes Anwalt Sebastian Scharmer war zuerst dran: "Nach welchen Kriterien erfolgte die Opferauswahl?" Schweigen. "Wer war daran beteiligt?" Schweigen. "Wie verlief das genau im Dortmunder Fall?" - "Waren Sie dabei, als die am 25. Juni 2003 mittags in Stuttgart aufgenommenen Fotos gemacht wurden, auf denen unter anderem türkische Imbisse zu sehen sind?" - "Sie bekamen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos eine Postkarte aus Dortmund, auf der stand: ,Das Wetter ist schön.' Was bedeutete die?"

Nebenklageanwalt Scharmer
Peter Schinzler / DER SPIEGEL

Nebenklageanwalt Scharmer

Zschäpe schaute auf ihren Laptop. Einen ganzen Tag lang ging das so - mit 300 Fragen gegen die Wand.

"Geh nicht mehr hin", sagte Gamzes Mann. Aber zu Hause fand sie auch keine Ruhe. "Ich denke, ich muss im Gericht sein, sonst habe ich als Tochter versagt."

Im Herbst 2011, noch bevor der NSU aufflog, waren Hunderte Neonazis durch Dortmund marschiert, "in Stiefeln unter unserem Balkon vorbei", erinnert sie sich. "Dann sind sie durch die Straße, wo der Kiosk war. Klar fragen wir uns, ob welche dabei waren, die was mit dem Mord an meinem Vater zu tun hatten." Pause. "Manchmal denke ich, vielleicht waren sogar die drei dabei."

Die drei, umgeben von Gesinnungsfreunden und Helfern, die sich jetzt die Hände reiben - das ist die Schreckensvorstellung, die nicht nur die Familien der Toten umtreibt. Manche Abgeordnete, die in Untersuchungsausschüssen zum NSU saßen, glauben auch nicht an die These der Bundesanwälte vom abgeschotteten Trio.

Wenn erwiesen sei, dass sich ein Verfassungsschützer bei Mord Nummer neun "zufällig" am Tatort befunden habe, wie es die Oberstaatsanwältin im Plädoyer sagte, warum wollen sie dann beim hessischen Verfassungsschutz einen Bericht zu dem Komplex für 120 Jahre wegschließen?, fragt Gamze Kubasiks Anwalt.

20 Waffen fand man beim NSU, im Wohnmobil und in der Wohnung, die Beate Zschäpe nach dem Tod der Uwes in Brand setzte. Aber nur von dreien weiß man, woher sie kamen. Was ist mit den anderen 17? Sebastian Scharmer hat Anträge gestellt, die sich auf Waffengeschäfte ranghoher Neonazis aus Dortmund bezogen. Mehrere von ihnen wohnten in der Nachbarschaft des Kiosks.

Zu spekulativ, sagte das Gericht, alle Anträge abgelehnt. Im Brandschutt der Frühlingstraße sei jedes Fitzelchen umgedreht worden. Es fanden sich jede Menge Zettel und Notizen, die auf Ausspähtrips der beiden Uwes schließen lassen. Aber nichts, was die Ermittler als konkreten Hinweis auf Tippgeber oder Spähgehilfen in Nürnberg, Dortmund, Kassel werten.

Wenn es keine Mitwisser gegeben habe, fragt Scharmer, für wen bedruckte ein rechter Szeneladen in Zwickau im Jahr 2011 - vor der Enttarnung des NSU - T-Shirts mit dem Paulchen-Panther-Motiv und der Aufschrift "Staatsfeind"? Warum feierte die rechtsextreme Szene die Morde mit dem "Döner-Killer"-Lied - während die Ermittler noch im sogenannten Türkenmilieu nach den Tätern suchten?

Neun Verfahren laufen gegen weitere Beschuldigte, die Bundesanwaltschaft kennt ihre Namen, dazu ein Verfahren gegen unbekannt. Gegen wen wird ermittelt? Auf welchem Stand sind diese Verfahren? Die Kubasiks gingen bis zum Bundesgerichtshof, um darüber Klarheit zu erlangen - und bekamen teilweise recht. Die Informationen haben sie bis heute nicht.

Was steckt hinter der sogenannten Operation Konfetti, Tausende Blatt Akten zu V-Leuten, die zum Teil nah am NSU waren, geschreddert im Bundesamt für Verfassungsschutz kurz nach der Enttarnung des NSU? Keiner weiß es. Sie beantragten, den Verantwortlichen als Zeugen zu hören - die Bundesanwaltschaft war dagegen. Irgendwann stellte sich heraus, dass sogar auf Veranlassung der Bundesanwaltschaft Asservate vernichtet worden waren, im Jahr 2014. Ein Versehen, hieß es.

"Und wir sollen denen vertrauen", sagt Gamze. "Wie denn?"

Noch heute ist ihre Angst wie ein Brunnen ohne Boden. Manchmal gerät sie in Panik, wenn sie Männer auf Fahrrädern sieht - so wie die beiden Uwes auf Bildern aus Überwachungskameras: "Ich denke dann: Vielleicht sind sie gar nicht tot. Vielleicht ist das auch eine Lüge. Wenn nichts Wichtiges in den Akten ist, warum legen sie nicht alles auf den Tisch? Dann wäre Schluss mit den Verschwörungstheorien."

Es gibt, so sieht sie es, nur noch einen Menschen in diesem Verfahren, der ihr zerstörtes Vertrauen zurückgewinnen könnte - den Vorsitzenden Richter, Manfred Götzl. Sie hofft, dass er ihr noch einmal aufmerksam zuhören wird.

"Davon, wie er sein Urteil begründet, wird für uns viel abhängen", sagt sie. Ob er mit seinem Urteil über die Schuld der fünf Angeklagten zugleich einen Freispruch für den Staat und seine Institutionen verkündet - oder ob er zu verstehen gibt, wo für dieses Gericht die Grenzen der Aufklärung verliefen. Und dass der Rechtsstaat noch keinen Schlussstrich unter den NSU-Komplex ziehen kann, nicht an dieser Stelle.

"Dann wäre er ehrlich", sagt Gamze Kubasik. Das könnte sie eines Tages auch ihrem Sohn erklären. Ihr Junge ist jetzt zwei Jahre alt. Er heißt wie sein Großvater: Mehmet.



© DER SPIEGEL 41/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.