29.03.1999

THEATERBrütender Riese

Schwerarbeit mit Shakespeare: Josef Bierbichler spielt am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg den König Lear.
Der Bühnenraum, halbrund, ist düster, riesig, abstrakt. Man sieht, da wird Größe gewollt, auch wo die Unternehmung als solche, Titel "Lear", sich vor diesem Anspruch nicht ganz behaupten kann. Ihre Arrangements, meist parallel zur Rampe breitgezogen, verharren in einer bleifüßigen Statik, auch das Tempo bleibt getragen - das bringt, wenn schon keine Größe, so doch Schwere.
Zeitgenossen, die ihre Liebe zu Shakespeare eben erst im Kino durch einen anmutigen Springinsfeld kennengelernt haben, könnten hier staunend erfahren, mit welchem poetischen Furor der die Liebe verflucht und auf die Welt eingedroschen hat. In der arg hemdsärmeligen neudeutschen Fassung, die am Wochenende in Hamburg Premiere hatte, zieht eine Figur schon nach Lears erstem Auftritt das Fazit: "Da können wir uns auf etwas gefaßt machen."
Was muß, das muß. König Lear, 80, der, wie man annehmen darf, Zeit seines Lebens gut und gerecht geherrscht hat, will sich einen unbelasteten Lebensabend gönnen. Er hat drei Töchter, zwei davon verheiratet, doch offenbar (und bedenklicherweise) keine Enkel, und beabsichtigt nun, sein Reich an die drei aufzuteilen (was allerdings aus politisch-dynastischer Sicht ganz unvernünftig ist). Dann jedoch, in plötzlich aufwallendem Zorn, enterbt und verstößt er die Jüngste - und mit diesem einen Willkürakt, so leichtsinnig wie folgenschwer, reißt er sich, die Seinen und sein Reich in den Untergang.
Mutwillig hat er sich selbst herabgestürzt vom hohen Roß seiner Königs-Einbildung, daß das Leben nach seiner Pfeife tanze; am Ende einer langen Passion aber wird er begreifen, daß es eigenmächtig wie ein Orkan, gegen den er nicht anbrüllen kann, über die Heide rast. Dieser Erkenntnisweg mit seiner phantastischen Vielfalt der Handlungszüge und seiner eindringlichen Weltvision macht König Lear unter all den überlebensgroßen Shakespeare-Helden zum wirklichen Riesen.
Natürlich ist auch einschüchternd, wenn man es packen will, daß das alles so groß und großartig dasteht. Der letzte deutsche Theatermacher, der sich - kraft seiner Anmaßung, seiner Größenphantasie - in einer Relation zu Shakespeare sah, war Heiner Müller. Sein imposanter Schatten liegt, so zeigt sich nun, noch immer schwer über der Szene, vielleicht ist es auch deshalb so kalt und düster im Hamburger Schauspielhaus. Denn dort (wo sollte man bessere hernehmen?) waren zwei brave Müllerburschen - als deutscher Texter Werner Buhss, als Regisseur Dimiter Gotscheff - mit Ernst und der bekannten programmatischen Humorlosigkeit am Werk.
Die berühmte Rolle des Hofnarren haben sie sicherheitshalber gleich ganz eliminiert, und nicht nur der Text hat einen barschen Grundton. Auf dem Programmzettel heißt der König nämlich schlicht "Machthaber", seine Grafen figurieren als "Mitarbeiter" und der Hofstaat, ein Trüppchen in mausgrauen Büroanzügen und tristen Schlipsen, als "mobiles Kommando". Falls es im Theater einen Fortschritt gäbe, wäre das vielleicht einer, so aber nährt die Bezeichnung nur ein Mißverständnis. Lear ist doch nicht irgendein Piëch oder Pischetsrieder oder auch Milosevic!
Man wird als Regiekonzept ansehen dürfen, daß es um den männlich-massigen Lear herum nur schmächtige Bürschchen zu sehen gibt, auch im Fach der Schwiegersöhne. Der einzige Kerl weit und breit ist der Schurke im Spiel, der Bastard Edmund, und da sich in dieser Rolle Wolfgang Maria Bauer mit seinem ganzen unverschämten King-Kong-Charme breitmacht, leuchtet es ein, daß sich die so unbefriedigend verheirateten Lear-Töchter alle beide nach ihm die Lippen lecken.
Die eine, Almut Zilcher in goldener Abendrobe, umgurrt ihn auf die sonore Salonschlangen-Art; die andere, Bettina Engelhardt, windet sich in hysterischer Backfisch-Koketterie. Die dritte der Töchter, die verstoßene Gutherzige, die am Ende in Trenchcoat und Sonnenbrille aufersteht, Catrin Striebeck, bleibt (nach dem Eindruck von einer Hauptprobe am vergangenen Donnerstag) schwer faßbar: Von ihrem Shakespeare-Text ist wenig geblieben, dafür darf sie der Welt mit einem Heiner-Müller-Monolog Adieu sagen.
Der erste und letzte Grund für das Hamburger Schauspielhaus, dieses Stück auf die Bühne zu bringen, ist natürlich Josef Bierbichler. Er kommt in offenem weißem Hemd und ausgebeultem schwarzem Blazer auf die Bühne, sehr privat, sehr leger, ohne alles theatralische Königsgepränge, und zeigt also gleich, wie er eine Figur ganz an sich heran, in sich hineinnimmt: Er braucht nichts Auffallendes zu tun, um die Szene mit drohender Kraft zu dominieren.
Das Drama malt sich auf seiner breiten Stirn, während er brütend die Sätze wälzt, bevor er sie aus dem Gehege seiner Zähne hervorbrechen läßt; doch bringt seine bohrende Ehrlichkeit, seine Abscheu vor allem Virtuosengetue ihn auch um einen Teil der Figur: Er will nicht zeigen, daß dieser Lear, der ja nicht stumm, sondern in mächtigen Lamentationen leidet, auch ein Komödiant - um nicht zu sagen: ein Wildgruber - des eigenen Unglücks ist. Dieser Bierbichler-Lear beherrscht das Drama wie ein Vulkan, der grummelt und dräut und doch nie explodiert, sondern nur in Dampfwölkchen eine helle, kindische Greisenverrücktheit herauszischen läßt. Aber Wucht und Gewicht hat auch das.
Alles in allem ist dieser "Lear" wohl, was ein ordentliches Staatstheater heutzutage zustande bringt; mehr wäre schon ein Ereignis. Es ist Shakespeares "Lear", unverkennbar, doch von seiner Riesenhaftigkeit auf eine solide Konfektionsgröße heruntergestutzt. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 13/1999
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