05.04.1999

KARRIEREDer Provisions-Prinz

Der saudische Scheich Walid gilt als einer der raffiniertesten Spekulanten - womöglich zu Unrecht. Sein Startgeld hat er mit „Beratungen“ verdient, seine Aktien dümpeln zum Teil dahin.
Die Rettung für den Münchner kam aus dem Morgenland. Leo Kirch, ausgewiesener Katholik und finanziell ein eher klammer Filmhändler, brauchte Bares. Prinz Walid Ibn Talal Ibn Abd el Asis, orthodoxer Moslem und in jeder Hinsicht gutbetuchter Scheich, kam ihm da nur gerufen. Beide eint der Glaube an die Macht des großen Geldes.
Es war, sagt des Prinzen Berater Tarak Ben Amar, "eine der letzten großen Gelegenheiten für uns", ins Mediengeschäft einzusteigen. Seine Königliche Hoheit übernahm für 375 Millionen Mark 3,19 Prozent von Kirch, und alle waren glücklich. So war das bei dem Scheich immer - bisher zumindest.
Im vergangenen Jahr schob sich der Neffe König Fahds bereits auf den zweiten Platz unter den weltweit reichsten Geschäftsleuten - mit angeblich über 14 Milliarden Dollar nur noch von Microsoft-Chef Bill Gates geschlagen. In einer Dekade hat er sein Vermögen wundersam verzehnfacht. Der scheue Beteiligungskünstler ist fast überall beliebt, wenn auch aus den unterschiedlichsten Gründen.
Die saudische Königsfamilie ist angetan, weil da endlich mal einer der Ihren demonstriert, daß man es auch mit harter Arbeit zu Reichtum bringen kann. Angeschlagene Imperien wie das von Kirch freuen sich, wenn Walids Leibgarde junger Juristen mit dem Geldkoffer einspringt. Und die Wirtschaftspresse liebt Walids weltläufigen Beduinencharme und seine auf US-Universitäten geschärfte Intelligenz.
Er sei einer der geschicktesten Investoren, lobte "Forbes", ein "arabischer Warren Buffet", jubelte "Time" und postierte ihn damit neben dem berühmten US-Spekulanten. Wenn Walid so weitermache, könne er im Jahr 2010 "der mächtigste Geschäftsmann der Erde" sein, verstieg sich "Business Week".
Über eine Milliarde Dollar cash hat das Subjekt der Begierde jederzeit griffbereit. "Das ist", sagt Walid, "meine ultimative Waffe. Damit halfen wir noch jedem Jungen wieder auf die Füße."
Die Herkunft des Geldes bleibt jedoch rätselhaft. Entweder, so wird dem Wüstenfuchs neuerdings vorgerechnet, verfügt Walid über eine verborgene Cash-Kuh, oder seine jährlichen Einkünfte fallen weit geringer aus als die behaupteten 500 Millionen Dollar. Zweifelhaft scheint nicht nur seine Vergangenheit als Immobilienhändler, sondern auch sein Ruf als gerissener Spekulant, den er sich mit einem ebenso riskanten wie spektakulären Coup erworben hat.
Die Rating-Agentur Moody's hatte die Aktien der einst größten US-Bank Citicorp gerade auf "Junk" heruntergestuft, als Walid Ende 1990 einstieg und in mehreren Schritten insgesamt 14,9 Prozent für den Schnäppchenpreis von rund 800 Millionen Dollar übernahm, damals die Hälfte seines Vermögens. Nur zwei Wochen später flankierte ein internationales Konsortium das angeschlagene Geldhaus. Seither ging es steil bergauf - mit der Aktie und ihrem kleinen Großanleger.
Im allgemeinen Freudentaumel wurden die ersten Merkwürdigkeiten übersehen. Auch um US-Banken vor allzu windigen Investoren zu schützen, muß die Notenbank ihre Genehmigung für jeden Verkauf geben, der über zehn Prozent liegt. Die meisten Anträge sind eher Formsache und werden innerhalb von 60 Tagen bewilligt. Walid wartete auch nach über einem Jahr noch auf eine Entscheidung.
"Ich habe die Nachricht verstanden", ließ er schließlich beleidigt ausrichten, zog den Antrag zurück und reduzierte seinen Citicorp-Anteil unter die magische Zehn-Prozent-Marke. Zudem tauchten Gerüchte auf, Walid sei nur der Strohmann weitaus mächtigerer Drahtzieher. Die US-Notenbank hüllt sich bis heute in vorschriftsmäßiges Schweigen.
Dennoch verwandelte der Citicorp-Coup den Froschkönig über 1001 Nacht in einen Märchenprinzen, der offenbar jede Klitsche wachküssen kann. Wenn Walid seither shoppen geht, bleibt es nicht bei ein paar Souvenirs. "Der Prinz spielt Monopoly", tönt sein Berater Mustafa Al Hejailan, "mit richtigem Geld."
Walid kaufte sich bei dem Kaufhauskonzern Saks ein und übernahm Anteile der Hotelriesen Four Seasons und Fairmont. Mit dem Kinderfreund Michael Jackson gründete er die Firma Kingdom Entertainment, mit dem orthodoxen Juden Paul Reichmann trommelte er für die pleitebedrohte Londoner Bürostadt Canary Wharf. Apple, Motorola, Saatchi & Saatchi - keine Branche ist vor Walids Kaufwut sicher.
