AfD-nahes Pastorenpaar Fromm und rechts

In einer Brandenburger Gemeinde streiten sich die Gläubige um Flüchtlinge und das rechte Weltbild der Pfarrersleute. Gibt es eine Obergrenze für Barmherzigkeit? Und darf sich Christ nennen, wer der AfD anhängt?
Gemeindemitglieder Witte, Hildebrand, Ross, Langbecker

Gemeindemitglieder Witte, Hildebrand, Ross, Langbecker

Foto: Ufuk Ucta/DER SPIEGEL

Der Tag, an dem Frank Witte an seiner Kirche zu zweifeln begann, war der 30. November 2015. Im Brandenburger Pfarrsprengel Haselberg waren alle ehrenamtlichen Gemeindevertreter zu einer gemeinsamen Sitzung zusammengekommen, der Pfarrer hatte eingeladen. Am Anfang wollten Witte und zwei andere Ehrenamtliche die Aktionen für die Flüchtlinge im Kirchenkreis vorstellen: den gemeinsamen Besuch eines Konzerts zum Beispiel oder einen Spieleabend. Da brach es aus einigen in der Runde heraus.

"Mit Ausländern spielen, wo kommen wir denn da hin?" - "Mir steht das bis hier mit den Asylanten." - "Wenn es um Flüchtlinge geht, dann gehe ich raus." Witte und die anderen beiden Gemeindevertreter haben die Kommentare aus dem aufgeheizten Tumult später aufgeschrieben. Entsetzt waren sie vor allem über einen Mann: den Pfarrer. Er hatte in diesem Moment nur geschwiegen.

Ein Wohnzimmer in Oberbarnim, Ortsteil Ihlow. Frank Witte, seine Frau Frauke Hildebrandt und vier weitere Gläubige sitzen vor einem Stapel Blätter. Der Streit in der Gemeinde, die 15 Dörfer umfasst, hat sich seit dem Vorfall vor eineinhalb Jahren weiter verschärft. Die Auseinandersetzung mit Pfarrer Christian Kohler füllt nun einen Aktenordner.
Es geht nicht mehr ausschließlich um die fremdenfeindlichen Parolen, es geht um die Nähe des Pfarrers und seiner Frau zur AfD, um angeblich Pegida-freundliche Fürbitten im Gottesdienst und um die Position der Kirchenleitung in dem Fall. Im Grunde aber geht es um eine existenzielle Frage: Darf sich Christ nennen, wer auch nur annährend rechtspopulistischen Thesen anhängt?

Die Debatte um Flüchtlinge, um die AfD, um "Lügenpresse" und "Volksverräter" hat in den vergangenen zwei Jahren die Gesellschaft gespalten. Familien haben sich zerstritten, Freundschaften sind zerbrochen, Arbeitskollegen verfeindet. Tiefe Gräben sind entstanden, und in den Kirchen sind sie besonders tief, denn die strittigen Fragen berühren das Fundament des Glaubens.

Der Zustrom von Fremden und Bedürftigen stellte die christlichen Werte plötzlich vor eine Bewährungsprobe. Was heißt Nächstenliebe angesichts von Hunderttausenden Neuankömmlingen? Wie weit muss Barmherzigkeit gehen? Kann es für sie eine Obergrenze geben?

Rechte Christen gibt es bei den Protestanten schon lange, sie gehören meist evangelikalen Gemeinden an. Weil sich diese oft außerhalb der Landeskirchen organisieren, bestanden bislang kaum Berührungspunkte zu den Fortschrittlichen in der Kirche. Das ändert sich nun: Die Flüchtlingsdebatte hat Ansichten der Rechten in die Mitte der Gemeinden gespült.

So sucht auch die Gruppe "Christen in der AfD" Anknüpfungspunkte zwischen christlichem Glauben und rechter Ideologie. Die Vorsitzende soll beim Evangelischen Kirchentag am 25. Mai auf einem Podium sitzen, was innerhalb der Kirche umstritten ist. Zugleich rief beim AfD-Parteitag jüngst ein Bundesvorstandsmitglied dazu auf, die Kirchen zu verlassen. Was auch daran liegt, dass die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zur AfD und zur Flüchtlingsfrage in der Vergangenheit erstaunlich klar Stellung bezogen hat.

"Der Fremde soll bei euch leben wie ein Einheimischer; und du sollst ihn lieben wie dich selbst", mit diesem Text aus dem dritten Buch Mose hatte die EKD bereits im November 2014 einen Synodenbeschluss zur "Willkommenskultur für Flüchtlinge" überschrieben. Und der Landesbischof für Berlin und Brandenburg, Markus Dröge, erklärte allen rechtspopulistischen Tendenzen in der Kirche eine Absage, als er sagte: Christen hätten seiner Meinung nach "in der AfD nichts verloren". Doch wenn es um die Umsetzung dieser hehren Worte geht, tut sich die Kirche schwer.

