22.03.1999

Spiegel des 20. Jahrhunderts„We Shall Overcome“

IV. DAS JAHRHUNDERT DER BEFREIUNG: 1. Die Emanzipation der Frau (9/1999); 2. Die Ökologie-Bewegung (10/1999); 3. Die Entstehung der Volksparteien (11/1999); 4. Gewaltfreier Widerstand (12/1999); 5. 1968, das Jahr der Rebellion (13/1999)
Von Stefan Wolle
Irgend etwas gibt es im Menschen, das stärker ist als ihr", hält in George Orwells Roman "1984" Winston Smith auf der Folter seinem Peiniger O'Brien entgegen. "Was ist denn dieses Prinzip, das unsere Macht zerstören wird?" höhnt dieser. "Der menschliche Geist", entgegnet der Gequälte verzweifelt, aber er spürt, daß seine Argumente schwach und hilflos wirken. Am Ende des Romans wird auch er akzeptieren, daß zwei plus zwei fünf sind, wenn die Partei dies will.
Und doch wurde Orwells düstere Vision von der Geschichte widerlegt. Das "Jahrhundert der Wölfe", wie der russische Dichter Ossip Mandelstam das 20. nach Christi Geburt in einer Gedichtzeile aus dem Jahre 1931 genannt hat, endete mit dem großen und unerwarteten Wunder einer friedlichen Revolution.
Fast lautlos brach das kommunistische System in Osteuropa und der DDR zusammen. Ein gewaltiges Repressionssystem versagte in der Stunde der Entscheidung.
Eine seit Jahrzehnten auf die Menschen einhämmernde Massenideologie hatte plötzlich ihre Kraft verloren. Nicht einmal die regierenden Kommunisten scherten sich mehr um ihre eigene Geschichtsmythologie, die den kompromißlosen Kampf der Klassen gepredigt hatte. Müde schlich der furchteinflößende Leviathan zum Abgrund und stürzte sich hinab.
Es mangelt auch am Ende des Jahrhunderts nicht an großen und kleinen Diktatoren. Es wird gefoltert und gemordet, Menschenrechte werden mit Füßen getreten, und die Freiheit wird unterdrückt. Am Horizont der Geschichte zeichnen sich neue totalitäre Herausforderungen ab - und dennoch bleibt es dabei: Alle politischen Systeme und Ideologien, die Menschenrechte und staatsbürgerliche Freiheiten einschränken oder gar vernichten wollten, sind gescheitert.
Darin mag man im Sinne der Aufklärung ein Fortschreiten von Vernunft und Humanität sehen. Dennoch bedarf auch die nach einem höheren Gesetz ablaufende Geschichte der Tat des einzelnen. Es waren große Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela oder Lech Walesa, aber auch Durchschnittsmenschen, die irgendwann Zivilcourage zeigten und dadurch die Steinchen lostraten, die zur Lawine werden sollten.
So war es auch in den achtziger Jahren in der DDR. Gerade als die Weltgeschichte das kleine Land zwischen Oder und Elbe endgültig vergessen zu haben schien, handelte ein verlorenes Häuflein von "Bürgerrechtlern", wie man inzwischen gern sagt. Die neunmalgescheiten Strategen aller Couleur predigten die kluge Anpassung, die Wahrung von Stabilität, die vorsichtige Evolution, die Einsicht in die Notwendigkeit als höchste Freiheit. Wider alle Klugheit wagten einige als naive Spinner verschriene Außenseiter die Rebellion.
Für einen winzigen historischen Augenblick war es wichtig, ob sich der einzelne von seiner Sofaecke erhob, den Fernseher ausschaltete und sich auf den Weg zu irgendeiner Kirche, einer Demonstration machte. Dies meinte Hegel mit seinem "Weltgeist", der auf dem Wege der Selbstverwirklichung durch die Zeiten und Länder wandere. Wenn das Wirken des einzelnen mit der allgemeinen Tendenz des Weltgeschehens übereinstimmt, lehrt der Philosoph, verwirklicht sich Geschichte als Fortschreiten der Vernunft.
Wenn dies so ist, dann stieg der so gewandete Weltgeist am frühen Abend des 27. November 1987 am Ost-Berliner Zionskirchplatz gegenüber der Tierhandlung Badstübner aus der Straßenbahn. Er mochte so um die 30 sein, trug lange blonde Haare und einen Bart. Angetan war er mit dem Bürgerrechtler-Outfit: grünem Parka, zerfransten Jeans, einem Umhängebeutel aus Naturfasern über der Schulter und einem Palästinensertuch, das er malerisch um den Hals geschlungen hatte.
Der Weltgeist betrat die sich amphitheatralisch um den neogotischen Klinkerbau der Zionskirche gruppierende, von bröckelnden Fassaden der Jahrhundertwende umgebene Szenerie des Zionskirchplatzes. Die schmutzigen, notdürftig erhellten Straßen waren schon am frühen Abend fast menschenleer. Nur rund um den Platz hatte sich die Szene seit dem Vortag auf wundersame Weise belebt.
Dies hatte gute Gründe. In der Nacht vom 24. zum 25. November 1987 waren Stasi-Leute mit vorgehaltenen Waffen in den Keller der Zionsgemeinde eingedrungen und hatten die anwesenden Bürgerrechtler verhaftet. Das war kein Übergriff untergeordneter Instanzen gewesen, sondern der Versuch der SED, die im Schutze der Kirche aufkeimende Opposition mit Gewalt zu zerschlagen.
