15.03.1999

STRAFJUSTIZ„Mir war immer alles zu eng“

In Ulm stehen jene Männer vor Gericht, die 1987 von dem Drogerie-Unternehmer Schlecker 9,6 Millionen Mark erpreßt hatten. Im Prozeß offenbarten sie eine außergewöhnlich kriminelle Karriere. Von Gisela Friedrichsen
Eine Schnurre aus dem Schwäbischen? Ein Krimi über die "Rentner-Gang" - ein paar nette Herren, die eines Tages der bürgerlichen Berufswelt Tschüs sagen, um sich fortan als Bankräuber selbständig zu machen? Sie hätten kommendes Jahr 25jähriges Berufsjubiläum feiern können, wenn sie sich etwas mehr mit moderner Technik beschäftigt hätten.
Willi Hudelmaier, 64, der seit dem 18. Februar in Ulm vor Gericht steht, winkt ab. Er will nichts über sich erzählen. "Ich hab'' meine persönliche Karre so in den Dreck gefahren, daß eine Rückschau zwecklos ist. Was bestimmend war für mein Leben, das liegt 40, 50 Jahre zurück. Davon kann ich hier nichts mehr vorbringen." Seine Stimme ist voller Resignation. "Ach nein, lassen Sie nur, ich will nicht." Eine bösartige Krankheit bedroht ihn.
Es ist vorbei. Zu ändern gibt es nichts mehr. Die erfolgreiche Vergangenheit hat sich in ein Desaster verkehrt. Die Gegenwart heißt Knast, die Zukunft auch.
Als sich Hudelmaier und der um vier Jahre jüngere Herbert Jacoby Anfang der siebziger Jahre kennenlernten, trafen zwei aufeinander, die sich bis dahin durch ein trostloses, immer wieder von Mißerfolg bestimmtes Leben geschlagen hatten. Hudelmaier, ein Bürgermeistersohn, aufsässig und gegen alles opponierend, der den Abbruch der Schule durch Schwänzen erzwang, der auf dem Bau nicht guttat, wohin ihn der Vater stecken wollte, der Lehren abbrach, sich den falschen Gefährten anschloß. Nicht einmal im Jugendgefängnis, wenigstens das kann der Richter ihm entlocken, habe man ihn haben wollen. "Die haben mich rausgeschmissen, weil sie merkten, es ist sinnlos."
Auch die Dolmetscherexamen für Englisch und Französisch, die er absolviert, bringen ihn nicht voran. "Mir war immer alles zu eng." Einmal war er für kurze Zeit verheiratet. "Ein Mesalliance", sagt er nur. 1974 verabschiedet er sich von seiner bürgerlichen Existenz und taucht unter.
Jacoby, unehelich geboren, herumgeschubst als Kind, ist gelernter Tischler. Er geriet an zweifelhafte Leute, ließ sich auf dubiose Geschäfte ein, wurde übers Ohr gehauen. Konkurse, Pfändungen, eine erste Haftstrafe wegen Betrugs, dann eine zweite. Dreimal verheiratet und doch allein.
Am 7. März 1975 probieren es Hudelmaier und Jacoby das erste Mal. Sie überfallen die Kreissparkasse in Ebersbach bei Esslingen. Sorgfältig geplant, es geht ruck, zuck. Mit einem gestohlenen Auto fährt man vor, maskiert mit Perücke und falschem Bart. Jacoby mit der Beretta vornweg, Hudelmaier mit einer Schrotflinte hinterher. Dummerweise hatten sie nicht an eine Tasche gedacht, in die Manteltaschen passen die Notenbündel nicht hinein. Da stopfen sie halt 195 000 Mark in einen Putzeimer. Und weg sind sie. So fängt das neue Leben zweier Männer an, die sich gefunden haben.
Vier Monate später ist die Kreissparkasse in Oberkochen dran. Tatablauf wie gehabt. Es dauert nur Minuten, Beute 135 000 Mark. Im November 1975 die Filiale der Deutschen Bank in Eislingen, 104 000 Mark. Januar 1976 die Kreissparkassenfiliale in Freiberg-Beihingen, 183 000 Mark. Es läuft wie am Schnürchen. Sie haben erlesene Waffen, von der Pumpgun bis zur Uzi, schießen aber nicht.
