12.08.2013

ZEITGESCHICHTEGeheimnisse im Gummistiefel

Ein amerikanischer Soldat, stationiert in Berlin, gehörte zu den Top-Agenten der Stasi. Jetzt hat er seine Memoiren geschrieben - argwöhnisch beobachtet von US-Militär und alten Genossen.
Berlin-Marienfelde im Herbst 1983: Der Tag, an dem Jeff Carney seinen Teil dazu beitrug, die Welt zu retten, war erst vier Stunden alt. Carney, 20 Jahre alt, Abhörspezialist der US-Luftwaffe, saß vor seinen Geräten, die in den Osten lauschten. Nachtschicht, keine besonderen Vorkommnisse.
Da erzählte ihm sein Vorgesetzter, dass es in wenigen Stunden eine Geheimoperation geben sollte. Eine Art Kriegsspiel: US-Kampfflugzeuge, die sich bedrohlich dem sowjetischen Luftraum nähern würden; alarmierende Signale auf den Radarschirmen der Russen, Verwirrung. Diese Manöver, so das Kalkül, würden den Gegner so verunsichern, dass drüben die ganze Reaktionskette für den Ernstfall abliefe - und damit für die US-Aufklärung erkennbar wäre wie eine Lichterkette.
Was aber, wenn die Russen dann tatsächlich an den Ernstfall glaubten und den Gegenschlag auslösten? Carney, der seit ein paar Monaten als Agent für die Stasi arbeitete, hatte nur noch Stunden. Er musste seine Schicht absitzen, dann hetzte er zu einem Kontaktmann der Stasi, einem Lehrer in West-Berlin. Und tatsächlich kam die Nachricht drüben an: nur eine Finte, eine Falle, nicht der Ernstfall.
Später, nach seiner Flucht in die DDR, bekam Carney von Stasi-Chef Erich Mielke die "Medaille der Waffenbrüderschaft" in Gold. Und noch später, nach dem Mauerfall, von einem US-Gericht eine Verurteilung zu letztlich 20 Jahren Haft in Fort Leavenworth, dem Militärgefängnis in Kansas. Denn Carney, Codename "Kid", war einer von zwei Top-Agenten, mit denen die Stasi das US-Militär in West-Berlin unterwandert hatte. Den Schaden, den "Kid" mit seinem Geheimnisverrat in gut zwei Jahren anrichtete, schätzten die Amerikaner auf 14,5 Milliarden Dollar (SPIEGEL 29/2003).
Über das Leben auf beiden Seiten des Kalten Krieges hat Carney, der nach elf Jahren vorzeitig freikam, nun seine Memoiren geschrieben(*). Auf knapp 700 Seiten offenbart er Ansichten eines Ex-Spions und Einsichten in eine Welt, die seit einer Ewigkeit versunken scheint, obwohl sie vor noch nicht mal 25 Jahren untergegangen ist. Eine Welt von Lüge
und Verrat, Tarnung, Täuschung, mit toten Briefkästen im Wald und jener Getränkedose, Lipton-Eistee, in deren Boden eine Minikamera verschraubt war. Damit fotografierte sich Carney für die Stasi reihenweise durch Aktenordner der US-Aufklärung.
Dass das Buch selbst weitgehend frei von Lügen und Fälschungen sein dürfte, darauf deuten die zahlreichen Schwärzungen hin. Rund ein Jahr lang prüften Air Force und NSA das Werk, sie machten an zahlreichen Stellen unkenntlich, was aus ihrer Sicht bis heute geheim bleiben muss. Und doch: Was die Zensoren übrig ließen, erlaubt spannende Einblicke in den Alltag an der unsichtbaren Front der Ost-West-Spionage.
