22.03.1999

TÜRKEIGranaten statt Golf

Der türkischen Riviera droht ein heißer Sommer: Zum Prozeßbeginn gegen Kurden-Chef Öcalan kündigt die PKK Terror gegen Touristenzentren an.
Nach einem Blick auf die Bilder mit dem toten Taxifahrer beschloß der Hotelier Cem Uzan, für ein paar Tage aufs Fernsehen zu verzichten. Vor einem Istanbuler Kaufhaus war eine Bombe explodiert, die Nahaufnahmen vom zerfetzten Körper des Fahrers nahmen Uzan mit: "Da wußte ich, jetzt geht''s los."
Über 200 Stornierungen ängstlicher Touristen hatte der Manager des luxuriösen Gloria-Golf-Resorts im südtürkischen Belek gleich nach der spektakulären Entführung des PKK-Chefs Abdullah Öcalan durch eine türkische Sondereinheit hinnehmen müssen. Seit am 13. März bei einem Anschlag in einem Istanbuler Einkaufszentrum 13 Menschen ums Leben kamen, folgten mehr als 1000 weitere Absagen, Tendenz steigend.
Die ganze Türkei, hatte das "Hauptquartier der Volksbefreiungsarmee Kurdistans" am vergangenen Montag verlautbaren lassen, sei von nun an "Kriegsgebiet" - Touristenzonen eingeschlossen. Prompt meldeten sich allein beim Kölner Reiseveranstalter ITS binnen 24 Stunden 400 Kunden und baten um Umbuchung. Branchenriesen wie TUI, NUR und LTU sahen sich gezwungen, kostenlose Änderungen zu akzeptieren.
Da die deutsch-türkischen Beziehungen durch den Streit um die rechtsstaatliche Behandlung des "europäischen Problems" Öcalan (Bundeskanzler Gerhard Schröder) angespannt sind, mochte das Bonner Auswärtige Amt noch nicht generell vor Reisen in die Türkei warnen. Die Diplomaten rieten lediglich, Sicherheitshinweise der Veranstalter "unbedingt zu befolgen".
Für die verunsicherten Urlauber ist es nur ein schwacher Trost, daß die deutschen Experten nicht mit gezielten Anschlägen auf Touristen rechnen, vorerst zumindest. Die PKK, die sich in Europa seit den Krawallen nach Öcalans Festnahme zurückhält, hofft auf politische Unterstützung der Europäischen Union. Da verbieten sich Attentate.
* In den Kalkterrassen.
Das Ziel der jüngsten Offensive, glaubt das Bundeskriminalamt, bestehe auch darin, lediglich eine "wirksame Drohkulisse" aufzubauen, um Touristen abzuschrecken. Allerdings gehen die Sicherheitsexperten davon aus, daß die PKK immer mal wieder Anschläge "in Städten mit hoher Tourismusdichte" begehen werde, um ihre "Ernsthaftigkeit" zu beweisen. Erst am vergangenen Donnerstag forderte ein Anschlag mit Handgranaten in Istanbul erneut Opfer und nährte Ängste in Almanya. Zu den Aktionen bekennen sich Gruppen, die unabhängig von der PKK agieren und sich "Kurdische Nationale Rachebrigade" oder, nach der Kurzform von Abdullah, "Die Rachefalken Apos" nennen.
Die schon im letzten Jahr schwer getroffenen türkischen Hoteliers und Reiseveranstalter wie Vural Öger fürchten um die Branche. Der Hamburger Unternehmer, mit 800 000 Türkeiurlaubern führend, wollte vergangene Woche im Gloria-Hotel "nur ein paar Runden Golf spielen".
Doch nach den Drohungen der PKK machte sich Öger auf den Weg nach Ankara zum Gespräch mit Ministerpräsident Bülent Ecevit. Vor allem die Art und Weise, wie türkische Spezialteams den Kurdenführer auf Fotos und Videos in demütigenden Posen vorgeführt hätten, so Öger, sei eine "völlig unnötige Provokation". Das könne sich eine diktatorisch regierte "Bananenrepublik leisten, nicht aber ein Land, das an der Schwelle zu Europa steht".
Die erste Verhandlung gegen Öcalan soll bereits am Mittwoch beginnen - falls der Gerichtssaal auf der Gefängnisinsel Imrali fertig wird. Womöglich wird der PKK-Chef für die ersten Prozeßtage aber auch vor das Staatssicherheitsgericht nach Ankara gebracht. In jedem Fall, behauptet Tourismusminister Ahmet Tan, seien die Urlaubsgebiete sicher: Sein Land habe "20 Jahre Erfahrung in der Terrorismusbekämpfung".
Die Schuld an dem Einbruch in einem der wichtigsten Wirtschaftszweige sieht Tan im laxen Umgang des Westens mit der PKK: Würden der in Großbritannien ansässige Kurdensender Med-TV, die PKKnahe Nachrichtenagentur DEM aus Köln und die in Frankfurt am Main erscheinende Zeitung "Özgür Politika" nicht täglich vor Türkeireisen warnen, brauchten sich die Hoteliers in Marmaris, Bodrum und Antalya keine Sorgen zu machen.
Am vergangenen Donnerstag wurden der deutsche Botschafter Hans-Joachim Vergau und sein britischer Kollege ins türkische Außenministerium bestellt. Ankara verlangt, daß London und Bonn die Kurdenpresse zum Schweigen bringen - Terrorbekämpfung auf türkisch.
GEORG MASCOLO, BERNHARD ZAND
* In den Kalkterrassen.
Von Georg Mascolo und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 12/1999
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