08.07.2013

SYRIENDisneyland für Dschihadisten

Im ruhigen Norden sammeln sich die ausländischen Islamisten, die lieber „Counter-Strike“ spielen, als in den Krieg zu ziehen. Sie streiten sich, ob Rauchen erlaubt ist - und kämpfen eher gegeneinander als gegen das Regime.
Atmih sieht aus, als drehte hier jemand gerade einen Qaida-Spielfilm: Neuankömmlinge mit Rollkoffern suchen ihre Emire, auf der Dorfstraße sind Afrikaner und Asiaten zu sehen, Männer mit schulterlangem Haar in afghanischer Tracht führen ihre Kalaschnikows spazieren. Am Kebab-Stand mischt sich ein Dialekt Nordenglands mit arabischen Einsprengseln: "Subhanallah, Bro, I asked for Ketchup." Russisch ist zu hören, Aserbaidschanisch, der kehlige Akzent der Saudi-Araber.
Das einst verschlafene Schmugglernest direkt an der türkischen Grenze ist zum Mekka für Dschihad-Reisende aus aller Welt geworden. Vor einem Jahr trafen SPIEGEL-Reporter hier einen der ersten ausländischen Kämpfer in Syrien, einen jungen Iraker, der sagte, er sei gekommen, um die Diktatur zu stürzen. Inzwischen haben sich mehr als tausend Dschihadisten in und um Atmih niedergelassen, nirgendwo in Syrien sind mehr auf so dichtem Raum versammelt. Mitten im Krieg haben die ausländischen Dschihadisten ausgerechnet einen der ruhigsten Flecken des Landes zu ihrem Zentrum gemacht. Oder eben gerade deshalb. Denn sind sie erst mal hier, wollen viele von ihnen gar nicht mehr weg.
Das türkische Mobilnetz funktioniert hervorragend, die Läden führen afghanische Pakhul-Wollmützen, Qaida-Kappen und knielange schwarze Hemden aus derbem Stoff wie in den pakistanischen Stammesgebieten. Neue Restaurants haben aufgemacht, das Büro "International Contacts" bucht Flüge, tauscht saudische Rial, britische Pfund, Euro und Dollar. Die Apotheke bietet "Miswak" an: faserige Holzstäbchen aus Pakistan, mit denen auch der Prophet Mohammed seine Zähne geputzt haben soll. Der Gebrauch erhöhe den Wert des folgenden Gebets um das 70fache, verspricht die Packungsaufschrift.
Weil all die Dschihadisten nach Hause telefonieren, mailen und chatten wollen, eröffnete Mitte Juni das dritte Internetcafé. Woraufhin der Besitzer des ersten Cafés Qaida-Fahnen über den Computern aufhängte, als Treuebekenntnis für die Stammkundschaft. Seitdem läuft das Geschäft, trotz zunehmender Konkurrenz. Die martialisch ausstaffierten Kunden schwärmen ihren Freunden daheim im Skype-Chat von Atmih vor: Hier sei das Paradies! Die Mieten billig, Wetter und Essen gut, man könne bewaffnet herumlaufen und mit etwas Glück sogar eine Frau finden. Nachts klingt die Kakophonie der Kämpfe bis auf die Straße, wenn mehrere Dschihadisten gleichzeitig "Counter-Strike" spielen. Der heilige Krieg ist in Atmih ein Kostümspektakel, und jeder kann sich fühlen, als sei er dabei - ohne dass es weh tut.
Sogar die örtlichen Geschäftsleute erfreuen sich an ihrer fanatischen Kundschaft. Im Handy-Shop sagt der syrische Verkäufer: "Alle paar Tage kommt ein Mann aus Dagestan hierher, erst hat er ein Samsung Galaxy gekauft, eine Woche später ein iPad, danach ein noch neueres Samsung Galaxy. Der hat bestimmt über tausend Dollar hier ausgegeben."
Wozu seien die Ausländer überhaupt in Atmih, fragt ein entnervter Kommandeur der Freien Syrischen Armee (FSA) aus der Gegend: "Wenn sie hergekommen sind, um zu kämpfen - bitte schön, da geht's zur Front." Er zeigt nach Osten.
Eigentlich ist Atmih Transitstation der Dschihadisten, die zumeist über den nahen türkischen Flughafen in Hatay anreisen. Die einen bleiben in der Region, die anderen ziehen weiter nach Aleppo, in die Berge von Latakia, nach Rakka im Osten, wo auch immer die unübersichtliche Frontlinie gerade verläuft.
