08.07.2013

AFFÄRENAlchemie für Reiche

Erregung in feinsten Kreisen: Ein Rothschild-Berater soll eine adlige Kundin in Deals getrieben haben, bei denen sie 44 Millionen Dollar verlor. Nun klagt sie in den USA.
Schwer zu sagen, wann die Millionärin Corinna von S. anfing, an das Wunder der Alchemie zu glauben, an die Verwandlung von Schrott in kostbares Metall. Und dass man sein Geld kaum besser anlegen kann als in eine Firma, die diese Wundertechnik beherrschen soll. Aber zumindest enthält die Schadensersatzklage, die ihre Anwälte jetzt beim Superior Court von Massachusetts eingereicht haben, zwei Hinweise, wie es so weit kommen konnte.
Der erste: Zwischen 2004 und 2006 besuchte Corinna von S. ein Labor in Fall River, USA - ein Labor der Firma AOM, in die sie so viel Geld steckte. Sie bekam zwei Bröckchen überreicht, auf einem Aufkleber stand in Rot: "Mit diesem Metall, aus einem der ersten AOM-Experimente, ist es der Menschheit erstmals gelungen, ein Element umzuwandeln."
Faszinierend. Erst recht, weil der Firmenchef um Verständnis bat, dass sie kein Stück Papier über die angebliche Pioniertat mitnehmen dürfe. Alles topsecret.
Und zweitens war da laut Klage im Jahr 2006 noch ein Treffen: Gerade als Corinna von S. zum AOM-Chef vorgelassen wurde, ließ der sich von einem Security-Experten beraten. Wie Corinna von S. das damals verstand - verstehen sollte? -, ging es um die Sicherheit des Managers. Worauf er achten müsse, wenn er in Kürze weltberühmt sei, wegen dieser grandiosen Erfindung, die alles verändern werde.
Klingt wie eine Räuberpistole? Mag sein, aber eine mit großem Kaliber. Denn der Verlust, den die Schweizer Adlige in einem US-Firmengestrüpp erlitten hat, liegt laut Klage bei 44 Millionen Dollar. Und für den Schaden soll die Rothschild-Bank in Zürich mithaften, eine der vornehmsten Adressen für die Geldvermehrung gehobener Kreise. Die Bank soll zugeschaut haben, wie ihr Kundenbetreuer die reiche Dame ins Desaster stürzte.
Ende Mai ist der Prozess in Boston mit einer Anhörung angelaufen; er verspricht nicht nur einen hässlichen Streit um schnödes Geld, über das man in diesen Kreisen eigentlich nicht redet. Er verströmt auch den unangenehmen Geruch von Zank, zerbrochener Freundschaft und verlorenem Ansehen.
Die Klägerin Corinna von S. kommt aus Meggen, einem Dorf am Vierwaldstätter See, bekannt für seine niedrigen Steuersätze und eine umso höhere Millionärsdichte. Allerdings gehört sie zu der Sorte reicher Menschen, von denen Leser des "Goldenen Blatts" noch nie gehört haben, was auch daran liegen kann, dass Frau S. bis 2002 nicht mal selbst etwas von ihrem wahren Reichtum gehört hatte. Erst nach dem Tod ihrer Mutter, so die Klageschrift, habe sie erfahren, dass einer ihrer Vorfahren nicht nur ein Pionier des Chemieriesen Ciba-Geigy war. Er hatte auch ein Aktienpaket der Firma hinterlassen, deren Nachfolger heute Novartis heißt. Wert: rund 200 Millionen Euro.
Mit dem SPIEGEL wollte Corinna von S. nicht reden; glaubt man ihren Beratern, hat sie allein schon die Anfrage so enerviert, dass sie tagelang verstört gewesen sei. Das passt in das Bild, das ihre Anwälte auch vor Gericht zeichnen wollen: auf der einen Seite eine naive, schüchterne Frau, auf der anderen ausgefuchste Profis auf der Jagd nach "stupid money", dem Geld der Dummen.
Auf der anderen Seite des Falls - und des Atlantiks - steht John T. Preston, als Kopf diverser Firmen, in die das Geld aus der Schweiz floss. Für einen Mann, der windige Geschäfte gemacht haben soll, hat er exzellente Referenzen: Bis in die Neunziger war er Direktor am MIT in Cambridge, der wohl renommiertesten Technischen Hochschule der Welt. Preston kümmerte sich um die Vermarktung dessen, was MIT-Forscher herausfanden. In seinem Lebenslauf tauchen auch Auftritte als Sachverständiger im US-Kongress auf, dazu Jobs für das US-Verteidigungsministerium und die Nasa.
