08.07.2013

ESSAYEntdeckung der Großzügigkeit

Warum dieses Land endlich seine Rolle als eine der mächtigsten Nationen der Welt annehmen muss - und wie das aussehen könnte / Von Heinz Bude
Es war kein anderer als der amerikanische Präsident, der uns in Schrecken versetzt hat. In seiner Berliner Rede vor dem Brandenburger Tor hat man immer auf den einen Satz gewartet, der daraus ein schönes Ereignis gemacht hätte, und dabei vor lauter Jubelbereitschaft überhört, was er uns über Deutschland mitgeteilt hat.
Nummer eins sind für ihn natürlich die USA, die Nummer zwei ist erwartungsgemäß China. Aber das dritteinflussreichste, drittwichtigste und drittmächtigste Land der Welt ist im Augenblick offenbar Deutschland. 80 Millionen in der Mitte Europas unter 7 Milliarden auf der ganzen Welt.
Das wollen wir deshalb nicht hören, weil uns bei diesem Gedanken einigermaßen schlecht wird. Denn darin steckt die Aufforderung zum Bruch mit einem uns liebgewonnenen Selbstverständnis als Land in der Deckung. Über eine lange Nachkriegszeit ging die Arbeitsteilung in Europa so, dass Deutschland für die Wirtschaft und Frankreich für die Politik zuständig war.
Dabei haben wir so langsam erst verstanden, dass Deutschland heute als der große Gewinner der Krise von 2008 dasteht. Wir haben nicht wie die Briten daran geglaubt, dass die Ökonomie der Zukunft eine Dienstleistungsökonomie mit einem fetten finanzindustriellen Komplex ist. Wir haben nicht wie die Amerikaner darauf gesetzt, dass man durch eine enorme Steigerung privater Verschuldung auf Dauer Wohlstand für alle schaffen kann. Wir sind nicht wie die Franzosen davon ausgegangen, dass durch die staatliche Regulierung des privaten Lebens eine sozial befriedete und wirtschaftlich leistungsstarke Gesellschaft entstehen kann. Und wir haben schließlich auch nicht wie die Skandinavier daran geglaubt, dass man durch die steuerbasierte Ausweitung des öffentlichen Sektors die private Initiative und die persönliche Verantwortung fördern kann.
Deutschland ist jetzt deshalb so stark, weil es in den vergangenen 20 Jahren eine Kompetenzrevolution in der industriellen Facharbeit auf den Weg gebracht hat, weil der Familienkapitalismus des deutschen Mittelstandes sich trotz einiger gieriger Spielereien mit Schweizer Konten nicht hat beirren lassen, Rücklagen zu bilden und intelligent zu investieren. Und vor allem, weil die Politik die Gemeinsamkeit mit den wichtigen Kräften der Gesellschaft auf der Kommandobrücke gesucht hat. In welchem anderen Land der Welt kann sich eine Kanzlerin aus dem konservativen Lager mit dem Gewerkschaftschef aus der Metallbranche und einem Banker mit schweizerischem Migrationshintergrund auf eine Linie der Krisenbewältigung einigen, die von allen Beteiligten Opfer fordert?
Deutschland hat weder durch neoliberale Entfesselung noch durch neoklassische Austerität aus der schärfsten und tiefsten Krise der Nachkriegszeit herausgefunden, sondern durch eine in langer Dauer eingeübte und unaufhörlich verwandelte Praxis der gesellschaftlichen Kooperation.
Französische Gewerkschafter mit antikapitalistischem Geist stehen fassungslos vor dem Institut tarifvertraglich vereinbarter Fortbildungen, die von den Unternehmen angeboten und von den Kollegen tatsächlich wahrgenommen werden. Der Patron dort steht prinzipiell auf der anderen Seite, mit dem kann man sich auf Strategien zur Steigerung des Unternehmenserfolgs nicht einigen. Bürger aus Mailand wie aus Palermo würden gern einem Staat vertrauen, der alles daransetzt, dass die offensichtliche Uneinheitlichkeit der Lebensverhältnisse nicht in ein Regime von Bürgern erster und zweiter Klasse ausartet.
Im Vergleich mit anderen Ländern Europas ist in Deutschland alles so gut und so schön, dass man es kaum glauben kann. Vielleicht haben wir einfach Glück gehabt mit unserer Strategie der Lohnstückkosten-Reduktion durch kontinuierlichen Reallohnabbau, die uns heute erhebliche Wettbewerbsvorteile zu Lasten unserer Partner beschert. Vielleicht lügen wir uns über die gesellschaftlichen Kosten der Bevorzugung von Prosperitätsregionen wie Ingolstadt, Passau oder Regensburg nur in die Tasche, weil wir von den Verhältnissen in Cuxhaven, Parchim oder Hamm nichts wissen wollen. Und ist durch die Hartz-IV-Reformen nicht ein neues "Dienstleistungsproletariat" mit prekären Jobs in den Bereichen von Sicherheit, Sauberkeit und Service entstanden?
In dieser Unsicherheit über uns selbst und unseren unglaublichen Erfolg ruft Barack Obama Deutschland in die Verantwortung. Das Schicksal des Kontinents wird in Deutschland ausgemacht und entschieden.