Nun passierte etwas, womit offenbar niemand gerechnet hatte. Einige Dutzend junger Leute bildeten eine Mahnwache und stellten sich mit Kerzen vor die Kirchentür. Die ungeheure Wirkung dieses Vorgangs kann wohl nur ermessen, wer in der Diktatur gelebt hat. Das allgemeine Schweigen im Inneren des Landes war durch die Mahnwache gebrochen. Der Staat reagierte mit einem Riesenaufgebot an Sicherheitskräften, wagte es angesichts der nun hergestellten Öffentlichkeit aber nicht, brutal zuzuschlagen.
In den Hausfluren rings um den Zionskirchplatz standen paarweise sportliche junge Männer in Nylonkutten, ausgerüstet mit koketten Gelenktäschchen, in denen sich Sprechfunkgeräte verbargen. Im Hintergrund parkten Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei und Pkw der Marken Lada oder Wartburg, in denen schweigend, aber aufmerksam jeweils zwei junge Männer saßen. Volkspolizisten in Uniform standen auf dem Gehweg und hielten gelegentlich Passanten an, die ihnen verdächtig erschienen.
Das feindliche Objekt im Parka stieg hinter mir aus der Straßenbahn, und fast gemeinsam gingen wir vorbei am Zoo-Laden in Richtung Zionskirche. Der Zusammenstoß zweier Welten war nun unvermeidbar. Im dunklen Hausflur lungerten zwei betont unauffällige Stasi-Leute. In dem Bereich, der durch die Schaufenster erleuchtet war, stand ein grimmiger Volkspolizist in grüner Uniform, die Beine energisch gespreizt, die Hände auf dem Rücken.
Es war nicht sehr mutig, aber durch die Umstände geboten, einen kleinen Schlenker zu machen und sich scheinbar in die Auslagen des Zoo-Ladens zu vertiefen. Klopfenden Herzens versenkte ich mich in den Anblick eines possierlichen Goldhamsters, der unbeeindruckt an den metallenen Gitterstäben seines Käfigs nagte.
So ging der Langmähnige mit dem schlurfenden, wiegenden Gang an mir vorbei und schnurstracks auf den Repräsentanten der Staatsmacht zu. Der Schutzmann grüßte mit einer flüchtigen, aber korrekten Handbewegung zum Mützenschirm und schnarrte "Deutsche Volkspolizei. Weisen Sie sich aus!" Diese unfreiwillig doppeldeutige Formel meinte, die zu kontrollierende Person möge ihr Personaldokument vorzeigen, welches stets bei sich zu führen und auf Verlangen vorzuzeigen jeder DDR-Bürger gesetzlich gehalten war. Dann buchstabierte er wie ein Abc-Schütze Namen und Anschrift des Bürgers.
"Wo wollen Sie hin?" fragte er schließlich in strengem Amtston. Die Antwort war verblüffend. Mit sanfter Stimme sagte der Blondmähnige, er wolle zur Andacht in die Zionskirche. Mir stockte der Atem. Ich erwartete einen kurzen Wink des Uniformierten. Eines der bereitstehenden Autos würde heranpreschen, Bremsen würden quietschen, Autotüren knallen, Handschellen zuschnappen. Nichts von alledem geschah. Der Polizist warf einen fragenden Blick zu den Kurzgeschorenen im Hausflur. Ein unmerkliches Schulterzucken gab den Weg frei. Mit einem knappen "Bitte!" erhielt der junge Mann seinen Ausweis zurück und setzte seinen Weg fort, auf die Kirche zu.
Die Szene enthält im Kern die Grundkonstellation des Konflikts, an dessen Ende der ruhmlose Untergang des totalitären Systems stehen sollte. Das resignierte Schulterzucken der Staatsdiener wurde zum Grundgestus der Macht der folgenden drei Jahre. Die Situation vor der Zionskirche beleuchtet überdies die Grundelemente des gewaltfreien Kampfes für Bürgerrechte in unserem Jahrhundert.
Die Taktik aller Bürgerrechtsgruppen - ob in Osteuropa, Indien, Amerika oder Südafrika - bestand darin, vorhandene legale oder halblegale Spielräume auszuschöpfen, um einen moralischen Appell zu formulieren. Bei aller Unterschiedlichkeit der Bewegungen, die im 20. Jahrhundert für Bürgerrechte eintraten, gibt es bezüglich der Strategie und der Aktionsformen durchgehende Traditionslinien und zahlreiche direkte Anknüpfungspunkte.
So war es kein Zufall, daß der politische Wandel - ob er nun die indische Unabhängigkeit, die Anerkennung schwarzer Amerikaner oder Südafrikaner als Vollbürger oder das Recht auf Selbstorganisation in freien Gewerkschaften im kommunistischen Osteuropa zum Ziel hatte - seinen Ausgangspunkt in den Kirchen, genauer in der Religion hatte: dem Hinduismus Gandhis, dem Protestantismus Martin Luther Kings, Bischof Tutus oder der DDR-Bürgerrechtler, dem Katholizismus eines Lech Walesa.
