08.03.1999

TÜRKEI„Er rieb sich ständig die Augen“

Die Anwälte des PKK-Chefs Abdullah Öcalan über ihren Besuch auf der Gefängnisinsel Imrali und die Strategie ihrer Verteidigung
Hatice Korkut, 33, und Ahmet Zeki Okçuoglu, 50, vertreten das
Istanbuler Anwaltsteam von Abdullah Öcalan.
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SPIEGEL: Frau Korkut, Herr Okçuoglu, Sie haben Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel Imrali besucht. Haben Sie überhaupt ein offizielles Mandat bekommen?
Okçuoglu: Wir haben Öcalan gesagt, daß wir als Sprecher einer Gruppe von 15 Anwälten gekommen seien und daß sich in Diyarbakir noch einmal 60 Anwälte gemeldet hätten, ihn zu vertreten. Er hat sich gefreut und sofort zugesagt. Das Problem war nur: Um das Mandat offiziell zu übernehmen, hätten wir einen Notar gebraucht - und den haben uns die Behörden verweigert.
SPIEGEL: Wußte Öcalan, wen er vor sich hat?
Okçuoglu: Ich habe Apo vor 25 Jahren zum letztenmal gesehen, als wir beide noch studierten. Er hat mich sofort wiedererkannt. Als wir in das Zimmer traten, lächelte er und wollte mir die Hand geben. Doch ein maskierter Soldat hielt sofort seinen Arm dazwischen. Der Richter, der das Gespräch beobachtete, meinte: "Laßt sie doch wenigstens die Hände schütteln." Das haben wir dann auch getan.
SPIEGEL: Worüber haben Sie gesprochen?
Okçuoglu: Die erste Frage stellte Öcalan. Er wollte wissen, welches Echo seine Festnahme ausgelöst hatte. Ich sagte ihm, daß ich persönlich, das ganze kurdische Volk und sogar viele seiner ehemaligen Gegner sehr traurig seien und daß es von Japan bis in die USA zu schweren Protesten gekommen sei.
SPIEGEL: Wie hat er reagiert?
Korkut: Er war niedergeschlagen. Auf mich wirkte er wie der Inbegriff der Schutzlosigkeit. Er hielt den Kopf gesenkt und rieb sich ständig die Augen. Ich fragte ihn, ob er irgendeine Verbindung zur Außenwelt habe, ob er Nachrichten hören könne. Das hat er verneint.
SPIEGEL: Dann konnten Sie doch ziemlich ungehindert sprechen.
Okçuoglu: Eigentlich ja, wir wurden nie unterbrochen. Öcalan konnte sogar eine Erklärung zu seiner Festnahme abgeben: Er sagte, nicht die türkischen Sicherheitskräfte hätten ihn gefangen, sondern die Kenianer hätten ihn ausgeliefert. Wir hatten damit gerechnet, daß er Israel oder die USA beschuldigen würde - doch dazu sagte er kein Wort. Ich wollte ihn nachher nicht ermutigen, noch weiter in Details zu gehen. Es saß schließlich ein Sekretär dabei, der jedes Wort mitschrieb. Ich war sicher, das Gericht würde alles, was er uns sagt, später gegen ihn verwenden.
SPIEGEL: Wie ging das Gespräch zu Ende?
Okçuoglu: Das war sehr merkwürdig. Nach einer knappen halben Stunde fragte Öcalan den Richter, wieviel Zeit wir hätten. "Bis 17 Uhr", meinte er, "bis Dienstschluß." Das wären noch fast zwei Stunden gewesen. Darauf drehte Apo sich zu einem der Soldaten um und sagte: "Das habt ihr mir aber anders gesagt. Es sollte doch nur 20 Minuten dauern." Und genau so kam es: Die Soldaten beendeten sofort die Unterhaltung; der Sekretär, der gerade ein neues Blatt in seine Maschine gelegt hatte, mußte das Protokoll alleine fertigschreiben.
SPIEGEL: In drei Wochen soll der Prozeß gegen Öcalan beginnen. Ihnen liegt bislang noch keine Anklageschrift vor. Sind Sie überhaupt in der Lage, den PKK-Chef zu verteidigen?
Okçuoglu: Das müssen Sie Gericht und Staatsanwaltschaft fragen. Nach unseren bisherigen Erfahrungen traue ich diesem Staat alles zu - sogar, daß er die Verhandlung ohne Verteidiger beginnen läßt.
SPIEGEL: Ministerpräsident Bülent Ecevit hat Öcalan einen fairen Prozeß nach internationalen Maßstäben versprochen.
Okçuoglu: Ich glaube, Ecevit hat dieses Versprechen ernst gemeint. Er ist einer der wenigen sauberen Politiker in diesem Land. Wer den zivilen Ablauf dieses Prozesses mit allen Mitteln hintertreibt, sind Präsident Süleyman Demirel und der türkische Generalstab. Zusagen des Premierministers zählen in der Türkei leider nicht viel.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß das Ausland noch etwas für Ihren Mandanten ausrichten kann?
Okçuoglu: Wir sind auf politischen Druck von außen geradezu angewiesen. Vor allem die USA müssen ihren Einfluß geltend machen. Europa hat sich in der Affäre Öcalan leider als sehr schwach erwiesen - und als sehr inkonsequent: In der Kosovo-Krise drohen die Europäer schon nach sechs Monaten mit Luftangriffen. Im Südosten der Türkei sind in 15 Jahren Tausende gestorben, und Europa hat nichts getan.
SPIEGEL: Unmittelbar nach Ihrem Besuch bei Öcalan wollten Sie Ihr Mandat niederlegen. Jetzt verhandeln Sie mit der Justiz. Warum der Sinneswandel?
Okçuoglu: Wir haben nie daran gedacht, die Verteidigung aufzugeben. Wir haben nur darauf hingewiesen, daß Anwälte, die in akuter Lebensgefahr sind, ihren Auftrag nicht erfüllen können. Der Staat ist offenbar weder willens noch fähig, für unsere Sicherheit zu sorgen. Selbst der Richter, der uns nach Imrali begleitet hat, wurde vom wütenden Mob mit Steinen beworfen.
SPIEGEL: Sie haben keine Leibwächter.
Korkut: Gegen die Gefahr, der wir ausgesetzt sind, würde in der Türkei selbst der beste Leibwächter nichts helfen.
SPIEGEL: Haben Sie Angst?
Korkut: Nein.
SPIEGEL: Herr Okçuoglu, Sie haben sich seit den achtziger Jahren kritisch zu Öcalan geäußert. Angeblich standen Sie zeitweise sogar auf der Todesliste der PKK. Mögen Sie Ihren Mandanten?
Okçuoglu: Öcalan und ich hatten in der Vergangenheit grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten. Doch gemessen an dem, was uns bevorsteht, werden diese Widersprüche bald sehr nebensächlich sein. Im übrigen muß man mit seinem Mandanten nicht befreundet sein, um ihn gut zu verteidigen. INTERVIEW: BERNHARD ZAND
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 10/1999
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