Carney hatte im Sommer 1980 bei der Air Force angeheuert. Es war eine Flucht mit nur 17 Jahren aus einem zerrütteten Elternhaus, in dem es nicht mal jeden Tag genug zu essen gab. Drei Jahre Deutsch in der Schule brachten ihm das Ticket zur 6912th Electronic Security Group in Marienfelde, wo ihn aber Ärger mit Vorgesetzten, eine labile Psyche und Angst vor der Entdeckung seiner Homosexualität am 22. April 1983 überlaufen ließen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Er spazierte nach einem Kneipenbesuch über die Zonengrenze am Checkpoint Charlie und meldete sich bei den verdutzten Ost-Grenzern, ohne dass West-Geheimdienste davon etwas mitbekamen. Er wolle gern in der DDR leben, sagte er den sofort herbeigerufenen Stasi-Leuten, doch die hatten eine bessere Verwendung: Sie schickten ihn zurück und platzierten ihn als Maulwurf in seiner Einheit.
Ein Jahr später versetzte ihn die Air Force in die USA, beförderte ihn zum Ausbilder für Abhörspezialisten. In dieser Zeit spionierte er weiter, bis er die Nerven verlor und über die DDR-Botschaft in Mexiko nach Ost-Berlin flüchtete. Dort machte die Stasi aus Jeffrey Carney einen Jens Karney, Legende: Postangestellter. Und weil er nicht nur Englisch, sondern auch den Militärjargon der Amerikaner besser als jeder andere verstand, hörte er für die Stasi bis zum Mauerfall die US-Botschaft in Ost-Berlin und die US-Militärmission in Potsdam ab. Im April 1991 - Carney hielt sich inzwischen als U-Bahn-Fahrer der Berliner Verkehrsbetriebe über Wasser - entführte ihn ein Greiftrupp des US-Geheimdienstes OSI auf offener Straße und verschleppte ihn in die Staaten.
Zu seinen frühen Lieferungen an die Stasi, damals noch in Berlin, hatten 1983 dicke Ausbildungs- und Trainingshandbücher für US-Abhörspezialisten gezählt. Carney hatte sie in die Gummistiefel seiner ABC-Ausrüstung gesteckt und aus dem amerikanischen Horchposten in Marienfelde geschmuggelt. Schon da hatte er die Erfahrung gemacht, dass beim US-Militär vertrauliche Papiere herumlagen und sich Geheimnisse gern mit der Ankündigung "Eigentlich darf ich es ja nicht sagen ..." in Geplapper verwandelten.
Für eine Lieferung an die Stasi bekam er meistens nur 300 D-Mark. Das Geld sei ihm, wie er schreibt, auch nicht so wichtig gewesen, er habe vielmehr etwas gegen die aus seiner Sicht aggressive US-Politik tun wollen. Doch wie wichtig er für die DDR war, wurde ihm klar, als er seinem Führungsoffizier sagte, er würde gern mal ein paar Muskelpräparate ausprobieren, für sein Hobby - lange Fahrradtouren durch Berlin. Kurz danach versorgte ihn die Stasi mit dem Besten, was das DDR-Doping zu bieten hatte: Oral-Turinabol, jene blauen Pillen, mit denen die DDR ihre Schwimmer und Leichtathleten zu Olympiasiegern aufpumpte.
Später in Texas fotografierte sich Carney in einer Air-Force-Bibliothek durch Meter von Aktenordnern mit Verschlusssachen. Dabei will er unter anderem auf ein Papier gestoßen sein, das die Amerikaner als Trickser entlarvt habe, wenn sie die militärische Stärke von Ost und West verglichen. Um die Bedrohung aus dem Osten aufzubauschen, hätten sie auf der anderen Seite sogar die zahlreichen Panzerveteranen mitgerechnet, die nach dem Krieg in vielen Städten als Denkmal zum Ruhme der Roten Armee aufgebockt worden waren.
Eine andere Liste, die er fand, habe sieben Namen enthalten, Mitglieder von Todesschwadronen, die in den USA für Mordaufträge in ihrer Heimat ausgebildet worden seien - weitere Details dazu hat die Air Force in Carneys Memoiren lieber geschwärzt.