Bekannt war er allerdings auch für eine Vorlesung, bei der er Studenten in die "Elevator Speech" einführte. Also in die Kunst, sich an mögliche Geldgeber heranzuwanzen, sie für ein Projekt zu begeistern, wenn man dafür nur so viel Zeit hat, wie die Fahrt mit ihnen im Aufzug dauert. Und weil Start-ups meist kaum Geld haben, lernten sie als goldene Regel für Cocktailpartys, auf denen man wichtige Leute trifft: nie die Party selber schmeißen. "Never spend your own money."
Als Preston dann 1999 mit einem Partner die AOM gründete, verließ er sich offenbar auf beides, sein Renommee und seine goldene Regel. Preston versprach Großes. In der Klage ist tatsächlich von "Alchemie" die Rede. Eine Art elektromagnetische Maßschneiderei, bei der normalen Metallen erstaunliche Eigenschaften angehext werden sollten. Kupfer würde magnetisch werden, Eisen so hart wie Diamanten. 100 Millionen Dollar sei AOM wert, behauptete Preston 2003 laut Klage.
Damit überzeugte er den deutschstämmigen Investment-Experten Johan von der Goltz, der mit seiner Firma in Boston Risikokapital einsammelt. Von der Goltz hatte die nötigen Beziehungen zu Geldgebern in Europa. Schon kurze Zeit später machte er Preston mit einem Freund bekannt: Wilfrid Baron von P., 71, alter deutscher Adel, verheiratet mit einer geborenen Prinzessin zu Schleswig-Holstein, die wiederum befreundet war mit Corinna von S. Adel unter sich.
Man kennt sich, vertraut sich, verlässt sich auf die Ehre des anderen. Baron von P., damals Direktor bei der Privatbank Rothschild in Zürich, hatte mit Corinna von S. noch keine Geschäfte gemacht. Aber kaum dass sie 2002 geerbt hatte, sollte sich das ändern. Baron von P. hatte einen heißen Tipp für sie: AOM.
Zunächst lagen die Novartis-Aktien der reichen Dame aber noch bei einer anderen Bank. Glaubt man ihren Anwälten, machte Baron von P. Druck, einen Teil zu verkaufen. Das "Klumpenrisiko" sei zu groß, sie solle ihr Vermögen streuen. Den Erlös überwies Corinna von S. zur Rothschild-Bank, wie empfohlen. Dort eröffnete sie sechs Konten, jedes für eine andere Anlagestrategie. Für die riskanteste, Unternehmensbeteiligungen, sollten höchstens 5 Prozent verwendet werden. Am Ende, so die Klage, seien daraus 40 Prozent geworden.
Anfang 2004 kaufte Corinna von S. zum ersten Mal AOM-Aktien, für zehn Millionen Dollar. Preston hatte ihr angeblich versichert, die AOM-Technik stehe knapp vor der Marktreife; noch ein Test, dann sei es so weit. Doch so wenig sie je einen Prospekt oder Geschäftspläne gesehen haben will, so wenig soll die Bank die Firma durchleuchtet haben, klagt sie heute. Im Gegenteil: Berater P. habe sogar gesagt, das sei unnötig.
Selbst dann, als er ihr 2006 nahelegte, noch mal vier Millionen in die Firma zu stecken. Da stand AOM angeblich immer noch kurz vor dem Durchbruch; Preston soll den Firmenwert inzwischen sogar mit 500 Millionen Dollar beziffert haben.
Die Anwälte der Millionärin erklären die Vorliebe ihres Beraters für AOM damit, dass Baron von P. auf beiden Seiten kassiert haben soll: Erst habe er sich von seiner Kundin zehn Prozent ihrer AOM-Aktien übertragen lassen - als Belohnung, dass er die AOM ausfindig gemacht habe. Dann soll er auch von Preston noch AOM-Aktienoptionen im Wert von 250 000 Dollar angenommen haben.
