29.07.2013

KINOBling Bling

In ihrem Film über eine Jugendbande, die in Villen von Hollywood-Celebritys einbricht, beschäftigt sich die Regisseurin Sofia Coppola mit der modernen Sucht nach Ruhm.
Im Oktober 2008 standen ein paar Jugendliche in den Hollywood Hills vor der Villa von Paris Hilton, um einzubrechen. Sie wussten, dass niemand zu Hause war, doch sie hatten keine Ahnung, wie sie die Überwachungskameras umgehen und die Alarmanlage ausschalten sollten. Einer von ihnen ging zur Eingangstür und hob die Fußmatte hoch. Darunter lag der Hausschlüssel.
Über diese Jugendbande, die zwischen Herbst 2008 und Sommer 2009 bei Hollywood-Stars und Berühmtheiten wie Orlando Bloom oder Lindsay Lohan einbrach und dabei Diebesgut im Wert von drei Millionen Dollar erbeutete, hat Sofia Coppola ihren neuen Film gedreht: "The Bling Ring" - so wurde die Gang in den Medien genannt.
Die Jugendlichen gingen damals bei Paris Hilton ein und aus, fünfmal brachen sie bei ihr ein, bevor die Hausherrin etwas merkte. Sie probierten Hiltons Schuhe an, zogen ihre Unterwäsche an, schnupften Kokain, das sie im Haus fanden, und nahmen Nacktfotos von ihr mit, die im, natürlich, unverschlossenen Tresor lagen. "Auf zu Paris!" In Coppolas Film, der am 15. August in die Kinos kommt, ist das der Schlachtruf gegen die Langeweile.
Coppola nimmt einen der bizarrsten Kriminalfälle in der jüngeren Geschichte Hollywoods zum Anlass herauszufinden, wie Berühmtheit heute funktioniert und ob sie durch Inflation womöglich an Wert verliert. Sie will wissen, was dieses schillernde Wesen ist, das Celebrity genannt wird.
Die Mitglieder der Bling-Ring-Gang wurden gefasst, weil sie auf Facebook mit den gestohlenen Kleidungsstücken posierten und vor ihren Freunden mit ihren Raubzügen prahlten. "Sie dachten", sagt Coppola, "jeder kann und sollte berühmt sein. Ich sehe das etwas anders."
Die Gang, vier Mädchen und ein Junge, kam aus Calabasas, einem der besseren Vororte von Los Angeles. Einige von ihnen fühlten sich schon als kommende Stars, bevor sie ihre Einbruchsserie begannen.
Alexis Neiers, eines der Mädchen und heute 22 Jahre alt, im Film gespielt von "Harry Potter"-Star Emma Watson, war ein stadtbekanntes Partygirl und steckte mitten in den Dreharbeiten für eine Pilotfolge der Reality-Show "Pretty Wild", als sie verhaftet wurde. Das Filmteam folgte ihr bis in den Gerichtssaal. "Ich sehe mich als jemand wie Angelina Jolie, nur stärker", sagte sie in die Kameras.
Rachel Lee, auch eines der Mädchen, liebte Designerkleidung und träumte davon, ihre eigene Produktlinie zu entwickeln. Rachel Lee - das sollte ein Markenname werden. Als sie beim Verhör erfuhr, dass die Polizei bereits mit den Opfern gesprochen hatte, fragte sie: "Was hat Lindsay gesagt?" Die lustigsten Dialogzeilen ihres Films, sagt Coppola, stammten aus den Polizeiakten.
Courtney Ames, 21, trat mit einer sehr eleganten Halskette vor den Richter. Leider hatte Ames vergessen, dass sie das Schmuckstück einige Monate zuvor bei Lindsay Lohan geklaut hatte. Die Kette wurde noch im Gericht konfisziert, Ames erhielt drei Jahre auf Bewährung.
Die Gangmitglieder fanden sich im Nachtleben von L. A. zusammen. Coppola zeigt sie, wie sie in Clubs herumhängen und darauf warten, dass etwas Aufregendes passiert, dass zum Beispiel Paris Hilton vorbeischaut. Meist sind sie damit beschäftigt, sich mit ihren Smartphones zu fotografieren und zu filmen.
Coppola, die in New York lebt, ist für diesen Film nächtelang durch die Clubs von L. A. gezogen. Sie wirkt schüchtern, als sie davon erzählt, immer noch etwas irritiert. "Schon seltsam, jeden Abend in eine Menge junger Leute zu blicken, die ständig Bilder von sich machen." Die sozialen Netzwerke, glaubt sie, würden mehr Menschen dazu drängen, ihr Leben so zu führen, "dass es laufend gute Bilder abwirft".
Als der TV-Star Audrina Partridge im Februar 2009 Bilder einer Überwachungskamera ins Netz stellte, auf denen die Einbrecher als Schatten zu sehen sind, waren die Gang-Mitglieder plötzlich die berühmtesten Einbrecher der Stadt, allerdings anonym. Daraus entwickelt Coppola im Film einen spannenden Moment des Zwiespalts: Einerseits sind die Jugendlichen froh, dass ihr Gesicht nicht zu sehen ist. Aber wäre es nicht der letzte Schritt zum Ruhm, erkannt zu werden?
Natürlich fragen sie sich auch, warum Paris Hilton so viel berühmter ist als sie selbst. Was leistet sie eigentlich? Für sie ist Hilton wie eine gute Freundin, auf die sie eifersüchtig sind.