Einige Minuten nach der Begegnung vor dem Zoo-Laden begann in der Zionskirche der Gottesdienst. Der Pfarrer im schwarzen Ornat predigte über Jesus und den römischen Landpfleger Pontius Pilatus: "Wer wüßte heute noch den Namen des einst so mächtigen Statthalters Roms zu nennen. Keine andere Quelle überliefert seinen Namen als die Evangelien. Vom Ruhm und dem Glanz des Römischen Reiches künden nur noch Ruinen. Die Kirche des Gekreuzigten aber ist lebendig. Welch ein Aberglaube, daß Macht und Gewalt die Weltgeschichte regieren. Die Botschaft der Feindesliebe und der Vergebung ist stärker als jede Macht."
Auf die Bergpredigt wurde damals in einer Art Bezug genommen, als handele es sich um eine aktuelle Broschüre, die gerade erst gedruckt worden sei. Sie war auch eine wichtige Quelle für Mahatma Gandhi, den ersten großen Bürgerrechtler des Jahrhunderts, der in der DDR offiziell zu den Ikonen des "antiimperialistischen Kampfes" gezählt wurde und auf dessen Ethik sich darum auch Bürgerrechtler in der DDR bis zu einem gewissen Grad ungefährdet berufen konnten.
Gandhi hatte die Bibel als Jurastudent in London gelesen. Der damals noch etwas dandyhaft wirkende junge Mann aus einer wohlhabenden indischen Familie hatte sich in den drei Jahren seines Studiums in England intensiv mit der europäischen Kultur beschäftigt. Doch einen Tag nachdem er am 11. Juni 1891 beim High Court als Rechtsanwalt registriert worden war, trat er die Heimreise nach Bombay an. Trotz seiner hohen Qualifikation hatte Gandhi in Indien keinen Erfolg als Anwalt. Nach zwei Jahren brotloser Tätigkeit übernahm er eine Stelle im ebenfalls britischen Südafrika.
Kaum in Afrika angekommen, hatte Gandhi ein Schlüsselerlebnis, das für seinen weiteren Weg bestimmend werden sollte. Er stieg in den Nachtzug nach Pretoria und nahm in einem Abteil der ersten Klasse Platz. Als ihn ein Weißer durch die Polizei hinauswerfen ließ, beschloß David, den Kampf für gleiche Rechte gegen den Goliath britisches Empire aufzunehmen.
Gandhi blieb von 1893 bis 1914 in Südafrika. Der dortigen schwarzen Urbevölkerung und den vorwiegend aus Indien stammenden Kontraktarbeitern standen die seit dem Burenkrieg (1899 bis 1902) untereinander verfeindeten burischen Siedler und die britische Oberschicht gegenüber.
In dieser Atmosphäre der Gewalt wurde die Strategie des zivilen Ungehorsams geboren, die zur wichtigsten Kampfform der Bürgerrechtsbewegungen in der ganzen Welt werden sollte. Damals wurde auch jener Gandhi geboren, den die Welt seither kennt: angetan mit Sandalen und einem weißen, knielangen Lendenschurz, entweder mit nacktem Oberkörper oder, bei kaltem Wetter, mit einem schlichten Umhang, die Haare kurzgeschoren. Mit einer kreisrunden Nickelbrille im Gesicht und einem langen Bambusstab in der Hand schritt er seinen Anhängern voran.
1914 kehrte Gandhi nach Indien zurück. Zum Abschied schenkte er seinem Hauptgegner General Jan Smuts, dem Kommandeur der Kolonialtruppen, ein Paar von jenen Ledersandalen, die er im Gefängnis angefertigt hatte. Trotz der vielen Jahre der Auseinandersetzungen hatte sich zwischen dem General und dem Anwalt ein Vertrauensverhältnis herausgebildet. Eine - oft fragwürdige - Nähe zu den jeweiligen Machthabern ist eine immer wieder zu beobachtende Folge der Ideologie der Gewaltfreiheit, die den Gegner nicht besiegen, sondern überzeugen will.
Am 13. April 1919 richteten britische Truppen in Amritsar ein Blutbad unter der Bevölkerung an. Für Gandhi war dies eine fürchterliche Warnung. Es begann jene Gratwanderung, die knapp 30 Jahre später die Unabhängigkeit Indiens, aber auch den andauernden blutigen Konflikt zwischen Hindus und Muslimen bringen sollte.
Die wichtigste Waffe der von Gandhi propagierten Politik des zivilen Ungehorsams war der Boykott britischer Produkte. Bald brannten im ganzen Land Scheiterhaufen mit britischen Importwaren, besonders mit Kleidung. Die Nationalbewegung forderte die Rückkehr zu einheimischen Produkten. Gandhi selbst führte bei all seinen Vortragsreisen ein Spinnrad mit sich, an dem er in Mußestunden saß und an dem er sich gern fotografieren ließ.
Zum Schlüsselkonflikt wurde schließlich das Salzmonopol der Kolonialherren. Laut Gesetz durfte Salz nur in Regierungsläden verkauft werden. Im Frühjahr 1930 zog Gandhi, dem der indische Nationaldichter Tagore den Ehrentitel Mahatma ("Große Seele") gegeben hatte, an der Spitze einer immer größer werdenden Volksmenge quer durch das Land zum Meer und sammelte dort am Strand symbolisch eine Handvoll Salzkristalle auf. An Indiens endloser Meeresküste wateten fortan Menschen mit Pfannen und gewannen entgegen dem Regierungsverbot das wertvolle Mineral.
