12.08.2013

GELDANLAGEAus purer Verzweiflung

Mittelständler borgen sich zunehmend Geld von Privatleuten. Die lassen sich von den hohen Zinsen blenden - und übersehen oft die Risiken.
Seine Internetwelten sind voller Aliens, Wikinger und sportlicher Herausforderungen. Remco Westermann, Chef des Online-Spiele-Vermarkters Gamigo, will in diesen Welten künftig Gewinne machen, vor allem mit dem Verkauf von virtuellen Schwertern und Golfschlägern. Der Verkauf solcher "items" sei seine "Haupteinnahmequelle", sagt er.
In den vergangenen Jahren hatte die Firma damit allerdings wenig Erfolg, der erste Überschuss nach zwei verlustreichen Jahren kam zuletzt vor allem deshalb zustande, weil einstige Gesellschafter der Firma auf die Rückzahlung von Millionendarlehen verzichteten. "Das ist kein gutes Zeichen", sagt Heinz Steffen vom unabhängigen Analysehaus Fairesearch.
Trotzdem sammelte Gamigo bei Anlegern kürzlich zwölf Millionen Euro frisches Geld für die Zukunft ein - über die Ausgabe einer Mittelstandsanleihe. Eine ähnlich wundersame Geldbeschaffung gelang dem Küchenhersteller Alno, der vergangenes Jahr noch kurz vor dem Bankrott stand. Er kam mit Hilfe solcher Schuldscheine im Frühjahr zu 45 Millionen Euro.
Es waren nur zwei von einem Dutzend Emissionen allein im Jahr 2013 - der Markt für Mittelstandsanleihen ist zum Milliardengeschäft geworden. Ausgelöst wurde der Boom durch die Börse Stuttgart, die vor drei Jahren das erste Handelssegment für die Papiere einrichtete.
Vor allem Privatanleger greifen zu, als hätte es die Finanzkrise nie gegeben, wenn Unternehmen wie Gamigo, der Safthersteller Valensina oder das Kreuzfahrtschiff MS "Deutschland" - bekannt aus der Serie "Das Traumschiff" - ihre Schuldscheine feilbieten.
Die Wiener Feinbäckerei Heberer sammelte sogar unabhängig von den Börsen 8,5 Millionen Euro bei Kunden ein, sie druckte die Anzeigen für ihre Firmenanleihe schlicht auf die eigenen Brötchentüten.
Hohes Risiko wird mit hohen Zinsen bezahlt, scheint der Deal bei solchen Geschäften zu lauten. 7,5 Prozent bieten die Firmen an - im Schnitt. Gamigo will seinen Anlegern sogar 8,5 Prozent zahlen.
"Eigentlich wäre das eine gute Sache", sagt Wirtschaftsprofessor Olaf Schlotmann über die neue Form der Unternehmensfinanzierung. "Wenn die Spielregeln fair wären."
Doch das sind sie nicht. Trotz der hohen Zinsen machen Anleger mit Mittelstandsanleihen oft ein ziemlich schlechtes Geschäft. Den Emittenten der Papiere geht es häufig sehr viel schlechter, als ihre Firmendaten glauben machen, und wenn sie wirklich pleitegehen, gehören Anleiheinvestoren zu den letzten in der langen Schlange von Gläubigern, die entschädigt werden.
Gerade deshalb, mutmaßen Experten, werben viele Firmen gezielt um Privatanleger oder halbprofessionelle Vermögensverwalter als Käufergruppen. "Die sind leichter auszutricksen als Profis", sagt der Geschäftsführer der Unternehmensberatung Capmarcon, Hans-Werner Grunow. Er hat gemeinsam mit Ökonom Schlotmann eine Studie zum Thema erstellt, die Ergebnisse sind erschütternd. Viele Firmen geben Mittelstandsanleihen demnach offenbar aus purer Verzweiflung heraus - weil sie keine normalen Kredite mehr bekommen. Das frische Geld fließt oft nicht in neue Investitionen, sondern in die Ablösung alter Verbindlichkeiten.
Hauptprofiteure des jungen Marktes sind deshalb weniger die Emittenten der Papiere als die Banken: Die Geldhäuser können sich ihrer Problemkredite entledigen und kassieren dazu noch Provisionen. Denn auch ein Mittelständler braucht beim Gang an den Kapitalmarkt Hilfe von Profis. 150 Millionen Euro haben deutsche Finanzdienstleister so in den letzten Jahren verdient, schätzt Schlotmann.
Auch beim Verkauf der Papiere an Anleger mischen die Geldhäuser mit. "Viele Banken bieten ihren Kunden sogar Anleihen von Firmen an, denen sie selber keinen Kredit mehr geben", empört sich Anlegeranwalt Klaus Nieding.
