26.08.2013

GLOBALISIERUNG„Erbe des Kastenwesens“

Die indische Ökonomin Jayati Ghosh sieht den Grund für die Kapitalflucht aus ihrem Land in hausgemachten Problemen, sie warnt vor Chaos und einem Anstieg der Gewalt.
Ghosh, 58, lehrt an der Jawaharlal Nehru University in Neu-Delhi. Die in Cambridge promovierte Ökonomin hat sich auf Fragen der Globalisierung und der internationalen Finanzen spezialisiert, sie beriet auch die indische Regierung. Im April erschien von ihr und anderen Autoren ein "Manifest zur Rettung der Wirtschaft"(*).
SPIEGEL: Frau Ghosh, als 2008 die globale Finanzkrise ausbrach, schien der Abstieg des Westens besiegelt. Nun aber leidet China unter einer Bankenkrise, und noch dramatischer ist die Lage in Indien: Das Wirtschaftswachstum hat sich fast halbiert, die Anleger fliehen panisch aus der Rupie. Ist das asiatische Zeitalter zu Ende, bevor es richtig begonnen hat?
Ghosh: Unsere beiden Länder haben große Probleme, aber ihre Lage ist völlig verschieden: China ist grundsätzlich stark, es hat einen enormen Handelsüberschuss. Indien dagegen leidet unter einem riesigen Leistungsbilanzdefizit, das wir teilweise mit heißem Geld, also mit spekulativen Zuflüssen aus dem Ausland, zu stopfen versuchen. China muss vor allem seine illegalen Schattenbanken in den Griff kriegen, aber das ist überhaupt nicht vergleichbar mit dem Schlamassel, der uns aktuell in Indien droht.
SPIEGEL: Der Geldfluss in die Schwellenländer beginnt allgemein zu stocken, die Anleger reagieren damit auch auf die Zinswende, die US-Notenbankchef Ben Bernanke in Aussicht gestellt hat.
Ghosh: Gewiss haben Länder wie Indien und Brasilien ein Problem, wenn ihnen plötzlich weniger heißes Geld zufließt. Doch speziell unsere Regierung kann die Schuld für den Verfall der Rupie jetzt nicht einfach auf äußere Faktoren wie Bernanke schieben. Denn damit lässt sich nur zum geringen Teil erklären, warum die Rupie unter den Währungen der Entwicklungsländer extrem schlecht dasteht.
SPIEGEL: Wie schätzen Sie die aktuelle Krise der Rupie ein, hat die Regierung die Lage noch im Griff?
Ghosh: Unsere Regierung reagiert mit Panikmaßnahmen. Verzweifelt versuchte sie beispielsweise, mehr Kapital ins Land zu locken, indem sie die Bestimmungen für Aufnahme privater Kredite im Ausland lockerte. Doch dadurch verschlimmert sie nur die strukturellen Ursachen der Rupien-Krise: Bei unserem vielbejubelten Wirtschaftsboom handelte es sich letztlich um eine Konsumsause, die durch kurzfristige Kapitalzuflüsse auf Pump finanziert wurde. Profitiert haben davon vor allem Baufirmen und der Immobiliensektor. Indiens Boom war auch deshalb merkwürdig, weil er keine neuen Jobs schuf, sondern die Kluft zwischen Arm und Reich dramatisch vertieft hat.
SPIEGEL: Auch China leidet unter einem aufgeblähten Immobiliensektor. Rächt es sich nun, dass die chinesischen Staatskapitalisten ihre Wirtschaft nach der Lehman-Krise 2008 künstlich mit Unmengen Geld anheizten?
Ghosh: Zwar halte ich grundsätzlich eine größere Rolle des Staates für nötig, um Investitionen zu lenken und Banken zu kontrollieren. Aber in China wurde wie auch im übrigen Asien eine gewaltige Immobilienblase angefacht. Stattdessen hätte China den heimischen Konsum stärken müssen, um sich aus der Abhängigkeit von Exporten zu befreien.
SPIEGEL: Rückt damit die ökonomische Entkoppelung Asiens vom Westen, wie sie von Experten lange prophezeit wurde, wieder in weite Ferne?
Ghosh: China kann sich noch lange nicht vom Westen entkoppeln. Und weil das übrige Asien von China, für viele der größte Handelspartner, abhängt, kann es sich ebenfalls nicht entkoppeln. Zwar strebt China die globale Führungsrolle an, aber dafür ist das Gewicht der traditionellen Industriestaaten derzeit noch zu hoch.
SPIEGEL: In der Tat stehen Teile des Westens derzeit erstaunlich gut da: Innovationen wie das iPhone kommen vor allem aus den USA.
Ghosh: Wenn ich das 21. Jahrhundert betrachte, stelle ich ein großes Ungleichgewicht fest. Die wichtigen wirtschaftlichen Ströme fließen von Süd nach Nord: der Handel mit immer billigeren Waren, welche die Schwellenländer produzieren; die Investitionen - denn ihre Überschüsse legen diese Länder in US-Staatsanleihen an; die billigen Arbeitskräfte, die sie exportieren und so die Überalterung der Industriegesellschaften ausgleichen. Doch warum dominiert der Norden trotzdem weiter? Weil er nach wie vor viel Geld in Forschung und Entwicklung steckt und das geistige Eigentum kontrolliert.