Nach dem Eklat vom November baten Frank Witte und die anderen Gemeindemitglieder um eine intensive Aussprache mit Pfarrer Christian Kohler und denen, die sich so harsch geäußert hatten. "Für uns war ein Grundkonsens aufgekündigt, den wir bislang für selbstverständlich gehalten hatten", sagt Frauke Hildebrandt, Wittes Frau. "Bis dahin dachten wir: Wir wollen alle doch das Gleiche."

Ein solches Gespräch aber, so sagen sie, sei bis heute nicht zustande gekommen. Auch ein Wortprotokoll der Sitzung sei nicht verschickt worden. Sie hatten sich an den Superintendenten gewandt, den direkten Vorgesetzten des Pfarrers, und sogar an den Bischof. Sie hätte erwartet, dass die Kirchenleitung ihre Sorgen ernst nimmt und "wirklich etwas unternimmt", so Käte Roos, eine der Gläubigen. Stattdessen habe die Leitung aber nur versucht, "in vielen Einzelgesprächen zu bemänteln und zu beschwichtigen", sagt ein anderes Gemeindemitglied, Torsten Langbecker. "Sie erkennt nicht, wohin ein Teil ihrer Kirche treibt. Dagegen stemmen wir uns."

Den Christen aus ihrem Pfarrsprengel geht es wie so vielen, die sich über die Flüchtlingspolitik zerstritten haben. Die Positionen scheinen unvereinbar. Statt weiter zu streiten, zieht sich die eine oder die andere Seite zurück. Was bleibt, ist Schweigen. Was bleibt, sind tiefe Verletzungen. Ein Gemeindemitglied ist aus Ärger über das Verhalten der Kirchenleitung in dem Konflikt bereits aus der Kirche ausgetreten.

Jahrelang hatten sie im Pfarrsprengel ein normales Gemeindeleben geführt. Pfarrer Kohler konfirmierte die Kinder, seine Frau, selbst Pfarrerin, gab den Unterricht. Die Ehrenamtlichen halfen mit, die Gottesdienste zu gestalten. Menschlich sei alles in Ordnung gewesen, sagt Frauke Hildebrandt.

Anfang Januar 2015 aber erschien in der Regionalzeitung eine Kolumne des Pfarrers. Es war ein Aufruf, die Menschen, die in Dresden bei Pegida mitmarschierten, nicht zu diffamieren, anders als Politik und Medien dies täten. "Nehmt einander an", zitierte Kohler aus der Bibel. Einige Gemeindemitglieder waren irritiert. Wurde hier Solidarität mit den Rechten eingefordert statt mit den Flüchtlingen?

Es folgten mehrere Gespräche mit dem Pfarrer und seiner Frau. Frauke Hildebrandt erinnert sich an islamfeindliche Äußerungen, es sei viel um Herkunft und den Begriff des Volkes gegangen. Auch darum, dass muslimische Menschen nicht in den hiesigen Kulturraum gehörten und die Presse manipuliert sei. Hildebrandt bekam vom Pfarrer ein Positionspapier von Pegida zugeschickt. Nach und nach sei ihr klar geworden, sagt die Professorin der Fachhochschule Potsdam, dass das Pastorenpaar ein rechtes Weltbild pflege. Pfarrer Kohler bestreitet das: "Für uns ist das Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen, Religionen und Herkunft in unserem Land selbstverständlich." Er nehme auch keine ablehnende Haltung den Medien gegenüber ein.

Doch es gab weitere Merkwürdigkeiten. In einem Weihnachtsgottesdienst betete die Pfarrerin in einer Fürbitte für Journalisten, dass sie nicht diejenigen "verleumden" mögen, "die sich aus guten Gründen sorgen - um unser Land, um Europa, um diese Welt". Einige Gemeindemitglieder verstanden das als Fürbitte für Pegida. Es kam außerdem heraus, dass die Pfarrerin seit Langem Mitglied der AfD war und für die Partei Flugblätter verteilt hatte.

Auch der Sohn des Pfarrerpaars war der Partei beigetreten. In einem Interview sagte er einmal, er sei über "einen Stammtisch bei uns zu Hause" zur AfD gekommen. Heute ist er stellvertretender Landesvorsitzender der AfD-Jugendorganisation in Brandenburg. Ab und an hält er im Gottesdienst die Lesung, seine Mutter hat ihn zum Lektor ausgebildet. Ein AfD-Haushalt im Pfarrhaus? Immerhin: Nach einem Gespräch mit der Kirchenleitung trat die Pfarrerin Ende 2015 aus der Partei aus. Pfarrer Kohler versichert, in seinem Haus habe es nie eine AfD-Veranstaltung gegeben.

Frank Schürer-Behrmann ist als Superintendent des Kirchenkreises Oderland-Spree für den Sprengel Haselberg verantwortlich. Er sagt, er habe in der Sache mit allen Beteiligten sehr oft und sehr lange gesprochen, auch mit dem betroffenen Pfarrerpaar. Er habe in diesen Gesprächen eine kritische Haltung "gegenüber derzeitigen Äußerungsformen des Islam" wahrgenommen, aber keine grundsätzlich fremdenfeindliche Haltung. "Es gab keinen Grund für weitere Schritte."