"Wir investieren in Firmen mit gutem Namen, die für Spottpreise zu haben sind", erklärt der Scheich, "Firmen, denen es schlechtgeht." Dumm nur, daß es mit manchen nach Walids Einstieg erst recht bergab ging. Im Getriebe seiner Spekulationsmaschine knirscht längst der Sand.
Die 2 Milliarden Dollar, die er in den vergangenen sechs Jahren an den Aktienmärkten investierte, sind heute rund 2,8 Milliarden wert. Unterm Strich, so der "Economist", halte sein Portfolio kaum mit den lokalen Börsen Schritt - für einen der angeblich gewieftesten Zocker der Welt eine allenfalls mittelprächtige Bilanz.
Walids Anteile an der New Yorker Modemacherin Donna Karan verloren pro Jahr rund ein Drittel ihres Wertes. Sein Engagement bei der US-Restaurantkette "Planet Hollywood" verschlang in nur zwei Jahren geschätzte 100 Millionen Dollar. Bei der Fluglinie TWA verlor er im Schnitt jährlich 27 Prozent, und selbst bei Citicorp scheint er den rechtzeitigen Absprung verpaßt zu haben.
Im April vergangenen Jahres kündigte die Bank ihre Fusion mit der Travelers Group an. Kurz darauf wurden Walids Papiere auf 7,6 Milliarden Dollar taxiert. Seither verloren sie wieder 21 Prozent.
Die Bank werde "wieder abheben", glaubt der Saudi standhaft. Und selbst mit seinen Anteilen an dem gebeutelten Vergnügungspark "Euro Disney" bei Paris wolle er "Geduld haben und abwarten". Vor lauter Einkäufen vergißt der Wüstenfuchs, daß man manchmal auch abstoßen muß, um flüssig zu bleiben.
Das Geld sprudelte bei ihm schon früher aus rätselhaften Quellen, zumal des Prinzen Papa für Walids erste eigene Baufirma nur 15 000 Dollar beisteuerte. Nach zwei Wochen war die Starthilfe weg. Der Jungunternehmer mußte seinen einzigen Besitz als Sicherheit beleihen: einen 130-Zimmer-Palast. Obwohl der saudische Immobilienmarkt Mitte der achtziger Jahre eher Ödland war, will er damals die erste Dollar-Milliarde verdient haben. Seine Holdinggesellschaft Kingdom Establishment wuchs auf geradezu märchenhafte Weise, von den kostspieligen Privatmarotten des Prinzen ganz zu schweigen.
Der Mann raucht zwar nicht, trinkt nicht und stellt als gläubiger Moslem sogar die Einkünfte aus seinen Hotel-Spielhallen guten Zwecken zur Verfügung. Er arbeitet von elf Uhr morgens bis fünf Uhr früh - am Wochenende auch in seinem vollverkabelten Beduinenzelt 40 Kilometer vor Riad. Andererseits läßt er in der saudischen Metropole momentan den höchsten Wolkenkratzer des Nahen Ostens bauen, inklusive eines gigantischen Triumphbogens, den der Prinz später mit einem seiner drei Jets zu durchfliegen gedenkt.
Der neue Palast ist schon fertig: 180 Millionen Mark teuer, 317 Zimmer, von 250 Fernsehern beschallt und mit 1500 Tonnen italienischem Marmor dekoriert. Sein Sohn bekam nicht nur einen Fußball geschenkt, sondern auch den Platz samt einer 18köpfigen Mannschaft aus hauptberuflichen Spielkameraden.
Immerhin gibt der Prinz mittlerweile zu, daß er "Hunderte von Millionen Dollar" seines frühen Vermögens im dubiosen Provisionsgeschäft verdient hat. Ausländische Geschäftsleute zahlten bereitwillig. Sie versprachen sich davon ein freundlicheres Entree im Mittleren Osten.
Derlei "Provisionen" sind mitunter die charmantere Umschreibung für Schmiergelder, die sich nicht nur in Saudi-Arabien größter Beliebtheit erfreuen. Das Königshaus gilt bei vielen Kennern der Szene als korrupt bis gierig. Wer dort reüssieren möchte, braucht wenigstens einen der prominenteren Prinzen als Fürsprecher. Und die lassen sich gern fürstlich honorieren, denn mit der garantierten Apanage von 15 000 Dollar monatlich kann ein Königssproß nicht einmal den Trip zum Einkaufsbummel nach London bezahlen.
Wer mit Walids Hilfe einen Handel abschloß, zahlte ihm satte 30 Prozent der Vertragssumme. Dafür strickten seine Adlaten "alle Regierungsbeziehungen von A bis Z". Sein Geld sei deshalb "hart verdient", sagt er stur der "New York Times". "Das hatte nichts mit Einfluß zu tun." Und seine heutigen Investments seien eben langfristiger Natur.
Demnächst will der Prinz persönlich mit anpacken, damit es besser läuft. Die Mercedes- und Volvo-Limousinen in seinem gigantischen Wagenpark sollen durch Autos seiner zwei asiatischen Neuerwerbungen ersetzt werden: Hyundai und Daewoo.
Jede seiner Beteiligungen liebe er wie eine Frau. Und jede ehrt der zweifach geschiedene Vater zweier Kinder mit einem Fähnchen in seinem Büro. "Ich verliebe mich in meine Unternehmen. Und weil ich keine Frau habe, macht das Sinn."

DER SPIEGEL 14/1999
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