SPIEGEL: Vor allem Indien fällt bei der industriellen Aufholjagd zurück. Warum tut sich Ihr Land so viel schwerer als China, sich aus der Armut zu befreien?
Ghosh: Weil wir die einfachsten Dinge nicht in den Griff bekommen, denn unsere Ausgangslage ist völlig anders: Als China seinen Reformprozess Ende der Siebziger begann, hatten dort schon fast alle zu essen, es gab Straßen in fast jedes Dorf und medizinische Versorgung. In China bestand weitgehend gesellschaftliche Gleichheit. Dagegen haben ein Drittel der Inder immer noch keinen elektrischen Strom. Wir kämpfen mit dem Erbe des Kastenwesens, das Ungleichheit und Diskriminierung duldet. Indiens Eliten finden sich mit gesellschaftlichen Zuständen ab, die extrem schädlich sind.
SPIEGEL: Schuld an Indiens Misere ist also nicht die Demokratie, in der sich Fortschritt nicht einfach befehlen lässt wie im kommunistischen China?
Ghosh: Das Problem ist das Wesen unserer Demokratie, die sich auf dem Fundament einer streng hierarchischen Gesellschaft herausgebildet hat. Wir brauchen sogar mehr Demokratie. Nur sie kann den nötigen gesellschaftlichen Druck erzeugen, um krasse Missstände zu beseitigen.
SPIEGEL: Ließe sich dann auch Indiens chronische Korruption überwinden?
Ghosh: Korruption ist eine Frage der Entwicklung. Je höher entwickelt eine Gesellschaft ist, desto weniger findet sie sich mit Korruption ab.
SPIEGEL: Anders als China verdankt Indien sein Wirtschaftswunder nicht industrieller Massenfertigung. Indien fing gleichsam von oben an - mit Software-Schmieden, in denen gutausgebildete und englischsprechende Programmierer arbeiten. Doch nun werden viele dieser Fachkräfte überflüssig, weil Computer ihre Arbeit schneller und billiger erledigen. Braucht Indien ein neues Entwicklungsmodell?
Ghosh: Viele Inder glaubten, wir könnten gleich zu einer Dienstleistungsökonomie aufsteigen und die Industrialisierung überspringen. Aber das ist lächerlich, das funktioniert nicht: Selbst jetzt beschäftigt die Informationstechnologie bei uns nur gut 2,5 Millionen Leute - dagegen zählt die gesamte arbeitende Bevölkerung knapp 500 Millionen Menschen. Wir kommen um die harte Aufgabe nicht herum, unser Land von Grund auf zu industrialisieren. Fast 60 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre, diese Leute brauchen Arbeit. Wir sitzen auf einer Zeitbombe.
SPIEGEL: Ihre Regierung verspricht, das Land weiter für ausländische Konzerne wie Wal-Mart und Ikea zu öffnen. Lassen sich denn so genug neue Jobs schaffen?
Ghosh: Dadurch vernichten wir doch nur Arbeit. Jeder weiß, dass Vertriebs-Multis pro Ware und Umsatz viel weniger Leute beschäftigen als die kleineren Läden, die es in Indien überwiegend gibt. Stattdessen müssen wir in die Grundlagen investieren, in die Infrastruktur: eine Straße in jedes Dorf! Wasser, Strom und Wohnungen für jeden! Zugang zu Bankkrediten für alle - nicht nur für reiche Unternehmer! Wir müssen uns darauf konzentrieren, was Arbeitsplätze schafft. Dann wird Indiens Wirtschaft von selbst wachsen.
SPIEGEL: Vor der Parlamentswahl im kommenden Jahr traut der Regierung kaum jemand den Mut zu Reformen zu. Was passiert, wenn Ihr Land bei seiner Aufholjagd weiter zurückfällt?
Ghosh: Dann drohen uns massenhaftes politisches und soziales Chaos und ein Anstieg der Gewalt, wie wir ihn derzeit bereits gegen Frauen erleben.
SPIEGEL: Die erschreckend hohe Zahl von Vergewaltigungen in Indien hat also auch ökonomische Ursachen?
Ghosh: Ja, und dabei nimmt das Ausmaß der Heimtücke zu. Viele arbeitslose junge Männer sehen keine Zukunft, sie hängen auf den Straßen rum. Und sie beobachten, wie andere ihren Wohlstand genießen, und das macht sie wahnsinnig. Dann ziehen sie los und vergewaltigen Frauen oder reagieren ihren Frust an Muslimen oder Angehörigen niedrigerer Kasten ab. Von solcher Gewalt werden wir noch viel mehr erleben. Mir macht das große Angst.
Interview: Wieland Wagner
* Heiner Flassbeck, Paul Davidson, James K. Galbraith, Richard Koo, Jayati Ghosh: "Handelt jetzt! Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft". Westend Verlag, Frankfurt am Main; 206 Seiten; 17,99 Euro.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 35/2013
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