22.03.1999

SCHLAGERSingender Wahnsinn

Die Disqualifikation der blinden Sängerin Corinna May macht den Schlager-Grand-Prix erneut zum Medienereignis - zur Freude der Musikbranche.
Wunden gibt es immer wieder: Ein Außenseiter gewinnt die deutsche Vorausscheidung zum Eurovisions-Grand-Prix, Freudentränen fließen, die Vorbereitungen für das internationale Wettsingfinale laufen. Und dann das: Das Siegerlied war ein paar Jahre zuvor schon einmal veröffentlicht worden - ein klarer Verstoß gegen die Grand-Prix-Regeln. Der Künstler wird nachträglich disqualifiziert.
Der gescheiterte Sieger hieß Tony Marshall, der Rauswurf liegt 23 Jahre zurück: 1976 schied der Schunkel-Barde wegen des Formfehlers aus. Zum Finale fuhren statt dessen die zweitplazierten Les-Humphries-Singers. Und ihr Produzent - Ralph Siegel.
Jetzt wiederholt sich die Farce als Tragödie. Die Opferrolle ist besetzt mit Corinna May. 230 217 Anrufer hatten die blinde Sängerin zur Siegerin der Vorausscheidung gekürt, und hinter der Bühne freuten sich Boulevardreporter: "Eine blinde Blondine - für Deutschland in Israel, perfekt." Doch dann wurde May, 28, letzte Woche vom Veranstalter der Schlager-Sause, dem NDR, ausgemustert - weil der Komponist ihre Schnulze "Hör den Kindern einfach zu" zwei Jahre zuvor schon einmal veröffentlicht hatte.
Im Nachrückverfahren rutschte die türkisch-deutsche Formation Sürpriz auf Platz 1 und soll jetzt Deutschland beim Finale Ende Mai in Israel vertreten. Sürpriz ist neu, ihr Produzent ein alter Bekannter: Grand-Prix-Veteran Ralph Siegel ("Ein bißchen Frieden"), inzwischen 53.
Auch Wunder gibt es eben immer wieder, doch wundersam war nicht so sehr das Comeback des ewigen Siegel. Vielmehr frohlockten die Grand-Prix-Macher, daß ihre Freakshow auch im Jahre eins nach Guildo Horn viele Deutsche in einen Gefühlsrausch aus echter Begeisterung, Ekel und Mitleid versetzt. Mögen Finanzminister und EU-Kommissare zurücktreten - die Masse fühlt mit Verlierern, die richtig trauern können. "Blinde Corinna weint und weint", rapportierte "Bild".
Auch Michael Kucharski, Promotionleiter bei Mays Plattenfirma Polydor, ist nicht glücklich: "Wir hätten vor 1,5 Milliarden Menschen auftreten können." Doch auch so starte May "granatenmäßig". In dieser Woche kommt ihre CD in die Charts.
"Für den Werbeeffekt hätten sie sonst mindestens 800 000 Mark hinblättern müssen", sagt der Münchner Musikverleger Hans R. Beierlein ("Naabtal-Duo"), ein in Fachkreisen hochgeschätzter Zyniker. "Die sollten das Geld einem wohltätigen Zweck zuführen - vielleicht einem Fonds für blinde Sängerinnen." Beierlein zufolge war die Affäre das beste, was der May passieren konnte: "Glückliche Corinna, man hat dich daran gehindert zu verlieren."
Aber auch Siegel habe mit seiner Combo im Finale keine Chance, glaubt Beierlein. "Welcher Ire steht schon auf deutschtürkische Zweipaß-Nabeltänzerinnen?"
Dabei war bis zum vergangenen Freitag, dem Meldeschlußtag für das Wettsingen in Israel, noch nicht mal sicher, ob Siegel dort überhaupt antreten darf: Auch er wird beschuldigt, einen eigenen Uralt-Titel recycelt zu haben; trotz der Vorwürfe ist Sürpriz nominiert worden. Allerdings heißt es beim NDR: "Wir prüfen weiter."
Doch egal, was noch passiert, der Norddeutsche Rundfunk steht schon jetzt als Gewinner fest. Seit drei Jahren betreut der NDR-Redakteur Jürgen Meier-Beer die vorher zur bedeutungslosen Zombie-Bühne heruntergekommene Grand-Prix-Sendung. Die Musik ist seitdem nicht besser geworden, dafür läuft jetzt die PR-Maschine drumherum wie geschmiert. Am Freitag vorvergangener Woche verfolgten am Ende 7,6 Millionen Zuschauer die Vorausscheidung - trotz oder gerade wegen Auftritten wie dem von Megasüß und ihrem Tampon-Titel "Ich habe meine Tage". Menstruation für Millionen?
"Das Ziel ist erreicht", sagt Meier-Beer, der Grand Prix habe wieder "den Rang, der ihm zukommt", womit er irgendwie recht hat. Die Chronik des singenden Wahnsinns hat er jedenfalls professionell verarbeitet: "Nur weil ich mit Verrückten zu tun habe, muß ich ja nicht selbst einer werden."
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, MARTIN WOLF
Von Konstan von Hammerstein und Martin Wolf

DER SPIEGEL 12/1999
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