Wie kommen zwei Leute mittleren Alters dazu, sich eine solche Existenz aufzubauen? Ganz einfach: Sie haben Erfolg wie niemals vorher im bürgerlichen Leben. Drei Überfälle 1975, drei 1976, zwei 1977, zwei 1978. Die letzte dieser inzwischen verjährten Taten, der Überfall auf einen Geldtransport der Kreissparkasse Schwäbisch Gmünd, bringt allein 1,3 Millionen Mark. Summa summarum hat ihnen das neue Leben bis dahin rund 2,6 Millionen eingebracht.
Der Überfall auf den Geldtransporter ist wohl schon Ausfluß des Unbehagens, das die beiden Männer angesichts ihrer unheimlichen Erfolgsserie geplagt haben muß. Warum kommt ihnen niemand auf die Spur? Ja, warum nicht. Rückblickend ist es ein Rätsel. Selbst wenn damals die "Handschrift" von Straftätern noch nicht Thema war wie heute, zumindest nicht in den kleinen Polizeistationen auf dem Lan-
* Mit einem Justizbeamten sowie Hudelmaiers Anwalt Erwin Mack.
de - die immergleiche Technik und Taktik der Überfälle war unübersehbar.
Offenbar war aber nicht die Polizei über diese Serie irritiert, sondern die Täter plagte das in ihren Augen mit jedem weiteren Überfall wachsende Risiko. Gut, man suchte es zu mindern: Auslandsaufenthalte zwischen den Taten, Hudelmaier lebte als William Meyer in Amerika im Wohnmobil. Mexiko, Österreich, Ungarn - eine Episode hier, eine Eskapade dort, wie Hudelmaier sich ausdrückt. Irgendwann mußte man doch eigentlich auffliegen.
Auch die Millionenbeute hielt nicht ewig vor. Im November 1980 ein Überfall auf einen Geldtransporter vor dem Postamt Welzheim, aber "geringer als erhofft", nur 43 000 Mark. Schon im März 1981 muß man wieder tätig werden. Nun will man nicht mehr kleckern, sondern klotzen, und so versucht man es mit einem Überfall auf eine Pforzheimer Juwelenhändlerin, in deren Anwesen man auf gut Glück eindringt.
Doch es ergeben sich lästige Komplikationen: Der 15jährige Sohn der Hausherrin taucht mit einer Freundin auf, die Mutter dieses Mädchens erscheint, die Juwelenhändlerin kommt erst spät und ist außerdem in Begleitung eines Mannes. Sie erbeuten zwar Edelsteine, Gold und Bargeld im Wert von mehr als einer Million Mark, doch dem Vergleich mit den perfekt abgelaufenen Vortaten hält dieser Überfall nicht stand. "Die Smaragde waren außerdem reiner Ramsch", sagt Hudelmaier.
Es folgen wenig später nochmals Überfälle: die Kreissparkassenfiliale Leonberg-Eltingen, 81 000 Mark; dann ein Geldtransporter in Ludwigsburg, 250 000 Mark Beute - aber viel zu risikoreich.
Ein Jahr lang kommen sie mit diesem Geld aus. Offenbar denken sie nun endgültig über Rationalisierungsmöglichkeiten und die Steigerung ihrer Effektivität nach. Am Sonntag abend, 7. März 1982, überschreiten sie den Rubikon. Sie fahren - Jacoby trug eine Polizeiuniform samt Mütze - schwerbewaffnet zum Haus des Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse Göppingen. Die erste Geiselnahme.
Sie arbeiten nach gewohnter Methode, jedoch angepaßt an die ganz andere Situation. Die 18jährige Tochter des Bankdirektors wird am frühen Morgen des nächsten Tages samt Schlafsack und warmer Kleidung in eine Hütte im Wald gebracht, wo ein vermummter Bewacher wartet. Dem Vater wird versichert, man werde niemandem etwas tun, man wolle nur Geld, fünf Millionen. "Unterschätzen Sie uns nicht", wird gedroht, "sonst gibt es ein Blutbad."
