29.07.2013

GLOBALISIERUNGDie dunkle Seite des Kults

Apple verlegte Teile seiner Produktion von der Skandalfirma Foxconn zu anderen Herstellern in China. Dort soll es nun noch schlimmer zugehen.
Tim Cook hat schon einiges dafür getan, ein besserer Mensch zu werden. Oder wenigstens wie ein besserer Mensch auszusehen. Noch im vergangenen Jahr flog der Apple-Boss persönlich nach China, um sich bei seinem umstrittenen Zulieferer Foxconn umzusehen. Die Berichte über miese Arbeitsbedingungen, über schlechte Bezahlung der Wanderarbeiter und über eine Selbstmordwelle waren für das Image von Apple nicht gerade hilfreich.
Deshalb versprach Cook Besserung und sah sich nach neuen Fabriken um, wo seine iPads, iPhones und Computer künftig produziert werden könnten. Einer von Apples neuen Helfern ist der Elektromulti Pegatron aus Taiwan, der in China mehrere Fabrikstandorte unterhält. Doch dort, so scheint es nun, geht es den Arbeitern noch schlechter als bei Foxconn.
Ein Bericht der Arbeitsschutzorganisation China Labor Watch (CLW), der unter dem Titel "Apples gebrochene Versprechen" diese Woche veröffentlicht werden soll, zieht ein ernüchterndes Fazit: So sollen über 10 000 Schüler und Studenten in Partnerfabriken von Apple schuften, etliche "Praktikanten" sind zwischen 16 und 18 Jahre alt. Einen Teil ihres Lohns streichen Schulen oder Lehrer ein. Eine angehende Vorschullehrerin etwa musste einen Halbjahresvertrag unterschreiben. Derlei akademische Leiharbeit ist in China nicht selten.
Der anklagende Bericht basiert auf den Recherchen von mehreren CLW-Zuträgern, die selbst undercover in Fabriken gearbeitet haben, wo Apple-Computer, iPads und iPhones hergestellt werden. Die eingeschleusten Arbeiter führten über 200 Interviews mit Kollegen. Und sie stießen auf skandalöse Missstände.
Die Arbeitszeiten sind offenbar oft viel zu lang, die Schichten gehen teils über zwölf Stunden, teils sieben Tage die Woche, mit oft mehr als 80 Überstunden pro Monat. Aber ein betrügerisches Abrechnungssystem kaschiere die wahren Zahlen, heißt es. Die Sicherheitsstandards seien zudem mangelhaft, in vielen Fabrikhallen fehlen laut CLW taugliche Fluchtwege. Selbst schlichte Erste-Hilfe-Sets waren oft nicht zu finden.
Weiterer Vorwurf: Die Zahl der Krankheitstage pro Monat werde begrenzt, heißt es im Bericht; nach sieben Tagen außer Dienst werde kein Krankengeld mehr gezahlt.
Einige der Beschäftigten müssen an ihren Arbeitsplätzen den ganzen Tag stehen, auch Schwangere und Minderjährige müssen laut CLW weit länger als acht Stunden pro Tag arbeiten. Bei der Einstellung würden Uiguren, Tibeter und Arbeiter mit Tätowierungen rigoros aussortiert. Über 36 Verstöße gegen chinesische Gesetze zählt CLW auf.
In einer Fabrik sei Arbeitern das Verlassen des Geländes erschwert worden, indem man ihnen ihre Personaldokumente abgenommen habe, bis Apple schließlich interveniert sei, erzählt ein Informant.
Der US-Konzern wollte sich bis zum vergangenen Freitag nicht zu den Vorwürfen äußern.
Eine der Pegatron-Fabriken liegt im Osten von Shanghai auf halbem Weg zum Flughafen Pudong. Das riesige Karree wirkt wie ein eigener Stadtteil aus Produktionshallen, Bürotürmen und Schlafsälen. Rund 100 000 Menschen arbeiten hier nach Schätzungen des Arbeiters Li Jun(*).
Der 25-Jährige sieht wie ein ganz normaler College-Student aus, mit Jeans, Karohemd und gepflegten Händen. Sachlich und kühl berichtet er von zwölfstündigen Arbeitstagen, jeweils von neun Uhr früh bis neun Uhr abends. Nicht bezahlt würden 50 Minuten für das Mittag- und 40 Minuten fürs Abendessen. Acht der zwölf Stunden würden als Kernarbeitszeit gelten und mit je 10 Yuan (1,20 Euro) abgegolten, die verbleibenden zweieinhalb Überstunden sowie Wochenendschichten mit je 15 Yuan (1,80 Euro). Li ließ sich als ungelernter Anfänger einstellen, sein Monatsgehalt betrug 3200 Yuan (392 Euro).