Umfragen zufolge kaufen zwar vor allem Anleger, die sich selbst als erfahren einstufen, Mittelstandsanleihen. Oft fallen sie aber auf das solide Rating herein, das etliche Mittelständler vorweisen können. Viele Firmen haben Noten im sogenannten Investmentgrade-Bereich, eine Empfehlung für eher sicherheitsbewusste Anleger also.
Der Grund für die guten Zeugnisse: Die Kriterien, nach denen die Rating-Agenturen Mittelständler beurteilen, sind oft laxer als bei Großkonzernen. Das tatsächliche Ausfallrisiko werde so häufig "fast zur Unkenntlichkeit" verschleiert, so die Experten Grunow und Schlotmann.
Die Anleihe des Düsseldorfer Immobilienunternehmens WGF galt sogar als "mündelsicher". Mit diesem Label jedenfalls bot der Online-Broker-Dienst der Sparkassengruppe dem Rentner Wolfgang Leicht die Papiere an. "Die Erfolgsstory geht weiter", stand im Betreff.
Leicht, der früher Biochemiker war, lässt sich eigentlich in Gelddingen nicht so leicht einlullen. "Finanzen haben mich immer interessiert", sagt er. Sogar eine Schulung zum Finanzcoach hat der Pensionär einmal gemacht. Doch die Zusicherung eines kreuzsoliden Sparkassenunternehmens, dass die WGF-Papiere quasi vor Wertverlust geschützt seien, gaben den Ausschlag: Leicht investierte 20 000 Euro - nun ist ein großer Teil des Geldes wohl weg. Denn WGF operiert mittlerweile am Rande der Pleite. Die Immobilien im Bestand sind nur knapp über die Hälfte der Summe wert, die sich die Firma ausgeliehen hat.
Leicht fühlt sich übers Ohr gehauen - wie viele andere Anleger auch, die jetzt klagen, denn längst hat der Markt seine ersten Skandale. Der Schwarzwälder Straßenlaternenhersteller Hess AG etwa setzte kurz nach dem Börsendebüt seine Chefs wegen des Verdachts der Bilanzmanipulation vor die Tür. Die vermeintlichen Missetäter bestreiten die Vorwürfe, das Unternehmen musste aber trotzdem wenig später Konkurs anmelden.
Der charismatische Gründer des schwäbischen Windparkentwicklers Windreich, Willi Balz, musste zuletzt sogar seine Privathäuser beleihen, um die Zinsen für einen Schuldschein nach zweitägiger Verspätung zu bedienen. Anfang März rückte die Staatsanwaltschaft in der Firmenzentrale zur Razzia an. Ein Verdacht unter vielen, den Balz vehement bestreitet: Insolvenzverschleppung.
Fairesearch-Analyst Steffen hat schon vor Jahren auf das Chaos bei Windreich hingewiesen. Zu ihrem Anlagevermögen zählte die Firma früher sogar einige Oldtimer von Auto-Fan Balz.
Ähnliche Zustände herrschen Steffen zufolge in vielen Unternehmen, die an den Anleihemarkt gehen: "Die meisten Unternehmen haben Probleme mit dem Geschäftsmodell oder kämpfen um die Existenz."
Vor allem bekannte Markennamen scheinen viele Anleger blind zu machen auch für andere Risiken. Der Süßigkeitenhersteller Katjes etwa stockte eine erste 30-Millionen-Euro-Anleihe vergangenes Jahr nochmals um 15 Millionen Euro auf. Dabei verleihen die Anleger ihr Geld aber nicht an den deutschen Lakritzproduzenten selbst, sondern an eine Holding-Gesellschaft für die ausländischen Beteiligungen der Katjes-Gruppe. "Wenn die Holding in Konkurs geht, haben die Anleger ihr Geld verloren - egal wie gut das Geschäft in Deutschland läuft", erklärt Unternehmensberater Grunow. Die verschachtelte Struktur sei ein üblicher Trick, den viele Anleger nicht erkennen.
"Laien sind mit Mittelstandsanleihen oft überfordert", resümiert Anlegeranwalt Joachim Cäsar-Preller.
Wie es um den Küchenhersteller Alno noch im April stand, ließ sich allerdings einfach auf den ersten Seiten des Anleiheprospektes nachlesen. Die "Fortführung der Unternehmenstätigkeit", so heißt es da, hänge maßgeblich von der termingerechten Begebung einer Anleihe im Volumen "von mindestens EUR 40,0 Mio" ab. Im Klartext: Alno hätte die Pleite gedroht, wäre die Mittelstandsanleihe gefloppt.
Trotzdem waren die Papiere nach nur einer Stunde verkauft.
Von Anne Seith

DER SPIEGEL 33/2013
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