Erpresser scheitern meist an der Geldübergabe. Hudelmaier und Jacoby hatten ihre eigene Methode: perfekt ausbaldowern, die Opfer einschüchtern, Schrecken verbreiten, Geiseln erst aus der Hand lassen, wenn das Geld da ist - herbeigeschafft von einem vor Angst und Loyalität schlotternden Angestellten. "Wir wollten den Leuten nie etwas tun", versichern beide.
Mit dem Direktor fahren sie morgens in die Bank. Im Tresor sind nur an die 700 000 Mark. Ein Gelddisponent muß einen Scheck ausstellen, mit dem man von der Landeszentralbank zwei Millionen bekommt. "Also, daß die noch einen Geldtransport organisierten, das war schon cool", sagt ein Bankzeuge vor Gericht.
Als das Geld da ist, nehmen sie den Dienstwagen des Direktors. Zur Sicherheit hat ein Bankangestellter mitzufahren. Am Bahnhofsplatz von Göppingen lassen sie ihn laufen. Die entführte Tochter befreit sich in der Zwischenzeit selbst. Die Polizei kann erst informiert werden, als die Täter schon über alle Berge sind.
Es folgen nun einige unauffällige Jahre. Hudelmaier "macht in Immobilien", gerät an eine betrügerische Anlagefirma. Er verliert auch an der Börse, wird krank, braucht Chemotherapie. "Ich hab'' nicht in Saus und Braus gelebt", sagt er, "bin nie erster Klasse geflogen." Nur ein "Spielzeug" gab es, seine Segeljacht. "Aha, Ihr Eskapismus", nickt der Vorsitzende.
Als Hudelmaier und Jacoby im Mai 1987 nach fünf Jahren Pause wieder unterwegs sind - sie überfallen in Schorndorf-Weiler einen Bankkassierer, weil sie Arbeitskapital brauchen -, haben sie schon die Entführung der 16 und 14 Jahre alten Kinder Lars und Meike des Drogerie-Königs Anton Schlecker aus Ehingen im Sinn. Ein halbes Jahr später, in der Nacht des 22. Dezember 1987, überfallen sie die Schleckers in der Wohnung.
Es ist die Krönung ihrer Karriere. Bis auf einen kleinen Zwischenfall mit Frau Schlecker, die im Bad auf den plötzlich hinter ihr stehenden maskierten Unbekannten loszugehen versucht und dafür einen Schlag auf den Kopf einstecken muß, läuft es perfekt. Zu Schlecker sagen sie: "Sie sind Geschäftsmann, wir sind Geschäftsleute. Sie haben das Geld, wir die Ware." Schlecker versteht sofort.
Sie wollen 18 Millionen. Es wird hektisch gestritten, es kommt zur Drohung, Frau oder Tochter zu erschießen. "Soviel Geld hat keine Bank vorrätig", argumentiert Schlecker und trifft den Ton. Die Geschäftsleute akzeptieren. Man einigt sich auf zweimal 4,8 Millionen, damit es nicht auffällt. Gegen Morgen werden die Kinder in eine Hütte geschafft.
Schleckers Prokurist besorgt die eine Hälfte des Geldes bei der Volksbank und die andere bei der Landeszentralbank. Mit dem Ehepaar wird er sodann gefesselt in den Keller gebracht. Die Polizei erfährt von dem Überfall wieder erst, als die Kinder, die sich selbst befreien können, schon zu Hause sind. Von den Tätern keine Spur. Zurückgeblieben sei bei ihnen nichts, sagen die heute erwachsenen Schlecker-Kinder als Zeugen. Es gibt von der Familie keine neuen Fotos mehr. Nur Schlecker selbst ließ sich als Zeuge in Ulm fotografieren: mit Toupet, so daß er aussah wie 1987 zur Tatzeit.
