01.07.2013

Grenzenloser Informant

Der Whistleblower Edward Snowden ist auf der Flucht vor Amerika und hinterlässt dabei eine Spur von Enthüllungen. Er wird zum Opfer einer globalen Treibjagd, die an einen Thriller des Kalten Kriegs erinnert - mit der Technik des 21. Jahrhunderts.
In Fort Meade, im Hauptquartier der NSA, jenes Geheimdienstes, der zuständig ist für Amerikas Sicherheit, steht eine riesige Gedenktafel aus Granit mit den Namen der 171 im Dienst getöteten Agenten, darauf der Spruch: "Sie dienten in Stille." Es ist eine sehr amerikanische Art, an die eigenen Helden zu erinnern.
Er hat in Stille gedient - das wird man über Edward Snowden nie sagen, den größten Whistleblower der jüngeren amerikanischen Geschichte. Und trotzdem ist auch er nun ein Held für viele, weil er Amerikas Traum von der totalen Datenkontrolle zum Platzen gebracht hat.
Mit vier Laptops voller Geheimdokumente reist Edward Snowden seit Ende Mai um die Welt, von Hawaii nach Hongkong und weiter nach Moskau, dabei zieht er einen Schweif globaler Enthüllungen hinter sich her. Er hat das "Prism"-Programm der NSA enttarnt, das Daten von Facebook, Google, Microsoft und Skype nutzt; er hat die Zusammenarbeit mit dem britischen Nachrichtendienst GCHQ bekanntgemacht, dessen Programm "Tempora" Daten von Hunderten Glasfaserkabeln abschöpft; und nun auch die Spionage der NSA in Deutschland (siehe Seite 76). Jeden Tag kommt Neues dazu.
Seitdem liefert sich Edward Snowden mit Amerika eine Hetzjagd um die Welt wie aus einem Thriller des Kalten Kriegs - mit den technischen Mitteln des 21. Jahrhunderts. Verfolgt von Hunderten von Journalisten, Abermillionen von Zuschauern und vermutlich nicht wenigen Agenten. Kleine und größere diplomatische Erdbeben hat dieser 30-jährige Systemadministrator bereits ausgelöst, denn die Enthüllungen zeigen auch, in welchem Umfang selbst befreundete Staaten ausgeforscht werden. Die Einblicke in seinen Abhörapparat haben Amerika gegenüber China und Russland blamiert, Feinden geholfen und Freunde in Verlegenheit gebracht, weil auch diese jetzt fürchten müssen, dass ihre eigenen Lauschaktivitäten unter die Lupe genommen werden.
All das kann sich Edward Snowden vermutlich noch nicht vorstellen, als er am 20. Mai seine Unterkunft auf Hawaii verlässt und ein Flugzeug nach Hongkong besteigt. Dabei hat er einen kleinen, schwarzen Koffer, darin die Laptops, darauf gespeichert tausend streng geheime Dokumente. Seiner Freundin hat er gesagt, er werde bald zurück sein; seinem Arbeitgeber hat er erzählt, er brauche eine Auszeit.
Seit fast drei Monaten arbeitet der Computer-Nerd für die Sicherheitsfirma Booz Allen Hamilton auf Hawaii, die Aufgaben für die NSA erledigt - und er hat Zugang zu den größten Geheimnissen Amerikas. Snowden ist zwar Schulabbrecher, aber einer mit Ambitionen. Bei den US-Streitkräften hat er sich mit dem Hinweis beworben, er sei Buddhist und damit eigentlich der Gewaltlosigkeit verpflichtet. CIA und NSA haben ihn angeheuert, weil wenige mit Datennetzwerken so gut umzugehen wissen wie er.
In Hongkong bezieht Snowden ein Zimmer im Fünfsternehotel "The Mira" im Stadtteil Kowloon. Dass Snowden ausgerechnet die chinesische Sonderverwaltungszone als Rückzugsort wählt, ist wohlkalkuliert. Er glaubt, hier sicher zu sein - vor dem Zugriff Amerikas, aber auch vor den Chinesen. Und er kennt die Stadt, hat hier einen Bekannten. Hongkong ist der Ort, von dem aus er die Serie von Enthüllungen anstößt, die wenig später Amerika und die Welt erschüttert.
