05.04.1999

„Steig aus, du wirst erschossen“

Die Kosovo-Flüchtlinge werden an der albanischen Grenze systematisch ausgeplündert, die Serben nehmen den Kindern sogar ihre Spielsachen ab.
Fatima Mazreka ist aus dem Kosovo-Dorf Tushanova nie herausgekommen. Jetzt sitzt sie in einer Turnhalle in Tirana, der Hauptstadt Albaniens, und weint.
Am Montag, um 4.30 Uhr in der Frühe, klopften zu Hause in Tushanova serbische Milizen an die Tür und befahlen ihnen, das Haus zu verlassen. Sie ließen ihr und ihrer Familie nur zehn Minuten zum Packen.
Aus den Nachbarhäusern waren Schüsse zu hören. Sie sprangen in panischer Angst in ihr Auto. Nach zehn Metern Fahrt wurden sie von einem Polizisten gestoppt. Er schrie Fatimas Mann, der am Steuer saß, haßerfüllt an: "Steig aus, du wirst erschossen!"
550 Deutsche Mark bringen die Mazrekas zusammen, sie holen das Geld aus Hemd und Unterwäsche, stecken es dem bewaffneten Milizionär bittend, winselnd entgegen. Es ist alles, was sie gespart haben. Der nimmt die Scheine, grinst und geht.
Brahim Cufaj aus Prilep wurde schon am Sonntag vertrieben. Maskierte Serben tobten mordend durchs Dorf, scheuchten die Bewohner aus den Häusern und karrten sie auf Lkw weg. "Ich sah noch, wie mein Haus in Flammen stand", klagt der alte Brahim. Keiner der vier, fünf Dutzend Menschen auf der Ladefläche wußte, was geschehen würde. "Wir dachten, jetzt bringen sie uns zur Hinrichtung."
Nun sitzen sie alle verloren auf den Zuschauerbänken einer Sporthalle in Tirana. Auf dem Spielfeld, unter den Basketballnetzen, reihen sich 160 Betten - so eng, daß kein Gang zwischen ihnen bleibt. Kinder schreien. Viele Alte sind wie erstarrt. Einige weinen.
7000 bis 8000 Menschen sind hier im zentralen Aufnahmelager von Tirana in den letzten Tagen durchgeschleust worden. Sie werden möglichst schnell abgefertigt, denn hinter ihnen stauen sich immer mehr Flüchtlinge aus dem Kosovo.
Sie kommen auf den Ladeflächen klappriger Lastwagen, auf Traktoren und zu Fuß. Erst sind sie im Kosovo umhergeirrt, dann haben die Schergen von Milosevic sie nach Mazedonien und Bosnien, nach Montenegro und Albanien gejagt.
Am Dienstag waren es 4000 pro Stunde. Mitte der Woche erreichte der Flüchtlingsstrom die albanische Hauptstadt Tirana und die Hafenstadt Durrës.
Sie erzählen Geschichten wie aus einem Alptraum. In Zelina, einem Dörfchen bei Rahovac, führten serbische Spezialeinheiten 200 Männer in ein Tal, zwangen sie, sich niederzulegen und schossen sie wahllos zusammen. Keiner weiß, wie viele starben. Den Glücklichen, die überlebten, schrien die Mörder zu: "Haut ab nach Albanien, sonst sterbt ihr genauso." Dann nahmen sie ihnen Geld und Uhren ab - manchen auch die Kleidung.
In Prizren drangen sie in die Häuser ein, erschossen die jungen Männer, die sie fanden, zwangen die Frauen, Schmuck und Ersparnisse abzugeben, und jagten sie in Richtung Albanien.
Vor der Grenze wurden die jugoslawischen Pässe und die Autokennzeichen beschlagnahmt. Die Kosovaren müssen alles zurücklassen, was sie an ihre Heimat erinnern könnte.
Die schreckliche Absicht dahinter ist den meisten Flüchtlingen offenbar noch nicht klar. Sie träumen davon, daß irgendwann wieder Friede einkehrt und sie in ihre Dörfer zurückkehren können.
So wie Elshani Bafti. Die 52 Mitglieder seiner großen Familie wohnten friedlich in einem Dorf bei Prizren. Dann kam die serbische Armee und schoß mit Granaten in ihre Häuser. Zehn der Verwandten hat Elshani nicht wiedergesehen. Tot, geflohen, verhaftet? Niemand weiß es.
Die übrigen wurden auf Lastwagen verladen und über die albanische Grenze abgeschoben. Unterwegs gab es immer wieder Schießereien, Mißhandlungen. Wehe dem, der sich dem Raub seiner Ersparnisse widersetzte. Manche seien erstochen worden, auch Kinder, behauptet Bafti.
Gerade mal die Hälfte von Baftis Sippe hat es bis Tirana geschafft. Da hocken sie nun mit 1800 Leidensgenossen in einem Schwimmbad. Die Armee hat etwa 200 Zelte auf die Liegewiesen gesetzt, rund um den Sprungturm und die zwei Schwimmbecken. Das eine ist bis auf einen matschigen Bodensatz leer, in dem anderen dümpelt brackiges, grünes Abwaschwasser. Es ist heiß, und es gibt nur drei Toiletten.
Einheimische Familien bringen Brote oder Kekse, andere nehmen eine Flüchtlingsfamilie mit nach Hause - aus Solidarität oder aus Mitleid. 2000 Kosovo-Flüchtlinge, sagt ein Magistratsbeamter, seien auf diese Weise untergekommen. Aber das reicht nicht. Denn es kommen immer mehr und immer mehr.
