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Peschmerga im Irak Warum Mohammed zurück in den Krieg will

Mohammed hat im Irak für die Peschmerga gegen den "Islamischen Staat" gekämpft. 2016 musste er fliehen - und fühlt sich, als hätte er sein Volk im Stich gelassen. Nun will er mit Frau und Kindern zurückkehren. Warum?
Mohammed will Deutschland verlassen

Mohammed will Deutschland verlassen

Foto: Maria Bayer

In wenigen Wochen wird Mohammed Falhankhedl zurückfliegen in den Krieg. Der Kurde wird seine Sachen in eine große Tasche packen, wird, vielleicht in der Nacht oder in der Morgendämmerung, alle Schränke und Schubladen seines Zimmers noch mal öffnen und sich vergewissern, dass er nichts vergessen hat.

Er wird eines seiner Kinder auf den Arm nehmen und mit ihm das Flüchtlingsheim verlassen. Seine Frau wird mit den anderen beiden folgen. Draußen wird er sich noch einmal umdrehen, zurückschauen auf das schmucklose Heim in der bayerischen Provinz, das für das vergangene Jahr sein Zuhause war.

Dann wird die Familie zum Flughafen fahren und eine Maschine in Richtung Irak besteigen. In ein Land, das sie eigentlich hinter sich gelassen hatten. "Und dort werde ich wieder kämpfen", sagt Mohammed, 23, und seine Stimme klingt feierlich. Noch sitzt er mit Cousins, Freunden und Bekannten auf einer Dachterrasse in Nürnberg.

Die Gruppe stöhnt auf, als Mohammed von seinem Vorhaben erzählt. Sie alle sind Kurden, alle haben mit der Peschmerga im Irak gegen den "Islamischen Staat" gekämpft. Als Gewalt, Zerstörung und die Angst um das eigene Leben unerträglich wurden, flohen sie nach Deutschland. Eine Rückkehr in den Irak, dorthin, wo der Tod lauert, halten sie für verrückt. Alle außer Mohammed.

Tragisches Ereignis vor gut zwei Jahren

Seit mehr als hundert Jahren schon kämpft die kurdische Armee Peschmerga - auf Deutsch: "Die, die dem Tod ins Auge sehen" - für einen unabhängigen Staat. Inzwischen gehören wohl rund 200.000 Kämpfer der Peschmerga an, viele von ihnen ausgebildet von US-Streitkräften. Als im Juni 2014 IS-Kämpfer in den Irak einrückten und die Soldaten der irakischen Zentralregierung aus Kurdistan flohen, übernahm die Peschmerga die Verteidigung des Nordiraks, mittlerweile unterstützt von der amerikanischen Luftwaffe.

Dass ausgerechnet Mohammed zurück an die Front will, finden seine Freunde besonders verrückt. Denn wegen eines tragischen Ereignisses vor gut zwei Jahren muss Mohammed nicht nur den Zorn der Feinde fürchten, sondern auch den der eigenen Leute.

Mohammed hatte sich an jenem Tag im Sommer 2015 auf einen ruhigen Abend gefreut. Den ganzen Tag waren sie unter Beschuss des IS gewesen, jetzt wollte er sich ausruhen. Der kräftige, bärtige Mann hatte seine Kalaschnikow unters Kopfkissen gelegt, hatte sich unter dem zeltartigen Dach des Peschmerga-Camps hingelegt. Es war Nacht geworden in Erbil, im Norden des Iraks, dunkel und kalt. Nach wenigen Minuten fiel Mohammed in einen tiefen Schlaf.

Irgendwann, eine oder zwei Stunden waren vergangen, weckte ihn lautes Geschrei. "Alarm, Alarm", brüllte einer der Peschmerga-Kämpfer. "IS-Terroristen nähern sich." In Sekunden war Mohammed, damals 21 Jahre alt, hellwach. Er zog sein Gewehr unter dem Kopfkissen hervor und eilte an die Front, wo er sich hinter einen Wall aus Sandsäcken kauerte. Vor ihm lag die nachtschwarze Wüste, kaum zehn Meter weit reichte seine Sicht.

"Von da an haben Sie mich gejagt"

Irgendwo dort draußen in der Dunkelheit sah Mohammed einen Mann, schemenhaft nur, aber er hörte Schritte. Schritte, die gefährlich nah waren. Mohammed traf eine Entscheidung, er hatte nur wenige Augenblicke, um die Situation zu bewerten, zu reagieren. Er legte das Gewehr an - und feuerte. Der Mann schrie auf, ging zu Boden, wo er gekrümmt vor Schmerz liegen blieb.

Nach einigen Minuten näherten sich die Peschmerga-Kämpfer dem Mann, tastend, vorsichtig, jeder Zeit einen Hinterhalt erwartend. Der Mann sah fürchterlich aus, blutete aus Bein und Bauch, drei der Schüsse, die Mohammed abgefeuert hatte, hatten ihn getroffen. Als die Peschmerga-Kämpfer genauer hinsahen, als sie mit dem Licht ihrer Handybildschirme auf das Gesicht des Mannes leuchteten, erkannten sie, dass er einer der ihren war. Der Mann, dessen Blut den Wüstensand tränkte, war Mohammeds Offizier.

"Von da an haben sie mich gejagt", sagt Mohammed. An einen Unfall, ein tragisches Missgeschick, glaubte anscheinend niemand. "Und wie sie mich gejagt haben", sagt er.