Mit den Schlecker-Millionen hätte man lange auskommen können. Der Betrag hätte auch das Alter sichern können. Doch Jacoby kauft ein Haus in Kitzbühel, das ihm ein Betrüger abnimmt. Erpresser können verlorenes Geld nicht einklagen. Bei Hudelmaier ist es ähnlich: wie gewonnen, so zerronnen.
Die Millionen haben sie ausgezehrt.1998 müssen sie noch einmal ran, denn das Geld ist weg, und nun erweist sich ihre bewährte Methode als überholt. Geiselnahme und Erpressung sind heute Straftaten, denen die Polizei mit neuen Methoden begegnet.
In der Nacht des 7. Juli 1998 stehen Hudelmaier und Jacoby im Schlafzimmer des Ehepaares Renn in Ehingen. Ausgerechnet in Ehingen, in der Nähe des heute ummauerten Schlecker-Anwesens. Der Mann ist Vorstandsvorsitzender der Ehinger Volksbank, der schon 1987 den Schlecker-Scheck unterschreiben mußte. "Ich hatte den Eindruck, die Herren waren sehr gut informiert, sie waren keine Anfänger", sagt der Überfallene vor Gericht.
Sie erbeuten 1,9 Millionen Mark, packen das Geld in vier Beutel und nehmen den Prokuristen als Geisel mit. Am Stadtrand von Ehingen fällt Hudelmaier ein, daß er wohl einen Beutel auf dem Hof der Bank zurückgelassen hat. Also retour, Tor wieder auf, da stand der Beutel. Der Prokurist hielt die Täter für "eiskalt".
Sie setzen ihn gefesselt an einem Hochsitz aus. "Mit letzter Kraft und unter Todesangst habe ich mich befreit", sagt der Mann als Zeuge, noch heute weinend und zitternd. "Innerlich verabschiedete ich mich von meiner Frau und fragte mich, ob das nun mein Leben gewesen war."
Am 19. Juli vorigen Jahres wurden die Akteure festgenommen. Bei allen großen Entführungen der letzten Jahre brachte das heute mögliche (und offenbar übliche) Aufzeichnen von Anschlüssen Hinweise auf die Täter. Jacoby rief nach der Tat aus einer Telefonzelle bei der Familie des Entführten an, er meldete sich auch bei seiner Freundin. Das war der Fehler.
Die Sonderkommission "Tresor" wurde gebildet, und sie reagierte so professionell, wie jahrzehntelang nicht reagiert worden war. Es mindert den Fahndungserfolg nicht, daß er so spät errungen wurde. Aber man möchte schon Mäuslein gewesen sein, als die Flut von Geständnissen über die Ermittler hereinbrach. Die verjährten Überfälle, die bis dahin ungeklärten Taten, die Schlecker-Erpressung, insgesamt über 18 Millionen Mark Beute: ein Schrecken ist, was 23 Jahre lang im dunkeln geblieben war.
Als Dritter sitzt auf der Angeklagebank im Landgericht Ulm Hudelmaiers jüngerer Bruder Dieter, 57, der einzige der Angeklagten, der ein geregeltes Leben lebte. Er soll Bewacher der Göppinger Geisel und der Schlecker-Kinder gewesen sein. Die Beweise sind dürftig: Nur Jacoby, devot geständig, nennt ihn den dritten Mann. Der ältere Bruder widerspricht.
Vielleicht wußte der Jüngere, wie sein Bruder zu Geld kam. Er hat beim Geldwaschen geholfen, und das nicht für Gottes Lohn. Wurde er in die Geständnisflut bloß hineingespült? Sein Verteidiger, Klaus Schmidt aus Kornwestheim, sagt: "Er hätte Vorteile, wenn er gesteht. Aber er sagte von Anfang an, er war es nicht."
Die Geschichte der Schlecker-Erpresser ist keine Schnurre. Sie ist ein beklemmender Beleg, wie lange eine kriminelle Karriere gutgehen konnte - fast ein Arbeitsleben lang. Es sollte an nichts gespart werden, was die Arbeit der Polizei qualifiziert, bis ins kleinste Revier hinein.
* Mit einem Justizbeamten sowie Hudelmaiers Anwalt Erwin Mack.
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