Legendärer Pharao Der Tausendtonnenmann

Eine gigantische Metropole baute Pharao Ramses II. am Nil, ihre Überreste werden nun ausgegraben. Der Bibel zufolge lebten die Hebräer dort als Sklaven, bevor sie ins Gelobte Land zogen. Was stimmt an der Geschichte?
Sitz­sta­tue von Pha­rao Ram­ses II., um 1250 v.Chr

Sitz­sta­tue von Pha­rao Ram­ses II., um 1250 v.Chr

Foto: Roberto Venturini

Es gibt viele Möglichkeiten, sich ins Gedächtnis der Nachwelt einzubrennen. Adolf Hitler erreichte das mit grundbösen, Jesus mit radikal guten Taten. Pharao Ramses II. (1279 bis 1213 vor Christus) hatte es leichter, postmortale Berühmtheit zu erlangen: Sein Körper verfault nicht.

Seine Mumie hat rötliches Haar, eine Adlernase und durchbohrte Ohrläppchen. In der Nase entdeckten Forscher Pfeffer aus Indien.

Aber auch ohne Balsam wäre der Gottkönig, der 66 Jahre lang der stärksten Volkswirtschaft seiner Epoche vorstand, kaum in Vergessenheit geraten. "Sessu", so sein Kosename, unterzeichnete den ersten Friedensvertrag. Er zeugte mindestens 85 Kinder und ließ so gewaltige Metallschmelzen bauen, dass Historiker ihn in den Rang des ersten Großindustriellen hoben.

Auch die größte Skulptur des Altertums, 1000 Tonnen schwer, entstand auf seinen Befehl hin. Über sich selbst befand der Pharao: "Er hat alles übertroffen."

Seine glänzende neue Hauptstadt Pi-Ramesse ("Haus des Ramses") jedoch wurde nach seinem Ableben fast völlig vernichtet. Aus strategischen Gründen hatte der König den Regierungssitz nach Norden verlegt. Von dort konnte die Armee schnell entlang der Küste nach Palästina vorstoßen.

Im Eiltempo hatten schweißnasse Helfer Quader und Statuen auf Schlitten ins fruchtbare, aber fast steinlose Delta gezogen, um am Ufer des östlichsten Nilarms eine atemberaubende Stadt zu errichten. In alten Texten wird die Metropole "Wiederholung der Schöpfung" genannt.

"Wie schön war der Tag Deiner Anwesenheit, als Du bautest Pi-Ramesse-geliebt-von-Amun, mit schönen Fenstern, leuchtenden Gemächern aus Lapislazuli und Malachit", schwärmte ein Zeitgenosse. Der Palast des Herrschers glich angeblich "dem Horizont des Himmels".

Neben Zierteichen mit blauen Lotosblüten standen Käfige für Löwen und Giraffen. Zur Muße ließ sich der Pharao von Bauchtänzerinnen unterhalten. Seine Damenkapelle trug duftende Salbkegel auf dem Kopf, die in die Haare troffen. Pi-Ramesse, so priesen es die Schulbücher der 19. Dynastie, war "die Residenz, wo man angenehm lebt".

Im Video: Virtueller Rundflug über Pi-Ramesse

DER SPIEGEL

Geblieben ist von all der Pracht - nichts. Wer heute zwischen den Dörfern Kantir und Tall al-Dabaa das historische Areal abfährt, sieht nur flaches Land und Ackerfelder, auf denen Fellachen Gemüse anbauen.

Bereits in der Antike wurden fast alle Säulen und Pylonen weggeschleppt - ein einzigartiger Verlust. Denn mit dem Verschwinden von Pi-Ramesse wurde auch ein großes Kapitel der Religionsgeschichte verdunkelt: der biblische Exodus. Von der "Vorratsstadt Ramses", so steht es in der Heiligen Schrift, starteten die Hebräer unter Führung von Mose ihren legendären Zug ins Gelobte Land.