Eines der Hauptprobleme, sagt er, sei das chronische Gedränge und die damit verbundenen Wartezeiten, beispielsweise bei der Essensausgabe oder der Sicherheitskontrolle: "Ich musste jeden Tag um sieben aufstehen und kam nie vor zehn Uhr abends in den Schlafsaal zurück."
Li hat für CLW auch in anderen Fabriken recherchiert, doch nirgendwo sei ihm vom ersten Tag an ein derart rüder Ton entgegengeschlagen wie bei Pegatron. In China herrscht auf der Straße oft ein
rauer Umgangston, aber das Pegatron-Geschnauze sei härter als alles, was er kenne: "Es gibt ein paar ordinäre Wörter, die von den Gruppenführern dort permanent verwendet werden: ,Cao ni ma' (Fick deine Mutter), ,sha bi' (dumme Fotze) oder ,Verpiss dich doch, wenn du hier nicht arbeiten willst!'"
Besonders demütigend empfänden die Arbeiter, dass sie vor allem bei den (unbezahlten) Appellen jeden Morgen und jeden Abend öffentlich beschimpft würden. "Diese Appelle laufen ab wie beim Militär, die Arbeiter stehen in der Reihe, der Gruppenführer brüllt auf sie ein."
Manche waren offenbar so schockiert von diesem Ton, dass sie allein deshalb gekündigt haben. Das Problem dabei: Wer kürzer als ein Dutzend Tage bei Pegatron gearbeitet hat, bekommt oft gar kein Geld, bilanziert der CLW-Bericht.
Möchte sich ein Arbeiter beschweren, stehen ihm eine Hotline sowie ein Beschwerdebriefkasten zur Verfügung. Aber während seiner 40 Tage bei Pegatron habe es niemand gewagt, die Nummer anzurufen, erzählt Li; im Beschwerdebriefkasten habe er einzelne Briefe liegen sehen, allerdings seien die nie abgeholt worden. Es gebe keine Gewerkschaft in der Fabrik und keine Organisation, welche die Aufgaben eines Betriebsrats erfülle.
Auch Ma Liu(*) war undercover unterwegs. Er besuchte in der Stadt Suzhou eine Fabrik namens AVY Precision Technology, auch sie Teil des Pegatron-Imperiums. Die Aufgabe von Ma war es, die Rückseite des iPads auszufräsen, Löcher für die Kopfhörerbuchse und das Apple-Logo zu bohren sowie die Kanten abzuschleifen.
Es war extrem laut, es stank nach Chemikalien und es gab keine Erste-Hilfe-Koffer. Auch als er sich an einer Fräskante zwei Finger aufschnitt und stark blutete, durfte er angeblich nicht den Arbeitsplatz verlassen, um sich verbinden zu lassen. Stattdessen dauerte es 40 Minuten, bis die Gruppenleiter ihm ein Stück industrielle Klebefolie gaben, um seine Wunden zu verbinden - und ihn dann aufforderten weiterzuarbeiten.
Ma ist ein erfahrener Arbeitsschutzrechtler, der in über 80 Betrieben recherchiert hat. AVY Precision Technology sei der problematischste Betrieb, den er je begutachtet habe. Die Mitarbeiter leisteten dort teils 136 Überstunden pro Monat, sagt er. "Pegatron ist dabei, die Fehler zu wiederholen, die Foxconn früher machte", sagt Ma. "Wie soll das auch anders sein, wenn Fabriken von 10 000 Beschäftigten um das Zehnfache expandieren?"
"Apple hat diese Fabriken gewählt, weil sie zu noch geringeren Kosten produzieren - aber den Preis dafür zahlen die Arbeiter", sagt Li Qiang, der von New York aus die Arbeit von CLW koordiniert.
"Wir halten uns in allem an die lokalen Gesetze", antwortet dagegen ein Pegatron-Sprecher auf die Anschuldigungen: "Der besondere Schutz unserer Mitarbeiter ist unsere oberste Priorität."
* Namen von der Redaktion geändert.
Von Hilmar Schmundt und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 31/2013
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