12.08.2013

Facebooktussis

HOMESTORY Warum wir durch Social Media zu unsozialen Wesen geworden sind
Mein erster Facebookeintrag wird bald sechs Jahre alt, so lange verbrenne ich also meine Freizeit schon mit Leuten, von denen ich die meisten gar nicht richtig kenne. Zu den Bikinifotos kommen wir noch. Im Großen und Ganzen hätte man diese Zeit wohl besser nutzen können, im Schwimmbad beispielsweise, mit Spaziergängen oder den Sopranos. Nur war damals, am Anfang, nicht absehbar, wie bedeutend diese Website für unseren Alltag werden und wie tief Mark Zuckerberg in unsere Köpfe kriechen würde.
Neulich war zu lesen, dass Facebook jeden Monat Millionen Nutzer verliere, vor allem in westlichen Ländern. Zeit, sich Gedanken über ein untergehendes Phänomen zu machen. Wäre Facebook eine Party, dann wäre es jetzt drei Uhr morgens, und die interessanten Gäste hätten sich verabschiedet. Zurück bleiben diejenigen, die heimlich hoffen, dass sie doch noch jemanden zum Knutschen finden, was auch unterhaltsam sein kann, aus Beobachterperspektive.
Am Anfang ging es auf der Seite anarchisch zu, weil man unter Freunden war. Man hackte Frechheiten in den Statusschlitz, verschickte digitale Küsse und teilte in frühen Fällen von oversharing allen mit, dass man gerade Suppe kochte oder Tee trank. Als Verwandte, ältere Kollegen und Leute aus dem weiteren Bekanntenkreis dazukamen, die nicht alles sehen mussten, nahm die Lockerheit ab. Das eine oder andere Foto wurde versteckt, Einträge wurden redigiert oder gelöscht. Ein Mensch ist immer nur so mutig wie sein gewagtestes Status-Update.
Im Alltag hatte der steigende Facebookkonsum heikle Folgen. Es entwickelte sich ein Phänomen, das wir Facebooktussis nannten - junge Frauen, umhüllt von der blassen Aura eines leuchtenden Mobiltelefons, die wie zerstreute Heilige auf Partys herumstanden und ihre Aufmerksamkeit denjenigen schenkten, die gerade anderswo mit ihrem Handy beschäftigt waren.
Facebook war immer eine Übung in simulierter Lässigkeit, Raum für ein schöneres, glänzenderes Ich. Plötzlich konnte man mangelnde Schlagfertigkeit dadurch kompensieren, dass man minutenlang über einen originellen Kommentar nachdachte. Im Alltag ist das schwierig.
2009 lautet mein meistkommentierter Eintrag: "Tennis-Arm ist Achtziger, ich habe einen Kicker-Arm." Partys, Schnappschüsse, Zufallsbekanntschaften, angetrunkene Ideen um zwei Uhr früh klopfe ich darauf ab, ob sie es wert sind, anderen übermittelt zu werden. Das große Selbstüberwachungszeitalter beginnt, in dem ein Ereignis nicht mehr stattfindet, wenn es nicht geteilt wird.
Es ist nicht nur lustig, auf der eigenen Facebooktimeline in die Vergangenheit zu reisen. Etliche Einträge blieben unbeantwortet, andere leider nicht. Im Frühjahr 2011 schickt mir meine Mutter eine Freundschaftsanfrage und kommentiert ein Foto von mir in Badehose, das von meiner damaligen Mitbewohnerin hochgeladen wurde, mit zehn Ausrufezeichen. Auf viele Cartoons aus dem "New Yorker", die ich hochlade, reagiert dagegen niemand.
Allmählich begann sich etwas zwischen mir und meinen Freunden zu verschieben. Wir wurden ungeduldiger, unkonzentrierter miteinander, wenn wir uns sahen, vielleicht in der Befürchtung, etwas zu verpassen, was parallel im Internet passiert. Wir stellten einander weniger Fragen, denn unsere Leben synchronisierten sich ja online. Noch ein Effizienzgewinn. Ich frage mich, was wir mit der gesparten Zeit gemacht haben. Unsere Sprache wurde kurzatmiger, wir rutschten in Superlative ab - irre, krass, Wahnsinn, geil. Die Zwischentöne aber, die Selbstironie, die Zweifel, diese schöne, alberne Melancholie nach drei, vier Stunden Plaudern, all das, auf dem Vertrauen wächst und später vielleicht Freundschaft, wurde seltener.
Es lag nicht nur an Zuckerberg und seiner Website, aber die Digitalisierung des Freundeskreises hat dazu beigetragen, dass der Alltag unromantischer geworden ist. Wenn ich mich mit Freunden traf, wusste ich manchmal nicht, was ich erzählt und was ich nur gepostet hatte. Morgens griff ich als Erstes zum Handy neben dem Bett, um zu schauen, was das Leben der anderen machte. Mit dem Schlafzimmer war auch der letzte analoge Ort in der Wohnung entweiht, der bislang für Bücher, Träume und Liebe reserviert war.
Die Bikinifotos spielten natürlich mit. Keine Ahnung, wie viel Lebenszeit der westeuropäische Durchschnittsmann damit verbringt, sich durch Urlaubsbilder von Facebookfreundinnen zu klicken, mit denen er nicht liiert ist. Vermutlich Jahre. Wenn ich die Signale richtig deute, geht aber auch das zurück beziehungsweise werden die Nutzerinnen sparsamer mit Bildern. Mein Kumpel Thomas erklärt die westliche Facebookkrise so: "Irgendwann kommt der Tag, an dem du alle Frauen abgecheckt hast, die du früher in der Schule scharf fandest."
Inzwischen stapelt sich auf meiner Facebookseite sehr viel Müll: 22 Gründe, weshalb dein Hund introvertiert ist (ich habe keinen Hund); ein Video von Dustin Hoffman, der heult; ein Link zu Fotos, die beweisen sollen, dass Hipster doch nicht tot sind. Ab und zu drücke ich "Gefällt mir", damit niemand denkt, ich sei komplett durchgeknallt und hätte mich abgemeldet.
Facebook wollte die Bindung zwischen Menschen im digitalen Universum weiterführen. Inzwischen geben die meisten dort nichts mehr von sich preis, ihre Einträge lesen sich wie Meldungen eines außer Kontrolle geratenen Livetickers: "Träumte, ich war in San Francisco letzte Nacht." - "Beachparty." - "Sonne & Home Office." - "Rügen-Nord."
Das ist kein schlechtes Zeichen. Die Chance wächst, dass wir uns endlich wieder mit den wichtigen Dingen befassen. Wir müssen reden.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 33/2013
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