Als Helfer hat er bereits zuvor Glenn Greenwald gewählt, der für den britischen "Guardian" bloggt. Davor war Greenwald Hobbypolitiker und Anwalt, jetzt lebt er zusammen mit seinem Partner und zehn Hunden in Rio de Janeiro. Seit Jahren setzt er sich für die Veröffentlichung von Regierungsgeheimnissen ein. Er gilt als leidenschaftlicher Kämpfer für Transparenz, als einer, der keine Kompromisse eingeht. Greenwald ist der Mann, den Snowden jetzt braucht; er bittet ihn, nach Hongkong zu kommen.
Am 1. Juni treffen Greenwald, ein "Guardian"-Kollege sowie die Dokumentarfilmerin Laura Poitras ein. Snowden lotst sie zu sich ins Zimmer, als Erkennungszeichen dient ein Zauberwürfel. Fast eine Woche lang befragen sie ihren Informanten. Dann, am 5. Juni, veröffentlicht der "Guardian" die erste Enthüllung, die Geschichte eines geheimen Gerichtsbeschlusses, aus dem hervorgeht, dass die US-Regierung das Unternehmen Verizon zwang, Telefondaten von Millionen US-Bürgern auszuhändigen. Am Tag darauf folgt die Enttarnung des Spähprogramms "Prism", später eines ähnlichen, weltweit eingesetzten Programms namens "Boundless Informant", grenzenloser Informant.
Genau in diese Zeit fällt das erste Treffen der beiden mächtigsten Männer der Welt. Am 7. Juni lädt US-Präsident Barack Obama den chinesischen Staatschef Xi Jinping auf die Sunnylands-Ranch in Kalifornien ein. Es ist heiß, 43 Grad, und zum Ärger der Chinesen haben die Gastgeber kurzfristig das Thema Cyber-Sicherheit auf die Tagesordnung gehoben. Obama mahnt, er wünsche sich eine Weltordnung, in der sich alle an dieselben Regeln halten. Eine Mahnung derjenigen, die sich als Opfer fühlen, an die mutmaßlichen Missetäter im Cyber-Krieg - die Chinesen.
Die Amerikaner haben die Enthüllungen im "Guardian" zwar registriert, wissen aber nicht, dass auf der anderen Seite des Pazifiks ein Mann gerade dabei ist, noch weitere Geheimnisse publik zu machen.
Zwölf Minuten und 35 Sekunden lang ist das Video, mit dem sich der bis dahin unbekannte Systemadministrator Edward Snowden am 9. Juni aus der Anonymität in die Öffentlichkeit katapultiert, vom Jedermann zu einem der meistgesuchten Menschen der Welt. Mehr als 1,7 Millionen Mal wird es in kurzer Zeit angeklickt.
Zu sehen ist ein junger, blasser Mann mit eckiger Brille und Dreitagebart. Er redet klar, langsam, souverän. Er sagt, er habe nicht vor, sich zu verstecken, denn er habe nichts Falsches getan. Warum er nicht anonym bleiben wollte? "Die Öffentlichkeit verdient eine Erklärung."
Snowden beschreibt die NSA als Superbehörde, als riesigen Kraken, der weltweit gigantische Datenmengen abgreift. Und er erklärt, wieso er zum Informanten wurde: "Ich erlebte den Missbrauch regelmäßig. Je mehr ich darüber reden wollte, desto mehr wurde ich ignoriert, wurde mir erzählt, dass das kein Problem sei."
Die Treibjagd ist eröffnet.
Stunden später wird Snowdens Versteck ausfindig gemacht, doch vorher taucht er ab und versteckt sich in der Wohnung eines Hongkonger Bekannten.
Inzwischen hat er Kontakt zu Journalisten der "South China Morning Post". Sie enthüllen nach einem Gespräch mit Snowden, dass die NSA auch in China und Hongkong Server von Telefongesellschaften gehackt und Millionen von Textnachrichten gesammelt hat.
Snowden hofft wohl, eine Auslieferung verhindern zu können, indem er den Zorn der Chinesen auf Amerika anheizt. Und das ist auch nötig, denn Washington übt nun Druck aus. Es gibt zwar keinen Auslieferungsvertrag mit China, aber Hongkong ist weitgehend autonom, es hat 1996 ein eigenes Abkommen mit den USA geschlossen. Die ersten US-Abgeordneten fordern, Snowden mit der "vollen Härte des Gesetzes" zu verfolgen.
"Die Leute, die meinen, ich hätte einen Fehler gemacht, als ich Hongkong auswählte, missverstehen meine Absichten", sagt Snowden der "South China Morning Post". Doch er ahnt, dass er in Hongkong nicht sicher ist. Nur, wohin kann er reisen?