Manch ein syrischer Rebell schließt sich den Dschihadisten an, aber vielen sind die Ausländer unheimlich. Und selbst wenn diese gegen Regimetruppen kämpfen, wie der tschetschenische Kommandeur Abu Umar al-Schischani, wundern sich FSA-Kommandeure: Wozu habe Schischani die Munition inklusive Flugabwehrraketen erbeutet, wenn er sie doch nicht einsetze? Sie fürchten, die Dschihadisten könnten ihre Waffen gegen die FSA-Rebellen oder für Terroranschläge weltweit einsetzen.
"Wir hoffen, dass die Dschihadisten nach dem Sturz Assads wieder gehen", sagt Luftwaffenoberst Hassan Hamada, der vor einem Jahr in die Schlagzeilen geriet, weil er sich samt seiner MiG-21 nach Jordanien absetzte, und nun im FSA-Führungsstab in Nordsyrien sitzt.
Doch noch kämpfen sie zusammen, noch gibt es ein Nebeneinander von Dschihadisten und Säkularen. In Atmih werden weiterhin Musik-CDs verkauft, Frauen gehen nach wie vor in Hosen auf die Straßen. Das liegt daran, dass es hier kein Machtvakuum gibt wie 2003 im Irak. Stattdessen existiert ein kompliziertes Gefüge von lokalen Räten, FSA-Brigaden und gemäßigten Islamisten, mit denen sich die Radikalen arrangieren müssen.
Fragt man die Zugereisten nach ihren Plänen, kommt Syrien nur als Etappe vor: "Dschihad erst hier, bis zum Sieg! Danach werden wir den Irak, Libanon und Palästina befreien", zählt ein junger Araber aus Großbritannien auf. Israel ist auf einen hinteren Platz gerutscht, Schiiten sind nun die wahren Feinde: Muslime zwar, aber für die sunnitischen Radikalen hier sind sie schlimmer als jeder Ungläubige.
So reden sie in Atmih. Doch bereits in der Stadt Daret Azze, 25 Kilometer entfernt, verblasst ihr Einfluss. Versuche von Dschihadisten, hier die Macht zu übernehmen, wurden von der FSA abgeblockt. Nun stehen beide Gruppen in wechselnden Schichten an den Kontrollposten. Aber als der Stadtrat um Hilfe bat bei der Reparatur einer Wasserleitung, hätten die Dschihadisten nur mit den Schultern gezuckt. "Die wollen die halbe Welt erobern", sagt Ahmed Raschid, Anwalt und Ratsmitglied. "Aber sie würden schon an einer Kleinstadt scheitern."
In Atmih proben sie derweil das Leben wie zu Zeiten des Propheten, allerdings mit Facebook und "Counter-Strike". Auf ungewollte Art ähnelt die Szenerie den Anfängen des Islam, als drei der ersten vier Kalifen nach dem Tod des Propheten mit Gegnern aus den eigenen Reihen rangen: Alle Radikalen in Atmih wollen einen Gottesstaat - was die einzelnen Gruppen aber nicht davon abhält, fortwährend übereinander herzuziehen, sich zu spalten und gelegentlich zu befehden. Allein in und um Atmih existieren Mitte Juni mindestens fünf Dschihadisten-Gruppen:
‣ "Daula al-Islam fi al-Irak wa bilad al-Scham", der "Islamische Staat im Irak und in Syrien", mit über 200 Anhängern, Tendenz steigend;
‣ "Dschaisch al-Ansar wa al-Muhadschirin", die "Armee der Unterstützer und Hinzugekommenen", mit etwa 170 Männern;
‣ "Abu al-Banat", eine Gruppe, die sich nach ihrem Emir benannt hat und fast nur aus Tschetschenen, Dagestanern und Aserbaidschanern besteht, etwa 70, Tendenz fallend;
‣ "Abu Musab al-Dschasairi", benannt nach ihrem algerischen Gründer und Finanzier, mit rund 60 Anhängern;
‣ "Dschabhat al-Nusra", die "Beistandsfront", mit rund 100 Kämpfern.
Nusra ist die undurchsichtigste der Fraktionen - und sie ist dabei zu zerfallen, nachdem ihr nur virtuell in Erscheinung tretender Anführer Mohammed al-Dschulani vor drei Monaten dem Qaida-Führer Aiman al-Sawahiri die Treue geschworen hat. Denn von Sawahiri hält das Fußvolk in Syrien wenig, aus mehreren Gründen: Der Ägypter gilt als wenig charismatisch, und es ist ihm zwar gelungen, sich aus seinem Versteck im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet zum Nachfolger von Osama Bin Laden küren zu lassen, aber seither schafft er es nicht, das Terror-Konglomerat zusammenzuhalten, so dass an den Rändern neue Gruppen wachsen.