Azem Hodscha und seine Großfamilie sind am Mittwochfrüh eingetroffen. Azem hat vor 25 Jahren in Hannover gearbeitet. Später, im Kosovo, wurde er ein reicher Mann. Seine 47köpfige Sippe - sieben Brüder an der Spitze - brachten es auf zehn Autos, "davon drei Mercedes", wie er stolz erzählt. Dann, ein Zittern in der Stimme, ein Flimmern im Gesicht: "Jetzt ist alles weg." Der Mann neben ihm mag gar nichts sagen. "Sonst muß ich gleich wieder heulen."
Vor dem Schwimmbad lagern die Neuankömmlinge im Gras. Für sie ist kein Platz mehr im Zeltlager. Morgen und übermorgen werden sie nach Elbasan verfrachtet oder in irgendeine andere Stadt Albaniens, die noch eine leere Turnhalle und ein paar freie Drahtbetten hat. Aber viel Platz ist da nicht mehr.
Das Epizentrum des albanischen Elends liegt in Kukës, einem gottverlassenen Nest im Norden des Landes. Der Marktplatz von Kukës ist umstanden von Pappeln und grauen Mietshäusern, die verfallen wie alles in Albanien. Es ist kalt, die Wolken liegen tief auf dem Bergmassiv. Von dort sind allein am Mittwoch 20 000 Menschen gekommen und an der albanischen Zollstation vorübergezogen. Oben in den Bergen liegt zum Teil noch knietief Schnee.
Neben der Tankstelle mit "Karburant" sind ein Dutzend Traktoren mit Anhängern aufgefahren, auf denen nur Kinder sitzen. Die meisten tragen Zipfelmützen, auch Mäntel von Erwachsenen und Parkas. Bis zu 30 von ihnen bilden dort eine Traube von Flüchtlingskindern. Ihre Eltern sind in den Grenzdörfern zurückgeblieben, und nur selten ist ein Vater dabei. Viele der Väter haben sich der UÇK angeschlossen, um gegen die Serben zu kämpfen.
Einer von denen, die zum Schutz der Kinder mit nach Albanien gekommen sind, ist Dul Canaj. Er wirkt mit seinem schwarzen Ledermantel und den weißen Bartstoppeln vor den jungen Gesichtern wie ein Gespenst. Seine vier Kinder liegen auf dem Hänger des Traktors, in Planen gewickelt, auf Kissen und Schaumstoffmatten. Sie haben wie die anderen Kinder auch eher fröhliche als traurige Augen. Nach einer eintägigen Fahrt mit dem Treckergespann sind sie froh, der Heimat entkommen zu sein.
Ja, doch, sie vermissen selbstverständlich ihre alten Spielkameraden und vieles, was sie liebgewonnen hatten. Einer sagt, die Serben an der Grenze hätten ihnen sogar das Spielzeug weggenommen. Sie haben auch die Kinderausweise zerrissen. "Ihr bleibt nicht mehr im Kosovo", sei ihnen gesagt worden: "Das Kosovo gehört jetzt uns."
Auch auf der Pappelallee, die von der Zollstation 50 Kilometer weit bis zur Stadtgrenze führt, sitzen Flüchtlinge. Sie lehnen sich an Mauern oder liegen erschöpft im Gras.
Am Rande eines Feldes stehen Dutzende von Bunkern aus verwittertem Beton. Sie starren wie versteinerte Schildkröten auf die Misere hinab. Die Bunker stammen noch aus der Zeit des Regimes von Enver Hodscha.
Die Leute von Kukës preisen Allahs Vorsehung. Denn am Wochenende hat das islamische Opferfest stattgefunden, bei dem Hammel und Schafe geschlachtet werden. Zum Glück hatten die Bewohner von Kukës so viele davon angeschafft, daß sie in der Lage waren, die ersten Flüchtlingsströme damit abzufüttern.
Auf dem Marktplatz sucht Isak Ajgeraj, 43, seine Familie. Er spricht Schweizerdeutsch, denn er arbeitet als Gipser in Vaduz, der Hauptstadt von Liechtenstein. Er ist erst mit der Swissair nach Skopje geflogen, dann fuhr er mit der Taxe nach Debar. Die Fahrt kostete ihn 250 Franken. "Das ist nicht normal", sagt er, "sonst hätte das nur zehn Franken gekostet."
Danach ist Isak sieben Stunden lang mit einer anderen Taxe über Geröllpisten und Serpentinen nach Kukës gefahren. Er nimmt an, daß seine Frau und die vier Kinder aus Prizren geflohen sind. "Ich hoffe sehr, daß sie geflohen sind", sagt er. Prizren ist von serbischen Panzern beschossen worden und liegt zum größten Teil in Trümmern.
An der Grenze warten immer mehr Flüchtlinge auf albanische Formulare. Ordnung muß sein, jedenfalls bei der Registrierung von Flüchtlingen. Nur auf die vorgeschriebene Desinfektion der Autos wird großzügig verzichtet.
Viele wollen - wenn auch vorübergehend - nach Italien. Von Durrës, dem Hafen nahe Tirana, sind es per Schiff bis nach Bari nur etwa sieben Stunden. Legal, mit der großen Fähre. Illegal, mit den schnellen Schlauchbooten der albanischen Mafia, sind es keine drei Stunden.
Die italienische Adriaküste ist bislang nur deshalb noch nicht von Kosovo-Vertriebenen erobert worden, weil sie kein Geld für die Überfahrt haben. Denn das Geld haben die Serben ihnen ja abgenommen.
JOACHIM HOELZGEN, HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Joachim Hoelzgen und Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 14/1999
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