Nach seiner Flucht in die DDR merkte Carney schnell, dass er dort keine Freunde hatte, nur Geheimdienstler, die ihn benutzen wollten. Oder auch nicht. Zunächst habe ihn die DDR nämlich loswerden wollen, nach Schweden; doch aus Sorge, er könne dort plaudern, habe ihn die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) dann doch im eigenen Land untergebracht: bei den Funkaufklärern, die sich in die Kabel der US-Botschaft und der US-Militärmission in der DDR einklinkten.
Die westdeutschen Tonbandgeräte vom Typ Uher SG-561, die dabei zum Einsatz kamen, habe man sich erst leisten können, nachdem die DDR 1983 durch Vermittlung von Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß den lebensrettenden Milliardenkredit erhalten habe. Kassetten für andere Uher-Geräte stammten direkt von der Grenze, wo sie Westtouristen abgenommen worden seien.
In seinen Erinnerungen erzählt Carney, wie er in den mitgeschnittenen Gesprächen nach Vorlieben von Sekretärinnen der US-Botschaft suchte, damit Romeo-Agenten der Stasi mit einem genauen Profil auf Damenjagd gehen konnten. Oder wie er mal beim Abhören mitbekam, dass eine Botschaftsmitarbeiterin eine Putzfrau suchte. Kurz danach hing an den Bushaltestellen auf dem Arbeitsweg der Frau das Stellengesuch einer Putzfrau, die der Stasi später bereitwillig die Tür zur Wohnung der Diplomatin öffnete.
Allerdings ahnten die Amerikaner durchaus, dass sie überwacht und abgehört wurden, was mitunter zu skurrilen Gesprächen führte. Etwa nach dem Bombenanschlag auf die von US-Soldaten besuchte Discothek La Belle, für den ein libysches Kommando verantwortlich war. Kurz danach fuhr ein verdächtiges Auto an der US-Botschaft in Ost-Berlin vorbei, und ein besorgter Diplomat sagte ins Telefon: "Wenn ihr Ostdeutschen zuhört, ich habe hier ein Nummernschild für euch" - das Diplomatenkennzeichen eines Autos, das auf die libysche Vertretung zugelassen war. Die Stasi sollte die Libyer von weiteren Anschlägen abhalten.
Heute, zehn Jahre nach der Entlassung aus dem Militärgefängnis, lebt Carney mit seinem Adoptivsohn in Ohio. Als Vorbestrafter, noch dazu als Verräter, findet er keine feste Stelle, und auch der Versuch, in Berlin noch mal Fuß zu fassen, scheiterte. Von Herbst 2010 bis Herbst 2011 wohnte er in der alten Frontstadt. Bekannte von früher - auch solche, die nicht bei der Stasi waren - wollten ihm helfen. Sie besorgten ihm eine Anstellung bei einem Verlag, der bevorzugt Titel für Regime-Nostalgiker führt, von Margot Honecker bis Egon Krenz. Hier sollte auch Carneys Buch erscheinen, aber offenbar passte es beim Verlag dann doch nicht ins Programm - und auch einigen Ex-Stasi-Granden nicht ins Weltbild. Schließlich lässt Carney darin nicht nur die Amerikaner schlecht aussehen, sondern auch die Stasi. "Du bist uns gegenüber unfair", habe sich ein ehemaliger Stasi-Oberst mokiert.
Prompt fiel Carneys Monatslohn immer kleiner aus, es reichte nicht für die Aufenthaltserlaubnis, und mit seiner Rückkehr in die Staaten hat nicht nur der Verlag die Buchrechte verloren, sondern Carney auch den letzten Glauben an alte Kameraden. "Da waren einige spürbar froh, mich wieder loszuwerden. Mit diesen Leuten bin ich fertig." Was die Sache für Carneys Zukunft allerdings noch schwieriger macht: Er hat nun kaum noch Freunde, nicht mal mehr die alten, die falschen.
* Jeffrey M. Carney: "Against All Enemies". Eigenverlag, bei Amazon; 700 Seiten; 20 Dollar.
Von Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 33/2013
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