22.07.2013

Oma gesucht

GLOBAL VILLAGE: Wie junge jüdische Einwanderer und alte Holocaust-Überlebende gemeinsam die Einsamkeit bekämpfen
Zitternd bewegt sich die Maus über den Bildschirm, Jenny Rosenstein klickt einmal, dann hat sie auf Facebook eine Freundschaftsanfrage an Jonathan Josephs geschickt. Josephs sitzt währenddessen an ihrem Küchentisch, er wischt auf dem Display seines Mobiltelefons herum, um die Anfrage zu bestätigen. Sie sind jetzt auch Freunde auf Facebook, im richtigen Leben sind sie es bereits. Eine seltene Freundschaft, auf den ersten Blick.
Jenny Rosenstein ist 78 Jahre alt, eine zierliche Frau mit geblümter Bluse, schwarzen Lackpantoffeln und Amethyst-Ohrringen. Zu ihren Füßen sitzt Nana, ihr Cocker-Pudel. "Da", sagt sie und deutet auf alte Fotos an ihrer Wohnzimmerwand. "Ich habe früher ausgesehen wie Romy Schneider."
Sie wurde 1935 in Czernowitz geboren, das damals zu Rumänien gehörte und heute Teil der Ukraine ist. Mit 15 Jahren kam sie per Schiff nach Tel Aviv. Sie ist ein sogenanntes Schoah-Kind: Sie wuchs im Ghetto auf und hat im Holocaust ihre Kindheit und einen Großteil ihrer Familie verloren.
Jonathan Josephs ist 27 Jahre alt, auch er ist Jude, geboren in England, aufgewachsen in Frankreich. Vor einem Dreivierteljahr ist er nach Israel ausgewandert, er arbeitet jetzt in einer Kanzlei für Vertragsrecht in Tel Aviv. Nur hier, sagt er, fühle er sich als Teil von etwas Größerem.
Beide haben Europa den Rücken gekehrt, um für immer in Israel zu leben, das verbindet sie. Er hat seine Familie zurückgelassen, sie wünscht sich einen Enkel, mit dem sie reden kann. Zusammengeführt hat die beiden die Organisation Adopt-a-Safta. Safta, das heißt auf Hebräisch Oma. Die Idee ist, dass junge Immigranten sich um alte Holocaust-Überlebende kümmern, denn beide haben dasselbe Problem: Sie sind einsam.
In Tel Aviv leben etwa 10 000 junge jüdische Zuwanderer aus aller Welt; allein im vorigen Jahr zogen 17 000 Juden nach Israel, sie kommen vor allem aus Europa, Russland, Äthiopien und den USA.
192 000 Holocaust-Überlebende gibt es in Israel, im Durchschnitt sind sie 84 Jahre alt. Etwa die Hälfte von ihnen ist sehr einsam, wie die Umfrage einer Stiftung für Holocaust-Opfer ergab. Viele haben als Kinder oder Jugendliche die Schoah überlebt, die Traumata haben sie versehrt; sie sind öfter chronisch krank und leiden häufiger unter Angstzuständen.
Einmal, manchmal zweimal die Woche besucht Jonathan Josephs seine Adoptiv-Oma. Jenny Rosenstein zieht sich dann die Lippen nach, manchmal kocht sie Kaffee. Kuchen mag sie nicht. Dann setzen sie sich an den Tisch, und Rosenstein erzählt von damals, von der Zeit im Ghetto.
"Das Reden macht mich leichter", sagt Jenny Rosenstein in diesem altmodischen, schönen Deutsch, das die Vokale weich dehnt. Erst seit ein paar Jahren kann sie darüber reden, was ihr als Kind im Ghetto von Mogiljow-Podolski widerfahren ist - dorthin wurden die Juden aus Czernowitz deportiert. Jahrzehntelang war sie in psychiatrischer Behandlung.
Nie hat sie mit ihrer Familie über ihre Erlebnisse im Ghetto gesprochen, nicht mit ihrem Mann, als er noch lebte, nicht mit ihrer Tochter. Sie hat ihnen nicht erzählt, dass sie sich nach ihrer Ankunft in Israel das Haar dunkelbraun färbte, weil sie sich schuldig fühlte, überlebt zu haben. Weil ihr Haar blond war, das ihrer Eltern und ihrer Schwester aber dunkel. "Die Deutschen dachten, ich wäre aus einer arischen Familie gestohlen worden." Mehr als 20 Jahre lang färbte sie ihr Haar dunkel, als würde sie Trauer tragen.
Wenn Jenny Rosenstein erzählt, wie sie sich davor geekelt hat, die Zähne der Ermordeten zusammenzukehren, schwenkt Jonathan Josephs verlegen sein Wasserglas. Sie habe die Ameisen so beneidet, sagt Rosenstein. Die Ameisen konnten das Ghetto verlassen.
Eiswürfelklicken. Das Zuhören schmerzt. Und gleichzeitig fühle er sich privilegiert, sagt Jonathan Josephs. Nicht mehr viele Menschen hören die Geschichten der Holocaust-Überlebenden aus erster Hand. Wenn Jenny Rosenstein über ihre Vergangenheit redet, weiß er, dass es richtig war, nach Israel zu ziehen. Es klingt nicht pathetisch, wie er das sagt.
Jonathan Josephs besitzt die britische und die französische Staatsbürgerschaft; seine Familie lebt in Montpellier. Seine Freunde waren entsetzt, als er ankündigte, er werde nach Israel auswandern. Du wirst im Bombenhagel sitzen, sagten sie. Unsinn, antwortete er.
Er war keine zwei Wochen in Israel, da saß er tatsächlich im Bunker. Das war im vergangenen November, die Hamas feuerte Raketen vom Gaza-Streifen bis nach Tel Aviv.
Neben ihm im Bunker saß an diesem Nachmittag eine alte Frau, sie sagte: "Ich bin vor den Nazis geflohen und fürchte immer noch um mein Leben." Besonders erschrocken klang sie allerdings nicht. Das Schlimmste, sagte sie dann, seien für sie weder Gewalt noch Krieg. Das Schlimmste sei die Einsamkeit. Tage später meldete sich Jonathan Josephs als Freiwilliger bei Adopt-a-Safta.
Mittlerweile kümmert er sich sogar um zwei israelische Adoptiv-Großmütter, die er regelmäßig besucht. Und er hat jetzt auch eine Freundin, Talia Jannai, die er bei der Schulung für die freiwilligen Helfer kennengelernt hat. Macht fast eine ganze Familie.
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 30/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Oma gesucht

  • Ex-Mitarbeiterin des Nationalen Sicherheitsrates der USA: "Das ist die traurige Wahrheit"
  • SpaceX: Video zeigt Explosion von "Starship"-Raumtransporter
  • Hongkong vor der Wahl: "Die Lage kann sich sofort wieder zuspitzen"
  • Schwimmende Insel: Party auf 700.000 Plastikflaschen