01.07.2013

FILMINDUSTRIEHollywoods erster König

Ein Auswanderer aus dem Schwabenland wurde in den USA zu einem der mächtigsten Filmpioniere. Endlich erinnern zwei Biografien an Carl Laemmle.
Der Siegeszug des Unterhaltungsmediums Film begann, denkbar unspektakulär, Anfang des vorigen Jahrhunderts in den Großstädten des amerikanischen Ostens. Leerstehende Läden in den Geschäftsstraßen wurden mit einer Leinwand, Stuhlreihen, einem Projektor und einem Klavierspieler zu Vorführräumen umgerüstet, wo die Laufkundschaft für einen "Nickel" (fünf Cent) ein Potpourri aus komischen Sketchen, Aktualitäten und Kurzdramen zu sehen bekam. Ein pfiffiger Unternehmer, 1905 in Pittsburgh, nannte seinen Laden hochtrabend "Nickelodeon".
Der Begriff gefiel und verbreitete sich so rasant wie die Läden selbst. Schon 1908 gab es 8000 bis 10 000 Nickelodeons im ganzen Land. Skeptiker hielten den Boom für kurzlebig. Wer würde sich, wenn er es einmal gesehen hatte, das stets ähnliche holprige Bildergewimmel ein zweites Mal anschauen wollen? Doch es gab früh Begeisterte.
Einer von ihnen muss Carl Laemmle gewesen sein, damals 39, Geschäftsführer einer Konfektionsfirma in der Kleinstadt Oshkosh in Wisconsin, der entschlossen war, sich vor seinem 40. Geburtstag selb-
ständig zu machen. Er geriet in Chicago zufällig in ein Nickelodeon und beschloss auf der Stelle, dort selbst einen solchen Laden zu eröffnen.
Laemmle hatte im Textilbusiness durch auffällige Werbeaktionen Erfolg gehabt, und auffällig ging er, im Februar 1906, auch mit der eigenen Unternehmung an den Start: Er ließ Fassade, Innenraum und Mobiliar seines Ladens knallweiß streichen, um sich von der oft etwas schmuddeligen Konkurrenz abzuheben.
Der Effekt wirkte, und weil er rasch erkannt hatte, dass die jungen Film-Vertriebsfirmen dilettantisch agierten, gründete er noch im selben Jahr selbst einen Verleih. 1908 war er der größte Verleiher in den USA und posierte in Anzeigen mit dem Slogan "I Am the Moving Pictures Man". Im folgenden Jahr, logisch, kam eine eigene Spielfilmproduktion dazu.
Seine Filme begannen stets mit dem Vorspann "Carl Laemmle presents" und warben mit einer sensationell wirkenden Neuigkeit: Während bei der Konkurrenz die Darsteller ungenannt blieben, setzte seine Werbung plakativ auf die Namen der Schauspieler - so wurde er zum Erfinder des Star-Prinzips, das für die Kinogeschichte entscheidender werden sollte als jede technische Novität.
1912 fusionierte Laemmles Firma mit einem guten Dutzend kleinerer Produzenten. Das neue Unternehmen, in dem er bald allein das Sagen hatte, nannte sich seinem künftigen Anspruch gemäß "Universal". Firmensitz war New York, die Ateliers lagen in New Jersey. Doch Laemmle entschied sich für einen Umzug nach Los Angeles und erwarb 1914 das Areal einer Geflügelfarm im Hinterland des San Fernando Valley, in einem Ort namens Hollywood.
"Wir sind das größte Filmunternehmen der Welt. Und wir geben gern Geld aus." Auf knapp einem Quadratkilometer ließ er einen Komplex mit Ateliers, Büros, Labors, Restaurants und Außendekorationen zur serienmäßigen Herstellung von Filmen errichten, wie ihn sich niemand sonst hätte vorstellen können. Die Hühnerfarm blieb erhalten, ein veritabler Zoo kam dazu.