Dazu kommt, dass Dschihad-Pilger einen Führer haben wollen, der ihnen sagt, wo es langgeht. Einen Emir mit Haut und vor allem Haaren, der persönlich Befehle gibt und Urteile spricht. Die Nusra aber hat keinen solchen Emir. Mohammed al-Dschulani kennen die meisten nur aus Videos, mit einer blechern verzerrten Stimme und gepixeltem Gesicht. Unter Mitgliedern heißt es immer wieder, man kenne einen, der einen kenne, der den Emir getroffen habe - aber geht man dem nach, verlaufen die Spuren im Sand. Mehrere Aussteiger von Nusra aus Aleppo, Idlib und Damaskus gaben in den vergangenen Monaten an, niemand habe den Mann je gesehen oder gar gesprochen.
Außerdem, sagt ein Syrer, der von Nusra auf Daula umgestiegen ist, seien Letztere "cooler". Man dürfe dort rauchen, solange es keiner sehe. Das ist ein großer Wettbewerbsvorteil in der kettenrauchenden syrischen Rebellenszene. Zigaretten sind bei den Dschihadisten normalerweise tabu, denn "Rauchen vertreibt die Engel und verzögert unseren Sieg", zitiert der Aussteiger seinen ehemaligen Nusra-Emir.
Während viele der syrischen Nusra-Gefolgsleute zu gemäßigten Gruppen abgewandert sind, haben sich die Ausländer dem Daula angeschlossen, der zur stärksten Gruppe im Norden geworden ist.
Der radikalste Emir im Norden jedoch ist Abu al-Banat, ein früherer russischer Offizier aus der Kaukasus-Republik Dagestan, der zum Islam konvertiert ist und seither Anhänger wie Jünger um sich schart. Er spricht zwar nur radebrechend Arabisch, erklärte aber Nusra und die anderen Dschihadisten-Gruppen kurzerhand zu "Kufr", zu Ungläubigen, weil sie sich nicht seinem Befehl unterwarfen.
Im Frühjahr zog der selbsternannte Emir aus Atmih mit seinen Anhängern ins neun Kilometer entfernte Dorf Maschhad Ruhin, das er durch bewaffnete Kontrollposten abriegeln ließ und in sein persönliches Emirat verwandelte.
Im April ließ er dann auf dem Dorfplatz drei Männer köpfen. Gerade tauchte das Video der bestialischen Hinrichtung auf: Begafft von einer Menge, darunter auch Kinder, spricht ein verzottelter Mann in gebrochenem Arabisch in die Kamera, es ist Abu al-Banat. Neben ihm kauern die drei Männer gefesselt am Boden. Ein Gehilfe hackt mit einem Messer erst einem, dann dem zweiten Mann langsam den Kopf ab und hält diesen dann als Trophäe in die Kamera.
Veröffentlicht wurde das Video erst jetzt, eigentümlicherweise ausgerechnet auf Syria Tube, einer PR-Seite des Regimes. Laut Legende zeigt es die Enthauptung dreier christlicher Priester Ende Juni im Ort Rassania, was umgehend verbreitet wurde von der katholischen Nachrichtenseite Agenzia Fides, die schon früher erfundene Gräuelgeschichten lanciert hat.
Tatsächlich zu sehen ist die Ermordung angeblicher Assad-Getreuer, im April, im Lager von Abu al-Banat - auch wenn unbekannt ist, wer die drei wirklich waren und was sie getan hatten. Denn Abu al-Banat "war Richter und Ankläger in einem", erinnert sich ein Aussteiger. Die Dorfbewohner seien entsetzt gewesen, erzählt ein Mann aus dem Nachbarort: "Egal was die drei getan haben, Menschen sind doch keine Schafe, die man schächtet." Nach den Morden begann ein Exodus, nur etwa 70 Anhänger blieben.
Offenbar aber fanden die anderen Dschihadisten einmütig, die Enthauptungen gingen zu weit - und beschlossen in der Nacht zum Samstag vor einer Woche eine seltene Kooperation: Ein tschetschenischer Daula-Kommandeur rückte mit einer Schar Schwerbewaffneter in Maschhad Ruhin ein und erklärte Abu al-Banats Horrorherrschaft für beendet. Dessen verbliebene Anhänger ergaben sich ohne Widerstand, er selbst und zwei Gehilfen wurden abgeführt. Alle Zufahrtswege waren während der Aktion abgeriegelt worden, um zu verhindern, dass andere Dschihadisten dem Emir zu Hilfe kommen könnten - doch es kam niemand.
Der führungslose Rest von Abu al-Banats Dschihadisten-Truppe soll in den folgenden Tagen seine Sachen gepackt und das Dorf verlassen haben.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 28/2013
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