Eine praktische Bedeutung hatte die Aktion nicht, aber der moralische Erfolg in der ganzen Welt war ungeheuer. Winston Churchill schimpfte auf den "halbnackten Fakir" und unterstrich damit nur die moralische Niederlage der Kolonialmacht.
1931 reiste Gandhi zu einer Round-Table-Konferenz über die Unabhängigkeit Indiens nach London. Nur mit Sandalen und Lendenschurz bekleidet, erschien er beim ordensbehängten König zum Tee. Als er von einem Reporter gefragt wurde, ob er nicht ein bißchen zu wenig anhabe, antwortete er: "Dafür hatte der König ein bißchen zu viel an." Gandhi reiste durch England, und nicht nur die Pressefotografen waren von dem exotischen Gast begeistert. Die Augen der Weltöffentlichkeit waren nun auf die indische Autonomiebewegung gerichtet. Unter dem Jubel Hunderttausender kehrte Gandhi nach Indien zurück.
Je näher die staatliche Selbständigkeit Indiens rückte, desto deutlicher wurde der interne Konflikt zwischen Hindus und Muslimen. Sofort nach der Ausrufung der Unabhängigkeit am 15. August 1947 kam es zu fürchterlichen Massakern, welche die bis dahin größte Fluchtbewegung der Weltgeschichte auslösten. Über zwölf Millionen Menschen verließen ihre Heimat, etwa eine Million Tote waren zu beklagen.
In dieser Situation begann Gandhi seinen letzten großen Kampf. Wenigstens in der Millionenstadt Kalkutta wollte er den Massenwahn der allgemeinen Mordbrennerei allein mit seiner moralischen Autorität zum Stillstand bringen. Er trat in einen Hungerstreik. "Entweder gibt es Frieden in Kalkutta, oder ich werde sterben", ließ der fast 78jährige erklären. Am dritten Tag des Hungerstreiks war sein Puls so schwach geworden, daß jederzeit der Tod eintreten konnte.
Und das "Wunder von Kalkutta" geschah: Auf die Nachricht vom drohenden Tod des Idols kehrte in die Elendsviertel der Millionenstadt die Vernunft zurück. Gemeinsame Prozessionen von Hindus und Muslimen erschienen beim Mahatma und baten ihn, seine Fastenaktion einzustellen. Ganze Mördertrupps erschienen an seinem Lager, gestanden zerknirscht ihre Schuld und baten um Strafe. Gandhi bat sie, für Ruhe zu sorgen - tatsächlich hörten die Massaker auf.
Der Ruhm Gandhis hatte nun fast mythische Dimensionen erreicht. Täglich erschienen Tausende zum Gebet. Am 30. Januar 1948 drängte sich einer der Betenden plötzlich vor, zog eine Pistole und feuerte dreimal. Ein Hindu-Fanatiker, der Gandhis Botschaft der Versöhnung mit den Muslimen ablehnte, hatte die "Große Seele" ausgelöscht.
Im Todesjahr Gandhis hörte der schwarze Theologiestudent Martin Luther King während eines Vortrags in Philadelphia erstmals Genaueres von den Lehren des Inders. "Seine Botschaft war so tiefgründig und begeisternd, daß ich nach der Versammlung ein halbes Dutzend Bücher über Gandhis Leben und Werk kaufte. Wie die meisten Leute hatte ich von Gandhi gehört, hatte ihn aber nie ernstlich studiert. Ich war fasziniert von seinen Feldzügen gewaltlosen Widerstands."
Wie Gandhi entstammte auch Martin Luther King respektablen Verhältnissen. Sein Vater war Pfarrer und lebte in Atlanta (Georgia) in einem hübschen Häuschen. Und wie Gandhi erzählte er später von seiner traumatischen Erfahrung mit dem alltäglichen Rassismus. Mit seinem Vater hatte er sich einmal in einem Schuhladen auf einen der Stühle gesetzt, um Schuhe anzuprobieren. Der Verkäufer war gekommen und hatte verlegen gemurmelt: "Gehen Sie doch bitte auf einen der hinteren Plätze." "Wir haben an den Plätzen nichts auszusetzen", hatte sein Vater gesagt. "Es tut mir leid", antwortete der Angestellte, "aber hier kann ich Sie nicht bedienen."
Fast hundert Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei war es in den Südstaaten der USA in den fünfziger Jahren noch immer schlecht bestellt um die Bürgerrechte der Schwarzen. Gemäß der 1896 vom Obersten Gerichtshof proklamierten Formel "separate but equal" hingen in öffentlichen Einrichtungen, Geschäften, Kinos, Schwimmbädern, Toiletten und sogar an Parkbänken Schilder mit dem Hinweis "Whites Only".
1954 endlich war diese Doktrin vom Obersten Gerichtshof der USA im berühmten Fall "Brown v. Topeka Board of Education" für verfassungswidrig erklärt, die Rassentrennung in den Schulen aufgehoben worden. Das Urteil gab den schwarzen Amerikanern Mut, ihre Rechte in allen Bereichen einzufordern.