Glaubt man der Bibel, lebte bereits der Erzvater Josef in Ägypten. Von Wüstenbeduinen verschleppt, wird er an Potifar, den Kämmerer des Pharao, verkauft. Bald steigt der Sklave zum obersten Verwalter und Traumdeuter des Königs auf. Er holt seine Brüder und deren Familien nach.

Die fleißigen Hebräer verdienen gut und vermehren sich, was den Argwohn der Herrschenden weckt. Nach rund 400 Jahren Aufenthalt in der Fremde fallen sie in Ungnade und müssen unter der Peitsche von Fronvögten "schwere Dienste" tun. Sie brennen Ziegel für die neue Hauptstadt des Pharao.

Erst nachdem der zürnende Gott Jahwe zehn Plagen über den Nil gesendet hat, erhalten die Versklavten freies Geleit. Sodann führt Mose die Israeliten Richtung "Schilfmeer".

Dort bewirkt Gott ein Wunder, er lässt die Fluten zurückweichen. So können die Flüchtenden entkommen. Die Verfolger dagegen, die Truppen des Pharao, ertrinken in den Wogen.

Nach der gelungenen Flucht stimmt die Prophetin Mirjam, zur Handpauke tanzend, ein Lied an: "Singen will ich JHWH, denn hoch ist er erhaben, Ross und Reiter schleuderte er ins Meer." Die Zeilen zählen zu den ältesten Versen hebräischer Poesie.

Dankbarkeit für eine Rettung aus dem ägyptischen Joch, die zur Treue gegenüber dem Allmächtigen zwingt - das ist die Grundbotschaft des Alten Testaments.

Nur, fand die biblische Massenflucht wirklich statt? Wie verhielt sich das Superreich am Nil tatsächlich zu den benachbarten Hirtenvölkern vom Sinai und aus der judäischen Wüste, in deren Zelten jener monotheistische Glaube heranreifte, der bis heute das Abendland prägt?

Ganze Bibliotheken wurden zu dem Thema vollgeschrieben. Manche Forscher nahmen den Exodus Wort für Wort. Andere sahen darin nur ein frommes Märchen.

Ram­ses-Mu­mie

Ram­ses-Mu­mie

Foto: NASSER NURI/ REUTERS

Nun besteht Hoffnung, das Geheimnis zu lüften. Archäologen haben sich am mutmaßlichen Startpunkt der großen Auswanderung versammelt. Das südliche Viertel der untergegangenen "Ramses-Stadt" wird von Österreichern untersucht. Für alle anderen Ruinen ist der deutsche Archäologe Henning Franzmeier vom University College London zuständig. "20 Zentimeter unter der Ackerkrume liegen hier die Scherben", erklärt der Hildesheimer Seniorausgräber Edgar Pusch, 69.

Wegen der enormen Ausdehnung der Metropole - sie war 15 bis 30 Quadratkilometer groß - gestaltet sich die Arbeit allerdings schwierig. Erst durch den Einsatz von Cäsium-Magnetometern, die Strukturen unter der Oberfläche sichtbar machen, weiß man jetzt mehr.

Das Zentrum, bebaut mit Palästen, lag demnach verstreut auf mehreren Nilinseln. Am Ufer erstreckten sich reiche Villen sowie die kleinteiligen Viertel der Händler und Handwerker, insgesamt Platz für bis zu 100.000 Menschen.

"Fleißig wie die Bienen, flussauf und flussab" seien die Kaufleute mit ihren Booten in den Kanälen umhergefahren, heißt es in einem alten Text. Hethitische Siegel und Scherben aus der Levante kamen bei den Grabungen zutage, sogar Trümmer eines Eberzahnhelms, wie ihn die Griechen in der "Ilias" beim Erstürmen von Troja trugen.