Es gebe in der Bibel einen Grundsatz, wonach der Einsatz für Fremde zu den Aufgaben jedes einzelnen Christen gehöre, sagt der Theologe und zitiert das Matthäusevangelium: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Dieser Grundsatz habe unter einem Schreiben gestanden, das eine Mehrheit der ehrenamtlichen Gemeindevertreter im Pfarrsprengel Ende vergangenen Jahres schließlich verabschiedet habe, auch das Pfarrerehepaar. Darin habe Pfarrer Kohler außerdem sein Bedauern zum Ausdruck gebracht, in der tumultartigen Sitzung nicht eingegriffen zu haben. Was die Kritiker des Pfarrers aber bis heute vermissen, ist dessen inhaltliche Distanzierung von den fremdenfeindlichen Aussagen.

Der Superintendent sagt, im fachlichen Umgang mit dem Fall habe er sich nichts vorzuwerfen. Hilflos fühle er sich, was die menschlichen Beziehungen anbelangt. Er wisse nicht, wie sich beide Seiten wieder annähern könnten. "Vielleicht, indem wir nicht nur reden, sondern auch etwas tun. Vielleicht in einem gemeinsamen Flüchtlingsprojekt." Vielleicht fehlt dafür aber noch das nötige Vertrauen.

Pfarrer Valentin Kwaschik

Pfarrer Valentin Kwaschik

Foto: Ulrike Schacht /DER SPIEGEL

Wie viele andere Gemeinden hat der Streit um Flüchtlinge gespalten? Einen systematischen Überblick gibt es nicht. Aber wer sich umhört, findet ähnliche Geschichten. Pfarrer Valentin Kwaschik kennt das Gefühl, wenn das Vertrauen nicht mehr da ist. Er bemerkte es schleichend. Plötzlich blieb der eine oder andere Gottesdienstbesucher fern. Andere sagten nach einer Zeremonie: "Das war schön. Es waren keine Fremden da." Für die Arbeit mit den Flüchtlingen fand er keine Mitstreiter.

Der örtliche Gemeindekirchenrat empfahl ihm, diese Art von Arbeit solle er doch bitte rein ehrenamtlich absolvieren. Kwaschik war Ortspfarrer in einem dörflichen Pfarrsprengel, der ebenfalls in Brandenburg liegt.

Er erfuhr über Umwege, was der Grund war: Einige einheimische Christen fühlten sich nicht mehr geborgen in ihrer Gemeinde, seit auch getaufte Flüchtlinge die Gottesdienste besuchten. Im Oktober vergangenen Jahres gab Kwaschik seine Dorfpfarrstelle nach eineinhalb Jahren aus familiären Gründen auf. Seine anfängliche Vorstellung, die Arbeit mit Flüchtlingen würde das Gemeindeleben bereichern, hatte sich nicht bewahrheitet. "Das wollte keiner so sehen wie ich."

Auch in seiner neuen Gemeinde in der brandenburgischen Kreisstadt Perleberg spürt der 34-Jährige einige Vorbehalte. Manchmal kämen genauso viele iranische Flüchtlinge in seinen Gottesdienst wie Ortsansässige. Würden sich die Perleberger darüber beschweren, denke er sich meist nur: "Dann bringt halt mehr von euren Leuten mit in den Gottesdienst."

Im Gegensatz zu vorher aber weiß Kwaschik in der neuen Gemeinde um die Unterstützung seiner Kollegen und der ehrenamtlichen Helfer. Sie hätten sich auf eine flüchtlingsoffene Linie geeinigt, sie würden diese gegen Angriffe verteidigen. Für rechte Gedanken sei da kein Platz.

In der nächsten Sitzung des Gemeindekirchenrats wird Kwaschik ein weiteres heikles Thema ansprechen. Einige der Iraner hätten nun einen Abschiebebescheid erhalten, die Politik hat sich verändert. Es gibt mehr Abschiebungen aus Deutschland.

Kwaschik will deshalb ein Meinungsbild einholen, ob die Iraner Kirchenasyl bekommen sollen. Für ihn eine Selbstverständlichkeit. Die Gemeinde müsse jedem ihrer Mitglieder beistehen, wenn es in existenzielle Not gerät. Er fürchtet, dass nicht alle von der Idee begeistert sein werden.

Im Pfarrsprengel Haselberg fühlen sich die Kritiker des Pfarrerehepaars mittlerweile ausgegrenzt. Eine Auseinandersetzung mit den anderen Gemeindekirchenräten finde nach wie vor nicht statt. Die Gespräche beschränkten sich auf pragmatische Fragen.

Frank Witte und ein weiterer Ehrenamtler hätten sich gern zu Lektoren ausbilden lassen und im Gottesdienst die Lesungen vorgetragen. Ihre Ausbilderin für dieses Amt wäre die Pfarrerin gewesen. Die Anträge wurden abgelehnt. Es fehle, so hieß es, das nötige Vertrauen.

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