Im Dezember 1955 weigerte sich in Montgomery (Alabama) die schwarze Näherin Rosa Parks, ihren Sitzplatz im vorderen Teil des Busses einem weißen Fahrgast abzutreten. Der Busfahrer holte die Polizei. "Ich bin einfach müde", sagte die Frau. "Meine Füße schmerzen. Ich habe den ganzen Tag schwer gearbeitet." Rosa Parks wurde verhaftet. Doch was unzählige Male hingenommen worden war, entfachte nun einen Sturm der Entrüstung in der Stadt. Wieder war es die scheinbar unbedeutende Tat eines einzelnen, welche die Weltgeschichte in Bewegung setzte.
Rosa Parks sollte am 5. Dezember 1955 vor Gericht stehen. Für den Tag der Verhandlung beschloß eine Versammlung von ungefähr 50 Schwarzen den Boykott der Busgesellschaft. Und noch eine weitere wichtige Entscheidung wurde an diesem Tag getroffen. Die Versammlung wählte den Baptistenprediger Martin Luther King Junior zu ihrem Sprecher. Der schwarze Prediger, gerade in Theologie promoviert, entschied sich in diesen Tagen zwischen einer bürgerlichen Karriere und dem Kampf für die Menschenrechte.
Am Tage des Prozesses gegen Rosa Parks stieg in Montgomery kein Schwarzer in den Bus. Zu Fuß, per Anhalter oder auf dem Pferd kamen die Kinder zur Schule und die Erwachsenen zur Arbeit. Rosa Parks wurde zu einer Geldstrafe von zehn Dollar verurteilt. Doch es ging nun um das Prinzip. Für die nächsten 13 Monate sorgte ein Bürgerkomitee für die Organisation des Transports, und die Busgesellschaft verlor 65 Prozent ihrer Einnahmen.
Entsprechend stark war der Haß, der Martin Luther King von weißen Rassisten entgegenschlug. Am 30. Januar 1956 explodierte auf der Veranda seines Hauses eine Bombe. Wie Gandhi und andere Propheten der Gewaltlosigkeit sah sich King nun nicht mehr allein mit der Gewalt seiner Gegner konfrontiert, sondern auch mit Stimmen aus den eigenen Reihen, die mit Gegengewalt reagieren wollten. Eine entsetzte und wütende Menge von Schwarzen lief vor seinem ausgebrannten Haus zusammen. Doch King beschwichtigte die aufgebrachten Menschen: "Bitte geht nach Hause und legt eure Waffen weg. Wir können dieses Problem nicht durch Vergeltung lösen. Wir müssen der Gewalt mit Gewaltlosigkeit begegnen. Wir müssen unsere weißen Brüder lieben." Einem weißen Polizisten entfuhr daraufhin: "Ohne den Nigger wären wir jetzt alle tot." Die Auseinandersetzungen gingen weiter. Die Busgesellschaft verklagte King auf Schadensersatz. Doch mitten in die Gerichtsverhandlung platzte eine Entscheidung des Supreme Court, die auch die Rassentrennung in Bussen für verfassungswidrig erklärte.
Der Erfolg von Montgomery löste eine Kettenreaktion im ganzen Land aus. In den Vereinigten Staaten begann ein frischer Wind zu wehen. Eine neue Generation hielt dem Establishment die Ideale der Gründerväter vor. Die Studentenbewegung begann sich zu formieren; Künstler wie die Protestsänger Joan Baez und Bob Dylan solidarisierten sich. Das Sit-in als Aktionsform wurde geboren. Aus Protest setzten sich junge Leute an die Theken von Imbißstuben und Schnellrestaurants, die keine Schwarzen bedienen wollten, und sangen gemeinsam Lieder. Zu einer der Hymnen der Bewegung wurde das berühmte "We Shall Overcome", das sich über die ganze Welt verbreitete.
Am 28. August 1963 fand die friedliche Bewegung für Bürgerrechte der farbigen Amerikaner mit dem "Marsch auf Washington" ihren historischen Höhepunkt. Eine viertel Million Menschen, darunter viele Weiße, zogen vom Washington Monument zum Lincoln Memorial. In brütender Sommerhitze stand Martin Luther King vor der unübersehbaren Menschenmenge, wohl wissend, daß Millionen von Menschen in ihm den "moralischen Führer der Nation" sahen.
Einer unmittelbaren Eingebung folgend legte er sein Manuskript zur Seite und hielt seine berühmte Rede, die über weite Passagen immer wieder mit jenem legendär gewordenen "I have a dream" begann: "Ich habe einen Traum, daß meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird ... Ich habe einen Traum, daß eines Tages kleine schwarze Jungen und schwarze Mädchen sich mit kleinen weißen Mädchen und weißen Jungen die Hände schütteln wie Schwestern und Brüder."
Wie sein Vorbild Gandhi fiel Martin Luther King durch Mörderhand. Am 4. April 1968 stand King mit seinen Mitarbeitern nach einem arbeitsreichen Tag in einem Motelzimmer in Memphis (Tennessee). Sie wollten gemeinsam zum Abendessen gehen. King trat einen Moment auf den Balkon. In diesem Augenblick fiel ein Schuß. Eine Gewehrkugel zerschlug den Kiefer und den Hals des Opfers. Vergebens versuchten seine Freunde, das Blut zu stillen. Etwa eine Stunde nach dem Attentat starb Martin Luther King im Hospital. Die Hintergründe des Attentats auf King sind bis heute nicht restlos aufgeklärt.
