29.07.2013

ENERGIEWENDEMöwen statt Stahlträger

Die Offshore-Branche galt als Hoffnungsträger für die Küste. Nun kämpfen etliche Firmen ums Überleben. Ist der Windboom schon vorbei?
Das neue Kraftwerk ist ein Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst. In nur 14 Monaten haben Experten draußen auf See, 15 Kilometer vor Borkum, Dutzende gigantische Rotoren im Meeresboden verankert. Die 150 Meter hohen Windräder des Offshore-Windparks "Riffgat" funktionieren tadellos. Sie sollen klimafreundlichen Strom für 120 000 Haushalte liefern. Riffgat sollte ein Meilenstein der deutschen Energiewende werden.
Die Einweihung des ersten kommerziellen deutschen Windparks in der Nordsee am Samstag kommender Woche wird allerdings bescheiden gefeiert. Kanzlerin Angela Merkel hat abgesagt. Auch die CDU-Politiker Umweltminister Peter Altmaier und EU-Energiekommissar Günther Oettinger zögern, der Einladung des Oldenburger Energieunternehmens EWE zu folgen.
Denn Riffgat hat einen Schönheitsfehler: Dem Windpark fehlt noch ein Teil der Stromleitung zum Festland. Statt Energie zu produzieren, verbraucht Riffgat erst einmal welche. Die Rotoren müssen über Dieselaggregate mit Strom versorgt werden, ansonsten würden sie in der Salzluft korrodieren.
Verantwortlich für das Fehlen der Leitung ist der Netzbetreiber Tennet, EWE verliert wegen der Verzögerung Millionen Euro, die fälligen Entschädigungen werden letztendlich auf die Stromkunden abgewälzt. Statt zum Vorzeigeprojekt ist Riffgat nun zum Symbol der verfehlten Offshore-Politik der Regierung geworden.
Die Deutschen setzten auf Windparks auf See, weil der Wind dort konstant bläst und weil keine Fläche an Land verbraucht wird. Sie wollten zudem noch vermeiden, den Ausblick vor den Ferieninseln zu verschandeln. Deshalb stehen die Parks, anders als in England oder Dänemark, nicht nahe an der Küste.
Das war für Ingenieure lösbar, die Lösungen waren allerdings sehr teuer. Angesichts hoher Stromrechnungen wuchs die Skepsis der Bürger, die Politiker redeten von Strompreisbremsen.
Der Dreh der politischen Windrichtung schlug sich bei den Anlagenbauern sofort nieder. Etliche Unternehmen, die noch vor wenigen Monaten in großem Stil Mitarbeiter rekrutiert hatten, entlassen nun Personal. Die Siag Nordseewerke haben Insolvenz angemeldet, weitere Pleiten könnten folgen. Kaum hatte der Offshore-Boom begonnen, scheint er schon wieder am Ende zu sein.
Zurzeit werden noch ein halbes Dutzend Windparks in der Nordsee errichtet, doch es fehlen Folgeaufträge. "Der Markt ist zusammengebrochen", klagt Ronny Meyer, Chef der Bremerhavener Windenergie-Agentur Wab. Auch der Riffgat-Erbauer EWE will sich nicht an weiteren Anlagen auf dem Meer beteiligen.
Bis zum vergangenen Jahr galt der Bau der Windparks als große Hoffnung für die Küste. Städte wie Bremerhaven, Cuxhaven oder Emden, jahrzehntelang durch Werftensterben und Rückgang des Fischfangs gebeutelt, blühten auf. Geschätzt eine Milliarde Euro wurde in Hafenflächen und Werkshallen investiert, etwa 10 000 Jobs sollen entstanden sein. Allein in Cuxhaven steckte das Land Niedersachsen 125 Millionen Euro in den Hafen, jeder Quadratmeter des Kais kann nun eine Last von 90 Tonnen tragen, damit von dort die Fundamente auf Bauschiffe geladen werden können.
Heute landen auf dem Gelände am Hafen nur die Möwen. 70 Fußballfelder weit erstreckt sich das Areal der Firma Cuxhaven Steel Construction (CSC), in der Mitte steht eine Halle, 270 Meter lang, 52 Meter hoch. Bis zum Frühjahr wurden dort gelbe Fundamente für den Windpark "Bard Offshore 1" zusammengeschweißt, der derzeit rund hundert Kilometer vor der Küste entsteht. Seither hat CSC nichts mehr zu tun, fast alle der 450 Beschäftigten verloren ihren Job.
Der Mutterkonzern Bard sucht vergebens Investoren. Nach dem Fundamentwerk wurde die Flügelproduktion abgewickelt. Von 1000 Bard-Mitarbeitern sollen nur jene bleiben, die den Park betreuen. Wie viele das sind, weiß der Unternehmenssprecher nicht zu sagen.