Es ist der Moment, in dem zwei Männer auftreten, die etwas vom Ruhm des Enthüllers auf sich abfärben lassen wollen: Rafael Correa und Julian Assange.
Ecuador gibt kurz darauf bekannt, über einen Asylantrag Snowdens zu beraten. Nicht, weil Ecuadors Präsident Correa ein Freund von Transparenz wäre, nein - zur gleichen Zeit tritt in seinem Land ein restriktives Mediengesetz in Kraft. Doch Correa leidet darunter, dass Ecuador als Resonanzboden für seine politischen Ambitionen zu unbedeutend ist.
Und am 16. Juni steht Julian Assange auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London, diesmal zusammen mit Außenminister Ricardo Patiño. Der WikiLeaks-Gründer sagt nichts, er winkt nur fröhlich seinen Unterstützern zu. Aber in Interviews nennt er Snowden einen Helden und empfiehlt, er solle nach Lateinamerika fliehen.
Seit über einem Jahr sitzt Assange jetzt in London fest, draußen vor der Tür warten Polizisten, um ihn festzunehmen und nach Schweden auszuliefern, wo er aufgrund von Vergewaltigungsvorwürfen gesucht wird. Sein Zimmer in der Botschaft ist nicht viel größer als eine Gefängniszelle, darin haben ein Tisch, ein paar Stühle, ein Buchregal und ein Einzelbett Platz. Der Raum sei so düster, sagte Assange, dass er eine Lampe bestellt habe, die den Himmel simuliert. Er hat ein Laufband, ab und zu kommt ein Fitnesstrainer vorbei, ansonsten schaut er "West Wing" und "Twilight Zone".
Von hier aus führt Assange die inzwischen zerstrittene Organisation. Aber er hatte lange keinen Scoop mehr, der Strom der Leaks ist versiegt. Und die Situation in London wird langsam aussichtslos, eine Flucht scheint unmöglich. Seit Snowdens Selbstenttarnung ist Assange klar, dass dies seine Chance ist, wieder ins Spiel zu kommen, auf sein Schicksal hinzuweisen - und Amerika eins auszuwischen.
Assange besorgt Snowden ein Reisepapier aus Ecuador und sendet seine Mitarbeiterin Sarah Harrison nach Hongkong. WikiLeaks soll Snowdens Fluchthelfer werden, ihn an einen sicheren Ort bringen. Wenn es den noch gibt.
Am 18. Juni verlässt Edward Snowden zum ersten Mal wieder sein Versteck. Er ist noch vorsichtiger geworden, zum Treffen mit dem Anwalt Albert Ho und zwei Kollegen kommt er mit Mütze und Sonnenbrille, alle müssen ihre Mobiltelefone in den Kühlschrank legen. Sie essen Pizza, trinken Pepsi, dabei diskutieren sie zwei Stunden lang. Die Anwälte warnen ihn: Niemand könne garantieren, dass er während eines möglichen Auslieferungsverfahrens auf freiem Fuß bleiben werde. Er wäre dann ohne Computer und Internet. Snowden ist nervös, er will weg, aber er weiß noch nicht, wohin.
Das ist die Situation, in der WikiLeaks helfen kann. Ein befreundetes Unternehmen, das eingehende Spenden für die Organisation abrechnet, hat angeboten, für einen Privatjet zu zahlen, um Snowden in Sicherheit zu bringen. Assange aktiviert zudem sein globales Unterstützernetzwerk; sein Mitstreiter Kristinn Hrafnsson stellt in Island einen Asylantrag für Snowden. Falls es in Ecuador nicht klappt. Oder als Ablenkungsmanöver?
Am 21. Juni wird Snowden 30 Jahre alt, und noch am selben Abend erfährt er, dass in Washington eine Klage wegen Spionage gegen ihn eingereicht wurde und Justizminister Eric Holder nun persönlich Druck auf seinen Hongkonger Amtskollegen ausübt, ihn auszuweisen. Ein vorläufiger Haftbefehl wurde bereits nach Hongkong überstellt, sein Pass annulliert. Gleich am nächsten Morgen teilt ein Mittelsmann der Regierung in Hongkong Snowden mit, dass man nichts dagegen hätte, wenn er demnächst verschwände. Das ist eine eindeutige Aufforderung.