Franzmeier nennt Pi-Ramesse einen "Schmelztiegel der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Kulturen der späten Bronzezeit des gesamten Ostmittelmeerraums und des Nahen Ostens - von Griechenland über die heutige Türkei bis hin nach Syrien, Jordanien, Ägypten selbst und möglicherweise auch Nubien".

Nach Spuren eines Hebräerclans, der im Eiltempo Ziegel formen musste, suchen die Forscher bislang zwar vergebens. Dennoch gibt es spannende Hinweise. Immer deutlicher schält sich heraus, dass die biblische Klage über die Knechtschaft am Nil historische Bezüge hat.

"Wir wissen, dass die Pharaonen Feldzüge nach Kanaan, in die Negev-Wüste und nach Transjordanien unternommen haben. Kriegsgefangene wurden in großer Zahl nach Ägypten verschleppt - vermutlich auch die Protoisraeliten", so der Wiener Archäologe Manfred Bietak, 76, der bereits 1966 nach Pi-Ramesse kam und die Gegend wie kein anderer kennt.

Bei Razzien fingen die ägyptischen Schergen semitische Hirten ein. Zehntausende wurden an den Nil deportiert. Bei einem hohen Beamten aus dem Neuen Reich zählte man nicht weniger als 45 Hausdiener aus dem Nahen Osten.

Manche mussten fegen und kochen, andere Unkraut jäten - oder sie kamen in den Steinbruch. In Theben wurden um 1150 vor Christus Nomaden gezwungen, einen verfallenen Tempel zu demontieren. Die Leute stammten aus "Seir", dem Ursprungsort Jahwes östlich des Sinai.

Von einem Doppelpass für Ausländer oder einer umsichtigen Integration war damals noch nicht die Rede. Von Ramses III. weiß man, dass er sogar die Sprache von Kriegsgefangenen "auslöschte" - Redeverbot. Der Ägyptologe Thomas Schneider wertet den Vorgang etwas salopp als "staatliche Akkulturationsbemühung".

Viele Fremde kamen aber auch freiwillig. Die ökonomische Strahlkraft des Pharaonenstaats lockte Fachkräfte an. Semitische Bäcker strömten herbei, auch Schneider, Winzer und Kürschner. In Pi-Ramesse seien "ausländische Spezialisten" in der "Hochtemperaturindustrie" zur Herstellung von Rubinglas sowie "in der Ausbildung der Pferde- und Streitwageneinheiten" tätig gewesen, erklärt Schneider.

Unter Ramses II. stieg ein gewisser Neferrenpet sogar zum Wesir des Reiches auf. Der Mann war der Sohn einer Semitin - ein Lebenslauf, der an den Anführer Mose erinnert.

Der Nestor der Nahostarchäologie, Bietak, sieht inzwischen viele Verbindungen zwischen der biblischen Story vom Exodus und der Realgeschichte. In einem Fachbuch hat er jetzt sogar einen Fluchtweg rekonstruiert.

Demnach zogen die Hebräer vom Delta aus zuerst zu den "Ballah-Seen", einem sumpfigen Flachwassergebiet an der Grenze zum Sinai. Der beschwerliche Weg durch den Morast wurde gewählt, um die bewachte Militärstraße an der Küste zu umgehen. So konnte man "Grenzkontrollen vermeiden" (Bietak).

Mit diesen erstaunlichen Hinweisen und Befunden gerät eine Übergestalt ins Zwielicht, die im alten Ägypten ein goldenes Zeitalter anstieß und das Land seiner letzten Hochblüte entgegenführte.

Die meisten Statuen stellen Ramses II. milde lächelnd mit Pausbacken dar. Doch es gibt auch Reliefs, die ihn als Wüterich zeigen, der Gefangene brutal am Haarschopf reißt und auf Asiaten herumtrampelt. Gefallenen Feinden ließ er auf dem Schlachtfeld die Hoden abschneiden.