Die Methoden des gewaltlosen Kampfes waren von Gandhi zum erstenmal in Südafrika entwickelt und erfolgreich praktiziert worden. Doch auch die Grenzen der Strategie strikter Gewaltlosigkeit wurden schließlich nirgendwo deutlicher als in Südafrika. Dort waren es nicht allein friedliche Mittel, die zur Überwindung der Apartheid führen sollten - wenngleich am Ende der Entwicklung ein Sieg der Vernunft stand, an den viele Menschen in Südafrika nicht mehr geglaubt hatten.
1918, vier Jahre nachdem Gandhi Südafrika verlassen hatte, wurde in einem Dorf in der Transkei Nelson Mandela als Sohn eines Häuptlings und Nachfahre eines Königs aus der Dynastie der Thembu geboren. Als Häuptlingssohn erhielt Mandela, im Unterschied zu vielen seiner schwarzen Altersgenossen, eine gute Schulbildung. Er konnte die Universität besuchen und wurde, wie Gandhi, Rechtsanwalt.
Und wie dieser wurde er fast zwangsläufig in die Politik hineingestoßen. Nach dem Wahlsieg der rassistischen Nationalen Partei im Jahre 1948 führte Südafrika das Prinzip der strengen Rassentrennung ("Apartheid") ein. Der 1912 gegründete Afrikanische Nationalkongreß (ANC), die größte Interessenvertretung der schwarzen Südafrikaner, versuchte friedlichen Widerstand zu leisten.
1952 organisierte der ANC die "Mißachtungskampagne": Massenhaft sollten die Apartheidgesetze gezielt übertreten werden. Schwarze stiegen in die für "Europäer" reservierten Zugabteile oder gingen nach Anbruch der Sperrstunde spazieren; als viele von ihnen verhaftet wurden, zogen andere mit dem Ruf "Wir wollen hinein" vor die Gefängnistore.
Die Lehren Gandhis wurden innerhalb des ANC kontrovers diskutiert, zumal einer der Söhne des Mahatma in Südafrika lebte und im streng pazifistischen Flügel der Bewegung aktiv war. Doch das Prinzip der Gewaltlosigkeit um jeden Preis konnte sich nicht durchsetzen. Mandela schrieb darüber in seiner Autobiographie: "In Indien hatte Gandhi es mit einer ausländischen Macht zu tun, die letztendlich realistischer und weitsichtiger war. Das war bei den Afrikaanern in Südafrika nicht der Fall. Gewaltloser passiver Widerstand ist so lange effektiv, wie der Gegner sich an dieselben Regeln hält wie man selbst. Trifft ein friedlicher Protest jedoch auf Gewalt, so ist seine Wirksamkeit zu Ende. Für mich war Gewaltlosigkeit kein moralisches Prinzip, sondern eine Strategie."
Die weiße Minderheit Südafrikas verteidigte ihre politischen und sozialen Privilegien mit allen Mitteln. Nach Jahren immer neuer Verhaftungen und Gerichtsverfahren und einem Leben in der Illegalität wurde Mandela des Hochverrats angeklagt und 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt.
Insgesamt 27 Jahre verbrachte er im Gefängnis, die ersten 18 Jahre auf der gefürchteten Gefängnisinsel Robben Island. Dem Apartheidregime gelang es, die schwarze Bürgerrechtsbewegung durch strenge Gesetze niederzuhalten. Doch nachdem 1975 militante Befreiungsbewegungen in Angola und Mosambik die Macht übernommen hatten, wendete sich das Blatt. Im Gefolge des Aufstands im Johannesburger Schwarzen-Ghetto Soweto verließen im folgenden Jahr mehrere tausend Jugendliche Südafrika und bescherten dem ANC einen nicht versiegenden Strom von Rekruten für den bewaffneten Kampf. Sie wurden in Militärlagern der Nachbarländer, in der DDR oder der Sowjetunion zu Guerrillas ausgebildet.
1976 begann der ANC mit einer Serie von Bombenanschlägen auf Polizeiwachen, Bahnstationen, Elektrizitätswerke. Von 1980 an wählte man ehrgeizigere Ziele. Guerrilleros des ANC jagten Öltanks in die Luft, feuerten Raketen auf Militärbasen ab und versuchten 1982 gar, das im Bau befindliche Atomkraftwerk Koeberg in der Nähe von Kapstadt zu sprengen. 1983 explodierte vor einem Militärgebäude in Pretoria eine Autobombe, die 19 Menschen tötete und über 200 verletzte.
Seit 1984 spitzte sich die Lage weiter zu, der vom ANC geforderte Boykott Südafrikas durch fast die gesamte Welt traf die Wirtschaft schwer. Gewalt flammte auf und griff auf immer neue Städte über. Gruppen schwarzer Jugendlicher kämpften mit Steinschleudern und Benzinbomben gegen eine ebenso brutale Polizei. Das Markenzeichen der Jugendbanden wurde eine besonders grausame Hinrichtungsmethode, die "Halskrause": Tatsächlichen oder angeblichen schwarzen Kollaborateuren des Rassistenregimes wurde ein mit Benzin gefüllter Autoreifen übergeworfen und in Brand gesteckt.