Rechts vom CSC-Werk wollte der österreichische Baukonzern Strabag mit 500 Mitarbeitern Betonfundamente herstellen. Vor einigen Wochen hat Strabag still sein Büro in Cuxhaven geschlossen. Die 15 Windparks in der Nordsee, an denen sich das Unternehmen beteiligen wollte, werden vorerst nicht gebaut.
Der andere CSC-Nachbar, die Firma Ambau, fertigt noch Stahltürme für die Generatoren der Windmühlen. Aber: "Wir haben in Cuxhaven nur bis Ende des Jahres Arbeit", räumt Ambau-Chef Kai Simon ein, "was dann kommt, weiß ich nicht." Dabei hatte das Unternehmen eine Erweiterung geplant. Die Baugenehmigung ruht nun in der Schublade.
So düster sieht es überall an der Küste aus. In Wilhelmshaven wollte die chinesische Hantong-Gruppe ein Werk bauen. Nun verzichten die Asiaten erst einmal auf eine Fertigung in Deutschland.
Die Ursachen der Misere sind vielfältig. Der nach eigener Darstellung unterfinanzierte Netzbetreiber Tennet scheiterte auch anderswo daran, Parks rechtzeitig ans Stromnetz anzuschließen. Vor allem klagt die Branche aber über fehlende Investitionssicherheit. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Umweltminister Altmaier verkündeten im Februar Pläne für eine Strompreisbremse. Damit könnte die eigentlich garantierte Einspeisevergütung für Ökostrom gesenkt werden, um die Umlage für die Verbraucher niedrig zu halten.
Das hat die Industrie alarmiert, die Betreiber der Windparks auf See sind auf ausreichend hohe Strompreise angewiesen, um ihre Investitionen zu refinanzieren. "Die Strompreisbremse ist zwar nie beschlossen worden, hat die Investoren aber sehr verunsichert", klagt Windenergie-Experte Meyer.
An der Küste hoffen viele auf die Bundestagswahl im September. "Wir brauchen Planungssicherheit", forderte der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel von den Grünen bei einem Besuch in Cuxhaven. Jürgen von Ahnen von der Cuxhavener Wirtschaftsförderung behauptet, die Branche befinde sich nur in einer "Talsohle". Nach der Wahl gehe es wieder aufwärts, egal wer regiere.
Für solchen Optimismus gibt es wenig Grund. Die Regierung hat die Anreize für Offshore-Strom mehrfach erhöht, um die Branche überhaupt in Gang zu bringen. Nun erhalten die Windpark-Betreiber in den ersten acht Jahren nach dem Bau 19 Cent für jede Kilowattstunde, die ins Netz eingespeist wird. Das ist mehr als doppelt so viel wie für Rotoren an Land gezahlt wird.
So wächst die Zahl der Zweifler, die Windräder auf See für zu teuer halten. Die Kritik kommt aus den südlichen Ländern, sie ist zum Teil politisch motiviert, denn der Süden will die Erzeugung der Windkraft nicht der Küste überlassen. Deshalb hat die baden-württembergische Regierung keine Bedenken, Rotoren im Schwarzwald errichten zu lassen. Rheinland-Pfalz schlägt für Windparks gar Schneisen in Hunsrück- und Eifelwälder.
Sollte trotz der Lobby im Süden der Meerwind einen neuen Schub erhalten, müsste die Offshore-Branche wieder aufwendig Personal suchen. 2008, als in Cuxhaven der erste Boom begann, fanden die Unternehmen kaum gute Mitarbeiter. Die Agentur für Arbeit ließ Hunderte Schweißer, Gerüstbauer und Kranfahrer ausbilden. Nun gibt es für die eingearbeiteten Teams keine Jobs. "Wer kann, sucht sich eine Alternative, etwa beim Flugzeugbauer Airbus", beschreibt Manfred Wendl, Chef des Weiterbildungszentrums Cuxhaven die Situation. "Der Lerneffekt, den die Fachleute bei der Errichtung der ersten Parks hatten, droht verlorenzugehen", sagt Christian Dahlke, beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie zuständig für die Offshore-Parks.
Da erscheint die Strategie des Stahlproduzenten Dillinger Hütte interessant. Das Unternehmen errichtet gerade in Nordenham an der Unterweser ein neues Werk für 300 Beschäftigte. "Wir haben gute Marktanalysen und glauben, dass es mit Offshore weitergeht", begründet Geschäftsführer Ralf Hubo das optimistische Vorhaben. "Die Krise hilft uns, gute und günstige Arbeitskräfte zu finden", sagt er. Einen großen Auftrag hat er zwar nicht. Das sei aber kein Problem, findet Hubo. Er könne seine Produkte auch im Ausland verkaufen.
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 31/2013
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