Nicht nur der Ort war Laemmles Schöpfung, sondern auch die zukunftweisende Organisationsform. Zur Einweihung der (noch heute bestehenden und florierenden) "Universal City" im März 1915 brachte ein Extrazug in zehntägiger Fahrt den großen Macher und seine Ehrengäste aus New York an die Westküste. Es war ein Siegeszug ohnegleichen: Nur neun Jahre nach dem Start seines ersten Nickelodeon in Chicago war Laemmle ein Weltherrscher des Showbusiness, Erfinder und König von Hollywood. Im Lauf weniger Jahre siedelten sich seine Konkurrenten in der Nachbarschaft an.
Universal City war sogar größer als der schwäbische Ort Laupheim, wo Karl Lämmle 1867 geboren worden war, eines von 13 Kindern eines jüdischen Viehhändlers. Als er 17 Jahre alt war, ein eher schmächtiges Kerlchen, hielt ihn nichts mehr in der Heimat. Er beantragte, wie das damals notwendig war, die Entlassung aus der deutschen Staatsbürgerschaft, schiffte sich mit dem großen Auswandererheer in Bremerhaven ein und kam über New York nach Chicago, einer Stadt, die damals mehr deutschsprachige Einwohner hatte als zum Beispiel Stuttgart.
Anders als viele Einwanderer, die ihrer Heimat für immer den Rücken gekehrt hatten, pflegte Laemmle die Verbindung zum Ort seiner Kindheit. Schon als armer Staatenloser war er zweimal zu Besuch heimgekehrt, und in der sprichwörtlichen Rolle des reichen Onkels aus Amerika tat er es dann fast jeden Sommer. Er finanzierte in Laupheim eine neue Schule, später ein Schwimmbad, er unterstützte die jüdische Gemeinde, aber auch das Waisenhaus - so muss es dem geselligen, friedliebenden Schwaben gelungen sein, sich gleichermaßen als guter Deutscher und als guter Amerikaner zu fühlen.
Bis auch die USA in den Krieg zogen. Da forderte der Zeitgeist von den Studios patriotische Gesten. Die Universal produzierte 1917/18 ein paar deutliche Filme: Einer charakterisierte Kaiser Wilhelm II. als Kriegshetzer, ein anderer porträtierte die teutonische Bestie, wie sie mordet und vergewaltigt - mit diesem Monster-Auftritt begann die Karriere des Schauspielers Erich von Stroheim.
Als Laemmle im Sommer 1919 erstmals wieder nach Europa reiste, musste er einen Bogen um Laupheim machen: Man hatte ihn vor öffentlichen Schmähungen und einem Mordanschlag gewarnt.
Im Wesentlichen war, was die Universal unter dem Gütesiegel "Carl Laemmle presents" ihrem Publikum lieferte, gepflegte Familienunterhaltung, pünktlich und professionell produziert. Nur einmal ließ Laemmle sich durch einen unberechenbaren Außenseiter zu Extravaganzen hinreißen: Er produzierte von 1919 bis 1922 Erich von Stroheims ersten drei Spielfilme, obwohl dieser genialische Monomane sich als Regisseur an keine Studiodisziplin hielt. Fortan setzte Laemmle auf Profis, bei denen man sich auf die Einhaltung von Budget und Drehplan verlassen konnte. Zwei ihrer größten Treffer hatte die Universal in den "stummen" zwanziger Jahren mit dem "Glöckner von Notre Dame" und dem "Phantom der Oper" - beide wiesen durch die Betonung der Horror-Elemente voraus auf die Universal-Hits der frühen Tonfilmjahre: "Dracula", "Frankenstein", "Frankensteins Braut" und "Die Mumie".
1929 erwarb Laemmle rasch entschlossen die Rechte an Erich Maria Remarques umstrittenem, von den Deutschnationalen als schändliches Machwerk geschmähtem Kriegsroman "Im Westen nichts Neues". Selten lag ihm persönlich so viel an einem Stoff. Die Universal-Produktion, 1930 mit dem Oscar ausgezeichnet, wurde ein internationaler Erfolg - in Deutschland aber fanden die lauter und mächtiger werdenden Nazis darin den erwünschten Anlass zu einer kulturkämpferischen Machtprobe: Von der Berliner Premiere Ende 1930 an sabotierten gewalttätige SA-Trupps alle Vorführungen, bis sie ein Verbot des Films erzwungen hatten. 1933 wurde in Laupheim die Carl-Laemmle-Straße nach einem Nazi-Helden in Schlageter-Straße umbenannt. Der gute Deutsche war zur Unperson geworden.