Als im Juni 1886 der Antikenverwalter Gaston Maspero die Ramses-Mumie aus den Leinenbinden wickelte, empfand er deren Gesicht als "leicht bestialisch", aber auch stolz und eigensinnig.

Wer also war dieser Mann, der als der größte aller Pharaonen gilt?

Erstmals in Deutschland wird dem schillernden Gottkönig jetzt eine eigene Ausstellung gewidmet. Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe präsentiert einen Herrscher mit Schattenseiten (Ausstellung "Ramses - Göttlicher Herrscher am Nil", ab 17. Dezember). Aus Hannover kommt der Goldring seiner Gattin Nefertari. London liefert eine Faust, einen Kubikmeter groß. Sie brach von einer Kolossalstatue ab.

Sogar das verschollene Pi-Ramesse erwecken die Ausstellungsmacher wieder zum Leben - per Computer. Auf Basis der aktuellen Untersuchungen hat die Berliner Firma Artefacts Straßen, Tempel und Kriegshäfen in einer 3-D-Animation auferstehen lassen.

Wer in die virtuellen Bilder eintaucht, ahnt etwas vom betäubenden Luxus, mit dem sich die 19. Dynastie umgab. Damen des Hofs führten damals Affen am Halsband. Männer schminkten sich, sie trugen Perücken aus Echthaar und nahmen schweißhemmende Mittel aus Pinienbalsam und Weihrauch.

Der Pharao selbst saß auf einem goldenen Thron. In seinen kostbaren Kleidern mischten sich Tiergötzentum und stumme Würde. Bei Empfängen hielt Ramses II. Geißel und Zepter an die Brust. An der Krone prangte die Uräusschlange, die zum Biss bereite Kobra.

Einen "Meister der PR" nennt Ausstellungskurator Lars Petersen den Herrscher, der sein Konterfei tausendfach in Holz, Erz oder Stein verewigen ließ. Auch frönte Ramses dem Eros. Schon dem Teenager hatte der Vater einen Harem geschenkt, bestückt mit den schönsten Mädchen des Landes.

Hinzu kam eine weitere Leidenschaft: Bauwut. Kein Felsbrocken, kein Granitklotz war dem Tausendtonnenmann zu schwer. In Abu Simbel meißelte man ihn gleich vierfach als Sitzriesen aus dem Fels.

Tem­pel von Abu Sim­bel

Tem­pel von Abu Sim­bel

Foto: © Amr Dalsh / Reuters/ REUTERS

Ein anderes großartiges Werk steht heute noch in Karnak. Es ist ein Wald von 134 Säulen, bis zu 21 Meter hoch, die ein Papyrusdickicht nachahmen. Im Serapeum von Sakkara wiederum, wo Priester Stierleichen mumifizierten, ließ Ramses unterirdische Galerien für 70 Tonnen schwere Tiersarkophage in den Fels stemmen.

Fast wundert es, dass die Volkswirtschaft Altägyptens angesichts der vielen Megaprojekte nicht kollabierte. Bis zu tausend Helfer mussten an Seilen zerren, wenn es galt, eine einzige Riesenstatue auf Schlitten über Land zu schleifen. Ramses ließ sie im Dutzend herstellen. Um die Figuren aufzurichten, schob man sie Sandrampen hoch und kippte sie in vorbereitete Gruben.

Neun Tage schuften, einen Tag frei - so sah die Arbeitswoche am Nil aus. Und nicht nur die Sklaven mussten ran. Der Kupferschmied stinke wie "Fischlaich", heißt es in einem alten Text. Der Töpfer "wühlt sich in den Schlamm mehr als ein Schwein". Und über die Ernte wird verlautet: "Die Raupe nimmt eine Hälfte weg, das Nilpferd frisst den Rest."

Gleichwohl litten die Untertanen keinen Hunger. Zu fruchtbar war das Sediment, das der Nil auf die Felder spülte. Ramses' größter Kornspeicher stand in Theben. Er konnte genug Getreide aufnehmen, um 20.000 Menschen ein Jahr lang satt zu machen.