Die erste Reaktion darauf hierzulande ist Flucht. Die entsprechenden Argumente lauten: Die Einführung des Euro war eine dumme Idee, weil die Einheitswährung über die gravierenden nationalen Produktivitätsdifferenzen hinweggeht und dadurch einen ungeheuren sozialen Sprengstoff in Europa schafft. Ein anderes Argument heißt, dass den Leuten Europa sowieso nichts bedeutet. Ein gewisser, auch nicht gerade hoher Anteil der jungen Intelligenz nimmt zwar das Erasmus-Programm wahr, aber eine besondere Identifikation mit Europa ist deswegen nicht feststellbar. Schließlich wird argumentiert, dass Deutschland Europa gar nicht mehr so nötig hat, weil wir immer mehr in die Schwellenländer exportieren. Deutschlands Zukunft wird als Ausrüster der Weltwirtschaft gesehen und nicht vornehmlich als Exporteur für Europa.
Deshalb verteidigt man die deutschen Stärken und macht die anderen dafür verantwortlich, dass Europa mit Hilfe der Europäischen Zentralbank so viel Geld für die Stabilisierung bankrotter Volkswirtschaften aufwenden muss und gerade die starken Partner in den Strudel zum Abgrund treibt. Die Vorstellung dabei ist wohl, dass es Deutschland ohne Europa besser gehen würde und es befreiter in der Welt aufspielen könnte.
Aber das ist falsch. Deutschland braucht Europa, um das Land zu sein, das Obama als so stark und so mächtig anspricht. Denn wenn es uns auf dem eigenen Kontinent nicht gelingt, die Dinge wieder ins Lot zu bringen und nach vorn zu entwickeln, wird uns im Rest der Welt niemand abnehmen, dass wir ein Akteur von Relevanz sind. Als Erstes werden das die Finanzmärkte zum Ausdruck bringen. In dem Moment, in dem Deutschland allein den Euro verlässt, werden die Zinsen für die notwendigen Kredite unserer Staatsschulden in die Höhe schnellen. Das Rückzahlungsversprechen, dem die Anleger aus China, den USA, aus Brasilien oder aus Indien vertrauen, ist an seine zentrale Rolle in und für Europa gebunden.
Die britische Wochenzeitschrift "The Economist" titelte vor wenigen Wochen über die Deutschen: "The reluctant hegemon". Der widerstrebende Hegemon. Es ist der Augenblick gekommen, an dem die anderen hören wollen, wie man sich von hier aus die Zukunft Europas denkt.
Sich selbst zum Maßstab für die anderen zu erheben reicht dafür nicht. Denn das läuft auf eine unausgesprochene Zusammenbruchstheorie für Europa hinaus. Es kann gar nicht sein, dass Italien einen mit Deutschland vergleichbaren Steuerstaat aufbaut. Es ist überhaupt nicht zu erwarten, dass Frankreich, das über ein so gutes demografisches Polster verfügt, sein Sozialversicherungssystem nach Maßgabe des deutschen umbaut. Und es ist völlig ausgeschlossen, dass in Griechenland die Branche der Medizintechnik oder des Automobilbaus gedeiht.
Die Botschaft aus Deutschland für Europa heißt Kooperation. Wer sein Land entwickeln, die Talente seiner Leute fördern und die Vorzüge seiner Lebensweise pflegen will, braucht einen Geist der Kooperation, der sich nicht schon von vornherein auf ein Primat festlegt: weder der Ökonomie noch der Politik und schon gar nicht der Kultur. Die Deutschen behaupten mit der ganzen Macht ihres Erfolges, dass es einen Begriff verallgemeinerbaren Interesses gibt, der die gesellschaftliche Zusammenarbeit anleiten kann. Nichts ist dringender und nichts ist hoffnungsvoller als der Blick auf Probleme und Phänomene, die alle angehen.
Es gehört freilich zu den Gesetzen der Gastfreundschaft in Europa, dass man großzügig zueinander ist. Differenz wird nur dann zu einer Quelle von Reichtum, wenn nicht nur das Interesse und die Nützlichkeit, sondern auch die Freigebigkeit und der Respekt regieren. Deutschland wird seine Großzügigkeit für Europa entdecken müssen. Nur dann kann ein Bündnis zustande kommen, das belastbar ist, weil man sich gegenseitig die Wahrheit zumuten kann. Sonst bleibt erzwungener Friede, was freie Übereinkunft sein könnte. Europa ist dann ein Versprechen nicht nur aus der Vergangenheit, sondern für die Zukunft. Auf dieses großzügige Versprechen aus Deutschland, so darf man den amerikanischen Präsidenten verstehen, wartet die Welt.
Darauf wartet auch in Deutschland eine ganze Generation junger Leute, die ohne Sorgen aufgewachsen sind, aber trotzdem mit sich selbst hadern. Es ist die Generation der Millennials, der bescheinigt wird, dass sie genau das macht, was man von ihr verlangt. Aber eben auch nicht mehr. Hinter dieser freundlichen Zurückhaltung stecken der Wunsch und das Bedürfnis nach ein bisschen Vision. Wer in Deutschland die Kräfte für die Zukunft mobilisieren will, muss deutlich machen, dass er an die Zukunft glaubt. Flucht ins Überleben oder vollendete Resignation kann nicht das letzte Wort sein. Für die heute 25- bis 35-Jährigen ist Europa ohne jedes Versprechen. Die Entdeckung der Großzügigkeit wäre das Zeichen für eine kommende Zeit.
Bude, 59, ist Soziologe, lehrt an der Universität Kassel und arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung.
Von Heinz Bude

DER SPIEGEL 28/2013
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