Der Offizier überlebt seine Verletzungen, bleibt aber mit einer Behinderung zurück. Noch in der Nacht des Vorfalls - wissend um die Rache, die die Familie des Opfers an ihm nehmen will - verlässt Mohammed die Peschmerga, kehrt zurück in sein Dorf und zu seinem Haus, in dem seine Frau mit den Kindern auf ihn wartet. In den ersten Wochen geschieht nichts. Dann landet eine Handgranate im Vorgarten.

Handgranate im Vorgarten

Ruhig und konzentriert erzählt Mohammed seine Geschichte auf der Dachterrasse in Nürnberg. Er hat sie schon oft erzählt, sich oft erklärt, das ist spürbar. Seine Freunde und Verwandten sind dafür umso erregter. Fortlaufend unterbrechen sie Mohammed. Sie wollen über das Versagen ihrer Regierung reden, über die Aussichtslosigkeit, in ihrer Heimat Arbeit zu finden, über die Jahre, in denen sie in jedem Auto eine Bombe vermuten mussten.

Sie haben den Krieg verlassen, manche von ihnen vor einem Jahrzehnt schon, aber der Krieg ist bei ihnen geblieben. Mohammed will sich, im Gegensatz zu den anderen, dem Erlebten stellen. Indem er zurückgeht, möchte er auch seine Geschichte verarbeiten. Er nimmt einen Schluck Wasser, er ist der Einzige in der Runde, der nicht ohne Unterlass raucht, der nicht seit dem Nachmittag einen Wodka-Energy nach dem anderen kippt. Dann setzt er seine Erzählung fort.

Nach der Handgranate im Garten habe er gewusst, dass er mit Frau und Kindern fliehen musste. Die Männer um ihn herum nicken. So ist das bei uns, sagen sie. Wenn du jemandem etwas tust, egal, ob mit Absicht oder nicht, dann werde sich die Familie an dir rächen. Schwer vorstellbar in Deutschland. Aber so sei das halt bei uns.

Im Schutz der Dunkelheit flieht Mohammed mit seiner Frau und den Kindern nach Kirkuk, einer Stadt im Norden des Iraks, rund hundert Kilometer von Erbil entfernt. Sie kommen bei Bekannten unter, halten sich mehr schlecht als recht über Wasser, glücklich allein über die Tatsache, dass sie noch leben. So geht das ein Jahr lang. Dann erfährt Mohammed über Bekannte, dass die Familie des Offiziers ihn ausfindig gemacht hat. Wieder flieht er, diesmal nach Deutschland, wo er im Sommer 2016 eintrifft. Er zieht mit seiner Frau und den drei Kindern in ein Flüchtlingsheim, lebt in einem kleinen Zimmer und in den Tag hinein, während sein Volk weiterkämpft.

Seine Frau und Kinder reagierten entsetzt

"Ich bin Peschmerga-Kämpfer, weil es mein Herz befiehlt", sagt Mohammed, und klopft sich auf die linke Seite seiner Brust. Wieder nicken die Männer um ihn herum, sie kennen das ja. Es gibt mehrere Gründe, warum junge Kurden der Peschmerga beitreten. Einer der häufigsten ist, dass sie anderswo keine Arbeit finden. Die Armee ist es dann, die ihre Ehre und ihren Stolz wiederherstellt. Auch in Deutschland hält Mohammed Kontakt mit Männern, die noch an der Front kämpfen, auch wenn das gefährlich ist. Er müsse zumindest digital für seine Leute da sein, so sieht er es.

Die Kämpfer schicken Videos und Fotos, auf denen Blut fließt und Maschinengewehre feuern, und jedes Foto, jedes Video versetzt Mohammed einen kleinen Stich. Auf seinem linken Oberarm trägt er ein Tattoo. Es ist ein wenig verblichen und zeigt die Umrisse einer Landkarte. Mohammed hat es sich stechen lassen, als sein bester Freund im Kampf starb. Er trug das gleiche Tattoo.

"Ich fühle mich, als hätte ich mein Volk im Stich gelassen", sagt Mohammed. "Sie brauchen doch jeden einzelnen Kämpfer." Deshalb hat er einen Entschluss gefasst: Er will zurückkehren. Raus aus der bayerischen Provinz, hinein in den Krieg. Seine Frau und die Kinder sollen mitkommen. Sie reagierten entsetzt - doch die Entscheidung des Familienoberhauptes respektieren sie. Mohammed hat seinen Vater beauftragt, die Streitigkeiten mit der Familie des Offiziers zu beseitigen. Die Verhandlungen laufen gut. "Bald geht es los."

Die Männer um ihn herum stöhnen auf, jedes Mal, wenn sie Mohammed treffen, versuchen sie, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie reden auf ihn ein, zeigen ihm Fotos, verdeutlichen ihm, welche Gefahren im Irak auf ihn warten. Dass einer wie er pflichtbewusst zurück zur Peschmerga geht, wirft auch bei ihnen die Frage auf, wie loyal sie zur Armee und zu den Landsleuten stehen.

Doch all ihre Warnungen bleiben wirkungslos, und so wird Mohammed mit seiner Familie die Reise antreten. Es wird heiß und staubig sein, und seine Frau wird Angst haben um sein Leben, um ihr Leben und das ihrer Kinder.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, die Soldaten der irakischen Zentralregierung seien 2014 aus Bagdad geflohen. Sie flohen jedoch aus Kurdistan. Wir haben den Fehler korrigiert.

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