Nun erinnerte sich die Regierung ihres inzwischen weltweit populären Gefangenen. In einer Ansprache vor dem Parlament erklärte Ministerpräsident Frederik Willem de Klerk 1990 die Bereitschaft der Regierung, Mandelas Freilassung "unter der Bedingung in Erwägung zu ziehen, daß Mr. Mandela sich voll und ganz verpflichtet, sich nicht der Planung, Anstiftung oder Vollstreckung von Gewaltakten schuldig zu machen". Mandela wurde in seiner - freilich inzwischen recht komfortablen - Gefängniszelle zur Schlüsselfigur für die Lösung der politischen Grundsatzfrage Südafrikas.
Es kam jetzt mehr denn je darauf an, sich nicht vom Apartheidregime mißbrauchen zu lassen. Seine Tochter Zindzi hatte bereits am 10. Februar 1985 im Stadion von Soweto eine Erklärung ihres Vaters verlesen, die mit den Worten endete: "Nur freie Menschen können verhandeln. Gefangene können keine Verträge abschließen."
Ein gefährlicher politischer Seiltanz begann, der den Ex-Häftling Mandela gut vier Jahre später ins Präsidentenamt der Republik Südafrika führte. Immer wieder drohte der Prozeß des friedlichen Übergangs an den radikalen Kräften beider Seiten zu scheitern. Auch innerhalb des Lagers der Schwarzen herrschte keineswegs Eintracht. Doch im April 1994 geschah schließlich das Wunder einer fast friedlichen Wahl. Ein strahlender Nelson Mandela verkündete vor dem Wahllokal, in dem er gerade zum erstenmal überhaupt seine Stimme abgegeben hatte, in die laufenden Fernsehkameras: "Wir beginnen eine neue Ära der Hoffnung, der Versöhnung und der Gründung einer Nation."
In Indien ging es politisch um die nationale Unabhängigkeit, in den USA und in Südafrika um rechtliche und soziale Gleichstellung der Schwarzen - in Polen war das Ziel die Befreiung von der kommunistischen Diktatur und der sowjetischen Vorherrschaft.
"Ich fuhr allein mit der Straßenbahn zum Streik", schrieb Arbeiterführer Lech Walesa in seinen Erinnerungen. "In den entscheidenden Augenblicken ist man meistens allein." Wieder ist da dieses Moment der einsamen Entscheidung vor dem Kampf. Auch das Motiv der seltsamen Begegnung zwischen dem Alltag und der Weltgeschichte taucht in den Erinnerungen der Beteiligten immer wieder auf: "Ich hatte die Sirenen schon zu Hause gehört und gewußt, daß alles anfing. Aber ich konnte nicht früher weg, weil ich noch aufräumen mußte", so Walesa.
Der Gewerkschafter fuhr an diesem 14. August 1980 von Geheimpolizisten beschattet zum Tor II der Danziger Lenin-Werft, seiner alten Arbeitsstelle, wo er allerdings seit Jahren Hausverbot hatte. Dort traf er auf eine aufgeregte Menschenmenge und viele Sicherheitskräfte. In der ganzen Stadt waren Flugblätter verteilt worden, die den Streik ankündigten. Polizisten kontrollierten scharf das Werktor. Walesa, der sich hier gut auskannte, bog nach rechts ab, erreichte an einer unbewachten Stelle das Betriebsgelände und kletterte über die Mauer.
Mit der Überwindung dieser Mauer erhielt die seit einigen Wochen schwelende politische Krise eine neue Dynamik, begann eine gefährliche Gratwanderung, die das Sowjetimperium in seine letzte große Systemkrise vor dem endgültigen Untergang stürzen sollte.
Der gewaltlose Massenprotest der Jahre 1980/81 in Polen war Resultat eines mühseligen Lernprozesses. Dort hatte der Kampf gegen fremde Herren eine lange Tradition. Seit 1795 hatte das Land sich immer wieder vergebens gegen die Teilungsmächte Rußland, Österreich und Preußen erhoben. Die polnische Hymne "Noch ist Polen nicht verloren" ist der symbolische Reflex auf diese nationale Erfahrung der immer wiederkehrenden Niederlagen. Die polnische Tradition war geprägt vom heroischen Pathos der Niederlage, nicht vom gewaltlosen Widerstand. Zuletzt hatten im Dezember 1970 die Arbeiter in den Industrie- und Hafenstädten an der Ostseeküste gegen die kommunistische Herrschaft rebelliert; der Aufstand war vom Militär blutig niedergeschlagen worden.
Walesa, der als junger Arbeiter diese Tage in Danzig miterlebt hatte, wollte zusammen mit seinen Freunden einen anderen Weg gehen. Seit Mitte der siebziger Jahre bereiteten sie die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft vor. Frontale Angriffe auf die Macht und gewaltsame Konfrontationen sollten vermieden werden. Insofern war das Prinzip der Gewaltlosigkeit ein Gebot der praktischen Vernunft, zudem geprägt von einer strengen katholischen Religiosität.
So trat das Danziger Streikkomitee anfangs mit relativ bescheidenen Forderungen an. Zunächst erlangte es die Wiedereinstellung der aus politischen Gründen entlassenen Kranführerin Anna Walentynowicz, später wurde die Forderung auf zwei weitere Kollegen ausgedehnt, von denen einer Lech Walesa war. Weiter ging es um die Errichtung eines Denkmals für die 1970 erschossenen Arbeiter und um eine relativ bescheidene Lohnerhöhung. Walesa wurde zum Streikführer bestimmt, weil er als Elektriker auf der Werft bekannt war und die Sprache der Arbeiter sprach. Am zweiten Tag schlossen sich die Danzig er Bus- und Straßenbahnfahrer dem Streik an, der nun im Stadtbild unübersehbar war. Auch in den Häfen stand alles still, auf der Reede von Danzig und Gdingen lagen zahlreiche Schiffe, die nicht entladen werden konnten.