Offenbar glaubte auch der Baron an die Erfolgsstory. Sonst hätte er sich - laut Klage - kaum mit Anteilen bezahlen lassen, die sich später als so gut wie wertlos herausstellten: Die AOM-Aktien der Schweizer Adligen, einst für 14 Millionen Dollar gekauft, würden ihren Anwälten zufolge heute noch 53 000 Dollar bringen.
Auch nachdem sich Baron von P. 2006 selbständig gemacht hatte, arbeitete er weiter als Anlageberater der Millionärin. Und auch die Rothschild-Bank blieb offenbar im Geschäft: Zu Terminen für seine Kundin fuhr der Baron angeblich weiter in die Bank; eine Visitenkarte wies ihn laut Klage als "Berater von Rothschild" aus. An den Geschäften mit Corinna von S. soll Rothschild über die Jahre 450 000 Franken verdient haben.
Wie es um die US-Anlage stand, soll Corinna von S. dagegen niemand verraten haben. 2010 brauchte Preston erneut frisches Geld für die AOM, die er inzwischen in CET umgetauft hatte. Kein gutes Zeichen. Doch da hatten Preston und der Baron den Blick der Millionärin längst auf andere Firmen gelenkt: wieder Preston-Firmen, denen angeblich ein raketenhafter Aufstieg bevorstand, mit Namen wie Texas Syngas oder NC 12.
Nicht nur Corinna von S. ließ sich ködern. Als Anleger mit dabei in Prestons Firmengeflecht waren nun auch Waschmittelmilliardär Christoph Henkel, der mit P. verschwägerte Christoph Prinz zu Schleswig-Holstein, eine Kölner Bankiersgattin. Damals alles Gläubige John Prestons, heute vermutlich eher seine Gläubiger, wie Corinna von S. Denn NC 12, die frühere Texas Syngas, musste Insolvenz anmelden, und über CET, die frühere AOM, schrieb Preston 2011 selbst: "Entweder ist die Firma eine große Summe Geld wert oder gar nichts."
Die meisten Investoren wollen sich dazu nicht äußern. Der Kölner Bankiersfrau ist die Sache heute unangenehm: "Ich habe auch Geld verloren", sagt sie nur. Die Privatbank Rothschild weist im Fall Corinna von S. alle Vorwürfe "kategorisch zurück". Man werde sich "dagegen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln wehren". Zu einzelnen Sachverhalten könne man sich wegen des laufenden Verfahrens aber derzeit nicht äußern. Preston und Baron von P. reagierten nicht auf eine SPIEGEL-Anfrage. Anders Investment-Experte von der Goltz: Preston habe ihn einst von "technisch hochinteressanten Möglichkeiten" überzeugt. Heute würde er aber nie mehr in eine Preston-Firma investieren; er habe selbst Geld verloren. Und über den Baron sagt er: "Das war ein enger Freund." Betonung auf "war". Corinna von S. tue ihm leid.
Ein Prüfbericht, den die Anwälte der Millionärin 2011 bei einer Beraterfirma in Auftrag gaben, kam zu vernichtenden Ergebnissen: Baron von P. habe Informationen von Preston meist nur mündlich erhalten, allerdings auch mal Telefonkonferenzen geschwänzt. "Das Fehlen eines Investorenprospektes und unabhängiger Prüfungen" seien "Stopp-Zeichen", die P. nicht beachtet habe. Und AOM und CET seien in Wahrheit nie über Forschungen im Frühstadium hinaus gekommen, Texas Syngas und NC 12 kaum weiter.
Preston sagte den Prüfern, er wünsche sich nichts sehnlicher als Erfolg für seine Firmen. Die Prüfer unterstellen ihm keine Betrugsabsicht, wohl aber, dass er vor lauter Technikbegeisterung seine Pflicht vergessen habe, "offensichtliche Probleme korrekt zu lösen". Zu denen gehörte demnach auch eine "unglaublich hohe Geldverbrennungsrate", etwa für Jahresgehälter von 500 000 Dollar und mehr.
Im Superior Court, Raum 1309, wies der Richter nun Ende Mai die Rothschild-Bank an, interne Papiere herauszurücken. Der Anwalt des Barons argumentierte dagegen, das US-Gericht sei nicht zuständig. Ob das der Richter auch so sieht, wird sich wohl im August zeigen. Beim nächsten Treffen im Kampf um Geld und Ehre.
Von Jürgen Dahlkamp, Jörg Schmitt und Sebastian Schneider

DER SPIEGEL 28/2013
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