Schwer zu begreifen, dass - außer in Laupheim, wo der Name des Gymnasiums und ein kleines Museum an ihn erinnern - nirgends in Deutschland die öffentliche Erinnerung an den Erfinder Hollywoods lebendig gehalten wird. Lange hat sich auch kein Biograf für seine Lebensspuren interessiert. Nun aber, 101 Jahre nach der Gründung der Universal, sind zur selben Zeit zwei fundierte, umfangreiche Biografien erschienen: Die eine, von Cristina Stanca-Mustea, entstand aus einer Heidelberger filmhistorischen Dissertation, die andere, von Udo Bayer, wurzelt in der Laupheimer Stadtgeschichte(*).
Bayer zitiert auch entlegene Quellen, Stanca-Mustea ist die gewandtere, lebhaftere Erzählerin, beide aber deuten aus Respekt nur vorsichtig an, wie sich der Familiensinn des Patriarchen in Betriebsblindheit verwandelte. "Uncle Carl Laemmle / has a very large faemmle", dichtete ein Humorist in den zwanziger Jahren. In der Tat: Die Universal beschäftigte seit langem einen Laemmle-Bruder und zwei Schwäger, dazu eine wachsende Schar von Neffen und Nichten.
1929 hat er in einem abenteuerlichen Entschluss Universal City seinem Sohn zu dessen 21. Geburtstag geschenkt. Seinen einzigen Schwiegersohn stellte er ihm als Vertreter zur Seite. Die beiden Sonnyboys hatten Ehrgeiz, doch als Chefs weder Erfahrung noch Begabung für das feinverzahnte Geschäft und konnten einander nicht leiden. Als die Zeiten in der Weltwirtschaftskrise so rau wurden, dass man einen kapitalkräftigen Teilhaber aufnehmen musste, hatte der Alte schon längst wieder das Kommando übernommen. Doch 1936 riss jener vermeintlich stille Teilhaber die Macht an sich: Er zwang Vater und Sohn, ihm die Universal mit allem Drum und Dran zu verkaufen.
Carl Laemmle hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst einer anderen Sache zugewendet: als Exilhelfer. Der Skandal um "Im Westen nichts Neues" hatte ihn gelehrt, dass er kein guter Deutscher mehr sein durfte, nun besann er sich darauf, ein guter Jude zu sein. Aus seinen herzlichen Einladungen an die Laupheimer Juden wurden immer dringendere Appelle, sich in Sicherheit zu bringen.
Als die USA Emigranten aus Deutschland nur noch mit der persönlichen Bürgschaft eines Amerikaners einwandern ließen, wandte sich Laemmle in Bittbriefen an die jüdische Prominenz Hollywoods, möglichst großzügig solche Bürgschaften ("Affidavits") zu leisten. Das Werben dafür verstand er als Hauptaufgabe seiner letzten Jahre. Als er 1939 starb, hatte er als Bürge etwa 300 Emigranten zur Rettung in die USA verholfen.
Natürlich erinnert auf dem "Hollywood Walk of Fame" ein Stern an Carl Laemmle. Eigentlich müsste auch in Berlin Platz für einen zu finden sein.
* Auf dem Set von "Uncle Tom's Cabin" 1927.
* Cristina Stanca-Mustea: "Carl Laemmle. Der Mann, der Hollywood erfand". Osburg Verlag, Hamburg; 248 Seiten; 24,90 Euro. - Udo Bayer: "Carl Laemmle und die Universal". Königshausen & Neumann Verlag, Würzburg; 298 Seiten; 29,80 Euro.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 27/2013
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