Sie glauben, sie in- und auswendig zu kennen, im Internet erscheint Hilton wie ein gläserner Mensch. Sie wissen, wo sie die Klamotten gekauft hat, die in ihrem Schrank hängen. Als sie in ihre Villa eindringen, haben sie nicht das Gefühl, eine Privatsphäre zu verletzen. Sie glauben sich im öffentlichen Raum zu bewegen.
"Sie wussten, was sie in den Villen erwartete, sie hatten alles im Netz recherchiert und fühlten sich sofort wie zu Hause", glaubt Coppola. "Früher waren die Stars von einer geheimnisvollen Aura umgeben, man wusste kaum etwas über ihr Privatleben. In der heutigen Celebrity-Kultur dagegen herrscht Transparenz."
Hierfür findet die Regisseurin ein starkes Bild: In einer minutenlangen, starren Totale filmt sie eine Villa in den Hollywood Hills, die nur aus Fenstern zu bestehen scheint und gerade von der Gang ausgeraubt wird. Selbst aus Hunderten Metern Entfernung kann man in jeden Winkel schauen. Dies ist Architektur gewordener Exhibitionismus.
Einige Menschen "da oben in den Hügeln" fühlten sich "der Wirklichkeit enthoben", sagt Coppola. "Möglicherweise leiden sie an Realitätsverlust. Sonderbar. Ich versuche, mein Privatleben zu schützen, ich stelle keine Bilder von mir ins Internet. Ich käme nicht auf die Idee, sie mit der Öffentlichkeit zu teilen." Coppola twittert nicht, sie ist auch nicht auf Facebook. Interviews mit ihr sind anstrengend, weil sie immer nur das Nötigste sagt, oft auch weniger. Sie macht den Eindruck, als würde sie am liebsten hinter ihrer Arbeit verschwinden.
Coppola stammt aus einer Familie voller Berühmtheiten, sie kam mit einem Markennamen zur Welt, heute ist sie selbst ein Star des jungen Hollywood, verheiratet mit dem französischen Popstar Thomas Mars von der Band Phoenix. Berühmt zu sein ist in ihren Augen nicht nur ein Privileg, sondern auch eine Belastung. Jahrelang musste sie sich den Vorwurf gefallen lassen, ihre Karriere nur ihrem Vater zu verdanken.
Als Francis Ford Coppola sie 1990 ins Rampenlicht stellte, indem er ihr eine Hauptrolle im dritten Teil der "Paten"-Trilogie gab, wurde sie von den Kritikern auf übelste Weise beschimpft. Sie war damals 18 - so alt wie die Figuren in "The Bling Ring". Die Öffentlichkeit ist für Coppola ein Ort, an dem man sich schwerste Verletzungen zuziehen kann.
Wohl auch deshalb studiert sie in ihrem Film die Figuren wie eine eigenartige Spezies, die sie verstehen will, die ihr aber bis zum Ende unendlich fremd bleibt. Nur dem Jungen in der Clique, der gern mal Frauenkleider trägt, kommt sie halbwegs nahe. "Bei ihren Einbrüchen", erklärt sie etwas zu pädagogisch beflissen, "suchten
die Jugendlichen letztlich nach ihrer Identität. Wenn sie sich die Kleider der Celebritys anzogen, hatten sie das Gefühl, Teil dieser glamourösen Welt zu werden, zu einer Person zu werden."
Im Grunde sagt sie mit jeder Einstellung ihres neuen Films: Kinder, passt auf, kommt nicht auf die schiefe Bahn, werdet bloß nicht berühmt.
Man kann sich schwerlich zwei Frauen vorstellen, die so verschieden sind wie Sofia Coppola und Paris Hilton. Und doch nimmt Coppola immer wieder an Hilton Maß, schon ihr Historienfilm "Marie Antoinette" war eine Retroversion von Hiltons Leben: ein Film über das erste Partygirl der Geschichte, das aus seinem Leben ein rauschendes Fest macht, während die alte Ordnung zerfällt.
Coppola erzählt, wie überrascht sie gewesen sei, als ihr Paris Hilton die Drehgenehmigung für ihre Villa gab. Wie sie sich amüsiert habe, als sie auf einem Sofa Kopfkissen entdeckte, die mit Hiltons Konterfei bedruckt waren. In "The Bling Ring" setzt sie die Villa in Szene wie ein groteskes Selbstbespiegelungskabinett. Es wäre sehr leicht, sich darüber lustig zu machen.
Aber Coppola tut das nicht. Sie sagt: "Paris Hilton steigt jeden Morgen in ein Kostüm, um Paris Hilton zu spielen. Und das tut sie ziemlich gut." Hilton, die in "The Bling Ring" auch einen kurzen Gastauftritt hat, sei eine "glänzende Performerin". Coppola meint dies ernst.
Celebrity - das ist möglicherweise nur ein perfektes Versteck, in dem man mitten im grellen Licht der Scheinwerfer Schutz findet vor den neugierigen Blicken vieler Millionen Menschen. Wahrscheinlich ist Paris Hilton vor den Augen der Öffentlichkeit schon lange in ein ganz anderes, geheimes Leben entkommen.
* Emma Watson, Claire Julien, Katie Chang, Taissa Farmiga.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 31/2013
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