Für Zufriedenheit sorgte auch ein gut abgestimmter Staatsapparat. Die Beamten, vom Gaufürsten bis hinab zum einfachen Steuereintreiber, waren gehalten, freundlich zu sein. "Schicke einen Bittsteller nie fort, ohne ihn angehört zu haben. Verliere nie ohne triftigen Grund die Geduld", lautete die Eidesformel für die beiden Wesire, die an der Spitze standen.

Auch das sittliche Niveau des Pyramidenstaats mutet erstaunlich an. Das um 1280 vor Christus verfasste Totenbuch des Hunefer zählt 82 Sünden auf, die das Herz beim Totengericht beschweren und deshalb den Weg in die Unsterblichkeit behindern. Neben Raub und Mord gehörte dazu die Tierquälerei. Selbst das "Schimpfen", "Sichaufblasen" und "Belauschen" galten als Verfehlung.

Zwischen der hohen Moral der Ägypter und den ethischen Weisungen der Bibel habe es "viel überraschende Gemeinsamkeit" gegeben, schreibt der Ägyptologe Jan Assmann.

Und doch lastete über dem Land ein Schatten der Bedrohung. Jenseits des Nil, wo das Fruchtland abrupt endete, begann die Welt des "Chaos".

Viehhirten zogen dort umher, auch Räuber und Halbnomaden mit langen Spitzbärten, die fremde Götzen anbeteten. An der Levanteküste wohnten in einem Gewusel von Kleinststaaten Kaufleute, die zwischen Handel und Piraterie nicht sauber trennten. Und noch weiter im Norden lauerte die andere Großmacht: die Hethiter.

Es ist dieses fremde Asien, das die Ägypter als böse einstuften, um es bald umso schamloser ausplündern zu können. In fünf Feldzügen überzog Ramses II. die Region mit Krieg.

Dabei hatte, Jahrhunderte vor seiner Herrschaft, alles so friedlich angefangen. Ein um 1890 vor Christus gemeißeltes Relief zeigt Ägyptens Gaufürsten der östlichen Wüste beim Empfang von Beduinen in farbenprächtigen Gewändern. Die semitischen Hirten wollten wegen einer Dürre zu den Weideplätzen im Nildelta ziehen.

Ähnliche Notlagen werden auch in der Bibel geschildert.

Bald kamen immer mehr Fremde. Vor allem die wirtschaftliche Vernetzung in der späten Bronzezeit ließ den Zustrom ansteigen. Die Einwohner des Alten Reichs (um 2700 bis 2200 vor Christus) hatten noch mit heimischen Steinhämmern geklopft und Bier aus der Region getrunken.

Im Neuen Reich (um 1550 bis 1070 vor Christus) genoss die Oberschicht dagegen Wein aus Zypern und behängte sich mit indischen Schmucksteinen. Die Metalle Kupfer und Zinn (zur Legierung der Bronze) kamen vom Sinai und aus Usbekistan. Pferde führte man aus Anatolien ein, Bauholz aus dem Libanon, Bernstein von der Ostsee.

Längst hatte sich die Welt globalisiert. Auf Schiffen und mit Eselskarawanen schaukelten die Waren aus immer ferneren Gegenden herbei - mit ihnen kamen viele Ausländer ins Land, die neue Sitten und Moden mitbrachten.

Das beweist auch der "erotische Papyrus". Die 2,60 Meter lange Schriftrolle zeigt Paare in zwölf verschiedenen Sexstellungen. Die Forscher halten es für möglich, dass der Porno unter dem Einfluss der sinnestrunkenen Babylonier entstand.

Vor allem im östlichen Nildelta ballten sich früh die Immigranten. Etwa zwei Kilometer vom späteren Zentrum von Pi-Ramesse entfernt war bereits am Ende des Mittleren Reichs - also rund 500 Jahre vor der Ramses-Ära - ein großes Handelszentrum entstanden, in dem viele Leute aus Kanaan und Transjordanien lebten.