Spätestens seit den Enthüllungen über die Spionage in China will die Führung in Peking Snowden offenbar nicht ausliefern, sondern zur Weiterreise bewegen. Die offizielle Begründung liest sich wie eine öffentliche Ohrfeige, schlimmer noch, wie ein verbaler Mittelfinger an die Adresse Amerikas: Die Unterlagen seien nicht vollständig gewesen. Die US-Regierung hat in den Auslieferungspapieren einen falschen zweiten Vornamen für Snowden angegeben. Im Übrigen, heißt es, wünsche man umgehend über die Spähaktionen der Amerikaner aufgeklärt zu werden.
Snowden hat jetzt zu viel Angst, er fährt daher am 23. Juni zum Flughafen, passiert die normale Sicherheitskontrolle und fliegt mit Aeroflot nach Moskau. Sein Pass ist nun ungültig, aber er reist vermutlich mit dem Flüchtlingsausweis aus London; begleitet wird er von der WikiLeaks-Aktivistin Sarah Harrison. Die "South China Morning Post" veröffentlicht am selben Tag die vorläufig letzte Snowden-Enthüllung, darunter auch seine Aussage, er habe sich vor drei Monaten gezielt bei Booz Allen Hamilton anstellen lassen, um an hochgeheime NSA-Daten zu kommen. Snowden wirkt jetzt wie ein Profi-Spion.
Chinas Regierende genießen unterdessen still, dass nun die USA als großer Datendieb dastehen, nicht China. Der Militärexperte Wang Changqin nennt die USA ein "Imperium der Hacker". Nun sei erwiesen, dass China selbst ein Opfer ausländischer Hacker-Angriffe sei. Und dass nicht China, sondern Amerika das intellektuelle Eigentum anderer plündere.
Der Fall Snowden ist für die chinesische Führung jedoch nicht ohne Risiko: Kurz nachdem Snowden das Land verlassen hat, flammt die Debatte auf, wie es eigentlich die Regierung mit der Internetsicherheit ihrer Bürger hält. Wie werden wir Chinesen gegen Übergriffe geschützt? Wer bewilligt die Gesetze, nach denen wir ausgehorcht werden? Wie läuft es ab, wenn die Behörden einen chinesischen Staatsbürger unter Beobachtung stellen? Diese Fragen richtet der Anwalt Xie Yanyi an das Ministerium für Öffentliche Sicherheit, ein Novum in der Überwachungsrepublik China. Dass Xie auf seine Fragen erschöpfende Antworten erhalten wird, ist unwahrscheinlich. Dass er sie überhaupt zu stellen wagte, ist neu.
Dutzende Journalisten und Geheimdienstler erwarten Snowden bei seiner Landung in Moskau-Scheremetjewo. Aber niemand bekommt den Gesuchten zu Gesicht, nur mit dem ecuadorianischen Botschafter spricht Snowden in der Transitzone. Danach ist er verschwunden, es verbreitet sich das Gerücht, er würde am nächsten Tag nach Ecuador reisen.
Am Montag voriger Woche herrscht Gedränge vor Gate 28, von wo aus der Aeroflot-Flug SU 150 nach Havanna startet. Zwei Dutzend Journalisten haben Tickets gebucht. Doch Sitz 17A, angeblich der Platz des Flüchtigen, bleibt leer. Das Flugzeug hebt ab - ohne Snowden.
Ecuador spielt sich zwar als Fluchthafen auf, doch die Hauptstadt erreicht man von Europa aus nicht direkt. Von Moskau gibt es nur vier Verbindungen mit einem Zwischenstopp: via Madrid, Miami, Amsterdam oder Havanna. Die ersten drei Flughäfen sind für Snowden tabu, doch selbst Kuba hat ein Auslieferungsabkommen mit den USA - und arbeitet außerdem gerade daran, seine Beziehungen zum Nachbarn zu verbessern. Anders als in den siebziger Jahren ist Kuba kein Auffangbecken mehr für Flüchtlinge.
Bleibt Snowden also in Moskau? Von Anfang an schließt der Kreml die Auslieferung des Whistleblowers aus. Moskaus Machtelite sieht in seiner Anwesenheit die Gelegenheit, es Amerika heimzuzahlen. Der nationalistische Schriftsteller Eduard Limonow ruft in der regierungsnahen Zeitung "Iswestija" zur Rache auf: "Lasst uns auf Amerika spucken und Snowden Asyl anbieten, wo wir doch schon dem Säufer Gérard Depardieu einen Pass gegeben haben."