In anderen polnischen Städten flackerten ebenfalls Streiks auf. Es fehlte nicht an Drohgebärden der Regierung, doch in Warschau war man geneigt, den Konflikt friedlich auszutragen und einen Teil der Forderungen zu erfüllen. Die Streikenden mußten sich vor Provokateuren hüten und vor Leuten, denen das alles zu langsam ging. Im Dezember 1970 waren nicht nur die Polizeiwachen und Parteikomitees, sondern auch die Schnapsbuden geplündert worden. Aufgrund dieser Erfahrungen hatte das Streikkomitee ein strenges Alkoholverbot erlassen.
Am Sonntag, dem 17. August 1980, trug Walesa ein riesiges Holzkreuz zu jener Stelle vor dem Werktor, an der im Dezember 1970 die Miliz auf die Arbeiter geschossen hatte und an der nun ein Denkmal gebaut werden sollte. Anschließend fand ein Gottesdienst statt. Die Bilder von Priestern in vollem Ornat, die auf dem Werksgelände knienden Arbeitern die Beichte abnahmen, gingen um die Welt. Von einer "Revolution auf den Knien" war die Rede. Wie man die Rolle der Kirche auch letztlich beurteilen mag, sie war in jenen Tagen ein stabilisierender Faktor.
In der Nacht zuvor war ein "Überbetriebliches Streikkomitee" gegründet worden, das einige Tage später die berühmten "21 Forderungen" formulierte. Es handelte sich dabei um eine Mischung aus rein ökonomischen und gemäßigten politischen Forderungen wie Freilassung politischer Gefangener und Zulassung unabhängiger Gewerkschaften. Vom Sturz der Parteiherrschaft oder der Herauslösung Polens aus dem östlichen Bündnissystem war nicht die Rede. Dennoch unterzeichneten die Regierungsvertreter erst nach zähen Verhandlungen am 31. August 1980.
Mit der Anerkennung der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarność" akzeptierte erstmals eine regierende kommunistische Partei die Einschränkung ihres Machtmonopols. Dieses "Wunder von Danzig" war auf friedlichem Weg durchgesetzt worden. Walesa dankte allen, "die es nicht zugelassen haben, diese Frage mit Gewalt zu entscheiden", und erklärte: "Wir haben uns ausschließlich in Gesprächen und Verhandlungen, mit kleinen Zugeständnissen, verständigt, so wie ein Pole mit dem anderen, und so sollte es immer sein."
Doch es blieb nicht immer so. 16 Monate später verhängte General Jaruzelski das Kriegsrecht, verbot die Solidarność, ließ Walesa und Tausende andere Gewerkschaftsfunktionäre und Sympathisanten verhaften. Aber der Verfall des Sozialismus war nicht mehr aufzuhalten; im Februar 1989 wurde in Polen der erste Runde Tisch einberufen. Und wieder diente als Integrationsfigur Lech Walesa. Ein Regime, das seit Dezember 1981 seine Macht auf Ausnahmegesetze gründete, war gezwungen worden, den Weg friedlicher Verhandlungen mit der Opposition einzuschlagen. Auch für alle jene, die in der DDR auf Veränderungen hofften, waren diese Nachrichten aus Polen ein gutes Zeichen.
Als am Abend des 8. Oktober 1989 die Teilnehmer einer Informationsandacht in der Gethsemanekirche im Ost-Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg friedlich die Kirche verließen, um nach Hause zu gehen, ertönten plötzlich scharfe Polizeipfiffe. Aus Lastkraftwagen sprangen Bereitschaftspolizisten und begannen, das gesamte Terrain um die Kirche abzuriegeln. Aus den Lautsprechern der Polizeiautos tönte es immer wieder blechern: "Sie befinden sich in einer nichtgenehmigten Demonstration. Räumen Sie die Straße!"
Das hätten die meisten nur zu gern getan, doch in alle Richtungen war der Weg versperrt. Als sei dies beabsichtigt gewesen, stauten sich zu beiden Seiten der Absperrketten die Menschen und brachten den Verkehr auf der Schönhauser Allee zum Erliegen. Dann begann eine Prügelorgie der Polizei. In das Geschrei der aufgebrachten Menge und die ständigen Polizeidurchsagen mischte sich das Glockengeläut der Gethsemanekirche.
Immer wieder riefen die Menschen "Keine Gewalt!" Das war an die Gegenseite gerichtet, doch auch eine Aufforderung an die eigenen Leute, sich nicht provozieren zu lassen. Viele flohen zurück auf die Stufen der Kirche, wo seit Tagen die Kerzen einer Mahnwache brannten. Dort sangen sie mit demonstrativer Betonung der Textzeile "Die Internationale erkämpft das Menschenrecht" das Lied von den "Verdammten dieser Erde".
Und als die knüppelnde Polizei sich zurückzog, hoben sich die Hände zum Siegeszeichen, und die Menge stimmte den Song der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung an: "We Shall Overcome".
Von Stefan Wolle

DER SPIEGEL 12/1999
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Spiegel des 20. Jahrhunderts:
„We Shall Overcome“