Richtig integrieren mochten sich die Einwanderer nicht. Es entstand eine seltsame Mischkultur. Die Zugereisten bauten Tempel wie in der Levante. Zwar verehrten sie den ägyptischen Gott Seth - doch der war als Mörder seines Bruders Osiris am Nil eigentlich verpönt. Zudem stellten sie ihn in syrischer Tracht dar und verliehen ihm Züge des kanaanitischen Wettergotts Baal. Selbst die Gleichsetzung Seth-Baals mit Jahwe ist aus späterer Zeit bezeugt.

Um 1650 vor Christus griff die aus dem Nahen Osten eingesickerte Bevölkerung sogar zur politischen Macht. Ihre Anführer, Hyksos genannt, zettelten eine Revolte an und eroberten das gesamte Nildelta.

Gut hundert Jahre hielten sich die Fremdherrscher auf dem Thron. Vom König Apophis heißt es, dass er "keinem anderen Gott diente außer Seth".

Manche sehen darin einen ersten Schritt zum Monotheismus.

Zwar gelang es den Pharaonen, die Gegner in einem blutigen Rückeroberungskrieg wieder zu stürzen. Doch die Fremdherrschaft blieb als Schmach und Trauma im kollektiven Gedächtnis der Ägypter haften.

Zumal die Gefahr weiter schwelte: Immer wieder entzog sich die Levante der Kontrolle der Pharaonen. Ihre Armeen erzielten dort Siege, aber keinen Sieg. In den Wirren am Ende der 18. Dynastie gingen sogar viele Besitzungen in Palästina wieder verloren.

Erst Ramses' Großvater, ein General, wendete das Blatt. Als Begründer der 19. Dynastie wurde er zum Stammvater einer Familie soldatischer Hardliner. Seinen eigenen Sohn drillte der Mann so sehr, dass der Knabe später meldete, "beim Anblick von Blut" schlage sein "Herz höher".

Entsprechend hart erzogen, neigte auch der Enkel, der kleine Ramses II., früh zum Martialischen. Mit 10 Jahren war der Knabe "Oberbefehlshaber der Truppen", mit etwa 20 wurde er König.

Kaum im Amt, rüstete er auf. Sein Ziel: offensive Nahostpolitik. Er wollte den Bewohnern der Levante einen finalen Schlag erteilen.

Zu diesem Zweck gliederte der König das Heer in vier Divisionen. Deren Rückgrat bildeten Berufssoldaten. Die Infanterie rüstete er mit Sichelschwertern und Kompositbögen aus, die über 200 Meter weit schossen. Verstärkt wurde die Truppe durch Söldner, darunter Haudegen mit Hörnerhelmen, die wohl von Sardinien stammten.

Pi-Ramesse diente im militärischen Plan des jungen Pharao als vorgeschobene Operationsbasis. Tausende Soldaten waren in der Stadt stationiert. Es gab Kasernen, Exerzierplätze, weitläufige Trainingsbahnen für die Streitrösser und einen Hafen für die Kriegsflotte.

He­bräi­sche Zwangs­ar­bei­ter am Nil (Ge­mäl­de "Israe­li­ten in Ägypten" von Ed­ward Poyn­ter, 1867)

He­bräi­sche Zwangs­ar­bei­ter am Nil (Ge­mäl­de "Israe­li­ten in Ägypten" von Ed­ward Poyn­ter, 1867)

Foto: Guildhall Library & Art Gallery / picture-alliance / DPA

Auch die großen Waffenschmieden des Reichs befanden sich dort. Die Archäologen fanden gewaltige Kreuzöfen und 15 Meter

lange Schmelzbatterien. Bis zu 300 Arbeiter standen an den lodernden Feuertöpfen. Im Schnelltempo wurden Pfeil- und Speerspitzen gefertigt, dazu Schwerter, Lanzen und Beschläge.