Auch Präsident Wladimir Putin meldet sich zu Wort. Der Flüchtige, sagt er, befinde sich im Transitbereich - und damit nicht wirklich in Russland. Weshalb man ihn, leider, auch nicht ausliefern könne. Und Putin schiebt, fast lächelnd, eine Frage hinterher: "Assange und Snowden sehen sich als Menschenrechtsaktivisten und sagen, dass sie für die Verbreitung von Informationen kämpfen. Überlegen Sie selbst: Sollte man diese Menschen ausliefern, wenn sie dann verhaftet werden?"
Für Putin ist Snowdens Flucht nach Moskau ein Geschenk, die Enthüllungen liefern Munition, um soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter an die Kette zu legen. Schon heute verfolgen die Geheimdienste in Russland die Online-Aktivitäten ihrer Bürger. Der stellvertretende Parlamentsvorsitzende will sogar ein "souveränes Internet" schaffen, frei von der Kontrolle ausländischer Mächte - und umso besser kontrolliert von den eigenen Diensten. Das wäre nicht unmöglich, von den 20 größten Internetunternehmen, die in Europa arbeiten, sind 15 amerikanisch - und 5 russisch.
Ist Snowden also wirklich freiwillig in Moskau geblieben? Musste er vielleicht bleiben, wird er verhört? Für die russischen Geheimdienste ist Snowdens Aufenthalt eine einzigartige Gelegenheit, Zugang zu den Top-Secret-Dokumenten zu erhalten. Dieser Verdacht zumindest wird in Amerika laut geäußert. Der Held erscheint vielen nun als Verräter, weil er sich die falschen Freunde sucht. Mit jedem Tag, der vergeht, ist Snowden weniger der Jäger und mehr der Gejagte; scheint es nicht mehr sein Spiel zu sein, sondern das anderer Mächte.
Spätestens Mitte voriger Woche weiß niemand mehr, wo der Whistleblower ist. In einem abgeschotteten Bereich im Flughafen? In einer Geheimdienstvilla im Umland? Doch auf dem Weg nach Ecuador? Am naheliegendsten jedoch ist, dass er noch länger in Moskau bleibt, vielleicht beantragt er sogar Asyl. Sein Schicksal hängt an zwei dünnen Fäden: dass ein Land ihn unbehelligt passieren lässt - und er die nötigen Reisedokumente hat.
In Quito rudert Rafael Correa unterdessen zurück: "Technisch gesehen, können wir das Asylgesuch nicht bearbeiten, solange er nicht in Ecuador ist." Und überhaupt könne die Entscheidung lang dauern, twittert der Außenminister: "einen Tag, eine Woche oder zwei Monate". Nur solange er nicht wirklich kommt, scheint Snowden in Ecuador willkommen. Je länger das diplomatische Tauziehen dauert, desto besser für Correa. Er kann sich als der David der Meinungsfreiheit aufspielen, der sich gegen den Goliath erhebt - ohne dass er sich mit dem Problem amerikanischer Sanktionen herumschlagen muss. Denn Ecuador ist wirtschaftlich abhängig von den USA.
Drei Optionen scheint es Freitagabend vergangener Woche für Snowden noch zu geben. Die erste Möglichkeit: ein Privatflugzeug. Das würde wohl rund 200 000 Dollar für die Strecke Moskau-Quito kosten, die russischen Behörden müssten Snowdens Ausreise genehmigen.
Die zweite Option schlug auch Edward Snowdens Vater Lonnie am Freitag vor: Der Sohn stellt sich den amerikanischen Behörden. Anders als der WikiLeaks-Informant Bradley Manning würde er nicht vor einem Militär-, sondern einem Zivilgericht angeklagt. Und das könnte ihn durchaus freisprechen, wenn es feststellt, dass Snowden keinen Landesverrat begangen hat. Der NSA-Whistleblower Thomas Drake etwa erhielt für seine Enthüllungen eine einjährige Bewährungsstrafe.
Als letzte Möglichkeit bliebe, in der ecuadorianischen Botschaft in Moskau Unterschlupf zu suchen, aber auch das bedürfte einer russischen Erlaubnis. Und dann? Säße Snowden fest. Wie Assange.
Von Jens Glüsing, Marc Hujer, Juliane von Mittelstaedt, Matthias Schepp, Christoph Scheuermann und Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 27/2013
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