29.07.2013

Süden

HOMESTORY Warum es ein großer Irrtum ist, den Sommer am Mittelmeer verbringen zu müssen
Nachts, wenn hier relativ kühler Wind in die Zimmer bläst, summt manchmal mein Telefon. Auf dem Schirm leuchten dann Nachrichten wie: "Bin total zerstochen, das Moskitonetz hilft nichts." Oder: "Schlaf unmöglich, 30 Grad trotz Dunkelheit." Oder: "War beim Fischer. Null im Netz, heute wieder Spaghetti."
Die Nachrichten kommen von meiner Frau, sie verbringt die Ferien mit den Kindern am Mittelmeer auf einer kleinen Insel vor Sizilien, und dass ich nicht dabei bin, liegt nicht an meinem Chef, sondern an mir. Im Hochsommer halte ich das Mittelmeer für eine Katastrophenzone.
Eigentlich sind meine Frau und ich uns einig in dieser Frage, aber dann wird es ja immer März, der Winter dauert ewig, schließlich murmelt sie Anfang April in das Knattern des Teekochers hinein, dass sie für sich und die Kinder schon Easy-Jet-Flüge gebucht habe. Sooo günstig. Und überhaupt - der Sommer am Mittelmeer.
"Die Hölle mit Sonnenöl", sage ich.
"Du kannst es dir überlegen", sagt sie. "Ich habe dir einen Flug mitgebucht."
Früher habe ich mich überreden lassen, dieses Jahr nicht.
Ich bin nicht besonders stolz darauf, denn es ist ja bekannt, warum das Mittelmeer im Sommer ein Abenteuerurlaub der besonderen Art ist. 350 Millionen Touristen mit Adiletten und roten Schultern, die sich fest vorgenommen haben, die schönsten Tage des Jahres dort zu verbringen. Mit Temperaturen, bei denen sie zu Hause den Notarzt rufen würden.
Das Problem mit meiner Frau und mir ist, dass wir das alles wissen, aber es trotzdem diesen Sog gibt nach dem Süden. Das Mittelmeer ist in uns drin. Irgendwie.
Ich nehme an, es hat mit der Zeit zu tun, in der wir aufwuchsen, damals in den siebziger Jahren, als in Deutschland das Wirtschaftswunder noch nachbrummte, die Menschen früh aufstanden, früh ins Bett gingen und für ein Gartentor aus Schmiedeeisen sparten.
Der Süden war anders. Um zehn Uhr abends, wenn in deutschen Schlafzimmern das Licht gelöscht wurde, erschienen in Italien die Menschen zum Dinner, feingemacht, "fare una bella figura" nannten sie das. Oft zog man weiter - auf eine Terrasse, an den Strand, bis zu einem Zeitpunkt, an dem in Deutschland wieder die Wecker zur Arbeit klingelten.
Es war, so seltsam das klingt, alles ein wenig improvisiert, zufällig, spontan. Der Zauber lag darin, dass die Räume weit offen waren wie das Meer, der Tourismus sich gerade erfand. Auf Ibiza, zum Beispiel, gab es vier richtig große Discos. Vier.
Vorbei. Vor drei Jahren bin ich vom Flughafen hineingefahren nach Ibiza-Stadt. Billboards groß wie in Las Vegas sah ich, nur dass auf ihnen nicht für Marlboro oder Ford geworben wurde, sondern für Plattenaufleger wie Paul van Dyk oder DJ Tiesto. Sie sind die Könige der Insel, und wer sie sehen will, muss Schlange stehen, wie am Gate im Flughafen, am Taxistand, am Check-in zum Hotel. Wenn 350 Millionen Menschen sich in eine Himmelsrichtung bewegen, heißt es eben vor allem: warten. Warten; warten - bis man drankommt.
Der Rest ist ebenfalls ähnlich wie zu Hause im Einkaufszentrum. Kinder, die nach Eiscreme quengeln. Teenager, die sich für ihre Eltern schämen. Mütter, die nach Mückenschutzmitteln Ausschau halten und dabei ihre Männer zusammenstutzen, weil sie das Auto so weit weg geparkt haben, dass man laufen muss.
Laufen? Im Urlaub?
Möglicherweise ist der Ausflug von 350 Millionen Menschen ans Mittelmeer nichts weiter als ein gigantisches Missverständnis. Eines, das es mit der Erfindung der Dreiviertelhose aufnehmen kann, jenem seltsamen Kleidungsstück, in dem selbst James Bond aussehen würde wie ein Hanswurst.
Denn den Gedanken, dass man den Sommer in der erbarmungslosen Sonne rund ums Mittelmeer verbringen könnte, erfanden ein paar reiche Nordamerikaner, die zu faul, zu matt oder zu betrunken waren, um nach der Wintersaison an der Côte d'Azur rechtzeitig den Rückzug nach New York oder Boston anzutreten. Einer davon war der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald.
"Zehn, zwölf Droschkenkutscher dösten in ihren Fuhrwerken vor dem Bahnhof von Cannes. Drüben auf der Promenade kehrten die vornehmen Geschäfte und großen Hotels der sommerlichen See blinde, eiserne Masken zu. In dieser Atempause zwischen den Lustbarkeiten des vergangenen und des kommenden Winters, während oben im Norden das wahre Leben toste", schreibt Fitzgerald in seinem Roman "Zärtlich ist die Nacht" über den Sommer am Meer.
Fitzgerald und seine Leute entschieden sich für die Leere und die Stille und die Hitze, weil sie nicht so sein wollten wie die meisten. Bizarrerweise wurde daraus der Traum von 350 Millionen Menschen pro Jahr.
Möglicherweise ist es an der Zeit, das Spiel wieder umzudrehen. Ich freue mich auf die letzten Tage im Oktober mit meiner Frau.
Am Mittelmeer. Kühle Nächte. Sonne, in der man nicht schwitzt. Mückenschutz und Dreiviertelhosen nicht mehr auf Lager seit der dritten Woche im August.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 31/2013
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