Die Stallungen der Streitwagenkompanie kamen im Grabungsplatz Q IV zutage. Die Hallen boten Platz für rund 500 Rösser. In der Nähe lagen kaputte Trensen, Nabenkappen, Scheuklappen, bronzener Stirnschmuck und Halssporen. Sogar die Abdrücke von Pferdehufen blieben im Lehm erhalten.

Im fünften Jahr seiner Regentschaft griff der König massiv an. 20.000 Krieger sowie 2500 Kampfwagen, besetzt mit je einem Lenker und einem Bogenschützen, zogen in einem lang gezogenen Tross durch den Gazastreifen die Küstenstraße empor. Erst 700 Kilometer weiter, vor Kadesch am Orontes, hielt die Armee an.

Hier begann das Land der mächtigen Hethiter. Und hier entbrannte die Schlacht.

Zwar lief Ramses beim Aufmarsch seiner Truppen in eine Falle. Doch schon bald danach war der Aggressor erneut vor Ort. Er eroberte Gaza, Jaffa, Tyros, Sidon, Beirut und zuletzt Dapur (bei Homs). Als nach dem Abzug des Heers Revolten aufflackerten, kam der "starke Stier" noch mal und noch mal.

1259 vor Christus waren die Hethiter und ihre Verbündeten müde gekämpft. Im ersten Friedensvertrag der Weltgeschichte gestanden sie den Ägyptern weite Gebietseroberungen zu.

In aller Ruhe konnte der Pharao nun mit dem Auspressen der besiegten Provinzen beginnen. Die Gegend des heutigen Israel wurde Kanaan genannt. Das südliche Syrien hieß Upe. Garnisonen entstanden dort, Steuereintreiber zogen los. Wer nicht spurte, wurde gefangen genommen und an den Nil deportiert.

Palästina war jetzt ein besetztes Land - und zwar weit stärker unterjocht, als es die Forscher bislang vermuteten. Sogar in Jerusalem saß wohl ein Häuptling, der im Auftrag der Pharaonen Sklaven einfing und als Tribut ablieferte.

In den folgenden 45 Jahren herrschte unter Ramses in der Levante Ruhe. Bis hoch in den Libanon galt nun das Gesetz jenes Imperialisten, der sich daheim als Friedensfürst feiern ließ. Für die Menschen im Heiligen Land begann eine Zeit voller Bitterkeit.

Das beweist auch die Ausstellung in Karlsruhe. Gezeigt werden Reliefs von Asiaten, deren Hände schmerzhaft über dem Kopf gefesselt sind. Andere liegen gefoltert am Boden. Oder sie ziehen überschwere Statuen ramessidischer Herrscher.

Keine Frage: Es gibt viele Fährten, die auf ein geschichtliches Fundament des Exodus-Mythos hinweisen. Die biblischen "Kinder Israels" wuchsen offenbar wirklich im Schatten der Pyramiden auf. Semitisch sprechende Sklaven, Facharbeiter, Händler und Hirten standen in enger Verbindung mit dem glänzenden Staat der Mumien und Hieroglyphen.

In der Bibel darf Mose am Ende mit seinem geknechteten Volk abziehen. Damit beschreitet er symbolisch den Weg vom ägyptischen Götzentum zum Glauben an den einen und einzigen Gott.

Noch vor wenigen Wochen weilte der Archäologe Franzmeier im Nildelta. Im nächsten Jahr kommt sein Team wieder. Gegraben wird aktuell auf einem ehemaligen Getreidefeld, über 1700 Quadratmeter groß. Die Magnetbilder ergaben, dass dort gewaltige Grundmauern im Boden schlummern.

Vielleicht ist es nur eine Scheune oder eine Kaserne. Vielleicht aber auch ein Palast, in dem sich Spuren des biblischen Mose finden.

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